Wenn dich nachts um drei die Dämonen wecken

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neuester Beitrag: 07.07.04 19:06
eröffnet am: 07.07.04 17:30 von: vega2000 Anzahl Beiträge: 9
neuester Beitrag: 07.07.04 19:06 von: milkman Leser gesamt: 462
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07.07.04 17:30

Clubmitglied, 45382 Postings, 7439 Tage vega2000Wenn dich nachts um drei die Dämonen wecken

Dämonen nachts um drei
DAS SCHLAGLOCH VON MICHAEL RUTSCHKY
Gewerkschaften und Sozialverbände äußerten unterdessen heftige Kritik an der [] Arbeitsmarktreform. Die Zahl der Armen in Deutschland werde durch die zum 1. Januar 2005 geplante Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe von 2,8 auf 4,5 steigen, sagte der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Werner Hesse. Nach Ansicht der nationalen Armutskonferenz [] wird sich die Zahl der Minderjährigen, die von Sozialhilfe leben müssen, auf 1,5 Millionen verdreifachen.
Süddeutsche Zeitung, 5. 7. 2004.



Das Arbeitslosengeld sinkt also auf das Niveau der Sozialhilfe, und die Armut in Deutschland nimmt drastisch zu. Demnächst werden die Renten besteuert, der Staat holt sich Geld bei den Schwachen. Dabei spart die öffentliche Hand, wo sie kann, aber es ist immer noch zu wenig. Bald macht der Staat Bankrott.

Was solche Meldungen - die täglich kommen - auslösen, sind schwere Sorgen und Befürchtungen. Berechtigt, möchte man sofort meinen, ja vernünftig, eine rationale Zukunftsangst, die womöglich zu Vorsorgemaßnahmen führt. Lebensversicherungen; Nachfragen, wie sicher der eigene Arbeitsplatz ist, Ausschau nach anderen Arbeitsplätzen; Fortbildung. Womöglich fände sich eine Mehrheit für Arbeitszeitverlängerung bei gleichzeitigem Lohnverzicht - hie und da redet jemand vom Auswandern.

Aber Angst ist niemals bloß vernünftig auf Drohungen bezogen, die aus der Realität kommen. Das kann man im Augenblick schön an einer Angst beobachten, die völlig fehlt, obwohl realistische Einschätzungen sie geradezu fordern. Ein Flugzeug stürzt in den Kölner Dom, und gleichzeitig werden in drei Intercityzügen Bomben gezündet, die in Frankfurt am Main, Hamburg und München den Bahnhof in die Luft sprengen und viele Tote und Verletzte zurücklassen. Auch Deutschland, werden die Zeitungen ahnungsvoll resümieren, ist vor islamistischem Terror nicht geschützt

Nein, davor hat im Augenblick niemand so richtig Angst; obwohl man vernünftige Gründe dafür anführen könnte. Stattdessen herrscht wieder einmal diese Angst vor Schwund und Verlust und Verarmung, die sich vor allem an statistischen Rechnungen festmacht. Gut kennen wir diese Angst aus der Zeit, als die Energieversorgung des Planeten im Zentrum der Befürchtungen stand. Die industrialisierte Gesellschaft, wusste jeder Zeitungsleser, ganz gleich welcher Arbeit er nachging, die moderne Welt vernutzt ihre eigenen Grundlagen in der Natur, und bald schaut die Erde aus wie der Mars: eine leere Wüste.

In dieser Gestalt ist die Angst vor Verlust und Schwund und Verarmung im Augenblick ein wenig in den Hintergrund getreten. Jetzt dominiert die Angst um den Wohlstand und seine Verteilung. Jeder Bettler, dem man in der U-Bahn einen Euro gibt (oder verweigert), scheint zu mahnen: Das bist du. Wenn die sozialen Sicherungssysteme, weiß jeder Zeitungsleser, weiter abgebaut werden; wenn die Wirtschaftsflaute anhält und weitere Arbeitslose generiert, dann bist irgendwann unweigerlich auch du dran.

Dabei nährt sich diese Angst aus einem - wie soll man sagen - Folklore gewordenen Marxismus. Während die (vielen) Armen, weiß jeder Zeitungsleser, immer ärmer werden, wächst der Wohlstand der (wenigen) Reichen unablässig. Die Überzeugungskraft dieses Schemas ist unmittelbar zu verspüren. Man glaubt es auf Anhieb, diesseits aller Statistik.

Anders als bei der Angst um die Energieressourcen, die von der Menschheit unwiederbringlich verschwendet werden, ist der ökonomische Reichtum noch da. Er ist bloß woanders, gleichsam ins Verborgene verbracht, wo ihn eine bösartige Macht hütet und mehrt, eine Macht, auf die niemand Einfluss hat oder Einfluss nehmen will. Dass wir hier mit einer halbwegs realistischen Widerspiegelung der kapitalistischen Verhältnisse befasst seien, das soll sich niemand vormachen. Mir hat mal ein Gartenarbeiter, während er beklagte, dass eine nahe Parkanlage infolge von Sparmaßnahmen so verwahrlose, höhnisch die Goldkettchen und Fingerringe vor Augen geführt, die zur selben Zeit die städtischen Angestellten im Rathaus immer noch tragen. Sie sind es also, die mittels der Sparmaßnahmen den öffentlichen Reichtum an sich bringen; wenn sie ihre Schmucksachen verkauften und mit dem Erlös die Gartenarbeit finanzierten, sähe die Parkanlage nahebei wieder picobello aus.

Nein, hier liegen offensichtlich keine volkswirtschaftlichen Kenntnisse zugrunde. Diese Verarmungsangst verwendet mythische und Märchenmotive; diese verleihen der Statistik die Überzeugungskraft.

Äußerst schwer zu entscheiden, ob diese Motive Schaden oder Nutzen bewirken. Gewiss eröffnen sie keine unmittelbaren Handlungsmöglichkeiten, wie schon das Beispiel der städtischen Angestellten und ihrer Schmucksachen lehrt. Auch denkt niemand, dass der Bettler in der U-Bahn, wenn man ihm die Hälfte des Einkommens abträte, dann ein geordnetes Leben führen würde. Dass halt die Reichen durch einen guten König gezwungen werden müssten, ihren Reichtum mit den Armen zu teilen, sodass die Armut in Deutschland statt von 1,8 auf 4,5 zu steigen (was immer das heißt) auf 0 sinke in diesem reichen Land - wer das wünscht, muss sofort erkennen, dass er in einem Märchen befangen ist. Was es erwirkt, dieses Märchen, das ist ein klares Bild des Geschehens, auch wenn es vollkommen in die Irre führt, und diese Klarheit muss große Vorteile bringen. Eine Erklärung ist einfach besser als keine Erklärung.

Vielleicht muss man sich die Angst vor Schwund und Verlust und Verarmung als selbstständige Größe vorstellen, als Phantasma, das sich an der Wirtschaftsflaute ebenso festmachen kann wie an den Energiereserven. Vielleicht muss man sich weiter umschauen, welche Gestalten die Verarmungsangst noch alle annehmen kann. Eine Gestalt, die fürchterliches Unheil angerichtet hat, ist für uns ja vollkommen abgestorben: dass die Deutschen über zu wenig Lebensraum verfügen und deshalb im Osten welchen erobern müssen. Dagegen war eben gerade die Angst hoch aktuell, dass die Deutschen, weil sie sich nur so spärlich vermehren, ihren Lebensraum immer dünner bevölkern und irgendwann aussterben werden - gewiss eine weitere Variante der Verarmungsangst. Der bekannte Frankfurter Mitherausgeber verlieh ihr erfolgreich Ausdruck und ließ uns zugleich eine weitere Variante erkennen: Auch die Angst vor dem Älterwerden mag sich so äußern.

In der Selbstbeobachtung erkennt man sie am leichtesten bei Anfällen von Depression. Niemand ruft mehr an, alle Freunde ziehen sich zurück; der Briefkasten enthält nur Rechnungen und Werbematerial. Die Einkünfte werden zwar diesen Monat noch die Kosten decken, aber ab dem nächsten stehst du vor dem Nichts.

Wenn dich nachts um drei die Dämonen wecken, flüstern sie ja mit zäher Vorliebe solche Gedanken an dich hin. Und jeder Einspruch dagegen ist sinnlos; die Dämonen sagen schlicht und einfach die Wahrheit. Aber am anderen Morgen, wenn die Depression verflogen ist, scheint auch die Angst vor Verarmung wie nie da gewesen, obwohl sich an deiner Lage gar nichts geändert hat.

taz  

07.07.04 17:35
1

16575 Postings, 6768 Tage MadChartWenn dich nachts um drei die Dämonen wecken

hast Du zuwenig Bier getrunken


*g*  

07.07.04 17:39

12570 Postings, 6253 Tage EichiIm 1. Absatz bereits falsch

Das Arbeitslosengeld sinkt  n i c h t  auf das Niveau der Sozialhilfe!

Sondern die Arbeitslosenhilfe!

Ob die Armut dadurch tatsächlich zunimmt ist ungeklärt. Es gibt ALH-Hilfe-Empfänger, die erhalten durch das neue ALG II mehr Einkommen.

Außerdem soll die Faulenzerei aufhören und die Wirtschaft angekurpelt werden. Wenn es der Wirtschaft gut geht dann geht es auch dem Staat und seine Wohlfahrt gut.

Die Jammerei kotzt mich langsam an.

Jeder Job ist zumutbar so das Programm. Ein Arzt oder Studierter soll auch Saubermacherarbeiten erledigen. Darüber wird heftig diskutiert, ob sich einer solcher die Finger schmutzig machen darf.

E s   i s t   n i c h t   z u m   A u s h a l t e n   ! ! !  

07.07.04 17:53

33760 Postings, 7450 Tage DarkKnightDas Schöne in dieser Republiki ist

einfach die blasse Erkenntnis, daß es sowas wie Unendlichkeit gibt.

Und ich rede hier nicht vom Kosmos, sondern von der Dummheit der Menschen.

Also folgendes:

Nachdem seit Jahren, auch dank der Bildzeitung, das Märchen verbreitet wird, daß man als Arbeitloser ein schönes Leben auf Staatskosten hat, hat man schon die Voraussetzungen dafür geschaffen, den künftigen Staatsfeind Nr. 1 identifizieren zu können. Es ist aber komischerweise nicht der Lehrer, der drei Monate im Jahr Urlaub hat und zwei Monate krank ist wegen Überarbeitung. Es ist komischerweise auch nicht der Beamte, der da sein muß, weil die Politik Gesetze in die Welt gesetzt hat, die keiner braucht, aber überwacht werden müssen. Es ist komischerweise auch nicht der Facharbeiter, der sich laufend weiterbildet, um am Ende als unbezahlbar abtreten zu dürfen.

Nein, es ist der Arbeitlose. Also das Wesen, das

- kein Geld bekommt
- sich mit diesem nicht existierenden Geld 100 mal im Monat bewerben muß
- Ablehnungsbescheide bekommt, weil man irgendwann mal das Kreuz an der falschen stelle gemacht hat

und

- der so wie ich, viel viel Geld in die AL einbezahlt hat und dann, wenn es darauf ankommt, einfach nichts kriegt. Sei es durch Formmängel oder interne Anweisungen.


Damit schließt sich der Kreis zu einem durch und durch korrupten Abzockerparteienstaat: ich bezahle AL, Altersversorgung, Krankenversicherung und Müllgebühren. Und wo ich hinsehe, heißt es nur: draufzahlen, selber bezahlen.

Hey Staat, wo ist das Geld, das ich über 20 Jahre einbezahlt habe??

Warum haben wir in unserer Wohnsiedlung nur noch einen Mülleimer statt drei, und ich bezahle das doppelte, um dafür meinen Trenn-Müll irgendwo in Wertstoffhöfen entsorgen zu "dürfen", wo natürlich auch wieder Angestellte des ÖD arbeiten, was es mir unmöglich macht, diese Öffnungszeiten einzuhalten.


Deshalb, lieber Staat, mache ich das, was viele andere (vor allem Selbständige) auch machen: ich stelle meinen Müll in die grüne Wiese, vor das Rathaus oder sonstwohin, wo es weh tut.

Und wenn das alle machen würden, wäre es echt eine knallharte Aussage, eine Revolution von unten.

Und, um es zu wiederholen: warum muß ich dafür bezahlen, KEINE LEISTUNG zu erhalten?  

07.07.04 17:54

1148 Postings, 6700 Tage Desaster_MasterWachstumsraten von 20% sind möglich!

Und zwar dann, wenn 90% der Ariva-User Nachhilfekurse in deutscher Rechtschreibung und Grammatik besuchen würden. Diese Institute könnten die Nachfrage kaum befriedigen....  

07.07.04 18:01

33760 Postings, 7450 Tage DarkKnight@Desaster Master: Dein Name sei Programm.

Wenn es in der Volkshochschule (und ich liebe die VHS, nur dort kann man noch nüchterne 18-jährige kennenlernen) die Wahl gäbe zwischen den Kursen

- Rechtschreibung

- klar Denken und Weitsicht üben

was meinst Du, was ich gewählt hätte?

Egal, ich weiß, was Du gewählt hast.

Danke dafür, daß Du zumindest eine Idee hattest, um das verrehagelte Dtld zu retten. Danke.  

07.07.04 18:32
Ich kann mir aber kaum vorstellen, dass 18-jährige unbekiffte und nicht im Zustand des Vollrauschs befindliche Mädchen Dich länger als 30 Sekunden aushalten.
Im übrigen können solide Grammatik- und Rechtschreibkenntnisse durchaus helfen, klar zu denken und diese Resultate auch auf Papier zu bringen.  

07.07.04 18:42

13451 Postings, 7425 Tage daxbunnydie Aussagen von Posting 4

predige ich schon lange!! Man hat Jahrzehnte einbezahlt, wenn man den Sozialstaat dann nach 20 - 30 Jahren einmal benötigt, wird man ANGESCHISSEN !!
Dumm gelaufen heist es da nur, warum bist du noch nicht früher arbeitslos geworden/ gewesen??
Jetzt verkaufe erst einmal dein Haus oder deine Wohnung und halte dich mit dem Erlös und deinen Ersparnissen über Wasser. Erst wenn dein sauer erspartes Geld weg ist, kannst du daran denken auf dem Amt zu erscheinen und AL-Geld/ -Hilfe zu beantragen.
Da lohnt es sich doch zu arbeiten und sich fortzubilden - oder nicht??
'Gerechtigkeit?? Gerechte Verteilung in der BRD??
Grüße DB  

07.07.04 19:06

230 Postings, 7389 Tage milkman@DK der AL der sich mtl. 100 mal bewerben muß ????

so einen Mist nimmt dir doch nicht einmal ein Arbeitsloser ab. Vielleicht sollte man tatsächlich die Höhes des Arbeitslosengeldes anhand der Anzahl der Bewerbungen bemessen. Da würden sehr sehr viele aber leer ausgehen.

Außerdem können mich mal alle Kreuzweise mit unseren armen Langzeitarbeitslosen - ich als Selbständiger habe ständig mit irgendwelchen Idioten von irgendwelchen noch idiotischeren Ämtern zu tun. Auflagen, Erklärungen und Strafandrohungen noch bevor man überhaupt etwas gemacht hat. Meinem Geld muß ich nachrennen und vor dem Finanzamt (aufwendig!) jeden Cent belegen, und, und, und.

Unsere Langzeitarbeitslosen werden so sanft behandelt, dass die es sich tatsächlich leisten können mir am 1.Montag des Monats (natürlich morgens um 5Uhr) zu sagen: och nö diese Woche kann ich nicht - und ich weiß genau warum - da ist nämlich das Geld vom AA oder SOZI gekommen. (natürlich Geringverdiener bei mir, denn Schwarzgeld gibt es in den unteren Selbständigenetagen nicht)

Solange die Langzeitarbeitslosen als sozialpädagogischer Hilfsfall behandelt werden, kommen die nie aus dem Knick.

Und solange die Selbständigen als die Arschlöcher der Nation behandelt werden, wird das Geld in anderen Ländern verdient aber nicht in Deutschland.

Also wenn schon Sozi oder Arbeitslosengeld (ich spreche immer von Langzeitarbeitslosen)dann gefälligst das es weh tut. Wöchentliches Stempelgeld - ohne Stempel vom Arbeitsamt kein Geld. Aber nur wenn man nachweisen kann das man den angebotenen Putz- oder Maschinenjob nicht annehmen kann.

Damit mich keiner falsch versteht, alleinstehende Mütter und kranke (soziale Randgruppen)- für die solche Sozialgelder mal geschaffen wurden - natürlich ausgenommen.

Und nur mal so zu den unzumubaren Jobs weil überqualifiziert - ich habe selber Ingenieure gesehen die als kleiner Maschinenführer arbeiten - allerdings kamen die aus der Ukraine und sind froh überhaupt Geld zu verdienen und nicht wie im ehemaligem Russland mit Kartoffeln bezahlt zu werden. UND DAS IST TATSACHE

 

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