Wildwest auf den Chefetagen

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eröffnet am: 30.07.08 06:22 von: Börsenonkel Anzahl Beiträge: 2
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30.07.08 06:22

469 Postings, 5060 Tage BörsenonkelWildwest auf den Chefetagen

Hans-Joachim Selenz

Wildwest  auf  der  Chefetage*
          *Titel mit freundlicher Genehmigung des SPIEGEL-Verlages
Erlebnisse eines Managers in Deutschland

Aus Band 1:  Wie Gerhard Schröder Kanzler wurde
 
?High Noon? :   4. Februar 1998:  AR-Sitzung der Preussag AG

?Raus, gehen Sie raus!?

Dr. h.c. Friedel Neuber, Aufsichtsratsvorsitzender der Preussag AG, schnaubte, seine Stimme überschlug sich. Ich machte dennoch erkennbar nicht den Ein-druck, als wenn ich folgen und den Raum verlassen wollte. Das machte ihn sichtlich nervös. Neuber war der mächtigste Mann im Revier. Zwischen Rhein und Ruhr hörte fast alles, was Rang und Namen hatte, auf sein Kommando. Diese Position hatte er sich hart erarbeitet. Als Strippenzieher zwischen Politik und Wirtschaft hatte der Chef der West LB ziemlich viele Personen und Persön-lichkeiten in der Hand. Mit seinem Flugservice hatte er ganze Riegen von Mana-gern und Politikern in der Luft bewegt und auf unterschiedlichste Weise abhängig gemacht. Die Flüge waren nämlich alles andere als korrekt ? und das nicht nur bezüglich der Abrechnung. Bei den einzelnen Flugbewegungen hatte man fast immer exakt eine Stunde mehr bezahlt, als man tatsächlich geflogen war. Üblich sind 0-20 Minuten. Für wen oder was man diese Extra-Stunde gezahlt hatte, war das große Geheimnis zwischen Duisburg und Dortmund. Man nannte den Mann aus Rheinhausen daher ganz offen und mit einem ?ehrenwerten? Unterton den ?Paten?. Minister Clement hatte für die Flüge den Begriff ?Luftnummern? ge-prägt - von den direkt Beteiligten verlegen belächelt. Ich kannte damals die Hintergründe noch nicht und da ich kein schlechtes Gewissen hatte, trat ich in diesem großen, optisch kalten Raum so auf, wie es das Gesetz für einen Vorstand einer deutschen Aktiengesellschaft vorschrieb, bzw. auch heute noch vorschreibt.

Der Raum, das war der große Sitzungssaal der Preussag AG in Hannover. Dezent und zurückhaltend eingerichtet. Weiße Wände, schwarzes Holz, schwarzes Leder und Chrom. Wichtige Menschen saßen in diesem großen Raum. Einige der Herren zählten zur Elite der deutschen Wirtschaft. In diesem Raum wurden Ent-scheidungen über das Wohl und Wehe Tausender Menschen gefällt. Menschen, die in diesem Unternehmen arbeiteten. Hier fielen im wahrsten Sinne des Wortes ?Milliarden-Entscheidungen?. In diesen Raum war ich ohne Erlaubnis und ohne Vorankündigung reingeplatzt. Denn bisher tagte an diesem Tag hier nur der Auf-sichtsrat der Preussag AG. Der Vorstand mit Ausnahme des Vorsitzenden Dr. Frenzel war erst einmal außen vor. Es ging um den Jahresabschluss der Preussag AG und es ging um mich. Ich wollte diesen Jahresabschluss als Vorstand des Konzerns nicht unterschreiben. Die detaillierte Begründung für meine Weigerung wollte ich dem versammelten Aufsichtsrat nicht vorenthalten. Ich war sicher, dass der ?Pate? den Aufsichtsrat falsch informiert hatte. Daher war ich einfach - und gegen alle ungeschriebenen Regeln deutscher Unternehmensetikette - in die illustere Runde reingeschneit. Nun stand ich in der Mitte des großen Raumes und war zu meiner eigenen Überraschung nicht über Gebühr aufgeregt. Von Neuber konnte man das nicht unbedingt sagen. Der ?Pate? war extrem nervös. Puterrot im Gesicht und sichtlich hektisch. Seine Schweißausbrüche erinnerten mich an die Besprechung in seinem Büro in Düsseldorf vor knapp einem Monat mit Gerhard Schröder, als ihm der Kanzler in spe die Pistole auf die Brust gesetzt hatte und der ?Gangster in Nadelstreifen? urplötzlich windelweich geworden war.

Ich suchte zuerst Blickkontakt zu den Aufsichtsräten, die um das riesige offene Tischgeviert saßen. Mit den vielen Akten unter dem Arm stand ich quasi mitten im Aufsichtsrat. Doch keiner der Aufsichtsräte wollte mir in diesem Moment zur Seite stehen. Neuber hatte ganze Arbeit geleistet. Einige der Aufsichtsräte schauten starr an die Decke. Andere in die Runde zu anderen Kopf schüttelnden und Schulter zuckenden Kollegen. Eine unglaublich peinliche Situation.
Entsetzlich peinlich.
Vergleichbares hatte man noch nie erlebt.

Dabei hatte Neuber noch am Morgen in seinem Büro in Hannover mit mir ge-sprochen und hatte mir dabei den Kurs für den heutigen Tag aufgezeigt: ?Entweder Sie unterschreiben, oder Sie fliegen raus. Den Aufsichtsrat habe ich hinter mir.?
Das war klar und eindeutig. Das musste reichen. Es hatte bisher immer gereicht.
Der Rest der honorigen Truppe im großen Sitzungssaal prüfte angestrengt die Unterlagen auf dem Tisch. Kein Blick war einzufangen, alle Kontakte zu mir  abgebrochen. Frau Aufsichtsrätin Kirchhof-Harloff und ihre männlichen Kolle-gen waren erkennbar schwer beschäftigt.

Die Aufsichtsratssitzung der Preussag AG war in einen Skandal gemündet, ei-nen  Skandal, wie ihn ein deutsches Unternehmen bisher noch nicht erlebt hatte:
als Mitglied des Vorstandes des Unternehmens weigerte ich mich tatsächlich standhaft, den Jahresabschluss zu unterschreiben. Mehr noch, ich hatte auch alle Aufsichtsräte davor gewarnt, dies zu tun.
Zweimal war ich in die Aufsichtsratssitzung geplatzt ? allein dies schon ein veri-tabler ?Skandal? in einer deutschen Aktiengesellschaft ? und hatte die versam-melte Runde informiert, bösgläubig gemacht, wie die Juristen sagen. So hatte es mir mein Anwalt geraten und so hatte ich es auch gemacht: Die Bilanz sei gefälscht, hatte ich den Aufsichtsräten gesagt, die durchgeführte Sonderprüfung eine Farce, schlichter Betrug. Es ging bereits damals um ein Betrugsvolumen von 2,5 Milliarden DM, nachzulesen im Protokoll des niedersächsischen Landtages.
Eine Elite deutscher Spitzenmanager, Einkommensmillionäre allesamt und ver-diente Arbeiterführer, leitende Mitarbeiter und Vorstandsfunktionäre der Ge-werkschaften hingen an den Lippen des Paten. Er musste die Situation retten.


In den Ohren der Aufsichtsräte hallten immer noch meine Worte nach. Ich hat-
te sie über schwere Bilanzmanipulationen bei der Not leidenden Tochterfirma
Noell und auch über Hagenuk informiert. Sicher, da gab es Probleme, das war richtig. Das wusste man aus der Novembersitzung. Da hatte Heinz Dürr der be-rühmte Ex-Chef der Deutschen Bahn und Ex-AEG-Vorsitzer mit seinen schnei-digen Fragen an Frenzel und Feuerhake Angst und Schrecken verbreitet. Der Dürr, der traute sich was, sogar gegenüber Frenzel, dem ehemaligen Büroleiter des ?Paten?. Alle hatten ihn dafür bewundert. Man hielt den kessen Mann für ein
?charmantes Schlitzohr?, wie es ?DAS HANDELSBLATT? formulierte.
Ein Mann, der mit knallharter Zielstrebigkeit Weichen nicht nur bei der Bahn stellen konnte. Der Dürr, ein echter schwäbischer Haudegen. So wie der Dürr war, so - in etwa - stellte man sich gemeinhin einen tapferen Schwaben vor. Uner-schrocken und mutig! Heute schwieg das schwäbische Schlitzohr, ganz charmant.

Weiter hatte ich von der Scheinprüfung durch den Wirtschaftsprüfer C&L ge-sprochen. Eine Sonderprüfung der Preussag-Bilanz. Eine Prüfung, die ich am 7. Januar schriftlich gefordert hatte. Eine Prüfung bei der sich der Prüfer selbst geprüft hatte und die daher noch nicht einmal im Ansatz eine Prüfung war.
Eine Prüfung, bei der sich der Prüfer selbst prüfte - das war etwas ganz Neues. Selbst für die im Umgang mit Neuber an so einiges gewöhnten Honoratioren.
Das war nicht sauber. Das war Betrug. Ganz offensichtlicher, ganz ordinärer  Betrug. In einer großen deutschen Firmen, Dax-notiert und renommiert.
Kriminell war das, so ganz der ?Pate?. Aber was sollte man machen?

Neuber hatte sich bestimmt etwas dabei gedacht. Und abgesichert allemal - in alle Richtungen. NRW-Ministerpräsident Rau war schließlich sein Busenfreund.
Und die Genossen in Hannover würden ihre Kungel-Staatsanwaltschaft nie ge-gen ihren eigenen Genossen auffahren. Das System würde funktionieren. Ganz sicher!

Dr. Klaus Liesen, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Volkswagen AG, früher Chef der Ruhrgas AG in Essen, blickte ebenso pikiert in die Runde, wie der Dürr, der heute so schweigsame Schwabe. Beide schüttelten nur stumm den Kopf. Heute stellte Neuber die Weichen und nicht der Dürr.

Dr. Bernd W. Voss, Mitglied des Vorstands der Dresdner Bank AG am Banken-platz Frankfurt verbat sich ausdrücklich jede Nennung seines Namens im Zu-sammenhang mit der Zahlenakrobatik.
Wie hatte ich es auch nur wagen können, seinen Namen in einem Atemzug mit den Manipulationen zu nennen? Was sollte der ?Pate? bloß denken?

Bankerkollege Dr. Jürgen Krumnow war Nachfolger von Deutsche Bank-Chef Dr. Rolf-E. Breuer im Aufsichtsrat der Preussag AG. Er hatte sich bereits in der November-Sitzung, seiner ersten in dieser Runde, gewundert. Eine derartig ?leb-hafte Aufsichtsratssitzung? habe er noch nie erlebt. Ich hatte meinen Kollegen Dr. Frenzel wegen dessen unrichtiger und tendenziöser Aussagen über die Situa-tion im Stahlbereich noch in der Sitzung mit Fakten korrigiert. Eigentlich gehört sich so etwas nicht in einem deutschen Unternehmen.

Dr. Gerold Bezzenberger, Mitglied des Vorstandes der Deutschen Schutzver-einigung für Wertpapierbesitz e.V. in Berlin, war als professionellem Aktionärs-schützer die ganze Situation ganz offensichtlich ebenfalls nur noch peinlich.
Aber was sollte man denn machen? Auch als Aktionärsschützer hatte man nur eine Stimme.
Die Aufsichtsratsvergütung bei der Preussag war wirklich nicht schlecht. Und das für vier bis sechs Auftritte im Jahr. Guter Stundenlohn. Und dann die schö-nen Geschenke. Zu jeder Sitzung schöne Geschenke. Mal gab es ein silbernes Schreibset, mal einen schicken Fotoapparat oder auch mal einen tragbaren Farb-fernseher. Alles ganz dezent verpackt, so dass es nicht auffiel. Kleine Dinge, die man ohne Aufsehen wegtragen konnte. Kleine Geschenke erhalten die Freund-schaft, sagt man. Daher gab es bei der Preussag eben große Geschenke.
Einfach toll und zudem auch noch total steuerfrei.
Herr Bezzenberger und die anderen Millionäre rechneten mit dem Pfennig.
Würde man jetzt den Helden spielen und sich meiner Forderung anschließen, wären die schönen Geschenke weg - definitiv! Auch man selbst wäre weg vom Fenster. Das ließe sich Neuber definitiv nicht gefallen - mit Sicherheit!
Die Wertpapierbesitzer, die Gerold Bezzenberger eigentlich schützen sollte, würden schon nichts merken, sagte er sich und beschloss zu schweigen - wie die anderen. Wenn nämlich die anderen Aufsichtsräte den Wertpapierbesitzern nicht verraten würden, dass sie betrogen wurden - und warum sollten die das tun - würden die Wertpapierbesitzer wirklich nichts merken.

Dr. Dietmar Kuhnt, Chef des Energie-Riesen RWE in Essen, stand derweil vor einem ganz besonders delikaten Problem. Sein Aufsichtsratsvorsitzender war     - natürlich rein zufällig - Dr. h.c. Neuber.
Ob er wisse, worum es in dieser Sitzung gehe, fragte ich ihn auf dem Gang vor dem Sitzungssaal zwischen meinen beiden Auftritten. Kuhnt nickte nur stumm mit dem Kopf und ging weiter. Der Mann machte keinen glücklichen Eindruck.

Dr. Günther Saßmannshausen, bis 1988 selbst Chef der Preussag, hatte bis zu sei-nem frühzeitigen Abgang selbst vergeblich versucht, den ?Augiasstall? der West LB-Tochter auszumisten. Das Geld, das man nun verbrannte, kam aus der staat-lichen Salzgitter AG. Dort war er Chef des Aufsichtsrates gewesen, bis das Milliardenvermögen des Bundes im Jahre 1989 nach Hannover zur Preussag AG transferriert worden war. Heute saß er still und stumm auf seinem Platz.
Er bekam sein Gnadenbrot im Aufsichtsrat. Natürlich kannte er als ehemaliger Konzernchef der Preussag und Aufsichtsratschef der staatlichen Salzgitter AG alle Verträge und damit alle Betrügereien unter dem Aufsichtsratsvorsitz von Neuber im Detail. Die Betrügereien begannen, nachdem 1994 Dr. Frenzel das Ruder von seinem Vorgänger Ernst Pieper übernommen hatte.
Man beließ ihm sogar noch ein Büro mit Sekretärin bei der Preussag. Ein keckes Wort und Neuber hätte ihn gefeuert. Sekretärin futsch, Büro perdue und auch die Aufsichtsratsvergütung im Schornstein. Solche Sitzungen hatten darüber hinaus auch ihren ganz eigenen Unterhaltungswert für einen ausgemusterten Top-Manager wie ihn. Man traf wichtige Leute, konnte weiter Netzwerke spinnen und war einfach dabei. Das alles aufzugeben, nur um saubere Zahlen in der Bilanz zu haben, fiel Dr. Günther Saßmannshausen nun überhaupt nicht ein.

Die andere Seite der bedeutenden Tafelrunde war ebenfalls alarmiert und im höchsten Maße nervös. Arbeitnehmervertreter aller Hierarchiestufen Betriebs-räte, Mitarbeiter und Vorstandsfunktionäre der Gewerkschaften hielten den Atem an. Gerade hatte man den größten Betrugsfall in der Geschichte des Deutschen Gewerkschaftsbundes mit Ach und Krach überstanden. Keiner hatte den Betrug so richtig bemerkt: Millionen waren nicht bei der Hans-Boeckler-Stiftung gelandet, sondern in den Taschen von Gewerkschaftern im Preussag-Aufsichtsrat. Einzelne Metaller hatten sich mehr als eine halbe Million in die Tasche gesteckt. Durch den Betriebsratsvorsitzenden der Preussag war sogar die örtliche SPD in den Spendenschwindel hineingezogen worden. An der Spitze der Hoffnungsträger der Genossen in der Region, Wilhelm Schmidt - heute parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion. Man hatte sogar versucht, den Millionenbetrug mit Spenden an die KZ-Gedenkstätte Drütte zu vertuschen.

Neuber hatte tatsächlich still gehalten und nichts verraten. Wie leicht hätte er über seine bekannten Freunde in den Medien den ganzen Schwindel mit den privat verramschten Aufsichtsratsvergütungen an die große Glocke hängen kön-nen. ?Blattschuss? hieß das bei ihm. Keiner der Arbeitervertreter hätte das über-lebt. Aber Neuber hielt Wort. Dafür musste man ihm einfach dankbar sein, auch als Arbeitnehmervertreter. Neuber hielt wirklich Wort. Ein wahrer ?Pate?.

Ich hatte den Arbeitervertretern in einer Sondersitzung die Manipulationen zu allem Überfluss auch noch erläutert. Die Milliardengräber Noell und Hagenuk und dass durch ?Umrubeln? diese Gräber zugeschaufelt worden waren. Viele kannten die Zusammenhänge zwar längst aus ihren Unternehmen. Aber nun in dieser großen Runde. Was konnte man als Arbeitnehmervertreter denn schon tun?

Und das alles mit dem Betrug im Rücken und mit dem KZ. Als ?korrupte Schweine? hatte man sie im Betrieb bezeichnet, als die eigentlich unglaublichen Nachrichten sich bis an die Hochöfen und die Walzstraßen verbreitet hatten.

?Scheiße?  stand im IG Metall-Protokoll vom 24. März 1997.

Wer konnte die verfahrene Situation retten und vor allem wie? Wie sollte man sich verhalten? Wo blieb die Regie? Alles blickte Hilfe suchend auf Neuber.

Grabesstille breitete sich in dem großen Raum aus. In diese entsetzliche Stille hinein setzte der ?Pate? nach: ?Raus, gehen Sie raus?. Wenn Sie nicht sofort den Raum verlassen, lasse ich Sie mit Gewalt entfernen.?

Danach herrschte wieder Totenstille im großen Sitzungssaal der Preussag AG in Hannover an jenem denkwürdigen 4. Februar 1998. Man hätte ein Stilett auf-springen hören können.
Milliardenbetrug,  Bilanzfälschung, Vertragsbruch, Scheinprüfungen!

Als jüngster in der Riege der Preussag-Vorstände hatte ich die gesamte elitäre Runde in einen Zustand der hochgradigen Panik versetzt.
So etwas hatte es in einem deutschen Unternehmen noch nie gegeben.
So etwas macht man in einem deutschen Unternehmen nicht.
Was denkt der Mann sich eigentlich?

Skandalös!

Hatte nicht der oberste Boss aller Bosse, Dr. h.c. Friedel Neuber, intimster Freund des mächtigen Ministerpräsidenten Johannes Rau aus dem gar nicht so fernen Nordrhein-Westfalen, die Zahlen so gewollt. Er hatte sich - wie gesagt - mit Sicherheit etwas dabei gedacht und abgesichert allemal.

Man hätte ja auf die korrekte Seite gehen können und eine Sonderprüfung durch einen zweiten unabhängigen Wirtschaftsprüfer fordern können, so wie ich sie beantragt hatte. Aber wie sähe das denn aus. So als würde man Neuber nicht trauen. Und wenn ich dann am langen Ende sogar noch recht hätte und das ganze Zahlenwerk wäre falsch? Man stünde auf jeden Fall ganz schön dumm da.

Neuber würde das auch bestimmt nicht gut finden, ganz bestimmt nicht. Er war in diesen Dingen bekanntlich ziemlich nachtragend. Für solche Anwandlungen falsch verstandener Aufsichts- und Ratstätigkeit hätte er ganz sicher überhaupt kein Verständnis gehabt.
Mit der West LB trieb man keine solchen Späße und mit Neuber schon gar nicht. Das kriminelle Potenzial des ?Paten? war bekannt. Die Landesregierung traute Dr. h.c. Friedel Neuber so einiges zu. Ministerpräsident Gerhard Schröder hielt ihn für unangreifbar, da er alle im Sack habe. Da man mich zur Jahres-wende 1997/98 noch brauchte, gab man meiner Familie und mir zur Sicherheit Polizeischutz. Dieser Polizeischutz durch die Landesregierung hatte sich schnell herumgesprochen. Offensichtlich hatte es den anderen Managern im Umfeld des ?Paten? jedoch nicht gerade Mut gemacht, ebenfalls für saubere Zahlen einzu-stehen. Was blieb, war die Gewissheit, dass man für saubere Zahlen im Umfeld von Neuber ganz schön gefährlich lebte.

Besser man hielte sich da zurück. Die anderen machten ja auch nichts. In der Gruppe mit so vielen prominenten Wirtschaftsführern und Gewerkschaftsbossen war man ganz sicher. Das hatte bisher immer geklappt. Was sollte schon pas-sieren? Man hielt mich für zu jung - noch feucht hinter den Ohren.
Man ging schlicht und einfach davon aus, dass ich überhaupt keine Ahnung hätte, von den Abläufen hinter den Kulissen bei der West LB. Ich würde mich totlaufen, dachten die Herrschaften, ganz bestimmt würde ich mich totlaufen  - so oder so. Schon zwei Monate später würde ich das sogar prominent und in aller Öffentlichkeit hören können. So viel stand also schon einmal fest.

Unter dem Strich würde das tolle Ergebnis, das Neuber hatte festlegen lassen, den Aufsichtsräten zusätzlich ein schönes Sümmchen auf die Konten spülen.
Ein fester Teil des Jahresüberschusses wanderte nämlich ganz automatisch in die Taschen der Aufsichtsräte. So wollte es die Satzung der Preussag AG. So war es schon immer gewesen. So war es gut.
Der Wirtschaftsprüfer hatte doch auch mitgemacht. Warum also jetzt dieser Aufstand? C&L hatte alles testiert, zweimal sogar. So konnte man das schließ-lich auch sehen. Und jetzt so etwas. Da kommt so ein unbedarfter Schnösel daher, einer der sich auch schon in den früheren Sitzungen dieses erlauchten Gremiums verdammt viel herausgenommen hatte und probt den Auftand gegen eherne Regeln deutscher Unternehmensführung.

Wenn ich recht behielte, dass war allen klar, gäbe es bei den miesen Zahlen der Problemfirmen nur einen Bruchteil der Summe auf dem Konto, nämlich die mickrige Grundvergütung.

Bei dem Zahlenbrei, den Finanzkollege Feuerhake in den vorherigen Sitzungen stammelnd und hüstelnd vor dem Gremium ausgegossen hatte, konnte man in dem Fall einer wirklichen Sonderprüfung eh nur das Schlimmste befürchten. Allein der Dürr hatte ihm bei seiner schneidigen Attacke am 12. November 97 mehrere hundert Millionen Verluste im Anlagenbau ?aus dem Kreuz geleiert?, wie ein Gewerkschaftler nach der Sitzung bemerkte.

Wenn man in diesem trüben Zahlenbrei rührte, konnte das nur schlimmer wer-den und die schöne Aufsichtsratsvergütung ginge sicher flöten. Wenn Neuber das so wollte - und er wollte es - dann hatte das einfach zu stimmen. Basta!

Wenn das jeder machen würde, ja wenn das Schule machte?
Wehret den Anfängen. Da war man sich einig.

Selenz muss weg - und zwar ganz schnell. Dafür  gab es nur einen Weg: Abberufen, ganz einfach. Die Begründung: ?Objektive Interessengegensätze?.
Da soll mal einer was sagen. Das wollen wir doch mal sehen.
Gemeinsam ziehen wir das durch.

So einig war man sich selten.

Draußen war es kalt, doch drinnen breitete sich unter den versammelten Auf-sichtsräten ein ganz warmes Gefühl aus. Arbeitgeber und Arbeitnehmer rückten ganz eng zusammen. In der gemeinsamen Not fielen alle Klassenschranken.

So war das also mit der Solidarität. In guten wie in schlechten Zeiten.

Seit an Seit..... Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Zustand größter Harmonie.

Deutschland an einem Tag im Februar 1998.

Am Abend dieses Tages verhandelt Gerhard Schröder in Düsseldorf mit Neuber, dem ?Paten?, über den Kauf des Stahlunternehmens. Der Preis: 1.060 Mrd. DM.  
P.S.    Im April 1998 wird im SPIEGEL 18/1998 unter der Überschrift ?Wildwest auf der Chefetage? zu lesen sein, dass sich in dieser Sitzung ?groteske Szenen abspielten?.
?Mit hochrotem Kopf, so zwei Teilnehmer der Sitzung, knallte Selenz Papier-stöße auf den Tisch und wurde laut?. ?Bitte verlassen Sie den Raum?, forderte Aufsichtsratschef Friedel Neuber (West LB). Selenz ging und kam wieder?.

Im Spiegel wird auch stehen, dass ?Selenz seine Vorwürfe gegen die Konzern-leitung zuvor auch schriftlich erhoben hatte. Anfang Januar waren ihm ?Bedenken hinsichtlich der Ordnungsmäßigkeit unseres Jahresabschlusses 1996/97? gekommen.
In einem Brief an Frenzel forderte er das ?Gutachten eines zweiten qualifizierten Wirtschaftsprüfers, also eine Sonderprüfung?.

Am Ende des Artikels wird sogar scheinbar meine Frage beantwortet, die da lautete: ?Wie sauber sind die offiziellen Zahlen??
Die Antwort: ?Die Wirtschaftsprüfer der C&L Deutsche Revision wurden mit der Klärung beauftragt. Sie prüften ?die betreffenden Einzelabschlüsse sowie den Konzernabschluß?, dabei wurden ?keine Rechtsverstöße festgestellt?. Der Aufsichtsrat sei korrekt informiert worden.......?.

Das Wichtigste erfuhr der Spiegel - und damit letztlich der Leser - von seinen Informanten innerhalb der Preussag bei all dem nicht. Nämlich die Tatsache, dass es sich bei C&L nicht etwa um den von mir geforderten ?zweiten qualifizierten Wirtschaftsprüfer" gehandelt hatte, sondern um einen ?Prüfer?, der seine eigene ?Prüfung? nochmals ?geprüft? hatte. Das war zwar praktisch und bombensicher aber auch im höchsten Maße kriminell.

Der Artikel endete schließlich mit der folgenden Passage:
?So wild ging es auf deutschen Chefetagen bisher nicht zu ? zumindest wurde es nicht öffentlich. Für Frenzel ist das ganze ein ?eigentlich unfassbarer Vorgang?.
Kontrahent Selenz bleibt dabei: ?Kein Kommentar?.?

Bei dieser ?Sonderprüfung a´la Neuber? war es durchaus nicht nachteilig, dass der Wirtschaftsprüfer bestechlich war. Beste Voraussetzungen mithin, um am Ende gemeinsam auch noch den Geschäftsbericht zu fälschen.

Die Preussag/TUI-Aktionäre werden seither weiter betrogen.

Die Staatsanwaltschaft in Hannover schweigt, trotz detaillierten Wissens um die Vorgänge und die vorgelegten Dokumente, weil die Beträge, um die es geht ?einfach zu hoch sind?, wie mir ein frustrierter Staatsanwalt sagte. Und es hin-gen einfach zu viele ?Prommis? drin mit exzellenten Beziehungen. ?Pech eben?.

So viel zum Thema Rechtsstaatlichkeit in Teilen der Justiz unseres Landes. Mit dem Internet wird diese Art der selektiven Strafverfolgung erheblich erschwert, da die Belege einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können.

Als Anlage zu diesem Kapitel daher gleich die entsprechende Strafanzeige.  

30.07.08 06:33

9046 Postings, 7364 Tage taosDas ist aber nett vom Spiegel.

Titel mit freundlicher Genehmigung des SPIEGEL-Verlages
Wissen die das auch?
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Taos

Beck muss weg

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