Wenn die Perle aus der Krone fällt

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eröffnet am: 15.12.06 13:45 von: kiiwii Anzahl Beiträge: 2
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129861 Postings, 6224 Tage kiiwiiWenn die Perle aus der Krone fällt

Wenn die Perle aus der Krone fällt


Erst Ausleihe, dann Rückgabe: Der Bamberger Domschatz wird zum Spielball der Politik


Ein Machtwort des Landesvaters, gesprochen am vergangenen Montag in einer Kabinettssitzung: "Solche Paradestücke fränkischer Geschichte und fränkischen Selbstbewußtseins sollten in Bamberg präsentiert werden." Bei den Paradestücken handelt es sich um drei Kronen aus dem Bamberger Domschatz, die nach Möglichkeit im kommenden Jahr, wenn das Bistum Bamberg seine 1000-Jahr-Feier begeht, im "fränkischen Rom" ausgestellt werden sollen. Die Betonung liegt auf dem Wort "sollten", denn anders als es derzeit vielfach interpretiert wird, ist die Sache noch längst nicht ausgestanden.


Dafür hat das ohnehin angespannte Verhältnis Frankens zu Altbayern weiter Schaden genommen - ein Familienstreit mit elendig langen historischen Wurzeln, deren Triebe bis zum heutigen Tag die Politik im Freistaat bestimmen. Unlängst, also in der Zeit der Säkularisation, haben sich die Münchner den Bamberger Domschatz unter den Nagel gerissen. So jedenfalls die fränkische Version, die bei jener Ladung von mehr als fünfeinhalbtausend Preziosen, die Kaiser Heinrich II. (973 bis 1024) und seine Frau Kunigunde gesammelt haben, von "Beutekunst" sprechen.


Zwischen 1802 und 1804 kam der Schatz nach München, und dort lagert er seit nunmehr zweihundert Jahren, nur zu einem kleinen Teil ausgestellt in der Schatzkammer der Residenz. Dort zu sehen sind die begehrtesten Stücke, die Reliquienkronen von Heinrich und Kunigunde, sowie eine jüngere Reliquienkrone, genannt Frauenkrone. Allesamt unersetzliche Meisterwerke der Goldschmiedekunst aus der Zeit um das Jahr 1000. Andere Schätze, wie das Perikopenbuch Heinrichs II. und sein Evangeliar liegen in der Bayerischen Staatsbibliothek.


Anders als es den Eindruck macht, hat das Machtwort Edmund Stoibers zunächst nicht mehr als symbolischen Charakter - denn ausrichten kann in dieser Frage die CSU-Regierung höchstens etwas auf dem diplomatischen Parkett. Die Entscheidung, ob die Kronen ausgeliehen werden - und nur darum geht es überhaupt -, liegt bei der Wittelsbacher Landesstiftung. Und diese vertritt an vorderster Stelle Herzog Franz von Bayern. Er wird demnächst Besuch bekommen. Denn der Ministerpräsident hat gleich zwei CSU-Granden beauftragt, den Chef des Hauses Wittelsbach zu bekneten: Finanzmin ister Kurt Faltlhauser (ihm untersteht auch die für viele Kostbarkeiten zuständige Schlösser- und Seenverwaltung) und Wissenschaftsminister Thomas Goppel. Die Herren sollen den Herzog und seine Mitstreiter in der Landesstiftung überzeugen, die begehrten Teile des Bamberger Domschatzes wenigstens leihweise herauszurücken.


Das ist nicht ohne Pikanterie, denn noch vor nicht allzulanger Zeit hatte der aus München stammende Faltlhauser den aus dem fränkischen Erlangen stammenden CSU-Fraktionschef Joachim Hermann in dieser Sache kalt abfahren lassen. Goppel wiederum steht als gebürtiger Unterfranke und sozialisierter Altbayer zwischen den Stühlen. Daß Hermann derzeit in den Medien als Kronprinz Stoibers firmiert, gibt der Konstellation eine weitere fürstliche Note: Die anderen fränkischen Prinzen von Edmund dem Ewigen üben fleißig weiter ihren Spagat. Daheim im Wahlkreis gegen Stoiber und in München für ihn. Nicht zu reden von all jenen Beamten in den Museen und Ministerien, die um die Folgen von Stoibers Machtwort fürchten, offiziell aber nicht gegen ihren obersten Dienstherren Stellung beziehen wollen.


Herzog Franz von Bayern, ein besonnener Mann und bedeutender Kunstsammler obendrein, wird sich die Entscheidung nicht leicht machen. Daß er durchaus Sympathie für die fränkischen Sehnsüchte hat, hat er gezeigt als er vor zwei Jahren das Schwert Heinrichs nach Würzburg ausgeliehen hat; und die Frauenkrone ist den Bambergern für 2007 ohnehin schon versprochen. Der Rest des Schatzes ist nach Meinung maßgeblicher Konservatoren nicht ausleihfähig. Im Gegenteil: Jeder Transportversuch käme einer Beschädigung gleich. Man darf nicht vergessen, daß die Stücke seit tausend Jahren immer wieder in Bewegung waren, zuletzt im Zweiten Weltkrieg ausgelagert werden mußten. Sie sind längst nicht mehr im reisefähigen Alter. Der populistische Vergleich mit Tut-Ench-Amun und Konsorten geht fehl: Die ägyptischen Grabschätze kursieren erst seit wenigen Jahrzehnten in der Welt des Kunsttourismus.


Hinzu kommt ein weiteres Problem. Es gibt in Bamberg keinen adäquaten Ort, um die Schätze sicher zu verwahren; am ehesten käme wohl noch das Diözesanmuseum infrage, aber auch hier mußte in Sicherheitstechnik investiert werden. Ungeklärt auch die Frage von Transport- und Versicherungskosten; die in Bamberg kursierende Summe von 50 000 Euro entstammt eher frommem Wunschdenken. Ob sich überhaupt eine Assekuranz finden ließe, die die unschätzbar wertvollen Stücke versichern würde (und zu welchen Kosten), steht dahin.


Der Fall hat Implikationen, die über solche Fragen weit hinausreichen, denn im Kern geht es nicht nur um einen Leihschein. Seit Jahr und Tag sammelt der Verein "Freunde des Weltkulturerbes Bamberg e.V." Unterschriften, die die Rückgabe der "Beutekunst" fordern. Er ist nicht allein: Der fränkische Bezirkstag unterstützt das Begehren ebenso wie die Oppositionsparteien SPD und Grüne. Bald könnte jede bayerische Stadt, die sich ihres Erbes beraubt sieht, in München vorstellig werden. Das wäre, zuende gedacht, das Ende der Pinakotheken und der Staatsbibliothek, die Aufhebung der Museumsidee. Es ist schon irritierend, daß ausgerechnet die konservative Regierungspartei den Gedanken des Bewahrens im Sinne einer Weitergabe an kommende Generationen, so leichthin aufs Spiel setzt. Ministerpräsident Stoiber hat, womöglich ohne es zu wollen, eine Tür aufgerissen, die im Sinne des von ihm verantwortenden Kulturstaats besser zugeblieben wäre.   HANNES HINTERMEIER


Text: F.A.Z., 15.12.2006, Nr. 292 / Seite 41
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MfG
kiiwii

"Auch wenn alle einer Meinung sind, können alle Unrecht haben" (B.R.)
 

15.12.06 13:52

129861 Postings, 6224 Tage kiiwiiAn den Ursprungsorten der Deutschen

An den Ursprungsorten der Deutschen


Klaus Herbers und Helmut Neuhaus besuchen Schauplätze einer tausendjährigen Geschichte


Das einzige, was am Heiligen Römischen Reich eindeutig erscheint, ist sein Todestag: der 6. August 1806. Kaiser Franz II. beugte sich damals dem Druck von Napoleon, legte die Krone nieder und sah "den Staatskörper" als aufgelöst an. Für die letzten Herrscher war es ohnehin schon längst schwierig geworden, überhaupt noch zu verstehen, was das überlieferte politische Gebilde, dessen Krone sie trugen, eigentlich bedeute. Um 1767/68 hatte Kaiser Joseph II. an seinen jüngeren Bruder Leopold geschrieben, daß das "System des Heiligen Römischen Reiches . . . nur in Büchern" existiere.


Klaus Herbers und Helmut Neuhaus legen eine neue Studie vor, um Licht ins Dunkel zu bringen. Nicht nur durch den Titel ihres Werkes, "Das Heilige Römische Reich. Schauplätze einer tausendjährigen Geschichte", auch durch die Erläuterungen in der "Einführung" verknüpfen sie ihre Arbeit mit jener aktuellen Geschichtswissenschaft, die "nach den ,lieux de mémoire', den Erinnerungsorten", fragt. Bekanntlich hatte Pierre Nora unter diesem Stichwort ein vielbeachtetes Werk über die französische Geschichte herausgegeben. Etienne François und Hagen Schulze folgten diesem Beispiel und publizierten die Sammelbände "Deutsche Erinnerungsorte". Der Begriff des Ortes wurde da wie dort weit gefaßt, erstreckte sich auf Denkmäler, Biographien, künstlerische Werke, Residenzen oder Städte. Herbers und Neuhaus versprechen ihrerseits ein topographisches Konzept: "Um Orte und Räume geht es in diesem Buch."


Erstaunt stellt man fest, daß die Autoren mit dieser Vorgehensweise eigentlich doch nicht viel am Hut haben. Sie legen eine konventionelle Totalgeschichte vor, die in chronologischer Folge die Haupt- und Staatsaktionen der Könige und Kaiser darbietet, dabei die Kriege und Dynastiewechsel, die Verschiebung der Machtzentren und äußeren Grenzen beschreibt. Das innere, geistige Gefüge, das kulturelle Erbe des Heiligen Römischen Reiches wird kaum behandelt. Mögliche ideelle "Erinnerungsorte" oder "Schauplätze" wie frühmittelalterliche Biographien über fürstliche Magnaten, hochmittelalterliche Epen und Dichter, ethische Kategorien, ästhetische Gesichtspunkte, Kirchen und Städte, das verfeinerte Hofleben oder das barocke Musikleben: alle diese Dinge bleiben unterbelichtet. Offensichtlich soll ein traditionelles Geschichtsmodell mit modischen Schlagworten einen modernen Anstrich erhalten.


Wer sich nicht daran stört, daß Untertitel und Einführung mißverständliche Fährten legen, kann durchaus Vorzüge des Werkes kennenlernen. Herbers und Neuhaus gehen weit in die Geschichte zurück, um den schillernden Namen des "Heiligen Römischen Reiches" von seiner Wurzel her verständlich zu machen. Die ersten Kapitel sind am instruktivsten und beginnen mit dem Fränkischen Reich unter Karl dem Großen. Dem Herrscher war es nicht nur gelungen, im östlichen Teil seiner Machtzone die Kerngebiete des späteren Deutschen Reiches zum erstenmal zu vereinen, er brachte es auch fertig, im nachantiken westlichen Europa einen politischen Verband zu schaffen, der sich diesseits und jenseits der Alpen erstreckte und in seiner imperialen Größe ansatzweise an das alte römische Reich erinnerte. Der Papst verbündete sich mit dem fränkischen König, krönte ihn im Jahr 800 in Rom zum Kaiser und gab dem neuen Imperium eine sakrale Würde. Das westliche Europa wuchs zusammen und trat gegenüber dem östlichen Kaiser in Byzanz selbständig auf.


Herbers und Neuhaus verwenden den Begriff des Ortes in seiner gewöhnlichen, begrenzten Bedeutung und erklären Rom, den kaiserlichen Krönungsort, zum ersten bedeutenden Schauplatz des neuen westlichen Imperiums. Sie gehen kaum auf die Stadt selbst ein, kümmern sich nicht recht um den Genius loci, zeigen lediglich ein Bild, auf dem die alte Petersbasilika rekonstruiert ist. Aachen, das Karl der Große nördlich der Alpen zu seiner Hauptresidenz ausbaute, wird als zweiter wichtiger Ort des Reiches genannt, wobei auch dieser "Schauplatz" nicht näher vorgestellt wird. Man erfährt zu wenig von den Ideen einer neuen Kultur, die die Hofgelehrten dem Kaiser vortrugen. Die begleitende schwarzweiße Abbildung wirkt beliebig. Man sieht eine Stadtansicht von Aachen aus dem Jahr 1640.


Obwohl das Reich von Karl dem Großen keinen Bestand hatte, blieb die Vorstellung vom westlichen Kaisertum erhalten. Als seine Enkel im Jahr 843 das fränkische Imperium unter sich aufteilten, wurden gleichzeitig die Weichen für einen Neuanfang des transalpinen Reiches gestellt. Es entstand bei der Teilung unter anderem das Ostfränkische Reich, jenes Machtgebiet, das später die deutschen Kernlande darstellte und bald das Anrecht erwarb, daß seine Könige nun von den Päpsten zum Kaiser gekrönt wurden. Der erste Regent war Ludwig, der in der Forschung später König Ludwig der Deutsche genannt wurde, obwohl von Deutschen im neunten Jahrhundert noch nicht die Rede war.


Ludwig machte Frankfurt am Main zu seiner Hauptresidenz. Der Ort war in der Tat ein natürlicher Mittelpunkt des neuen Ostfränkischen Reiches, doch schon unter den nächsten Herrschern verschoben sich die geographischen Gewichte wieder. König Arnulf zog Regensburg als Lieblingspfalz vor. Offenkundig sollte das frühe Hin und Her der Machtzentren symptomatisch werden für die nachmaligen deutschen Lande, die schwerlich zu einer wahren Mitte fanden. Die frühe Geschichte der Deutschen präsentiert sich unter der Feder von Herbers und Neuhaus als ein Geschehen unaufhörlicher geographischer Machtverschiebungen, doch die Autoren unterlassen es, ihren Befund zu deuten. Sie gehen kaum auf das Problem ein, daß örtliche Traditionslinien hierzulande immer wieder abrissen und die königliche Regentschaft erschwerten.


Als die Karolinger im Ostfränkischen Reich ausstarben und bald mit Heinrich I. ein Sachse die Königswürde errang, stieg Quedlinburg zu einem Hauptort auf. Sein Sohn, Otto I., nahm wieder Bezug auf Karl den Großen, ließ sich im Jahr 936 in Aachen zum König krönen und förderte gleichzeitig den Ausbau von Magdeburg zu einem "zweiten Rom", während er in Rom selbst im Jahr 963 zum Kaiser gekrönt wurde. Von nun an bildete das nordalpine Ostfränkische Reich den Schwerpunkt des Imperiums, zu dem ebenso Italien und kurz nach der Jahrtausendwende auch Burgund gehörten.


Es wird gut dargestellt, wie die unterschiedlichen Reiche auseinander hervorgingen: das Fränkische, das Ostfränkische, das Deutsche und das Heilige Römische Reich. Im elften Jahrhundert wollte es Papst Gregor VII. dem König nördlich der Alpen, Heinrich IV., nicht länger zubilligen, sich in fränkischer Tradition zu sehen und den Kaisertitel zu beanspruchen. Der Papst nannte ihn nicht mehr "König der Ostfranken", sondern "König der Deutschen", der seine Herrschaft gefälligst auf das Gebiet nördlich der Alpen beschränken möge. Das "Ostfränkische Reich" wurde in "Deutsches Reich" umgetauft, das sich selbst aber weiterhin als Kerngebiet des Imperiums verstand. Im zwölften Jahrhundert sprach man am Hof von Kaiser Friedrich Barbarossa vom "Heiligen Römischen Reich", um an der Zusammengehörigkeit von Deutschland, Italien und Burgund keinen Zweifel zu lassen.


Die doppelte Aufgabe der Regenten, Könige der Deutschen und Kaiser des Imperiums zu sein, schuf eine diffuse Situation. Die Könige und Kaiser konnten weder da noch dort eine monarchisch-zentralistische Herrschaft errichten, büßten allmählich ihren Einfluß auf Italien und Burgund ein und mußten nördlich der Alpen ihre Macht mit den Landesfürsten teilen, die ihrerseits eine ständisch-föderale Verfassung des Reiches wünschten. Um 1500 sprach man vom "Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation", weil sich der Geltungsbereich des Kaisers faktisch nur noch auf die deutschen Lande erstreckte. Je mehr sich das Buch dem Ende des Reiches nähert, desto mehr erscheint die deutsche Vergangenheit als eine Verfallsgeschichte. Die Autoren beißen sich an der eingeschränkten Handlungsfähigkeit des Kaisers fest, während in Wahrheit viele Territorialstaaten eine bemerkenswerte kulturelle Blüte entfalteten.


Herbers und Neuhaus machen mit regelrecht detektivischer Verve alle Orte ausfindig, die für die Könige und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches von Bedeutung waren. Doch hätte man gerne genauere Auskunft darüber erhalten, wo die Schauplätze des Gelingens und wo die Schauplätze des Scheiterns im Heiligen Römischen Reich lagen.   ERWIN SEITZ


Klaus Herbers und Helmut Neuhaus: "Das Heilige Römische Reich". Schauplätze einer tausendjährigen Geschichte (843-1806).


Text: F.A.Z., 15.12.2006, Nr. 292 / Seite 45


MfG
kiiwii

"Auch wenn alle einer Meinung sind, können alle Unrecht haben" (B.R.)
 

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