an die rote Stammwählerschaft

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neuester Beitrag: 16.09.05 20:10
eröffnet am: 13.09.05 15:11 von: IDTE2 Anzahl Beiträge: 48
neuester Beitrag: 16.09.05 20:10 von: Happy End Leser gesamt: 1287
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13.09.05 15:11
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4101 Postings, 5759 Tage IDTE2an die rote Stammwählerschaft

wie erklärt ihr euch, dass es in England d nach Zerschlagung der Gewerklschaften und deren Tarifkartellen zu einem Beschäftigungsaufbau und zu rapide steigenden Löhnen kommen konnte?  
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22 Postings ausgeblendet.

13.09.05 16:36

8001 Postings, 5584 Tage KTM 950wollte @HE schreiben o. T.

13.09.05 16:40

95440 Postings, 7268 Tage Happy EndWusstest Du das nicht?

13.09.05 16:42

18637 Postings, 6794 Tage jungchenund

arbeitslosigkeits-vergleich fuer 2004:

D: 10,6%  UK: 4,8%  

13.09.05 16:45

95440 Postings, 7268 Tage Happy End@jungchen

Die Arbeitslosenzahlen sind nur ein Bestandteil eines Vergleichs von Sozialsystemen...  

13.09.05 16:47

20118 Postings, 6956 Tage lehna#11 na,na utschek...

England war in den 70gern,wie wir heute,der kranke Mann Europas.
Da wurde schon gestreikt,wenns Teewasser zu heiss war.
Bis Thatcher gegen alle Interessenverbände die Wirtschaft radikal umkrempelte.
Das steht uns noch bevor,oder unser Sozialstaat geht vollends den Bach runter...  

13.09.05 16:47

8001 Postings, 5584 Tage KTM 950@ jungchen

Du musst aber auch dazu schreiben, mit wiviel Arbeitsstunden sie das BSP, besser BIP erwirtschaften! Die packen wir mit links ein!
Man muss auch mal bedenken, wieviel Arbeitslose wir haben, angeblich niedere Jahresarbeitszeit und was für ein BIP, das macht uns so schnell keiner nach!

Wobei ich auf die Arbeitslosenzahlen nicht stolz bin!  

13.09.05 16:51

8001 Postings, 5584 Tage KTM 950@HE

Ne das wusste ich nicht.
Wahrscheinlich hast du auf deiner Oberfläche ein Button, ähnlich wie Datei einfügen.  

13.09.05 16:56

29859 Postings, 5706 Tage Scontovalutaan die rote Stammwählerschaft

wie erklärt Ihr Euch, dass die Briten da so`nen unbedeutenden Rohstoff haben, fängt mit "Ö" an und endet mit "l".  

13.09.05 16:59

18637 Postings, 6794 Tage jungchen@happy

"Die Arbeitslosenzahlen sind nur ein Bestandteil eines Vergleichs von Sozialsystemen... "

nicht vielleicht DER hauptbestandteil?
hier in england herrscht praktisch vollbeschaeftigung. wenn mein job mir nicht mehr passt, kuendige ich und such mir nen anderen.
ne gute freundin hat zwar das glueck, in deutschland auch nen job zu haben. aber sie hasst ihn, weil der arbeitgeber praktisch alles machen kann, was er will. denn wer will und vor allem kann denn in deutschland grad mal ebenso kuendigen? wer findet denn mal schnell was anderes? sie ist in ihrem job gefangen...

so wie millionen leute in deutschland durch diese hohe arbeitslosigkeit in der sozialmangel gefangen sind. die diskussion gibt's in england nicht. warum? weil die wirtschaft hier brummt. hier werden leute gebraucht.. in deutschland auf einen schlag zu tausenden rausgeschmissen.... na?

wo laeuft es besser? mal ganz objektiv?  

13.09.05 17:01

1673 Postings, 5763 Tage onestoneZerfallene Vorstädte und geringe Renten

sind für mich kein Beispiel das Nachahmung finden sollte.

Möchte mit keinem Engländer tauschen. Ok doch: Mit Claudia Schiffers Mann. ;-))  

13.09.05 17:09

20118 Postings, 6956 Tage lehnajungchen,das werden die Ideologen nie raffen:

Deutschland hat zwar den besten Kündigungsschutz,trotzdem haben die Leute am meisten Angst vor Arbeitslosigkeit.
Und das wird so bleiben,wenn alles so reguliert bleibt...  

13.09.05 17:18
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2590 Postings, 5786 Tage brokeboyunbelehrbar

geehrter IDTE - interessanterweise posten die leute bei dir ja noch. bei mir haben sie wohl aufgegeben.
aus diesem aktuellen thread über m.thatcher kann man eine ganz interessante rezeptur für linksdenker herausdestilieren:

1. der wirtschaftliche erfolg der konservativen/neoliberalen ist zu bestreiten, mindestens zu relativieren.

2. auf konkrete tatsachen, die diesen erfolg belegen wird nicht eingegangen.

3. beispiele aus anderen ländern/zeiten lassen sich keinesfalls auf die jetzige situation übertragen.

4. lassen sich fakten, wie wachstum und wohlstandserfolge nicht schmälern, so empfiehlt es sich auf andere schauplätze auszuweichen:
hitlers autobahnen, kriegstreiberei, prüderie, evil america, kohl...u.a. - alle argumente sind legitim.

5. laufen die gespräche dahinaus, dass die derzeitig regierende linke in vielen fragen versagt, so gilt das dauerargument, dass es die anderen nicht besser gemacht hätten.

diese indikatoren einer vernebelten sicht nennt man "ideologisch" - das wenig mit dem vernünftigen einstehen für eine überzeugung zu tun. ich beobachte bei vielen linken, dass sie ihre standpunkte aus tradition oder aus rein emotionalen gründen beibehalten.

gerade in diesen zeiten vieler notwendiger reformen mehren sich die anzeichen einer begriffsverwirrung. brokeboy denkt, dass die begrifflichkeiten von konservativ und progressiv - dh von bewahren und verändern ihren altangestammten standort verlassen haben. meine provokative these lautet, dass man sich vor allem vor statik und stagnation fürchten muss und dass risiken nicht nur zum leben gehören, sondern zeichen alles lebendigen sind. ist also hartz4, die infragestellung der ehemals luxuriösen grundsicherung so eine untat, wie die linken uns glauben machen? oder brechen ganz einfach neue, globale zeiten an, auf die eine kultur zwingend reagieren muss - dazu ein recht interessanter artikel aus der aktuellen zeit.

gruss bb


An der Luftgitarre
Bislang galt die Popkultur immer als links und wählte auch so. Das wird nun anders: Wahrhaft rebellisch ist es, für die FDP zu sein

Von Ulf Poschardt

          
Der Wahlkampf 2005 könnte ein trauriger Triumph der Popkultur über den Verstand werden. Anfang des Jahres war die Lage des Landes so desaströs, dass die Bürger lieber bemerkenswert unbeholfene Politiker wie Peter Harry Carstensen in Schleswig-Holstein oder Jürgen Rüttgers in NRW wählten als jene noch immer wirkungsästhetisch virilen Politiker der SPD oder der Grünen. Es schien, als ob weite Teile des Bürgertums verstanden hätten, dass Geschmacksentscheidungen in der Politik selbstmörderisch geworden sind.

Doch mit dem Coup von Gerhard Schröder und Franz Müntefering, am Abend der großen Niederlage in NRW Neuwahlen anzukündigen, begann die Rückkehr der Gesten und Effekte. Aus dem Debakel sollte zumindest die Person des Souveräns gerettet werden. Die Medien registrierten dankbar: Dem Sieger Rüttgers wurde die Show gestohlen. Die hatte sich auch Joschka Fischer im Visa-Untersuchungsausschuss nicht nehmen lassen. Kanzler und Vizekanzler beweisen in Zeiten der Krise weniger reale Führungsstärke als vielmehr die Kompetenz, den Look von Führungsstärke zu kommunizieren. Sie haben gelernt, dass es in einer postmodernen Welt weniger um die richtigen Argumente als um die richtigen Marketingvorschläge für Argumente geht.

So gewannen sie die Wahl 1998 gegen den verstaubten Kohl und 2002 gegen den stotternden Stoiber. Doch schon da war diese Regierung eigentlich am Ende. Nur die Flut, gepaart mit Schröders Nein zum Irak-Krieg, sicherte einen knappen Erfolg. Der Fluch der Bürgerlichen scheint sich 2005 fortzusetzen. Frau Merkels Schweißflecken in Bayreuth, ihre Karstadt-Turnschuhe, ihre getunte, aber noch fragile Eleganz zeigen ihr Fremdeln im Land der coolen Bilder.


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Schröder dagegen gab sich sogar noch im TV-Duell mit der schlau minimalistisch argumentierenden Herausforderin am vergangenen Sonntag selbstsicher und staatsmännisch ? angesichts von knapp fünf Millionen Arbeitslosen und Nullwachstum ein Spektakel virtuoser Weltflucht. Schröder scheint vergessen zu haben, dass er es war, der Neuwahlen wollte, um nicht von seiner eigenen Partei durch die Hintertür aus dem Kanzleramt gejagt zu werden. So sehr er auch in den Medien als Popstar brilliert ? seit Hartz IV ist er im Kabinett wie in der SPD zum Spielen der Luftgitarre verdammt.

Die Generation Zuversicht leidet unter Rot-Grün ? und votiert doch dafür

Das alles wäre nicht so schlimm, würde nicht jene kulturelle Differenz der Show-Profis gegenüber den Show-Epgionen von Union und FDP jene bis ins Mark verunsicherten Jungbürger davon abhalten, das zu wählen, was ihren Interessen entspricht. Die Hälfte der Deutschen ist unentschieden, was sie wählen soll, besonders die Jungen der »Generation Zuversicht« (stern). Obwohl sie liberal denken, fühlen, handeln und träumen, fühlen sie sich durch das Personal der bürgerlichen Parteien nicht vertreten. Sie jammern über ihr ewiges Praktikantendasein, Arbeitslosigkeit, lausige Aufträge und wissen auch, dass dies mit der Wirtschaftspolitik von Rot-Grün zu tun hat. Und dennoch stöhnen sie: »Die anderen kann ich nicht wählen, die sind zu eklig, das bringe ich nicht über mich.« Vorgebracht wird dies von intelligenten Menschen, die ihre inneren Widersprüche realisieren und Oberflächlichkeit geißeln. Doch politisch kultivieren sie genau dies. Scheinbar kann kein Vertreter der bürgerlichen Parteien diese Menschen zur Wahrung ihrer Interessen ermuntern.

Auf den ersten Blick diktiert Pop das Primat der Oberfläche. »If you judge a book by the cover«, sangen 1981 ABC in ihrem Hit Look of Love, »then you?d judge the look by the lover.« Die so genannte Poplinke, der intellektuelle Flügel der Popkultur, versuchte in einer Zeit politischer Stagnation durch einen anderen Stil fortschrittliches Bewusstsein zu demonstrieren. Mehrere Generationen von Dichtern, Popmusikern und Feuilletonisten wurde durch die pointierten Ideen des Boheme-Marxismus und dessen Vordenker Diedrich Diederichsen geprägt. Die Endmoräne jener Inspirationsquelle findet sich in Artikeln der Süddeutschen Zeitung, in denen Angela Merkel für unwählbar gilt, weil sie sich für Wagner interessiert und die falsche Beatles-Platte mag. Angesichts gravierender ordnungs- und gesellschaftspolitischer Antagonismen Plattencover und Frisuren zu Kriterien einer Wahlentscheidung zu machen, lässt Pop antiaufklärerisch werden ? etwas, das er nie war.

Pop war immer alles Mögliche: eine Bedrohung für die herrschende Moral, eine Herausforderung für die so genannte E-Kultur, eine Manifestation jugendlichen Ungehorsams, aber auch eines ungebremsten Konsumismus. Seit Elvis war Pop ein Bastard aus Rebellion und Anpassung. Teil der Gesellschaft zu werden hieß in der Logik des Pop, sie zu verändern, weil die Leidenschaften, für die man kämpfte, noch keinen Platz in ihr hatten. So wurde Pop zu einem Motor von Emanzipationsprozessen; immer stand er aufseiten des Einzelnen gegen das Kollektiv. John Lennon huldigte dem Working Class Hero nicht, um abstrakte Interessenvertretungen wie die Gewerkschaften zu unterstützen, sondern das mutige Individuum, das nach oben will. Lennons Song aus dem Jahr 1970 endet mit dem optimistischen Hinweis, dass an der Spitze noch viel Platz sei.

Punks sind konservativ und HipHopper glorifizieren den Kapitalismus

Aufstieg ist Rebellion gegen ein altes Klassensystem. Sie geht konform mit dem Wesen des Kapitalismus und dient damit dem Gemeinwohl. Der Bundesrepublik blieb das Rebellische der Popkultur lange fremd. Mit dem Aufbruch von 1968 emanzipierte sich die deutsche Popmusik von ihren angloamerikanischen Vorbildern. Während Ton Steine Scherben mit Macht kaputt, was euch kaputt macht die Aufforderung zur Selbstverwirklichung bis ins Kriminelle ausdehnte, versuchten die Musiker von Kraftwerk, die deutschen Probleme zu überhöhen. Gipfelnd in dem Song Wir sind die Roboter, experimentierten die Düsseldorfer Elektropioniere mit der Funkyness und Sexyness des gehemmten Deutschen.

Die Subversion des Pop bestand in der Radikalität, mit der Träume eingefordert wurden. Politisch heißt das nicht automatisch, links zu sein: In den USA fühlt sich ein Teil der Punkbewegung den Republikanern nahe. Auf der Homepage www.conservativepunk.com kann man für den Erhalt des New Yorker Punkrockclubs CBGB?s kämpfen oder Michael Moore denunzieren. Jeder zweite HipHop-Musiker predigt den amerikanischen Traum: Der Kapitalismus als Hort der Freiheit ermöglicht Aufstieg und grenzenlosen Reichtum ? gesetzt den Fall, man arbeitet hart dafür. Der conspicous consumption der Rapper ist eine Glorifizierung jenes Systems, das ihm eine solche Karriere ermöglicht hat. In Deutschland schämen sich Popmusiker für ihre bürgerliche Gesinnung und verbergen sie. Lieber kämpfen sie Seite an Seite mit SPD-Politikern für Pop-Protektionismus wie die Radioquote.

Die Band Blumfeld und ihr brillanter Singersongwriter Jochen Distelmeyer verkörpern das Pop-Politik-Elend am besten. Natürlich links wie die gesamte Hamburger Schule, geißeln die Musiker in ihren wunderschönen Liedern die Diktatur der Angepassten und vergessen dabei, wie sehr sie selbst eine Horde von Angepassten anspornen, inspirieren, idealisieren. Wie weite Teile der Popsozialisten folgen Blumfeld und andere jenem »verrutschten Spielplan« (Peter Sloterdijk) der Linken, die immer Jahrzehnte zu spät Antworten auf Fragen geben, die niemand mehr stellt.

»No risk, no fun« ist die Devise des Pop ? und die der Liberalen

Doch abseits der alten ideologischen Bastionen gibt es Verschiebungen. Die Bravo hat Papst Benedikt XVI. ein Riesenposter gewidmet, der eher spröde Bundespräsident Horst Köhler wird auch von jungen Deutschen verehrt. Immer mehr Jugendliche haben die mediokre Show vermeintlich fortschrittlicher Beharrungskünstler satt. Auch bei Popmusikern taucht ein neuer, kühler Pragmatismus in der Betrachtung der Welt auf. Wenn Elektropunkerinnen wie die in Berlin lebende Kanadierin Peaches über die Faulheit der verwöhnten bundesrepublikanischen Jugendlichen staunen, wenn die linken Journalisten des New Yorker die Feistigkeit des Rebellentums in Hans Weingartners Film Die fetten Jahre sind vorbei kopfschüttelnd rezensieren, wenn ein Rapper wie Sido offen bekennt, dass in seinem Berliner Ghetto der Missbrauch von Sozialhilfe ein Sport ist, von dem sich gut leben lässt ? dann wird deutlich, dass altlinke Positionen von Teilen des Pop keine Unterstützung mehr erhalten.

Wie sähe Pop in Deutschland aus, der unangepasst, mutig, rebellisch wäre? Wenn Blumfeld auf dem Parteitag der FDP Diktatur der Angepassten singen würde. Es würde für beide Seiten eine Herausforderung und Zumutung bedeuten, aber eben auch eine fruchtbare Dynamisierung verklebter Fronten. Versteht man Pop und seine Sehnsucht nach ungebremstem Freiheitsdrang essenzialistisch (und nicht phänomenologisch), dann gibt es für seine Anhänger nur eine Wahlempfehlung: die FDP. Die Skepsis der Liberalen gegenüber Bürokratie und Staat, Kollektiven und überkommenen Traditionen ist popkompatibel. Anders als die von Angela Merkel erfolgreich liberalisierte Volkspartei CDU hat die FDP keine Angst vor dissidenten Positionen. Sie steht für eine sich ausdifferenzierende Gesellschaft und damit für mehr Polarisierung. Sie steht für einen Kapitalismus mit mehr Chancen für alle ? der freilich auch mehr Risiken birgt. So wird beiläufig das no risk, no fun der Popkultur bedient.

Schon jetzt wird der FDP mit dem Fegefeuer jener »Bock auf Rock«-Traditionalisten aus den Gewerkschaften gedroht. Vor diesem Hintergrund verdienen Westerwelle, Niebel und Gerhardt von den Individualisten der Generation Golf Solidarität für den Kampf gegen die sich »links« wähnenden Neokonservativen aus den Gewerkschaften und linken Parteien. Es ist falsch, die weniger schlimme Oberfläche zu wählen. Diese Wahl sollte nicht von der Stilpolizei des Pop entschieden werden, sondern von seiner Seele: dem Traum vom Reich der Freiheit.



 

13.09.05 17:23
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59073 Postings, 7308 Tage zombi17Der Club der Willigen, oder was?

Die soziale Lage in Blairs England
Von Julie Hyland
1. Juli 2005
aus dem Englischen (25. Juni 2005)
Es fiel dem britischen Premierminister Tony Blair in seiner Rede vor dem Europaparlament am 23. Juni sichtlich schwer, seine Ergebenheit für ein "soziales Europa" überzeugend darzulegen.

Er musste sich des Vorwurfs erwehren, das massive "Nein" zur EU-Verfassung in Frankreich und Holland sei eine Absage an den Räuberkapitalismus, den seine Regierung befürwortet und der England zu einem Albtraum an sozialer Ungleichheit gemacht hat, so dass es heute wieder stark an die Romane von Charles Dickens erinnert.

Blair bezeichnete die Vorstellung, "Großbritannien sei von einer extremen Marktphilosophie besessen, die auf den Armen und Benachteiligten herumtrampelt", als Zerrbild. Seine Regierung stehe im Gegenteil für sozialen Fortschritt und habe als Arbeitsbeschaffungsprogramm einen "New Deal für Arbeitslose" geschaffen, einen Mindestlohn eingeführt, Investitionen in die staatlichen Dienstleistungen erhöht, die Städte saniert und der Armut den Kampf angesagt.

Wegen diesen Errungenschaften, folgerte Blair, habe er das Recht, den anderen europäischen Politikern die sozialen und wirtschaftlichen Methoden beizubringen, die für die Stabilität und das Wohlergehen des Kontinents und seiner Bevölkerung nötig seien.

Es ist typisch für die Speichelleckerei der britischen Medien, dass die Bemerkungen des Premierministers nicht zum Anlass wohlverdienten Spottes gemacht wurden. In Wirklichkeit feiert Charles Dickens? Schilderung Englands als Land, in dem die herrschende Elite sich mästet und ihren phantastischen Reichtum mehrt, während sie für die Not der Bevölkerungsmehrheit nur verächtliche Gleichgültigkeit übrig hat, im heutigen England fröhliche Urständ. Blair kann sich noch so oft bemühen, die europäischen Arbeiter vom Gegenteil zu überzeugen, die Fakten sprechen eine andere Sprache.

Zu Beginn dieses Jahres veröffentlichte die Joseph-Rowntree Foundation eine Studie: "Hundert Jahre Armut und Politik". Darin verglich sie eine zweijährige Studie über die Ursachen von Armut, die Seebohm Rowntree, der Sohn des Stiftungsgründers, zu Beginn des letzten Jahrhunderts gemacht hatte, mit einer ähnlichen Untersuchung, die Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts entstanden ist.

Der Rowntree-Bericht gelangt zum Schluss, dass Großbritannien im Verlauf von hundert Jahren zu seinem Ausgangspunkt zurückgekehrt ist. 1899 bestand die Hauptursache für Armut in den niedrigen Löhnen. Dies blieb so bis in die Depression der 1930er Jahre, als sich die Arbeitslosigkeit zur Hauptursache entwickelte, die in den 1950-er und 60-er Jahren dann durch das Alter abgelöst wurde. Um 2001-02 jedoch standen in England die niedrigen Löhne wieder an der Spitze der Armut verursachenden Faktoren. Über ein Drittel aller Haushalte gehörten zu der Kategorie der "working poor", der arbeitenden Armen.

Die Ursachen für diese Rückentwicklung sind nicht schwer zu finden. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es nicht nur einen Wirtschaftsboom, sondern auch eine Reihe von staatlichen Maßnahmen, die darauf abzielten, den sozialen Frieden zu erhalten und ein soziales Sicherheitsnetz für alle im arbeitsfähigen Alter zu spannen.

Ende der 1970-er Jahre jedoch bezeichnete die britische Bourgeoisie und die konservative Regierung von Margaret Thatcher einen solchen sozialen Schutz als "verknöchert" und "überholt". Die globale Konkurrenzfähigkeit gebiete es, den Sozialstaat und die öffentlichen Dienstleistungen der Realität der "modernen" Welt anzupassen, lautete der ständige Refrain.

In der darauf folgenden Dekade wurden vernünftig bezahlte Arbeitsplätze zu Zehntausenden zerstört und Steuern für die Reichen und Unternehmen drastisch gekürzt, um Großbritannien für die multinationalen Konzerne in einen Billiglohnplatz zu verwandeln.

Wo die Konservativen aufgehört hatten, machte die Labour Regierung weiter. Sie setzte die Offensive gegen die Arbeiterklasse fort. Die sozialpolitischen Maßnahmen, mit denen sich Blair in seiner Rede vor dem Europaparlament brüstete, haben wenig mit dem zu tun, was man früher unter sozialer Absicherung verstand. Es handelt sich im Wesentlichen um Subventionen an die Unternehmer, um diese in die Lage zu versetzen, weiterhin niedrige Löhne zu bezahlen.

Das New-Deal-Programm eliminiert zum Beispiel Sozialleistungen, auf die es früher einen Rechtsanspruch gab, und zwingt die Arbeitslosen in obligatorische Trainingsprogramme oder in die Billiglohnarbeit. Der Mindestlohn liegt gegenwärtig bei 4,85 Pfund (7,25 Euro) in der Stunde für Erwachsene und kommt somit der offiziell-staatlichen Billigung einer Niedriglohn-Wirtschaft gleich.

So sind denn auch Versuche im letzten Oktober, den Mindeststundenlohn um lediglich 0,2 Pfund anzuheben, vom britischen Kapital erbittert bekämpft worden, mit der Begründung, eine solche Erhöhung würde "die Konkurrenzfähigkeit beeinträchtigen". Damit nicht genug, beträgt der Mindestlohn für 18- bis 21-Jährige nur 4,10 Pfund (6,20 Euro) und für 16- bis 17-Jährige 3 Pfund (4,50 Euro). Für Auszubildende gibt es überhaupt keinen Mindestlohn.

Niedriglöhne haben dazu beigetragen, dass britische Arbeiter die längsten Zeiten in ganz Westeuropa arbeiten. Die Blair-Regierung hat die britische Ausnahme von der EU-weit gültigen Maximal-Arbeitswoche von 48 Stunden mit Zähnen und Klauen verteidigt. Das Niveau der Kinderarmut liegt am höchsten von allen industrialisierten Ländern, und mehr als jedes vierte Kind gilt offiziell als arm. Während Großbritannien eine der niedrigsten Körperschaftssteuern aufweist, zählt es bei den indirekten Steuern - die die Arbeiter ungleich stärker belasten - zu den Ländern mit dem höchsten Steuersatz.

Für viele Arbeiter ist das niedrige Einkommen bisher nur durch eine Kreditexplosion verschleiert worden. Inzwischen beträgt die Gesamtsumme der privaten Schulden in Großbritannien über 1.000 Mrd. Pfund. Die Zahl der privaten Bankrotte hat einen Rekordstand erreicht. Sie hat in den letzten zwölf Monaten um über dreißig Prozent zugenommen. Die Einführung von Studiengebühren und die Ersetzung von Studienbeihilfen durch Darlehen bedeutet, dass ein großer Anteil dieser Bankrotte ganz junge Menschen betrifft.

Fast 26.000 Hauspfändungsanträgen wurden in den ersten drei Monaten dieses Jahres stattgegeben, weil die Betroffenen ihre Hypothek nicht pünktlich bezahlen konnten; das ist die höchste Zahl seit 1995.

Was Blairs Behauptung betrifft, seine Regierung habe die Investitionen in öffentliche Dienstleistungen erhöht, so bezieht sich das zum großen Teil auf Unternehmen? die eine ?Public-Private Partnership? praktizieren, wobei die Regierung Geld bezahlt, damit kommerzielle Investoren in die lukrativen Gesundheits- und Bildungsmärkte vordringen können, die ihnen bisher verschlossen waren. Dies führt dazu, dass immer mehr Geld aus dem öffentlichen Sektor abgezogen wird und an die privaten Investoren fließt, und gleichzeitig geht es auf Kosten der Qualität von Schulen und Krankenhäusern.

Die Tatsache, dass Blair sich ohne Rücksicht auf diese erschreckende Bilanz der "Erfolge" seiner Regierung rühmt, weist ihn als politischen Vertreter einer Finanzoligarchie aus, die Nutznießer der Blair?schen "Reformen" ist. Unter seiner Amtszeit als Premier haben die reichsten tausend Menschen in Großbritannien ihr Vermögen um 152 Prozent vermehren können. Das reichste eine Prozent der Bevölkerung bezieht einen größeren Anteil des Nationaleinkommens als zu jeder anderen Zeit seit den dreißiger Jahren.

Diese schmale Elite profitiert davon, wenn die sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen in England immer mehr an eine Zeit erinnern, die Charles Dickens leicht wiedererkannt hätte: eine Zeit, in der "der nächtliche Wegelagerer bei Tag Börsenhändler war" und der Arme in den Schuldturm abgeschoben wurde.

Ist es ein Wunder, wenn die arbeitende Bevölkerung in Frankreich und den Niederlanden ihrer politischen Führung zum Trotz das unternehmerfreundliche Programm des sozialen Kahlschlags ablehnt, das in der europäischen Verfassung beinhaltet ist?

Es wäre jedoch ein großer Fehler, zu glauben, damit sei die Angelegenheit schon erledigt. Trotz der politischen Spannungen zwischen Blair und den andern europäischen Führern stieß seine Aufforderung, die soziale Demontage auf dem ganzen Kontinent voranzutreiben, im Europaparlament auf offene Ohren.

In einer Hinsicht hatte Blair mit seiner Rede recht. Er wies die Behauptung zurück, die Lage in England sei eine besondere, "angelsächsische" Fehlentwicklung des Kapitalismus, an deren Stelle man einfach eine progressivere europäische Variante setzen könne. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, Friedrich Engels? Die Lage der arbeitenden Klasse in England zur Hand zu nehmen.

Engels schrieb diese anschauliche Schilderung der Überausbeutung der englischen Arbeiterklasse im Jahr 1845, in England wurde sie allerdings erst sieben Jahre vor Seebohm Rowntrees Studie veröffentlicht. Engels untersuchte die Bedingungen der britischen Arbeiter zur Zeit der industriellen Revolution nicht mit der Absicht, die Besonderheiten dieser Entwicklung im Gegensatz zur Lage auf dem Kontinent hervorzuheben. Ihm ging es darum aufzuzeigen, dass die Arbeiterklasse aller Länder mit der gleichen Gesellschaftsordnung konfrontiert sind.

Er erklärte, dass die Arbeiter in England vor dem unvermeidlichen Resultat des Industriekapitalismus stünden, dessen Auswirkungen - soziales Elend und Unterdrückung der Massen - für die europäischen Arbeiter dieselben sein würden, es sei denn, die Arbeiter entschieden sich bewusst für den Aufbau einer sozialistischen politischen Bewegung.

Engels schrieb: "Dieselben Grundursachen, welche in England das Elend und die Unterdrückung des Proletariats bewirkt haben, sind in Deutschland ebenfalls vorhanden und müssen auf die Dauer dieselben Resultate erzeugen. Einstweilen wird aber das konstatierte englische Elend uns einen Anlass bieten, auch unser deutsches Elend zu konstatieren, und einen Maßstab, woran wir seine Ausdehnung und die Größe der [...] Gefahr messen können, welche von dieser Seite der unmittelbaren Ruhe Deutschlands droht." (Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England, Berlin 1972, S. 18-19, Hervorhebung im Original].

Engels? Warnung an die europäischen Arbeiter ist nach wie vor gültig, mit einer Einschränkung. Heute wird der Maßstab, an dem die Überausbeutung der Arbeiterklasse gemessen wird, nicht in Großbritannien gesetzt, nicht einmal in den Vereinigten Staaten - wie schlimm die Dinge dort auch liegen - sonder, wie Blair selbst zugab, in China und Indien.

 

13.09.05 17:31

20118 Postings, 6956 Tage lehnazombie,alles kappes...

In England und USA sind die Nettolöhne seit 1995 um 20% gestiegen,bei uns im gleichen Zeitraum um 0,9 % gefallen.
Ausgerechnet Oskar macht damit Wahlkampf.
Angst vor Arbeitslosigkeit gibts bei denen nicht,es wird konsumiert.
Bei uns herrscht derweil Angstsparen...  

13.09.05 17:33

59073 Postings, 7308 Tage zombi17Ist klar, lehna, alles was gegen die Geldsauger

geht ist immer Kappes, weiss ich doch schon lange.  

13.09.05 17:43
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59073 Postings, 7308 Tage zombi17Hier ist noch mal Kappes

Sozialbericht: 235 000 Personen arm trotz Arbeit

Sozial ist nicht nur das, was Arbeit schafft, sondern Arbeit, die vor Armut schützt.

(Wien, 15.02.05). "Jenen Interessen nachzugeben, die einen Niedriglohnsektor mit ?Arbeit um jeden Preis? forcieren, bedeutet eine soziale Zeitbombe auf den Weg zu bringen. Jetzt schon leben 235 000 Menschen in Österreich in Haushalten, in denen der Verdienst trotz Erwerbsarbeit nicht reicht, um die eigene Existenz -und die der Kinder- zu sichern.", zitiert die ARMUTSKONFERENZ den aktuellen Sozialbericht der Regierung. "Sozial ist nicht nur das, was Arbeit schafft, sondern Arbeit, die vor Armut schützt.", so das Anti-Armutsnetzwerk, das über 100 000 Hilfesuchende im Jahr unterstützt und betreut. "Ein niedriges Erwerbseinkommen schlägt sich auch in nichtexistenzsichernden Sozialleistungen bei Krankheit, Arbeitslosigkeit und in der Pension nieder."

"Erwerbsarbeit allein schützt vor Armut nicht.", weist DIE ARMUTSKONFERENZ auf die internationale Armutsforschung hin. "Es gibt Länder mit geringer Arbeitslosigkeit und hoher Armut: USA und Großbritannien Es gibt Länder mit hoher Arbeitslosigkeit und hoher Armut: Spanien und Griechenland. Und es gibt Länder mit geringer Arbeitslosigkeit und geringer Armut: Dänemark und Schweden"

Erst die Kombination aus geringer Arbeitslosigkeit und hohem Niveau sozialer Sicherungssysteme reduziert Armut. Beschäftigung ist von großer Bedeutung, das Sozialschutzniveau ist hingegen von äußerster Bedeutung. Je geringer die soziale Versicherung, desto höher die Armut. Je höher die Investition in solidarische Sozialsysteme, desto geringer die Armut. Das erklärt, warum die USA oder Großbritannien trotz geringer Arbeitslosigkeit hohe Armut aufweisen.

Das Arbeitslosenversicherungssystem erklärt eben nur einen Bruchteil der Arbeitslosigkeit, während andere Faktoren wir Bildungs-, Finanz- und Wirtschaftspolitik eine wichtigere Rolle spielen. Die Lösung eines Problems muss nicht dort zu finden sein, wo das Problem sichtbar wird.", analysiert die ARMUTSKONFERENZ.


 

13.09.05 18:03

2421 Postings, 7152 Tage modesteWer möchte, dass das heutige Blutbad

nicht zur Gewohnheit wird, wählt am Sonntag SCHARZ/GELB :-))


Aktien Frankfurt Schluss: Schwach - Wachsende Unsicherheit vor Wahlen belastet
Dienstag 13. September 2005, 17:52 Uhr


FRANKFURT (dpa-AFX) - Gewinnmitnahmen vor der mit Spannung erwarteten Bundestagswahl haben die meisten deutschen Aktien am Dienstag belastet. Kaum eine Branche konnte sich der schlechten Marktstimmung entziehen. Der Leitindex DAX fiel bis Handelsende um 1,77 Prozent auf 4.901,88 Punkte. Der MDAX büßte 0,95 Prozent auf 6.899,36 Zähler ein. Der TecDAX verlor 1,34 Prozent auf 598,89 Punkte.
"Die Unsicherheit vor den Bundestagswahlen wächst, daher streichen viele Anleger Kursgewinne ein", sagte ein Händler in Frankfurt. Ein anderer Marktteilnehmer verwies ebenfalls auf die am Sonntag anstehenden Wahlen. "Der Vorsprung für ein von der Börse favorisiertes schwarz-gelbes Bündnis ist bedroht, daher geht der DAX (Xetra: Nachrichten) in den Keller (London: KLR.L - Nachrichten) ." Wenige Tage vor der Bundestagswahl zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden großen politischen Lager ab. Viele Anleger erwarten von Union und FDP im Falle eines Regierungswechsels ein höheres Reformtempo. Diese Hoffnung hatte den deutschen Aktienmarkt seit der Ankündigung von Neuwahlen im Mai angetrieben
 

13.09.05 18:05

13475 Postings, 7818 Tage SchwarzerLordNur mit Union+FDP Handlungsspielraum

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"Wir machen keine Schulden, das haben wir immer klar gemacht, wir weichen nicht in Schulden aus.?
(Hans Eichel , 01.09.02, ARD-Sendung Christiansen)

"Wir machen keine unbezahlbaren Versprechungen, und wir rütteln nicht an den Kriterien des europäischen Stabilitätspaktes.?
(Gerhard Schröder am 19.06.2002 vor der Bundespressekonferenz in Berlin)


 

13.09.05 18:06

21799 Postings, 7671 Tage Karlchen_INö. o. T.

13.09.05 18:13

5687 Postings, 7239 Tage duschgelausgerechnet heute, wo die Umfragen wieder

gedreht haben, soll das als Ausrede herhalten?

Oder nimmt die Börse schon die Auswirkungen der Elefantenrunde vorweg?  

13.09.05 18:17

2421 Postings, 7152 Tage modestenix umfrage "gedreht"...ein patt allenfalls, d.h.

die Unsicherheit bleibt und damit die FURCHT vor der SPD-Regierungsbeteiligung.

modeste  

13.09.05 18:18

21799 Postings, 7671 Tage Karlchen_IWas für ne Furcht? o. T.

13.09.05 18:19

5687 Postings, 7239 Tage duschgelder Trend hat möglicherweise gedreht

nach der heutigen Logik hätte der Dax letzte Woche niemals die 5000 sehen dürfen.

aber man weiss ja, was man von Händlerkommentaren zu halten hat.  

13.09.05 18:20

95440 Postings, 7268 Tage Happy End@jungchen

Einen Job findest Du fast überall, auf die Bezahlung desselben kommt es an.  

16.09.05 20:10

95440 Postings, 7268 Tage Happy End@jungchen

Vom maroden englischen Gesundheitssystem und dem niedrigen Rentenniveau ganz zu schweigen...  

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