die spinnen, die Pariser

Seite 1 von 1
neuester Beitrag: 08.11.05 19:04
eröffnet am: 03.11.05 16:30 von: Slater Anzahl Beiträge: 24
neuester Beitrag: 08.11.05 19:04 von: Slater Leser gesamt: 962
davon Heute: 1
bewertet mit 3 Sternen

03.11.05 16:30
3

44542 Postings, 7159 Tage Slaterdie spinnen, die Pariser

03.11.05 |
In den Pariser Elends-Vororten führen die Deklassierten seit sieben Nächten einen regelrechten Krieg gegen die verhasste Staatsmacht. Von M. Weber
Mehr zum Thema
Paris ? Krawalle in Vororten weiten sich aus
Neu! ? Nicht Bagdad, sondern Paris

Von M. Weber

Nachdem sich die Krawalle in den Pariser Elends-Vororten die fünfte Nacht hintereinander ausgebreitet hatten, meldete sich Staatschef Jacques Chirac mit einem netten Wort: ?Die Gemüter müssen sich beruhigen", forderte er (soweit man so etwas fordern kann). Man müsse ?entschlossen und in einem Geist des Dialoges und des Respektes? vorgehen.

Chirac berief sich dann noch auf ?die Prinzipien, die unsere Republik ausmachen.? Und dazu gehöre auch, ?dass jeder seine Chance bekommen muss.? Und dann setzte er wieder Kommissionen, Expertenrunden usw. ein; kurz: Es soll sich nichts ändern.

Beunruhigende Lage

Das alles ist Demokratie-Lyrik über die doch beunruhigende Lage der ?kleinen und großen Krone von Paris?, wie das nähere und fernere Umland der Metropole verniedlichend genannt wird. Doch zwischen den Zeilen konnten die Franzosen dann doch erahnen, wie drastisch die Unruhen die Grande Nation ? und ihre Lebenslüge ? infrage stellten.

Jeden Abend 300 Polizisten im Einsatz

Am vergangenen Donnerstag waren zwei Jugendliche gestorben, die glaubten, von der Polizei verfolgt zu sein. Sie stiegen über die Mauer eines Transformatorenhäuschens und starben grausam durch tödliche Stromschläge. Seither toben allnächtlich Straßenschlachten und die Gewalt kocht über. Zahllose Autos gingen in Flammen auf, Scheiben zersplitterten im Steinhagel. Der Staat bietet jeden Abend 300 Spezialeinsatzkräfte auf, die nicht verhindern können, dass Vorstadtbewohner alles nieder brennen, was irgend greifbar ist.

50 Prozent Arbeitslose

Aberwitzigerweise gehören die Autos den wenigen Nachbarn, die vielleicht noch Arbeit haben. Die Arbeitslosenquote in Clichy-sous ?Bois ? wie in den anderen verelendeten Vororten ? liegt satt über 25 Prozent, in manchen Ecken bei 50 Prozent.

Wie sinnlos auch immer der Tod der Jugendlichen war ? es war der Funken, der das Gemisch aus Armut, Drogen und Bandenkrieg zum explodieren brachte. Wann sich die ?Gemüter beruhigen?, wie es sich Chirac wünscht, weiß niemand.

Erblast der Kolonialzeit

Nach den Gründen für die Dauerproblemzone ?Banlieue? fragt auch niemand. Wahrscheinlich wäre es zu unangenehm, sich einzugestehen, dass niemand in Europa so wie Frankreich seit den 80er-Jahren so wenig fertig wird mit den Einwanderern ? denn zwei Drittel der Banlieu-Bewohner kommen vor allem aus Nordafrika und französisch sprachigem Afrika.

Eine Erblast der Kolonialzeit. Nur verhindert die französische Staats-Ideologie ? jeder Bürger ist seit der französischen Revolution nur noch Bürger, hat keine Herkunft mehr ? überhaupt Studien zu erstellen über das Los der Maghrebiner (Marokko, Algerien, Tunsien).

Fünf Millionen Moslems

Niemand weiß offiziell, wie viele Moslems in Frankreich leben. Die Soziologen gehen trotzdem davon aus, dass es fünf Millionen Moslems sind, von denen drei Millionen die französische Staatsbürgerschaft besitzen.

Falscher Wohnort, nie Elite-Schule

Doch was nützt die Nationalität, wenn die bessere Gesellschaft hermetisch abgeriegelt ist? Selbst ein urfranzösischer Pariser Stadtbürger, der nicht in den relativ schicken, relativ unerschwinglichen, Vierteln lebt, ist bereits so gebrandmarkt, dass er nie die Chance haben wird, auf die Elitehochschulen des Landes zu kommen.

Um wieviel weniger Chancen wird jemand haben, der vom Gymnasium ? so wenige das sein werden ? eines relativ ?defavorisierten Vororts? (Sprachregelung der Medien) kommt oder womöglich aus einem ?sensiblen Viertel? (Sprachregelung der Medien und der Politik).

Monsieur ?zero tolerance?

Es könnte eine gesellschaftliche Leistung sein, überhaupt fünf Millionen Moslems aufgenommen zu haben, aber die Gellschaft kennt sie seit Innenminister Sarkozy nur als ?Abschaum?, der ??dampfgereinigt gehört?. ?Zero tolerance? hat Sarkozy aus der amerikanischen Verbrechensbekämpfung importiert. Hinzu kommt, dass sich im Moloch Paris (allein zwölf Millionen der 60 Staatsbürger wohnen im Raum Paris) alle Probleme der Nation wie im Brennglas konzentrieren.

Nachdem die Zuschüsse für soziale Einrichtungen in den ?defavorisierten Banlieues? nach vier Jahren konservativer Regierungszeit weitgehend beschnitten sind, kommt die Soziologin Maryse Esterle-Hedibel zu dem wenig hoffnungsvollen Ergebnis: ?Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Jugendlicher in diesen Vierteln einen Sozialarbeiter trifft, ist hundertmal geringer, als einen Polizisten zu treffen.?
 

03.11.05 16:33

44542 Postings, 7159 Tage Slater50 Prozent Arbeitslose, das ist ja schlimmer als

in Gelsenkirchen oder Sachsen-Anhalt  

03.11.05 18:35

36468 Postings, 6133 Tage TaliskerUm

mal großkotzig den Propheten zu machen und eigenes Geschreibsel anzuführen:
http://www.ariva.de/board/227630
Da braut sich langsam ganz nett was zusammen...
Gruß
Talisker  

03.11.05 18:45
1

3007 Postings, 7644 Tage Go2BedDa kommen mir ja fast die Tränen.

"Doch was nützt die Nationalität, wenn die bessere Gesellschaft hermetisch abgeriegelt ist? Selbst ein urfranzösischer Pariser Stadtbürger, der nicht in den relativ schicken, relativ unerschwinglichen, Vierteln lebt, ist bereits so gebrandmarkt, dass er nie die Chance haben wird, auf die Elitehochschulen des Landes zu kommen."

Die Typen stecken Hunderte von Autos an und schlagen alles kurz und klein, weil sie auf die Elitehochschulen wollen? Und die bösen Franzosen kümmern sich nicht genug um sie?

Diese "banlieues" sind rechtsfreie Räume, in die sich die Polizisten oft gar nicht reintrauen. Dort, wo irgendwelche Clans herrschen und die Gesetze machen, muß tatsächlich mal aufgeräumt werden. Da hat der gute Sarkozy schon recht.  

03.11.05 18:48

3023 Postings, 5940 Tage Mathou1. ist sehr polemisch - Bild lässt grüßen

Innenminister Sarkozy mit jungen Leuten aus Clichy-sous-Bois
                    §Gewalt um Paris
Was aus Sarkozys Worten erwuchs
Von Joseph Hanimann, Paris

02. November 2005 Ist das französische Modell gesellschaftlicher Integration, das Herzstück alles republikanischen Zusammenlebens, in die Endphase seiner Existenz getreten? Vor zwei Jahren erst ist mit der breitgeführten Kopftuchdebatte in einer Art Ritualakt das Grundprinzip der Republik bestärkt und das neu erörtert worden, was sich auch in Deutschland unter dem unglücklichen Begriff der ?Leitkultur? meldet: hier das Gemeinsame, dort das Trennende, dazwischen die verbindlichen Regeln des Umgangs miteinander im Staat. Und nun flammen die Auseinandersetzungen von ganz anderer Seite als von hitzköpfigen Muslimen oder obskuren Terrorgruppen schon wieder empor.

Daß die spontanen Gewaltakte der brennenden Autos und zertrümmerten Scheiben, die innerhalb weniger Nächte von Clichy auf andere Pariser Vororte übergriffen, nicht neu sind, sondern sich seit fünfzehn Jahren periodisch wiederholen, ist gerade das Alarmierende an der Sache. Der Staat mit dem theoretisch am besten ausgefeilten Konzept zur zeitgenössischen Vielkulturengesellschaft bekommt, ob von links oder von rechts regiert, die Realität nicht in den Griff.

Es ging nicht mehr um Schmutz, sondern um Personen

Das Problem liegt beim Umgang mit den Symbolen. Und die Symbolik beginnt mit der Wortwahl. Der Weg zu den jüngsten Ausbrüchen läßt sich mit einer Reihe semantischer Akzentverschiebungen nachzeichnen. Anläßlich eines tragischen Zwischenfalls unter Vorstadtbewohnern brachte Innenminister Sarkozy im vergangenen Sommer das Stichwort des ?Kärcher? ins Spiel und verhalf damit einem Markennamen der Hochdruckreinigung unverhofft zu einem Platz im politischen Vokabular.

Daß der Minister auf diese Weise die Vorstädte von Gewalt säubern wollte, wurde im Land eher belustigt als verstimmt aufgenommen - entfernt werden mit diesem Instrument ja Schmutzränder, nicht Menschen. Als er jedoch bei der Visite eines Polizeireviers in der vergangenen Woche von Jugendlichen beschimpft und beworfen wurde, ging es in seiner Reaktion nicht mehr um Schmutz, sondern um Personen. Er werde sie von diesen ?Gaunern? und diesem ?Pack? - ?voyous?, ?racaille? - befreien, rief der Minister den umstehenden Quartiersbewohnern zu, deren eigene Kinder mitgemeint waren.

Die Randalierergruppen sind wieder dort, wo sie hinwollten

Die jüngsten Unruhen haben mit dieser Wortwahl unmittelbar nichts zu tun, sie sind die Eskalation eines beinah schon alltäglichen Nervenkriegs zwischen kleinen Jugendbanden und der Polizei infolge eines Zwischenfalls, bei dem unter noch ungeklärten Umständen zwei Jugendliche ums Leben gekommen sind. Dennoch können Wortwahl und Ereignisverlauf in ihrem gegenseitigen Medienecho nicht getrennt voneinander gedacht werden.

Das Unbehagen über die verbale Disproportion in Sarkozys Worten ist bis in die bürgerlichen Wählerkreise hinein spürbar. Kernige Rede ist in der Politik eine Frage von Fingerspitzengefühl. Einer von Sarkozys Vorgängern, Jean-Pierre Chevenement, benutzte in vergleichbarem Zusammenhang vor Jahren das Wort ?sauvageons?, in dem der Gedanke von Wilden mitklang, zu dem der Minister aber auf der Stelle die exakte Begriffsbestimmung nachliefern konnte: unveredelte Sprößlinge, die wenig Frucht bringen. Dank der unbedachten Ausdrücke Sarkozys sind die Randalierergruppen aus den Vorstädte wieder dort angekommen, wo sie immer hinwollten - in den Medien.

Allnächtlich mit Feuer neu beschrieben

Daß sie mit Vorliebe Polizei- und Feuerwehrautos, Postämter und notfalls auch Schulen angreifen, hat nichts mit politisch artikulierter Staatsfeindschaft zu tun. Es ist vielmehr der Preis, den die Republik für ihre stolz proklamierte, manchmal nur behauptete Allgegenwart in sämtlichen Lebensbereichen zu zahlen hat. Die Krawallmacher brauchen ein breit auffahrendes Gegenüber, nicht nur ein paar Polizeieinheiten, um darauf wie auf eine Bildfläche ihren frustrierten Aktivismus zu projizieren. Seit einigen Jahren war die Staatsmacht durch kleine Quartierspolizeieinheiten und andere Maßnahmen so nah an die Vorstadtrealität herangerückt, daß diese Projektionsfläche erheblich schrumpfte. Dank des verbalen Konfrontationskurses Sarkozys ist sie nun plötzlich wieder groß und wird allnächtlich mit Feuer neu beschrieben.

Das wird im Land nicht panisch, wohl aber mit Sorge aufgenommen. Das französische Integrationsmodell hat nicht versagt, es entrichtet aber den hohen Tribut einer Ambition, die landesweit Gleichheit will und quartierweit manchmal Ungleichheit schafft. Daß in einem Viertel nun nicht mehr nur Staatsinstitutionen in Flammen aufgingen, sondern auch ein Café brannte, wird von manchen beinah schon mit Erleichterung registriert. Es gilt als Hinweis dafür, daß der politische Wind bald schon aus der Sache heraus sein könnte und die weiteren Ereignisse dann in der Rubrik gewöhnliche Kriminalität verbucht würden. Dafür müßte die Staatsmacht aber mit mehr Geschick vorgehen - und ob sie dazu noch in der Lage ist, zieht eine wachsende Zahl von Franzosen in Zweifel.

Text: F.A.Z., 03.11.2005, Nr. 256 / Seite 37
Bildmaterial: Reuters  

03.11.05 18:49

36468 Postings, 6133 Tage TaliskerGenau, Go2Bed,

die haben das in den Genen. Is einfach so.
Mauer drum und Ruhe is - du hast es verstanden...  

03.11.05 19:01
1

2423 Postings, 7508 Tage PieterTja, wenn man sich Jahrzehnte nicht

um die Intergration der aus Nordafrika gekommenen kümmert, dann braucht man sich hinterher nicht zu wundern, das das so ausartet. Go2Bed, das sind auch Franzosen, die haben die französische Staatsbürgerschaft. Während der Kolonialzeit waren das willkommene Helfer in Tunesien und Algerien. Solche Leute hatten die Engländer, Holländer und selbst die Deutschen auch. Entscheidend ist doch, was ein Staat bei der Aufgabe der Kolonie mit seinen Helfern macht, die werden sonst nämlich vor Ort gekillt. Nur ausser sie ins Mutterland zu lassen und die Staatbürgerschaft zu geben haben die "Ur"Franzosen offenbar sonst nix für ihre Neubürger getan. Sie sogar eher richtig ausgegrenzt. Die Folgen sehen wir seit Tagen. Das ist kein Abschaum, das sind nur Leute, die keine Hoffnung auf die Zukunft haben, daher ist ihnen eben alles egal.

Pieter  

03.11.05 19:07

3023 Postings, 5940 Tage Mathouund wieviel HH-Wilhelmsburger sind auf Eliteunis?

Das mit den Eliteunis ist Unsinn in dem Beitrag. Die Elite Unis sind auch in Deutschland nicht für jeden offen.

In Frankreich gibts ziemlich heftige Aufnahmeprüfungen auf die sich die zukünftigen Studierenden durch besondere Schulen vorbereiten.

Dies gilt auch für die grande d'écoles.

Ca 10% aller Abschlüsse stammen von diesen grande d'écoles und die meisten sind noch dazu kostenpflichtig. Wer nun mal drüber nachdenkt wird festellen müssen das es nicht möglich sein kann das diese 10% alle aus den feinsten Pariser arondisments kommen kann.

Wer nun von Eliteuniversitäten spricht, spricht von Kaderschmieden. Frage mich um wieviel promille der Studierenden es dabei wohl gehen könnte, 0,1 vielleicht?. Das geht an der Sache vorbei und hat absolut nichts mit den Banlieus zu tun.

Die Banlieus sind keine rechtsfreien Räume, allerdings gibt es Stadtteile in denen selbst die Poliei sich nicht mehr hineintraut. Diese Krawalle gibt es seit Jahren, nichts neues eigentlich.
 

03.11.05 19:21

44 Postings, 6218 Tage Seva"Mitnahmementalität" ?

>>Tja, wenn man sich Jahrzehnte nicht   Pieter  03.11.05 19:01  

>> Nur ausser sie ins Mutterland zu lassen und die Staatbürgerschaft zu geben haben die "Ur"Franzosen offenbar sonst nix für ihre Neubürger getan.

Ist schon viel genug.
Ich glaube für viele Menschen auf dieser Welt das wäre wohl *die Chance* ihres Lebens.
Wer will sich in die neue Gesellschaft integrieren, der macht das auch.
Und wer jammert, dass er zuwenig Staatsleistungen erhalten hatte um integriert zu werden, der wird nie einen Anschluss finden.

Und noch ein Aspekt.
Wenn ich Dir Dein Auto wegnehme (also raube), darf ich es damit begründen dass Du offenbar nix dafür getan hätte um ich mein eigenes bekäme?  

03.11.05 19:42

36468 Postings, 6133 Tage TaliskerIch denke mal,

nicht auf eine Elite-Uni gehen zu können is wohl so ziemlich die geringste Sorge der Jugendlichen dort...
Da sind doch durchaus noch ein paar wesentlichere Aspekte in #1 genannt. Sozialstaat zeichnet sich nicht nur dadurch aus, was man einzelnen auf die Kralle zahlt.
Gruß
Talisker  

03.11.05 19:51
1

3023 Postings, 5940 Tage Mathou10# daher gehört der Verleich auch nicht dahin

Enstanden ist die derzeitige Situation anfänglich durch eine nicht genau bekannte Polizeiaktion.
Den Flächenbrand gab es allerdings erst nach Sarkozys despotischem Auftreten.  

03.11.05 22:08

44542 Postings, 7159 Tage Slaterergo

nicht nur die USA sind eine Bannanenrepubklik  

03.11.05 23:08
2

3007 Postings, 7644 Tage Go2BedTalisker,

ich denke, es gibt dort eine Reihe von Leuten, die einfach denken, sie dürfen das. Heute mal ein Auto, morgen vielleicht zwei. Dann mal den Supermarkt um die Ecke zertrümmern. Ist doch geil!

Autos anzünden, Wärtehäuschen zerlegen, die anrückende Feuerwehr aufs Korn nehmen etc. - was soll denn schon passieren? Es geht darum, daß diesen Leuten die Grenzen aufgezeigt werden. Auch in den Vorstädten, in den Cités gelten Gesetze, an die sich alle zu halten haben. Es geht nicht darum, alle Menschen, die dort leben zu kriminalisieren. Glaube kaum, daß Sarkozy dies vorhat.

Was sagst du denn nun zu denen, Talisker. Du hast doch sicher schon die Lösung.


@Mathou,

du schreibst: "Die Banlieus sind keine rechtsfreien Räume, allerdings gibt es Stadtteile in denen selbst die Poliei sich nicht mehr hineintraut."

Wenn sich schon die Polizei da nicht mehr reintraut, ja wer denn dann? Wer könnte denn im Ansatz dafür sorgen, daß auch dort die Gesetze gelten, die sonst überall in Frankreich gelten?


Außerdem geht es doch gar nicht um eine Feindschaft Vororte gegen Polizei/Staat. Es gibt doch etliche Menschen, die dort leben und selbst unter den "kleinen Jugendbanden", wie es in dem einen Artikel so süß ausgedrückt wurde, leiden.


 

04.11.05 05:13

44542 Postings, 7159 Tage Slaterich bin entttäuscht

Dieses Frankreich enttäuscht mich»

Le Blanc-Mesnil (AP) Fassungslos steht Farah vor der rauchenden Ruine der Turnhalle, in der sie immer trainiert hat. Die Achtjährige ist in der Nacht zum Donnerstag gemeinsam mit ihrem Vater und mehreren hundert weiteren Einwohnern aus dem Hochhauskomplex Les Tilleuls in Le Blanc-Mesnil nordöstlich von Paris auf die Straße gelaufen, als sie den Brand gerochen hat. In der Nähe jagen Polizisten noch nach den Tätern - vermutlich einigen der Jugendlichen, die sich nun schon die siebte Nacht in Folge heftige Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften liefern.

«Es ist traurig», sagt Farahs Vater, Mohammed Fawzi Kaci. Auf seinem Mobiltelefon hat er noch ein Foto seiner Tochter im Gymastikanzug gespeichert, das sie in einem perfekten Spagat zeigt. «Wo soll sie jetzt trainieren?»

Einen Kindergarten, ein Gymnasium, eine Feuerwehrstation, einen S-Bahnhof und hunderte von Autos haben Jugendliche, zumeist aus Einwandererfamilien wie Kaci selbst, im Laufe der vergangenen Woche im Département Seine-Saint-Denis in Brand gesteckt. In der Nacht zum Donnerstag gingen auch in drei Ortschaften westlich und südlich der Hauptstadt Fahrzeuge in Flammen auf.

Die Anwohner stehen dieser Zerstörungswut ratlos gegenüber. Zunächst gab es hier durchaus Verständnis für das Aufbegehren der Jugendlichen nach dem Tod von zwei Gleichaltrigen, die sich auf der Flucht vor der Polizei in einem Trafo-Häuschen versteckten und einen Stromschlag erlitten. Obwohl die Behörden versichern, die Polizisten hätten die Jugendlichen gar nicht verfolgt, löste der Vorfall in Clichy-sous-Bois auch in den Nachbargemeinden Empörung aus.

Was viele aber nicht verstehen, ist, warum die Jugendlichen ihre Wut ausgerechnet gegen öffentliche Einrichtungen in ihren eigenen Wohnvierteln, gegen die Autos ihrer Nachbarn richten. «Sie sind dumm», sagt Mariam, eine Studentin. «Sie sollten das am Parlament machen, nicht hier. Die Leute hier leiden schon genug.»

Es sei schiere Frustration, die die Jugendlichen in den Vorstädten antreibe, glaubt Christophe Bertossi, Experte für Einwanderungsfragen am Französischen Institut für Internationale Beziehungen. Die Arbeitslosigkeit in den betroffenen Gemeinden liege rund 20 Prozentpunkte über dem landesweiten Durchschnitt. «Diese Jugendlichen wollen sich integrieren, aber sie haben keinen gleichberechtigten Zugang», sagt er. «Man vermittelt ihnen den Eindruck, sie seien keine Franzosen, obwohl sie das sind.» Denn es geht hier um die zweite oder dritte Einwanderergeneration, deren Angehörige meistens bereits in Frankreich geboren sind und damit auch über den französischen Pass verfügen.

Auch die Bewohner von Le Blanc-Mesnil glauben, dass der Einsatz weiterer Polizisten nicht ausreichen wird, um die Gewalt einzudämmen. Und einige werfen Innenminister Nicolas Sarkozy vor, die Lage mit seinen ersten Reaktionen noch verschlimmert zu haben. Sarkozy hatte in der vergangenen Woche jugendliche Randalierer als «Abschaum» bezeichnet. «Sarkozy hat mit seinen Worten Öl ins Feuer gegossen. Er sollte wirklich abwägen, was er sagt», kritisiert Kaci. «Ich bin stolz, in Frankreich zu leben, aber dieses Frankreich enttäuscht mich», fügt der gebürtige Algerier hinzu.  

04.11.05 07:38

2752 Postings, 5714 Tage niebaumwie soll man die Chaoten ohne Gewalt bändigen

Erklärungen gibt es natürlich wieder: schwere Kindheit, zerrüttetes Elternhaus...  

04.11.05 07:42

3007 Postings, 7644 Tage Go2BedAch so.

"Was viele aber nicht verstehen, ist, warum die Jugendlichen ihre Wut ausgerechnet gegen öffentliche Einrichtungen in ihren eigenen Wohnvierteln, gegen die Autos ihrer Nachbarn richten. «Sie sind dumm», sagt Mariam, eine Studentin. «Sie sollten das am Parlament machen, nicht hier. Die Leute hier leiden schon genug.»"

Das heißt doch mit anderen Worten: Geht doch bitte in die "besseren" Wohnviertel und schlagt dort alles kaputt! Und geht dahin, wo die Politiker sind, und macht dort Randale! Vielleicht sollte diese nette Studentin mal überlegen, ob es auch ohne Gewalt geht!!!


"Es sei schiere Frustration, die die Jugendlichen in den Vorstädten antreibe, glaubt Christophe Bertossi, Experte für Einwanderungsfragen am Französischen Institut für Internationale Beziehungen. Die Arbeitslosigkeit in den betroffenen Gemeinden liege rund 20 Prozentpunkte über dem landesweiten Durchschnitt. «Diese Jugendlichen wollen sich integrieren, aber sie haben keinen gleichberechtigten Zugang», sagt er. «Man vermittelt ihnen den Eindruck, sie seien keine Franzosen, obwohl sie das sind.» Denn es geht hier um die zweite oder dritte Einwanderergeneration, deren Angehörige meistens bereits in Frankreich geboren sind und damit auch über den französischen Pass verfügen."

Ehrlich gesagt kann ich diesen Quatsch nicht mehr hören. "Schiere Frustration", "die Jugendlichen wollen sich integrieren, aber sie haben keinen gleichberechtigten Zugang" - sie sind also nur Opfer! Klasse, und mit dieser Opferrolle, in die sie von solchen Quatschköpfen gedrängt werden, erhalten sie den Persilschein für Gewalt gegen andere und Einrichtungen, die für alle da sind. Es wäre besser zu sagen: Leute, ihr habt es nicht leicht, aber Ihr selbst habt die Möglichkeit, aus eurem Leben was zu machen. Und der Staat hilft euch dabei. Auch ihr seid verantwortlich und könnt daher nicht von der Gesellschaft erwarten, das sie euch alles auf dem Silbertablett serviert. Auch heute ist es möglich, sich von unten nach oben zu arbeiten. Aber man muß es wollen. Man muß dafür arbeiten, und das fängt in der Schule an! Nur so funktioniert es und nicht durch Anzünden von Autos und Zertrümmern von Supermärkten. Problem: Es traut sich niemand, so etwas zu sagen. Abgesehen von Sarkozy.  

04.11.05 08:03

36468 Postings, 6133 Tage TaliskerGo2Bed

Keiner, der halbwegs bei Sinnen ist, wird es tolerieren können, dass da manche glauben, in einem rechtsfreien Raum zu sein. Krawall machen, Faustrecht auszuüben. Dass viele jetzt Spaß an der action haben, nen großes "Geländespiel" mit der Polizei veranstalten ohne Hirn und Verstand, zeigt sich ja unter anderem darin, dass sie auch mal eben ne Sporthalle abfackeln und sich eigener Möglichkeiten berauben.
Aber wer meint, dass sei mit ein wenig härterem Durchgreifen, einem Mehr an Polizei zu lösen (und zwar nachhaltig, nich kurz nur ein paar der Randalierer wegschießen), der liegt falsch. Wer nicht nach den Ursachen fragt und da ansetzt, der wird nicht langfristig Erfolg haben.
Du machst es dir mit #16 ("Es wäre besser zu sagen: Leute, ihr habt es nicht leicht, aber Ihr selbst habt die Möglichkeit, aus eurem Leben was zu machen. Und der Staat hilft euch dabei.") zu einfach. Passt auch nicht ganz mit jahrelang zurückgefahrener Hilfe des Staates überein.
Gruß
Talisker  

04.11.05 08:31

3007 Postings, 7644 Tage Go2BedIch glaube nicht, daß ich es mir zu leicht mache.

Ich weiß nicht, ob die Hilfe jahrelang zurückgefahren worden ist. Ich habe da so meine Zweifel. Ich bin kein Insider, habe aber das Gefühl, daß gerade diese Brennpunkte verstärkt angegangen sind. Dort fließt Geld rein, diese "Zonen" werden steuerlich und auf andere Weise gefördert. Natürlich muß man nach den Ursachen fragen. Aber es kann doch niemand erwarten, daß rund um die Cités Arbeitsplätze für jeden aus dem Boden gestampft werden oder Unternehmer auf einmal Einwohner aus diesen Vierteln bevorzugt einstellen müssen! Und es gibt immer wieder Beispiele für Leute, die es packen, da raus zu kommen. Aber wie gesagt, man muß es auch wollen und etwas dafür tun. Ich wehre mich dagegen, diese Leute ständig in einer Opferrolle zu sehen. Ich kann doch nicht sagen: Der Staat gibt uns keine Arbeit. Der Staat tut nicht genug für unsere Ausbildung. Der Staat schert sich einen Dreck um uns. Und gleichzeitig hab ich null Bock auf Schule, bedrohe meine Lehrer und nehme für den Fall der Fälle ein Messer, eine Knarre oder noch größere Geschütze mit in die Schule.

Härteres Durchgreifen ist auf jeden Fall angesagt. Anders geht's nicht. Wie sieht es denn aus? Den Krawallbrüdern passiert doch nichts - und genau das müssen sie doch als Ansporn sehen. Wenn die Polizei tatsächlich mal jemanden faßt und aus der Cité holt, dann wird wieder randaliert. Einen Grund zum Krawallmachen gibt es immer, und sei es Silvester!

Der Staat - auf der französische - wird künftig immer weniger Geld zur Verfügung haben. Es kann nicht angehen, daß den einen das Geld in Form von Steuern und Abgaben weggenommen wird und den anderen (Benachteiligten) bis zum Anschlag reingeschoben wird, damit sie ja ruhig sind.
 

04.11.05 08:37

3007 Postings, 7644 Tage Go2BedAlles halb so schlimm.

"La nuit de jeudi à vendredi 4 novembre a semblé plus calme en Ile-de-France avec des affrontements directs plus rares et un nombre moins élevé de voitures incendiées avant minuit, selon la police. Le bilan s'élève cependant à 165 véhicules brûlés en Ile-de-France et 33 en province dont sept à Dijon, neuf en Seine-Maritime et huit dans les Bouches-du-Rhône."

 

04.11.05 08:38

2423 Postings, 7508 Tage Pieter15, oh ist mir jetzt schlecht

Warum eigentlich hat die heutige Regierung 2002 die damals in den Problemsatellitenstädten noch vorhandenen Streetworker weitgehend abgeschafft (um Geld zu sparen). Die sind direkt dort wo es brodelt. Die sind somit das Frühwarnsystem, wenn die Situation ausser Kontrolle zu geraten droht. Ausserdem sind das auch die Leute, die sich für genau die Leute einsetzen können, denen es nicht gerade gut geht.
Warum schafft man das ab und tut dann anschliessend überrascht.

Warum stehlen sich französische Städte aus ihrer gesetzlich verankerten Verantwortung, billigen Wohnraum zu bauen (bei uns nennt man das Sozialwohnungsbau), und damit einen bestimmten % Anteil von Sozial Schwachen in ihrer Stadt zu integrieren. Statt dessen zahlt man lieber eine Strafe, baut keine Sozialwohnungen und bleibt schön unter sich.
Folge ist, das solche Satelliten wie um Paris entstehen, in denen dann 90% Sozialfälle geballt wohnen anstelle 5..10% über Frankreich flächendeckend in jedem Ort verteilt. Das das dann zu solchen Zuständen führt wundert mich nicht im geringsten.

Pieter  

04.11.05 08:48

3007 Postings, 7644 Tage Go2BedDie Städte zahlen lieber Strafe?

Es werden keine Sozialwohnungen gebaut?

Ich kenne Leute, die haben an solchen Brennpunkten gewohnt. Doch wer es sich leisten kann, zieht von dort weg, um seine Haut zu retten.  

04.11.05 09:02

813 Postings, 6777 Tage EURO-HasserMulti-Kulti ist tot!

Doch alle schreien im Chor:

Multi-Kulti lebt..........ein Chor von Schwachsinnigen!

Bald ist es auch hier soweit, wenn "unser" Geld alle ist,

(auf dem Lohnzettel ausgewiesen als Sozialabgaben und Lohnsteuer)

um den sozialen Frieden zu erkaufen!
 

04.11.05 22:06

3023 Postings, 5940 Tage Mathou@go2bed

vielleicht hab ich mich etwas unklar ausgedrückt, pardon.

Also rechtsfrei sind diese Räume nicht, auch dort gelten die Gesetze.
Sie werden nur nicht dahingehend überwacht, insofern hast recht und die Gesetzte gelten nicht.

Um eine Feindschaft Vorort zu den besseren Quartieren geht es nicht. Sehe das auch so das  viele die dort wohnen unter der Situation leiden.

Derzeit geht es den Jugendbanden aber wirklich nur darum Sarkozy eins auszuwischen - Er ist der personifizierte Anlass den Frust rauszulassen. Wenns einem schon nicht toll geht, die Lebenssituation schwierig ist, möchte man sicher nicht als Bande oder Pack bezeichnet werden.
Denke das ist genau der Grund warum es nicht zur Ruhe kommt und auch in anderen Städten, bzw deren Vororten, weitere Randale aufkeimt.
 

08.11.05 19:04

44542 Postings, 7159 Tage SlaterFrankreich im Bürgerkrieg

?Bürgerkrieg an der Seine?
Frankreichs Image im freien Fall
?Bürgerkrieg an der Seine.? Die internationalen Medien vermitteln ein desolates Bild aus dem Frankreich der heißen ?Stadtguerilla? mit Straßenkämpfen und brennenden Autos. TV-Kameras sind auf die heruntergekommenen Trabantenviertel gerichtet, und die Kommentare sprechen von einer Pariser Regierung, die mit der Gewalt der Krawallmacher nicht fertig wird. Jetzt kommen noch Reizworte wie Notstand, Ausgangssperre oder Repression dazu sowie Bilder von einem müde wirkenden Präsidenten Jacques Chirac, der sich nur wenig äußert.
 

Ausschreitungen in Toulouse. Foto: dpa
Bild vergrößernAusschreitungen in Toulouse. Foto: dpa

HB PARIS. Frankreichs Image ist im freien Fall. ?Das Land sendet derzeit eine Menge negative Signale in die Welt aus?, meint Aurore Wanlin vom Londoner Centre for European Reform. Nach dem spektakulären Nein zur EU-Verfassung, mit der die Franzosen Europa in eine Krise stürzten, machte Jacques Chirac mit innenpolitisch motivierten Angriffen auf die EU-Kommission und ihre Agrarpolitik Schlagzeilen, die außerhalb Frankreichs gar nicht gut ankamen. Es ist lange her, dass die Politik gegen den Irak-Krieg Frankreich glänzend in der Welt dastehen ließ. Die gescheiterte Integrationspolitik beschädigt nun vielmehr selbst das doch sonst sehr positive Bild Frankreichs in der arabischen Welt.

Es gibt den schweren politischen Knacks für die einstige ?Grande Nation?, die sich gern bei den Menschenrechten und im Kampf für ein soziales Europa ganz vorn sieht. Doch auch die Tourismusindustrie bangt: Wenn Bilder von vermummten Steinewerfern und brennenden Schulen um die Welt gehen, dann muss dies Folgen für das vielbesuchte Urlauberland haben. ?Zutiefst ramponiert? sei jetzt der Ruf des Landes und die Attraktivität Frankreichs angeschlagen, klagt die Arbeitsgeberpräsidentin Laurence Parisot. In Australien und Japan, Großbritannien und Russland wurde vor ?urbaner Gewalt? bei den Franzosen gewarnt - obwohl noch kein Tourist zu Schaden gekommen ist.

Die Krawallnächte und der Image-Schaden stürzen die Franzosen noch mehr in die Depression. Wirtschaftsflaute, hohe Arbeitslosigkeit, das geringe Vertrauen in die Regierenden und in die Zukunft stressen sie. Jetzt zucken sie zusammen, wenn im Radio ausländische Kommentatoren von den unmöglichen Zuständen in ihrer stolzen Nation sprechen. Und der 72-jährige Präsident auch nicht dabei hilft, sie aufzurichten.

Der kanadische Autor Jean-Benoît Nadeau sieht vor allem die Medien in den USA und Großbritannien ?genüsslich über das berichten, was jetzt in Frankreich los ist.? So werden die Vorurteile gepflegt und vertieft - hatten nicht die Franzosen erst vor Wochen verständnislos den Kopf geschüttelt, als der Hurrikan ?Katrina? die Weltmacht USA völlig überforderte?


 

   Antwort einfügen - nach oben