Wer bin ich denn nun

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eröffnet am: 15.12.06 10:42 von: bammie Anzahl Beiträge: 1
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Unser geheimes Leben
Von Oliver Geyer

Wer bin ich denn nun

Erst glauben wir zu wissen, wer wir sind. Dann kommen unsere Freunde und wissen es besser. Kolumnist Oliver Geyer ist kein Esoteriker. Sein wahres Ich sucht er trotzdem von Zeit zu Zeit.

?Erkenne, wer Du im Kern Deines Wesens bist, und dann werde es?, forderte seinerzeit der weise Dichter Pindaros von Theben. ?Würde ich gerne tun, aber meine Freunde machen da nicht mit?, möchte ich ca. 2500 Jahre später entgegnen.

Das Problem ist dies: Ich habe ein bestimmtes Bild davon, was für ein Typ ich bin. In einer Kontaktanzeige würde ich vielleicht schreiben: sportlich, kulturell und politisch interessiert, eher zuverlässig, manchmal auch etwas chaotisch, je nach Tagesform.

Unabhängig davon haben sich meine Freunde und sonstigen Mitmenschen jeweils ihre ganz eigene Meinung über meine Person gezimmert. Und da passt nun so Einiges nicht zusammen. Oft stehen sich die Ansichten sogar diametral gegenüber. Wer aber hat nun Recht? Ich, weil ich mich am besten kenne? So einfach ist das leider nicht.

Ein Beispiel: Mein Kumpel Christoph, den ich schon seit Schulzeiten kenne, hält mich für einen Chaoten, der seine sieben Sachen nicht zusammen halten kann, ständig irgendwelche Schlüssel verliert oder sein Portemonnaie sucht. Mein Freund Markus ist hingegen voll des Lobes ob meines hohen Grades an Alltagsorganisation.

Und ich Idiot lasse diesen widersprüchlichen Meinungen durch einen seltsamen Zwang auch noch die entsprechenden Taten folgen: Verbringe ich Zeit mit Christoph, werde ich mein Schlüsselbund verlieren oder mein Portemonnaie suchen. Bewege ich mich im Dunstkreis von Markus, ist es, als würde eine höhere Macht mich zu einem Ausbund an Strukturiertheit und Selbstdisziplin machen. Manchmal scheint es, als seien meine Freunde im Besitz von Fernbedienungen, mit denen sie mein Verhalten nach Belieben steuern können. Oder handelt es sich um Vodoo?

Vorsichtshalber informiere ich mich auf einem Internet-Portal für schwarze Magie: ?Ein Magier kann nur über solche Personen Macht ausüben, die ihm auch Autorität zuweisen.? Damit hat sich dieser Erklärungsansatz erledigt. Ich schätze die Ansichten meiner Freunde, kann mich manchmal wegschütten vor Lachen, wenn ich mit ihnen zusammen bin und werde wohl mein Leben lang nicht müde, mich mit ihnen in Bars zu treffen und Bier zu trinken. Aber eine ?Autorität? genannt zu werden, steht Leuten wie Helmut Schmidt zu, nicht meinen Kumpels.

Ich suche nach einer pragmatischen Lösung. Anlässlich meines 33. Geburtstags lade ich zu einem Geburtstagsbrunch in unsere Wohnung ein, bei der erstmalig auch Markus und Christoph aufeinander treffen sollen. Dann, so mein Plan, können sich wenigstens diese beiden Freunde schon mal in dem Punkt einigen, ob ich nun gut oder schlecht organisiert bin.

Alles läuft nach Plan: Markus sagt schon zur Begrüßung ?Na Olli, natürlich wieder alles perfekt vorbereitet?. Dann kommt Christoph aus der Küche und sagt mit hämischem Grinsen: ?Typisch Olli, zum Brunch einladen aber keine Kaffeefilter im Hause haben?. Perfekt! Wie erhofft kommen die beiden nun ins Gespräch ? über Frühstücksbuffets in Berlin Prenzlauer Berg. Mist!

Mir dämmert, dass es meinen Freunden ähnlich geht wie mir: Sie schätzen meine Ansichten, werden hoffentlich ihr Leben lang nicht müde, mit mir in Bars Bier zu trinken und sich dabei manchmal wegzuwerfen vor Lachen. Aber mit der Suche nach meinem Wesenskern wollen sie sich nicht belasten. Jeder hat genug mit sich selbst zu tun.

Die Welt dreht sich nun mal nun nicht um mich. Täte sie es, dann würde ich die vielen hundert Menschen, mit denen ich in meinem Leben schon mal in engerem Kontakt stand, zu einem großen Symposium vorladen, dass sie sich endlich mal einigen mögen, was Oliver Geyer denn nun für ein Typ ist.

Andererseits ? wenn ich mir den Verlauf des Symposiums so ausmale, besteht wenig Hoffnung auf ein brauchbares Ergebnis: In einem Plenarsaal wie bei der UN-Vollversammlung würde man sich die Köpfe heiß debattieren bis nach drei Tagen ein Ergebnis zumindest in groben Umrissen greifbar schiene.

Doch dann würde mein ehemaliger Professor für Gesellschaftstheorie von der Freien Universität das Wort ergreifen und alle Klarheiten im Handumdrehen wieder beseitigen: ?Ich möchte mit Niklas Luhmann darauf verweisen, dass Sicherheit der sozialen Selbstdarstellung in der heutigen funktional differenzierten Gesellschaft unabdingbar ist. Wenn es Herrn Geyer nicht gelingt, ein konsistentes Bild von sich selbst zu entwerfen, wird er es eben auch nicht zu sozialer Geltung bringen. Basta.? Hä? Wie jetzt?

Also halte ich mich besser gleich an meine eigene Version von mir selbst: Ich bin ein stiller Beobachter jener seltsamen Wandlungen, zu denen uns Begegnungen mit anderen Menschen führen. Jeder lebt in seiner eigenen Welt. Nur meine ist die Richtige.

Haben Sie sich schon selbst gefunden? Und was sagen Ihre Freunde dazu? Schreiben Sie hier dem Autor. ollibird@freenet.de

Artikel erschienen am 15.12.2006, welt.de




Am Eingang des Orakels von Delphi stand ebenfalls: "Erkenne Dich selbst, Du bist, nichts im Übermaß" Die wahre Größe der Selbsterkenntnis ist tiefgreifender als das was oben beschrieben ist. Wahre Selbsterkenntnis ist das erwachen/erkennen der eigenen Buddhanatur bzw aus abendländischer Sicht die eigene Göttlichkeit :)


greetz bammie  


 

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