in 50 Jahren werden Bundesanleihen zu Junkbonds

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neuester Beitrag: 30.03.05 10:19
eröffnet am: 30.03.05 00:10 von: Kicky Anzahl Beiträge: 2
neuester Beitrag: 30.03.05 10:19 von: Timchen Leser gesamt: 209
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30.03.05 00:10

63217 Postings, 7597 Tage Kickyin 50 Jahren werden Bundesanleihen zu Junkbonds

Es werden üblicherweise an dieser Stelle keine Anlageempfehlungen gegeben. Aber sollte Ihnen die Bundesregierung oder Ihre Hausbank demnächst eine Bundesanleihe mit einer Laufzeit von 50 Jahren anbieten, dann empfehle ich Ihnen, das Weite zu suchen.

Denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Bundesrepublik eine derartige Obligation in 50 Jahren zurückbezahlt, ist nicht sehr hoch. So errechnete die Rating-Agentur Standard & Poor?s, dass die Bonität von Bundesanleihen und ähnlichen Staatspapieren aus Frankreich, Großbritannien und den USA vom nächsten Jahrzehnt an stetig fallen wird und bis Mitte des Jahrhunderts den Status von Junk-Bonds erreichen wird. Diese Simulation besagt, dass 50-jährige Anleihen nicht mehr in voller Höhe zurückbezahlt würden.


Was bestimmt die langfristige Liquidität eines Staates? Natürlich der Schuldenstand und die jährliche Neuverschuldung, aber auch das Wachstum, Zinsen und Faktoren wie etwa die Altersstruktur der Bevölkerung und das Rentensystem. Die Verantwortung des Staates gegenüber den Rentnern ist eine Obligation, die in den offiziellen Schuldenstatistiken nicht ausgewiesen ist. Es handelt sich dennoch um eine effektive Schuld, denn die Defizite der Rentenversicherung werden aus dem Bundeshaushalt finanziert. In Ländern wie Deutschland und Frankreich, aber auch in dem oft so hoch gepriesenen Großbritannien wird man ohne Rentenreform eine langfristige Finanzstabilität nicht erreichen.



Kaum Wachstum, hohe Schulden


Wenn den Briten eine gute Rentenreform gelingen sollte, hätten sie ihr größtes Problem gelöst. Das ist in Deutschland nicht so, obwohl sich hier die Alterstruktur noch ungünstiger entwickeln wird als in Großbritannien. Eine Rentenreform, die das effektive Renteneintrittsalter entsprechend der steigenden Lebenserwartungen erhöht, wäre eine notwendige, aber keine hinreichende Maßnahme zur Lösung des Problems. Deutschland hat ein noch viel gravierenderes Problem, dessen Lösung politisch sehr schwer zu realisieren sein wird: ein zu geringes Wachstum bei einer zu hohen Nettoneuverschuldung.


Ein Defizit von 3,8 Prozent und eine nominelle Wachstumsrate von nur 2,3 Prozent wie im letzen Jahr entsprechen langfristig einem Schuldenstand von 165 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Verbessern ließe sich die Nachhaltigkeit der Staatsfinanzen nicht nur durch eine Reduzierung der Nettoneuverschuldung, sondern auch durch höheres langfristiges Wachstum. Mit Wachstumsraten, die am oberen Ende des Konjunkturzyklus gerade mal zwei Prozent betragen, wird sich eine nachhaltige Solvenz der Staatsfinanzen nicht aufrechterhalten lassen.



Maastrichter Vertrag war ökonomischer Unsinn


Relativ zur Wirtschaftsleistung hatten die USA im letzten Jahr ein etwas höheres Defizit als Deutschland. Wegen ihrer weitaus höheren Wachstumsraten und des höheren Produktivitätswachstums sind die USA aber in einer weitaus besseren Position, ihre Finanzen langfristig zu stabilisieren. Aus diesem Grunde war auch die Drei-Prozent-Defizitgrenze des Maastrichter Vertrags ökonomischer Unsinn. Es gibt Länder, wie etwa Irland, die sich noch weit höhere Defizite leisten können. Deutschland würde wegen des geringen Wachstums selbst bei Einhaltung der Defizitgrenze langfristig Bankrott gehen. Der Stabilitäts- und Wachstumspakt hat uns weder Stabilität noch Wachstum gebracht. Die Verwässerung des Paktes, die der Europäische Rat kürzlich beschlossen hat, wird die Lage allerdings verschlimmern. Denn die Defizite werden mit Sicherheit steigen, am Wachstum aber wird sich nichts ändern. Das heißt, die langfristige Verschuldung wird weiter in die Höhe klettern. Das beste ökonomische Rezept für Deutschland besteht daher - wie nur zu häufig an dieser Stelle erwähnt - aus Reformen, die das potenzielle Wachstum erhöhen, sowie einer langfristig angelegten Rückführung des strukturellen Defizits.


Die europäischen Regierungen haben zu wenig getan, um das Potenzialwachstum zu erhöhen, weil die damit verbundenen Reformen politisch unpopulär sind. Gleichzeitig haben sie zu wenig getan, um ihre strukturelle Defizite einzugrenzen. Denn zu einem hat sich der Stabilitätspakt als zu weich erwiesen, zum anderen waren die Finanzierungsbedingungen an den Märkten so günstig wie noch nie. Die Rentenmärkte sind heutzutage ähnlich euphorisch wie die Aktienmärkte zu Zeiten der Internetblase. Der Grund für die Blase an den Rentenmärkten war die extreme Expansion der Geldmenge. Die großen Zentralbanken haben alle signalisiert, dass sie zu einer neutralen Geldpolitik zurückkehren wollen. In den USA liegt der neutrale Kurzfristzinssatz bei 4,5 Prozent, in der Euro-Zone etwas darunter. Der Weg zurück zur Neutralität ist lang und für Rentenmärkte, aber vor allem für die europäischen Regierungen, unangenehm.



Dann ist die Party vorbei


Die französische Regierung hat die Gunst der Stunde genutzt, eine 50-jährige Anleihe mit Erfolg auf den Markt zu bringen. Der Rentenmarkt scheut momentan vor keinem Wahnsinn zurück. Der britische Finanzminister Gordon Brown hat ebenfalls die Emission eines "50-year bonds" angekündigt. Für die Regierungen ist das ein großartiges Geschäft, denn sie verschulden sich langfristig zu Billigstzinsen. Es ist völlig in Ordnung, das Risiko auf naive Investoren abzuwälzen. Doch sollte man sich darüber im Klaren sein, dass der Zustand nicht ewig anhalten wird. Wie jede Bubble wird auch diese platzen, und dann wird es unangenehm, gerade für Länder mit geringem strukturellem Wachstum und hohen Verschuldungsraten. Ich weiß nicht, wann es dazu kommen wird. Dass es so kommt, bin ich mir sicher. Und dann ist die Party zu Ende.


Wolfgang Münchau ist Kolumnist der FT und der FTD. Er schreibt jeden Mittwoch an dieser Stelle in der Zeitung.
 

30.03.05 10:19

12899 Postings, 7470 Tage TimchenWas, so lange dauert das noch ?

Das gibt Hoffnung auf bessere und kompetentere Regierungen in der Zukunft.
Nur ich sehe sie noch nicht.
Aber mir fehlt da wohl auch der Weitblick.  

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