Zum 50. Todestag von Stalin

Seite 1 von 1
neuester Beitrag: 05.03.03 17:38
eröffnet am: 05.03.03 17:28 von: Nassie Anzahl Beiträge: 3
neuester Beitrag: 05.03.03 17:38 von: Nassie Leser gesamt: 398
davon Heute: 3
bewertet mit 1 Stern

05.03.03 17:28
1

15990 Postings, 6877 Tage NassieZum 50. Todestag von Stalin

Die verbotene Stadt
Vor 50 Jahren wurde ein Ort in der DDR auf den Namen Stalinstadt getauft ? gleich nach dem Tod des sowjetischen Diktators. Acht Jahre hielt die Bezeichnung, dann verschwand sie über Nacht von der Landkarte. Eine Spurensuche im heutigen Eisenhüttenstadt
Von Michael Allmaier


Es ist alles verschwunden - abgerissen, eingeschmolzen, verbrannt. Wer heute nach Eisenhüttenstadt kommt, findet keinen Hinweise mehr auf das, was hier einmal war. Die Bahnhofstraße hieß früher Stalinallee. Wo jetzt eine Filiale von "Burger King" steht, war damals das Werkstor des Eisenhüttenkombinats .J.W. Stalin. Durch die Lindenallee, die seinerzeit Leninallee hieß, trugen am 1. Mai Junge Pioniere Stalin-Bilder. Vom Giebel des "Kaufhaus Magnet" grüßte ein überlebensgroßer Hüttenarbeiter mit der Parole, unter der all dies stand: "Stalinstadt - erste sozialistische Stadt Deutschlands".

Von alldem kann man nichts sehen. Man sieht nur die Verwunderung in den Augen der Einheimischen, wenn man sich für die alten Geschichten interessiert. »Es war doch nur ein Name«, meint Horst Siebert, der damals als Anwohner in das Spektakel hineingezogen wurde. Der Name und die Geschichten sind alles, was vom kühnsten und kläglichsten Sozialexperiment der DDR bleibt.

Die acht Jahre von Stalinstadt beginnen am 7.Mai 1953 mit dem Auftritt eines Gespenstes. Josef Stalin weiht den ersten volkseigenen Hochofen und die zugehörigen Wohnanlagen ein, in denen die Utopie vom neuen Zusammenleben Wirklichkeit werden soll: »Der feierliche Ernst seiner Gesichtszüge ist einem gütigen, väterlichen Aussehen gewichen. Zart spielt der Wind mit Silberfäden seines Haupthaares. Grünumgebene Frühlingsblumen heben ihre Köpfe höher, die Amseln im nahen Forst schlagen heller: Stalin schreitet durch das Kombinat.« So schreibt der Reporter der örtlichen Tageszeitung in der Ausgabe vom folgenden Tag.

Seine Leser wissen natürlich, dass Stalin zu diesem Zeitpunkt schon zwei Monate tot ist. Eben hat die Führung der KPdSU seinen Leib in das Lenin-Mausoleum überführt. Aber es gilt eine Peinlichkeit zu kaschieren: Die DDR hat es versäumt, beizeiten eine Stadt nach ihrem »Befreier« zu benennen. Auch die mit sowjetischer Hilfe erbauten Wohnviertel des Eisenhüttenkombinats sollte eigentlich Karl Marx zugeeignet werden. Aber solange man wenigstens Stalins Geist gewogen stimmen kann, ist das Schlimmste vermieden, Materialismus hin oder her.

Walter Ulbricht erscheint körperlich zur Nottaufe und lobt »den weisen Stalin, den großen Baumeister des Sozialismus«. Stalinstadt soll es Magnitogorsk gleichtun und zeigen, wie vereinter Wille eine Idealstadt mit stählernem Herzen aus dem Boden stampfen kann. An nichts würde es fehlen, bis auf private Geschäfte natürlich. Und die Kirche.

Einen Turm brauche man nur für das Rathaus ? dieser Satz Ulbrichts liegt Heinz Bräuer, der 1953 als Pfarrer nach Stalinstadt kam, noch heute auf der Zunge. Er erinnert sich auch an den Beifall der Menge. »Orkanartig« nannte ihn damals der Rundfunk. »Routiniert« fand ihn Bräuer: »Es war üblich, nach fast jedem Satz zu klatschen.«

Bald darauf schwand seine Gemeinde. Schulklassen und Brigaden traten geschlossen aus, manche Mitglieder sogar mehrfach. Bräuer predigte für wenige Getreue in Dachkammern und Baracken. Heute ist er 86 und lebt in einem kleinen Haus mit Blick auf die Kirche. Nach der Wende hat ihn Eisenhüttenstadt zum Ehrenbürger gemacht. Demnächst will man sogar eine Straße nach ihm benennen. »Der Brauch«, sagt er, damit es nicht stolz klingt, »kommt noch von den Kommunisten.« Er hat sie überlebt.
 


Auch die Sieberts konnten sich auf ihre Art gegen die Ortsdoktrin behaupten, indem sie ihren Schiffswindenbetrieb bis zum Schluss vor der Verstaatlichung schützten. Sie haben die Stalinstädter nicht als besonders linientreu erlebt. Die meisten seien nur der Aussicht auf hohe Löhne und moderne Wohnungen gefolgt und hätten sich, meint Brigitte Siebert, mitunter sogar für den Namen ihrer neuen Heimat geschämt. Aber zugeben konnte das keiner: »Wenn ein Betrunkener über die Kette vom Ehrenmal gestolpert ist, hieß es doch schon, der hat die ruhmreiche Sowjetunion geschändet.« Außerdem hatte es seine Vorzüge, als politisch zuverlässig zu gelten, ohne etwas dafür tun zu müssen. Die Zollabfertigung bei Reisen zur Westverwandschaft soll rascher abgewickelt worden sein, wenn man seinen Stalinstädter Personalausweis zückte.

Welches Erbe sie angetreten haben, spüren die Bürger schon sechs Wochen nach der Benennung, am 17. Juni. Dank der bevorzugten Arbeitsbedingungen demonstrieren nur wenige, aber in der »ersten sozialistischen Stadt Deutschlands« ist jeder Einzelne einer zu viel. Die Rote Armee marschiert auf und nimmt fast hundert Menschen fest. Später wird es heißen, die »Erzbarone an Rhein und Ruhr« hätten Provokateure geschickt; doch am unbeugsamen Schaffensdrang der Stahlwerker, fortan »rote Hochöfner« genannt, wären ihre Streikaufrufe gescheitert. Manche Eisenhüttenstädter glauben das bis heute.

Den nächsten Schlag erhält der Mythos von Stalinstadt 1956, aber es ist fraglich, ob die Bewohner es merken. Der Besucher findet niemanden, der damals schon etwas von Chruschtschows Geheimrede gegen den Personenkult gehört haben will. Es sind keine Direktiven dafür erhalten, wie man mit dem Namenspatron umgehen soll, der im eigenen Land in Ungnade gefallen ist.

Aber wer etwa in der Werkzeitung der Hütte blättert, stellt fest, dass der »unsterbliche Name« Stalins, den sie zuvor noch gepriesen hatte, nach dem 20. Parteitag wie verschollen ist. Anscheinend hoffen die Ortsfunktionäre, dass der Geist, den man gerufen hat, auch wieder verschwindet, wenn man ihn nur nicht mehr beschwört. Doch so leicht ist das nicht. Denn mit jenem Jahr beginnt auch die kurze Blüte der Stadt, und die hat mehr vom stalinistischen Pomp als vom Zweckbauideal der Ära Chruschtschow.

Was geblieben ist ? die Poliklinik, das neoklassizistische Theater, die Prachtstraße zwischen Rathaus und Werk, die fünfstöckigen Wohnhäuser mit den großen begrünten Höfen ?, wirkt noch heute, als hätte jemand das Herz einer futuristischen Großstadt mitten in die Provinz gestellt. Der Anblick damals muss so imposant gewesen sein, dass mancher westliche Besucher, der hier herumgeführt wurde, kurzerhand übersiedelte.

»Am Anfang waren wir hier glücklich ? wir wollten es sein«  


Zum Beispiel die damalige Lehrerin Helga Böhm. »Stalinstadt war für uns das Nonplusultra«, erzählt sie. Die effiziente Verwaltung, das Kulturangebot, der Stolz der Arbeiter auf ihr Werk machten tiefen Eindruck auf sie. »Am Anfang waren wir hier glücklich. Wir wollten es sein.« Später entdeckt sie die unvorteilhaften Seiten der Stadt: die Kleinbürgerlichkeit, die sie hinter sich gelassen zu haben glaubte; den Größenwahn, der das Experiment schließlich scheitern ließ. »Hier im Westen«, sagt sie, wenn sie von der Gegenwart spricht. Sie führt den Besucher auf den Dachgarten und erklärt, wie es aussah, als hier noch Osten war. Sie hält der Stadt die Treue: »Es ist immer noch eine Freude, hier zu leben.«

In den guten Tagen von Stalinstadt ist selbst die SED einmal der Zeit voraus. Sie nimmt eine Grundsteinlegung zum Anlass, schon 1960 mit großem Aufwand das zehnjährige Bestehen zu feiern. Der stellvertretende nordvietnamesische Kulturminister gratuliert in Versform: »Sing ich von Stalinstadt euch, so künd ich / Ein goldenes Zeitalter an: Das Errungene / lässt sich nie mehr entwinden der Mensch.«

Das neue Zeitalter beginnt ein Jahr später mit dem 22. Parteitag der KPdSU, und darin ist für Stalin kein Platz mehr. Sein Leichnam wird aus dem Lenin-Mausoleum verbannt. Kurz darauf ist Stalinstadt von der Landkarte verschwunden, als hätte es nie existiert.

Brigaden rücken aus und beseitigen über Nacht alles, was Stalins Namen trägt, von den Ortsschildern bis zu den Behördenstempeln. Den amtlichen Grund dafür entnehmen die Bürger am nächsten Tag einem knappen Bericht in der örtlichen Zeitung. Werkgruppen und Hausgemeinschaften haben in spontanen Diskussionen festgestellt, dass ihnen nach den jüngsten Enthüllungen der Name ihrer Stadt nicht mehr behagt. Die Stadtverordnetenversammlung erkannte an der Zahl und der Bestimmtheit ihrer Eingaben eine Manifestation des Volkswillens, dem es sogleich nachzukommen galt.

In Wahrheit hat das Politbüro der SED am 7.November detaillierte »Empfehlungen« für die Umbenennung erlassen, die von den untergeordneten Gremien abgenickt wurden. Ob auch die Stalinstädter in dieser Zeit tatsächlich diskutierten, ist fraglich. Briefe existieren. Achtzehn davon hat das Stadtarchiv gesammelt. Alle sind Abschriften aus der Hand desselben Schreibers, der die Namen der Verfasser für gewöhnlich unterschlägt. Die meisten datieren auf die zwei Tage vor der Umbenennung. Inhalt und Stil sind identisch: Man beschwört die »deutsch-sowjetische Freundschaft«, man rügt die »ernsthaften politischen Verfehlungen Stalins«, man »hat erkannt, dass mit dem Personenkultur Schluss gemacht werden muss«, man »fordert« einen »würdigen Namen« und hat, von »Oderhütte« bis »Gagarinstadt«, Vorschläge parat. Doch auch darüber ist bereits entschieden.

Man fragt sich, warum die SED so ängstlich darum bemüht war, ihre Spuren zu verwischen. Denn Widerstand gegen die Umbenennung hatte sie kaum zu erwarten. Die Verehrung eines toten sowjetischen Diktators war selbst den Betonköpfen der Partei nur eine lästige Pflicht. Vielleicht fürchtete man um die eigene Haut, falls der Wind wieder umschlagen sollte. Vielleicht war man auch nur einfach nicht mehr gewohnt, eine populäre Entscheidung zu fällen.

Sicherheitshalber wurde sogar noch ein zweiter Grund vorgeschoben: die Fusion mit dem 700 Jahre alten Nachbarort Fürstenberg. Davon sei zuvor nie die Rede gewesen, meint Brigitte Siebert: »Die Musterstadt sollte doch keine bürgerliche Vergangenheit haben.« Aber das war nun auch egal. Fortan gab es nur noch Altstadt und Neustadt.

Wie ernst es der Staatsführung mit der Nomenklatur war, berichtete der inzwischen verstorbene Getränkehändler Hans Lang nach der Wende einem Journalisten. Er hatte bei einer Bierlieferung am 11. November den Scherz gewagt, beim neuen Kurs der Partei heiße Stalinstadt wohl bald die »Stadt des großen Verbrechers«. Sein Gesprächspartner, ein IM, meldete die »staatsfeindliche Hetze« der Stasi. Lang kam für zwei Jahre und zehn Monate ins Gefängnis.

Die Musterstadt bleibt vom Pech verfolgt. Ihre Taufe hat der 17. Juni zum Anachronismus gemacht. Für die Umbenennung tut das der Mauerbau. Horst Siebert sagt: »Als der Name weg war, ging der Stalinismus erst richtig los.« Die Stadt wächst weiter, aber die Privilegien schwinden. Plattenbauten verdecken die ehrgeizigen Architektenentwürfe und holen das, was der Welt Vorbild sein wollte, in den ostdeutschen Alltag zurück. Der Versuch ist gescheitert. Also warum noch davon reden?

Stalin aus der Geschichte des Sozialismus zu löschen ist der SED nicht gelungen. Bei Stalinstadt hatte sie Erfolg. Ein halbes Jahrhundert nach ihrer Gründung wissen nur wenige, dass es sie jemals gab. Günter Fromm, der Gründungsdirektor des Stadtmuseums, zählte zu den ersten, die in den achtziger Jahren versuchten, das Schweigen zu brechen. Es war seiner Karriere nicht dienlich. Für den Druck seiner Diplomarbeit wurde plötzlich kein Papier mehr bewilligt.

Heute nennen manche die alte Stalinstadt »Schrott-Gorod«
Heute ist Fromm arbeitslos. »Sektor Kader und Schulung« steht auf dem Schild über seiner Wohnzimmertür. Die ganze Wohnung ist voller Relikte aus der Zeit, die vergessen werden sollte. Er schafft Bücher herbei. Eine Stadtchronik aus den siebziger Jahren führt für 1961 nur auf, dass am 1. Mai die Brigade des Brigadiers Kurt Kuchling als Erste des Eisenhüttenkombinats Ost mit dem Titel »Brigade der sozialistischen Arbeit« ausgezeichnet wurde. Eine andere spricht verschämt von der »Stadt«, wo eigentlich »Stalinstadt« stehen müsste. Eine dritte zieht es vor, die verfänglichen Jahre vollständig zu übergehen. Und weil der kleine Ort an der polnischen Grenze nach der Wiedervereinigung kaum jemanden interessierte, liest man es so noch in neueren Werken.

Günter Fromm schreibt dagegen an. Aber gedruckt zu werden ist auch heute nicht leicht. Schwerer jedenfalls als für die durchreisenden Historiker aus dem Westen. »Eine Geschichtsfälschung ohnegleichen. Die Kader, die Verbrecher«, murmelt er beim Blättern wie jemand, der seine Merkzettel durchgeht.

Stalinstadt sollte Modell stehen für die Zukunft der DDR. Das tat sie auch, aber anders, als ihre Väter es sich erhofften. Die Heimat der neuen Menschen ist heute nur ein weiterer gebeutelter Ort im Osten von Brandenburg. Jeder Fünfte ist arbeitslos. Der örtliche Radiosender veranstaltet Lotterien, bei denen man seine unbezahlten Rechnungen einsenden kann. Wer kann, zieht weg. Die einst so junge Stadt leidet an Überalterung. Viele Gebäude verfallen. Irgendjemand, der noch Russisch gelernt hat, brachte den Namen »Schrott-Gorod« auf.

Es ist ein langer Spaziergang vom geschrumpften, aber noch immer gewaltigen Stahlwerk über das »City Center« und das sowjetische Ehrenmal zu den Mustersiedlungen des Architekten Kurt Leucht, vorbei am frisch renovierten Fritz-Wolf-Theater und an dem geschlossenen Hotel Lunik, dann über die Brücke nach Fürstenberg, wo hinter verfallenden Plattenbauten die historische Altstadt mit ihrer neuen Kirche liegt. Und man kommt nicht einmal in die Nähe eines städtebaulichen Idylls. Aber wer weiß, wie schön das alles gedacht war, der entdeckt in der Geisterstadt ein Mausoleum der Träume vom besseren Leben.

 


 

05.03.03 17:37

15990 Postings, 6877 Tage NassieDer verdiente Mörder des Volkes

Ein Armer flüstert "Stalin" noch im Sterben
Wenn sich vor Freude rot die Wangen färben: Als Stalin vor 50 Jahren starb, weinte nicht nur die offizielle DDR
von Günter Kunert

 
Josef Stalin
Foto: AP    
Noch vor Jahren habe ich mir manchmal den bösen Scherz erlaubt, indem ich erklärte, Stalin sei mir zu Ehren einen Tag vor meinem Geburtstag, dem 6. März, ins Nichts entrückt worden. Dabei wusste ich nur zu gut, dass ich ohne den "verdienten Mörder des Volkes", wie ihn Brecht zu apostrophieren pflegte, selber das Kriegsende kaum überlebt hätte. So ambivalent kann personalisierte Geschichte sein. Auch meine jüdische Mutter war, wenn schon nicht von der allumfassenden Güte des weisen Führers des Weltproletariats überzeugt, doch ebenso dankbar dafür, dass die Rote Armee im Mai 1945 rechtzeitig vor unserer Berliner Haustür auftauchte.


Während auf dem Roten Platz in Moskau 1953 Tränen flossen und Hysteriker einender zu Tode trampelten, war meine Mutter pikiert darüber, dass wir nicht - wie die meisten Leute - eine Fahne mit Trauerflor ins Fenster gehängt hatten. Derlei Bekundungen schienen meiner Frau unpassend; sie war politisch aufgeklärter als ich, doch auch weniger gefährdet gewesen. Also: keine Fahne.


Wie war das damals gewesen? Hielten nicht junge Pioniere mit Kleinkalibergewehren am Stalin-Denkmal in "seiner", der Moskauer Gorki-Straße nachempfundenen Allee Ehrenwache? Von allgemeiner Trauer war wenig zu spüren, und wahrscheinlich waren die einzig mit recht Betrübten jene dilettantischen Maler, welche am laufenden Band das Porträt des Pfeife schmauchenden Kremlherren gepinselt hatten, der bekanntermaßen nie schlief, denn ein dürftiges Gedicht, seinerzeit tausendfach gedruckt, behauptete, selbst wenn alles schlummerte, brannte im Kreml noch Licht.


Überhaupt die Literaten! Noch 1954 erschien im Ostberliner Aufbau Verlag eine Anthologie "Du Welt im Licht", gewidmet dem roten Zaren, dem gegenüber der weiße ein wahrhafter Menschfreund gewesen sein muss. Diese Anthologie, wie ich gestehe, hat uns viele heitere Abende beschert, da wir uns die mehr oder minder gereimten Unsäglichkeiten mit verteilten Rollen vorlasen. Kein berühmter Autorenname fehlte. Von Hermlin über Erich Arendt, von Heinrich Mann bis Arnold Zweig, von Franz Fühmann bis Anna Seghers, von Erwin Strittmatter bis Lion Feuchtwanger hatten alle ihr dürftiges Scherflein beigetragen und unwiderleglich bewiesen, wie schlecht man schreibt, wenn man zur Lüge animiert oder verpflichtet wird.


Einige Perlen möchte ich dem geneigten Leser nicht vorenthalten. Wobei der Psychologe hinter mancher Formulierung die Wahrheit zu ahnen vermag. Da dichtete beispielsweise Johannes R. Becher: "Wenn sich vor Freude rot die Wangen färben, / Dankt man dir, Stalin, und sagt nichts als "Du"! / Ein Armer flüstert "Stalin" noch im Sterben / Und Stalins Hand drückt ihm die Augen zu." Oh ja, das Unterbewusstsein ruht und rastet nimmer.


Und Erich Arendt steht in einer endlosen Ode etwas komisch-schnell zu Verstehendes: "Und unsere Frauen / mit roten Fahnen / an der Bordwand unten stehend / mit ihren Röcken wischten / sie die Augen trocken." Senken wir vor solchem Einblick schamhaft die Augen.


Oder Rudolf Leonhard: "Dieser Mann / hat mit wenigen klaren Sätzen /die Entwicklung / mehrerer Wissenschaften / sehr beschleunigt."


Ja, Stalin war in Personalunion Sprachwissenschaftler, Philosoph, Musiktheoretiker, Filmsachverständiger, Obermarxist, Feldherr und nicht zuletzt Genetiker. Er förderte den Scharlatan Lyssenko, der die Vererbung erworbener Eigenschaften versprach, woran, was ich nicht ohne Peinlichkeit mitteile, ich sogar glaubte, bevor mich meine Frau über die Mendelschen Gesetze aufklärte. Insgeheim steckte in Lyssenkos Behauptung die These, den "Sowjetmenschen" mittels entsprechender Erziehung, ergo dem Adressieren von Eigenschaften, vervielfältigen zu können. Eine obskure Art des "Klonens", mittelalterlich und abseits aller Empirie. Dennoch schrieb Brecht seinen Stalin-Song "Die Erziehung der Hirse", doch bekanntermaßen lebte der Mensch nicht von Hirse allein. Was sich späterhin zeigte.


Das Sowjetreich unter Stalin ähnelte Byzanz und hatte auch seine Wurzeln im Byzantismus; der erste russische Zar hatte ja die letzte byzantinische Kaisertochter geheiratet und übernahm damit auch das Zeremoniell, die Machttechnik, die Intrigenwirtschaft. Wurden Stalins Abbilder durch die Straßen getragen, diese neuen Ikonen, wusste wohl kaum einer der Zuschauer dass die Abbilder von Kaisern auf Eselskarren durch Anatolien rollten, damit man des fernen Herrschers, zwecks Verehrung, ansichtig wurde.


Zu Stalins Lebzeiten entging seinen Hervorbringungen keiner. Kein Betrieb, keine Redaktion, wo man nicht zwangsweise wöchentlich mit dem "Kurzen Lehrgang der KPDSU (B)" traktiert wurde. Es waren Märchenstunden, da die zu Kleinkindern degradierten zuzuhören, aber keine kritischen Fragen zu stellen hatten. Ich erinnere mich noch solch einer Feierstunde, während welcher behauptet wurde, jede Nachricht der "imperialistischen Presse" sei eine Zwecklüge. Und ich wagte die Frage, ob dies auch auf Wettermeldungen zutreffe. Von da an habe ich keine Fragen mehr gestellt.


Wie wir von Diktaturen wissen, sind Witze die letzten und einzigen Wahrheitsquellen, und so enthielt auch folgender das ganze Unheil der Stalin-Ära. Auf einer Versammlung mit Stalin als Hauptredner niest ein Irgendjemand in den vorderen Reihen. Stalin erkundigt sich sofort: "Wer hat hier geniest?!" Da sich niemand meldet, winkt der Freund der Völker eine Brigade Geheimpolizisten in den Saal und lässt die in der ersten Reihe Sitzenden liquidieren. Und fragt erneut: "Wer hat hier geniest?!" Schweigen. Auch die in der zweiten Reihe Sitzenden werden erschossen. Erneut die gleiche Frage. Jener mit Schnupfen Geschlagene in der dritten Reihe weiß um sein Ende, nun ist ihm schon alles egal, er erhebt sich: "Ich, Genosse Stalin!" Und Stalin nickt ihm freundlich zu und sagt nur: "Gesundheit!". Für derlei weitererzählte Späße konnte man als Prämie fünfundzwanzig Jahre Workuta bekommen. Auf Kosten der Gesundheit.


Günter Kunert wurde am 6. März 1929 als Sohn eines Kaufmanns in Berlin geboren. Seine Mutter war Jüdin. 1949 schloss er sich der SED an. Entdeckt von Johannes R. Becher, entstand bald ein vielseitiges Werk mit Lyrik, Prosa und Medien-Beiträgen. 1976 gehörte er zu Unterzeichnern des Protestbriefes gegen die Biermann-Ausbürgerung. Aus der SED ausgeschlossen, siedelte Kunert 1979 in die Bundesrepublik über. Heute lebt er in der Nähe von Itzehoe.


 

05.03.03 17:38

15990 Postings, 6877 Tage NassieDer verdiente Mörder des Volkes

Ein Armer flüstert "Stalin" noch im Sterben
Wenn sich vor Freude rot die Wangen färben: Als Stalin vor 50 Jahren starb, weinte nicht nur die offizielle DDR
von Günter Kunert
 
 
Noch vor Jahren habe ich mir manchmal den bösen Scherz erlaubt, indem ich erklärte, Stalin sei mir zu Ehren einen Tag vor meinem Geburtstag, dem 6. März, ins Nichts entrückt worden. Dabei wusste ich nur zu gut, dass ich ohne den "verdienten Mörder des Volkes", wie ihn Brecht zu apostrophieren pflegte, selber das Kriegsende kaum überlebt hätte. So ambivalent kann personalisierte Geschichte sein. Auch meine jüdische Mutter war, wenn schon nicht von der allumfassenden Güte des weisen Führers des Weltproletariats überzeugt, doch ebenso dankbar dafür, dass die Rote Armee im Mai 1945 rechtzeitig vor unserer Berliner Haustür auftauchte.


Während auf dem Roten Platz in Moskau 1953 Tränen flossen und Hysteriker einender zu Tode trampelten, war meine Mutter pikiert darüber, dass wir nicht - wie die meisten Leute - eine Fahne mit Trauerflor ins Fenster gehängt hatten. Derlei Bekundungen schienen meiner Frau unpassend; sie war politisch aufgeklärter als ich, doch auch weniger gefährdet gewesen. Also: keine Fahne.


Wie war das damals gewesen? Hielten nicht junge Pioniere mit Kleinkalibergewehren am Stalin-Denkmal in "seiner", der Moskauer Gorki-Straße nachempfundenen Allee Ehrenwache? Von allgemeiner Trauer war wenig zu spüren, und wahrscheinlich waren die einzig mit recht Betrübten jene dilettantischen Maler, welche am laufenden Band das Porträt des Pfeife schmauchenden Kremlherren gepinselt hatten, der bekanntermaßen nie schlief, denn ein dürftiges Gedicht, seinerzeit tausendfach gedruckt, behauptete, selbst wenn alles schlummerte, brannte im Kreml noch Licht.


Überhaupt die Literaten! Noch 1954 erschien im Ostberliner Aufbau Verlag eine Anthologie "Du Welt im Licht", gewidmet dem roten Zaren, dem gegenüber der weiße ein wahrhafter Menschfreund gewesen sein muss. Diese Anthologie, wie ich gestehe, hat uns viele heitere Abende beschert, da wir uns die mehr oder minder gereimten Unsäglichkeiten mit verteilten Rollen vorlasen. Kein berühmter Autorenname fehlte. Von Hermlin über Erich Arendt, von Heinrich Mann bis Arnold Zweig, von Franz Fühmann bis Anna Seghers, von Erwin Strittmatter bis Lion Feuchtwanger hatten alle ihr dürftiges Scherflein beigetragen und unwiderleglich bewiesen, wie schlecht man schreibt, wenn man zur Lüge animiert oder verpflichtet wird.


Einige Perlen möchte ich dem geneigten Leser nicht vorenthalten. Wobei der Psychologe hinter mancher Formulierung die Wahrheit zu ahnen vermag. Da dichtete beispielsweise Johannes R. Becher: "Wenn sich vor Freude rot die Wangen färben, / Dankt man dir, Stalin, und sagt nichts als "Du"! / Ein Armer flüstert "Stalin" noch im Sterben / Und Stalins Hand drückt ihm die Augen zu." Oh ja, das Unterbewusstsein ruht und rastet nimmer.


Und Erich Arendt steht in einer endlosen Ode etwas komisch-schnell zu Verstehendes: "Und unsere Frauen / mit roten Fahnen / an der Bordwand unten stehend / mit ihren Röcken wischten / sie die Augen trocken." Senken wir vor solchem Einblick schamhaft die Augen.


Oder Rudolf Leonhard: "Dieser Mann / hat mit wenigen klaren Sätzen /die Entwicklung / mehrerer Wissenschaften / sehr beschleunigt."


Ja, Stalin war in Personalunion Sprachwissenschaftler, Philosoph, Musiktheoretiker, Filmsachverständiger, Obermarxist, Feldherr und nicht zuletzt Genetiker. Er förderte den Scharlatan Lyssenko, der die Vererbung erworbener Eigenschaften versprach, woran, was ich nicht ohne Peinlichkeit mitteile, ich sogar glaubte, bevor mich meine Frau über die Mendelschen Gesetze aufklärte. Insgeheim steckte in Lyssenkos Behauptung die These, den "Sowjetmenschen" mittels entsprechender Erziehung, ergo dem Adressieren von Eigenschaften, vervielfältigen zu können. Eine obskure Art des "Klonens", mittelalterlich und abseits aller Empirie. Dennoch schrieb Brecht seinen Stalin-Song "Die Erziehung der Hirse", doch bekanntermaßen lebte der Mensch nicht von Hirse allein. Was sich späterhin zeigte.


Das Sowjetreich unter Stalin ähnelte Byzanz und hatte auch seine Wurzeln im Byzantismus; der erste russische Zar hatte ja die letzte byzantinische Kaisertochter geheiratet und übernahm damit auch das Zeremoniell, die Machttechnik, die Intrigenwirtschaft. Wurden Stalins Abbilder durch die Straßen getragen, diese neuen Ikonen, wusste wohl kaum einer der Zuschauer dass die Abbilder von Kaisern auf Eselskarren durch Anatolien rollten, damit man des fernen Herrschers, zwecks Verehrung, ansichtig wurde.


Zu Stalins Lebzeiten entging seinen Hervorbringungen keiner. Kein Betrieb, keine Redaktion, wo man nicht zwangsweise wöchentlich mit dem "Kurzen Lehrgang der KPDSU (B)" traktiert wurde. Es waren Märchenstunden, da die zu Kleinkindern degradierten zuzuhören, aber keine kritischen Fragen zu stellen hatten. Ich erinnere mich noch solch einer Feierstunde, während welcher behauptet wurde, jede Nachricht der "imperialistischen Presse" sei eine Zwecklüge. Und ich wagte die Frage, ob dies auch auf Wettermeldungen zutreffe. Von da an habe ich keine Fragen mehr gestellt.


Wie wir von Diktaturen wissen, sind Witze die letzten und einzigen Wahrheitsquellen, und so enthielt auch folgender das ganze Unheil der Stalin-Ära. Auf einer Versammlung mit Stalin als Hauptredner niest ein Irgendjemand in den vorderen Reihen. Stalin erkundigt sich sofort: "Wer hat hier geniest?!" Da sich niemand meldet, winkt der Freund der Völker eine Brigade Geheimpolizisten in den Saal und lässt die in der ersten Reihe Sitzenden liquidieren. Und fragt erneut: "Wer hat hier geniest?!" Schweigen. Auch die in der zweiten Reihe Sitzenden werden erschossen. Erneut die gleiche Frage. Jener mit Schnupfen Geschlagene in der dritten Reihe weiß um sein Ende, nun ist ihm schon alles egal, er erhebt sich: "Ich, Genosse Stalin!" Und Stalin nickt ihm freundlich zu und sagt nur: "Gesundheit!". Für derlei weitererzählte Späße konnte man als Prämie fünfundzwanzig Jahre Workuta bekommen. Auf Kosten der Gesundheit.


Günter Kunert wurde am 6. März 1929 als Sohn eines Kaufmanns in Berlin geboren. Seine Mutter war Jüdin. 1949 schloss er sich der SED an. Entdeckt von Johannes R. Becher, entstand bald ein vielseitiges Werk mit Lyrik, Prosa und Medien-Beiträgen. 1976 gehörte er zu Unterzeichnern des Protestbriefes gegen die Biermann-Ausbürgerung. Aus der SED ausgeschlossen, siedelte Kunert 1979 in die Bundesrepublik über. Heute lebt er in der Nähe von Itzehoe.


 

   Antwort einfügen - nach oben