Weltmacht USA: Ein Nachruf

Seite 1 von 1
neuester Beitrag: 28.04.03 07:16
eröffnet am: 14.04.03 22:49 von: Happy End Anzahl Beiträge: 19
neuester Beitrag: 28.04.03 07:16 von: Happy End Leser gesamt: 1791
davon Heute: 1
bewertet mit 2 Sternen

14.04.03 22:49
2

95440 Postings, 7087 Tage Happy EndWeltmacht USA: Ein Nachruf

Allenthalben hört man von der unendlichen Überlegenheit der USA, von ihrer ökonomischen Übermacht, ihrer waffentechnischen Einzigartigkeit, ihren unendlichen Ressourcen. An einem beliebigen TV-Abend hört man dieses Mantra mindestens ein dutzendmal, teilweise drei- viermal kurz hintereinander. Im scharfen Kontrast zur angeblichen Allmacht der USA stand das Vorspiel zum Irak-Krieg im UN-Sicherheitsrat: Die USA und Großbritannien standen allein. Mexiko, Chile und Deutschland sagten nein, selbst politische und wirtschaftliche Zwerge wie Angola muckten auf und zum Schluss verweigerte gar die Türkei die Gefolgschaft. Und auch jetzt geht das Gezerre in der UNO munter weiter. Zwei Fragen drängen sich auf: Sind die USA wirklich so mächtig? Braucht die Welt diese Macht überhaupt?

Emmanuell Todd, französischer Demograf und Historiker, der in einer Studie schon 1976 den Untergang der Sowjetunion vorhergesehen hat, beantwortet in seinem Essay "Weltmacht USA. Ein Nachruf", beide Fragen mit einem klaren Nein. Das Buch wurde bisher schon in 11 Sprachen übersetzt und hat eine lebhafte Debatte ausgelöst. Unter anderem auf der webpage der schweizer Wochenzeitung WOZ.

Die globale Schwäche der USA

Das Buch steht in einer Reihe verschiedener Theoretiker, für die die USA sich eher im Niedergang als im Aufstieg befinden. Erinnert sei an einige Stimmen aus den letzten Zeit (s. a. Defense Strategy Review):

  • Immanuel Wallerstein, einer der führenden Historiker an der Yale-Universität, schrieb in der Zeitschrift Foreign Policy einen langen Aufsatz The Eagle Has Crash Landed unter der Frage: "Werden die Vereinigten Staaten lernen, ruhig zu verblassen, oder wird der Widerstand der Konservativen den langsamen Niedergang in einen raschen und gefährlichen (für die ganze Welt gefährlichen) Fall verwandeln?"

  • Anatol Lieven von der Carnegie-Stiftung beschreibt das Dilemma eines amerikanischen Imperiums: Er ist entweder zu teuer, oder es funktioniert nicht.

  • Charles Kupchan, Professor an der Georgetown University stellt die Frage nach dem  Ende des Westens und dem Beginn einer Entfremdung zwischen Europa und den USA mit ungewissen Ausgang für die USA.

  • Martin Walker, Fellow am World Policy Institute, spricht von Amerikas virtuellem Imperium aus Microsoft und Coca Cola, und warnt vor dem Bestreben nach einem realen Imperium, das dann ebenso verwundbar wird, wie alle Imperien die in der Geschichte schon untergegangen sind.

  • Michael Hardt warnt die globalen Eliten, dass der US-Imperialismus nicht in ihren Interesse ist, da er dem alten und stets gescheitertem hybriden Glauben eines jedem Imperialismus folgt, er könne die Welt nach seinem Bilde formen.

Todd sieht in dem martialischen Auftreten der USA auf der Weltbühne den Versuch die eigene Schwäche zu überspielen und sich unentbehrlich zu machen. Tatsächlich brauche die Welt die USA nicht als Weltmacht, auch nicht im Kampf gegen den Terrorismus. Dieser werde sich ganz von selbst erledigen, meint Todd.

Der weltweite Sieg der Demokratie

Für Todd befindet sich die Welt auf einem eigentlich guten Wege. Es gibt einen gewaltigen kulturellen Fortschritt, der alle Länder, auch und gerade die ärmsten, erreicht hat, die anhaltende Alphabetisierung und die Geburtenkontrolle. Im gleichen Maße, wie die Alphabetisierungsquote weltweit gestiegen ist, ist die Geburtenrate weltweit gesunken.

Beide Tendenzen zusammen bewirken eine kulturelle Revolution, die die Menschen aus ihren traditionellen Verwurzelungen heraus- und sie hineinreißt in eine Übergangskrise aus Orientierungslosigkeit und Leid sowie Aufbruch und Hoffnung. Diese Übergangskrise ist nicht sehr verschieden von der Krise, die wir in Europa vor 200, 300 Jahren durchlebt haben. An Ende dieser Übergangskrise, die in den islamischen Ländern den Terrorismus hervorgebracht hat, wird ebenso wie in der europäischen Vergangenheit eine Stabilisierung und eine Demokratisierung eintreten, in welcher Form auch immer. Der Terrorismus ist ein vorübergehendes Phänomen, das in nächster Zukunft von selber verschwinden wird, ganz ohne jegliche Intervention von außen. Die Welt befindet sich unaufhaltsam auf dem Weg zu Demokratie und Liberalität. Todd fügt mit diesen Überlegungen demografisches Fleisch an die dürren, spekulativen Thesen Francis Fukuyamas .

Für die USA bedeutet dieser Prozess der Demokratisierung der Welt eine ernsthafte Bedrohung: Sie wird als Weltpolizist überflüssig.

Verlust der Hightech-Überlegenheit

Zu diesem Funktionsverlust kommt nach Todd noch eine weitere Kränkung hinzu: Die USA befinden sich wirtschaftlich in einer Situation zunehmender Schwäche. Todd begründet dies mit dem schon vielfach diskutiertem Fakt des immensen Außenhandelsdefizits. Dieses Defizit wird in der deutschen linken Debatte gerne als Menetekel des bald bevorstehenden endgültigen Zusammenbruchs des Kapitalismus angesehen, Todd interpretiert es jedoch auf eine neue und theoretisch interessante Weise.

Zum Verständnis des Außenhandelsdefizits der USA bieten wir im folgenden einige Grafiken, wirtschaftliche Daten und zusätzliche Überlegungen, die sich zwar nicht bei Todd finden, die uns aber die Darstellung seiner Überlegungen erleichtert.


Quelle:  Hypovereinsbank

---> Lohnstückkosten 1990-2001 (PDF)

Die deutschen Lohnstückkosten sinken mit geringen Schwankungen, seit 1993 kontinuierlich, die Folge der stetig steigenden Produktivität und der stagnierenden Löhne. Das Resultat ist der deutsche Exportboom und der deutsche Kaufkraftschwund.. Die US-Lohnstückkosten dagegen steigen im gleichen Zeitraum, ihre Produkte sind auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähig.


Grafik nach Daten des Bureau of Economic Analysis

Als Folge bleibt das Wachstum der industriellen Güterproduktion der USA seit Mitte der 1980er Jahre hinter den anderen Branchen, insbesondere Handel, Dienstleistungen und Finanzdienstleistungen weit zurück.


Quelle:  Hypovereinsbank

Im gleichen Maße wächst das Handelsbilanzdefizit. Es hat im letzten Jahr die astronomische Summe von 500 Milliarden $ pro Jahr angenommen.

Diesen Daten entspricht auch die Alltagserfahrung: Computer stammen aus Taiwan. Werkzeugmaschinen und Autos stammen aus Deutschland. Roboter stammen aus Japan.

Einzig in dem schmalen Segment der CPUs halten die USA noch ein Monopol und auch Microsoft behauptet sich noch im Markt der Betriebssysteme und Bürosoftware, obgleich bedroht von Linux und Konsorten. Ansonsten kämpfen die USA um ihre Pfründe aus vergangenen Zeiten, um Urheberrechte und Patente. Der amerikanische Kapitalismus ist auf dem Weg in den Rentierkapitalismus. Die USA haben ihre Produktion ausgelagert, damit aber haben sie auch ihren Entwicklungsvorsprung verloren.

Die USA haben ihre Überlegenheit auf dem Hightech-Sektor nicht kampflos aufgegeben, sie haben alles, was ihnen möglich war, versucht: Geheimhaltung, Exportbeschränkungen, Industriespionage. Es hat alles nichts genutzt. Grund war vermutlich, neben rein ökonomischen Faktoren, ein kultureller Faktor.

"Ökonomie" ist nach unserer Überzeugung keine ontologische Wesenheit, die man aus sich selbst heraus begreifen könnte, sondern bestenfalls eine Betrachtungsweise mit begrenzter Aussagekraft. In das tatsächliche Wirtschaften gehen politische, mentale, demografische etc. Faktoren mindestens gleichgewichtig ein.

Am Beispiel der Softwareentwicklung wird dies anschaulich. Im US-amerikanischen, wenn auch vielleicht nicht im kalifornischen Verständnis ist Software, wie jede andere geistige Schöpfung auch, eine Ware wie alle anderen, verdammt dazu, ein Handelsartikel zu sein und seinem Produzenten Geld, möglichst viel Geld einzubringen. In einem alteuropäischen und auch asiatischen Sinn ist eine geistige Schöpfung, also auch Software, Gemeineigentum der Menschheit. Dieser geistige Krieg zwischen einem proprietären und besitzegoistischen und einem universalistischen und kooperativen Verständnis der neuen Technologien ist unserer Überzeugung nach im Begriffe, zugunsten des universalistischen und kooperativen Zugangs auszugehen.

Neue Technologien, also wissensbasierte Technologien, üben einen stummen Zwang zur Kooperation, zum Universalismus aus. Kein Konzern, kein Land kann sich dieses Wissen monopolistisch aneignen. Ein Unilateralismus auf dem Gebiet des Hightech ist nach unserer Überzeugung zum Scheitern verurteilt. Im Fall der USA ist dieser Versuch bereits geschehen. Da dies der neoliberalen Ideologie, dem Glauben an die Macht des Egoismus und der Abgrenzung widerspricht, dürfte diesem Glauben auch keine große Zukunft beschieden sein.

Der amerikanische Aktienboom

Die USA haben ihren technischen Vorsprung auf fast allen Gebieten eingebüßt. Todd erwähnt in seinem Buch exemplarisch das europäische Satellitennavigationssystem Galileo und die Stärke von Airbus.

Die USA sind den Weg der geringsten Mühen gefolgt. Sie haben ihre Position als letzte Supermacht sowie die Rolle des US-Dollar als faktische Weltwährung ausgenutzt und eine Politik des starken Dollar verfolgt. Dieser schwächte zwar die US Industrieproduktion und begünstigte die Importe, mit der Folge eines wachsenden Handelsbilanzdefizits, auf der anderen Seite aber war der US-Dollar ein natürlicher sicherer Hafen, eine globale Anlagewährung. Die USA konnten so ihre defizitäre Handelsbilanz über Kapitalimport finanzieren, mit der Folge stetig steigender Aktienkurse, was wiederum neues Kapital anlockte und die Kurse weiter in die Höhe trieb. Ein über 10 Jahre sich ständig selbst verstärkender Kreislauf. Die Kurve des Dow Jones Index zeigt dies anschaulich. Man erkennt deutlich den seit Mitte der 80er Jahre stetig ansteigenden Kursverlauf (aufsteigender Korridor) und den Bruch in dieser Kurve seit Ende 1999. Die Kurve bewegt sich "seitwärts", aber mit deutlichem Trend nach unten (rot gezeichneter Korridor).


Quelle: Grafik nach Elliott Wave Technical Analysis and Market Timing for Dow Jones

Die USA exportieren keine Waren, sie exportieren Aktien. Dieser Export stieg von 35 Milliarden US-Dollar im Jahre 1991 auf 502 Milliarden US-Dollar im Jahre 2001. Der Kauf einer Aktie ist aber nur in Ausnahmefällen, bei den eher seltenen Aktienemissionen, eine Investition in ein Unternehmen. In den meisten Fällen ist der Aktienhandel ein Second-hand-Handel, der Kauf einer Aktie von einem Vorbesitzer. Und dieser kann sich für das Geld dann Beliebiges kaufen, Truthahnbraten, Rotwein oder auch einen neuen Porsche. Das Resultat ist eine historisch bisher einzigartige Situation: Die USA bilden den globalen Endverbraucher im Sinne der Keynesschen Theorie, der die ganze Welt für sich arbeiten lässt und diesen Megakonsum mit dem Profit der Eliten der anderen Länder finanziert. Dieses Geld fehlt dann trivialerweise in den anderen Ländern, mit der Folge, dass dort die Nachfrage zusammenbricht. Diese schwelende Deflation kann jederzeit in eine akute deflationäre Abwärtsspirale umschlagen.

Todd beschreibt das als eine globalen keynesianischen Situation: Das weltweite Zinskapital wird von den USA aufgesogen und in Konsum verwandelt. Diese Interpretation der amerikanischen Verschuldung erscheint uns bemerkenswert. Sie beantwortet eine Reihe von ansonst nicht beantwortbaren Fragen:

  • Warum befinden sich alle Industrieländer, außer den USA, hart am Rande der Deflationskrise?

  • Warum scheitern alle Versuche, wirtschaftspolitisch von den USA zu lernen?

  • Warum gibt es keine keynesianische Wirtschaftspolitik mehr in Europa?

  • Warum scheint Deutschland in einer unaufhaltsamen Abwärtsbewegung gefangen zu sein?

Die Situation der USA erinnert an das römische Imperium. Auch Rom hat die Produkte der ganzen damaligen Welt konsumiert und selbst nichts produziert, jedoch mit einem wesentlichen Unterschied: Die damaligen unterworfenen Völker, ihre Eliten ebenso wie deren Untertanen, wussten sehr genau, welchen Tribut sie Rom entrichten mussten. Heute wird stattdessen in populistischen Wirtschaftsmagazinen der naive Glauben genährt, das Geld, das an die Wallstreet fließt, würde in produktive Anlagen investiert. Ein Glaube, der unserer Ansicht nach, durch diverse Mythen noch verstärkt wird:

Der Mythos von der postindustrielle Gesellschaft

Die Mythen über das Wunder der amerikanischen Wirtschaft lassen sich in eine einfache Formel fassen: Wir sind noch nicht so weit. Man stilisiert die einzigartige Situation der USA zum historischen Trend, liest etwa aus dem Niedergang der amerikanischen Industrie und dem Aufblähen des Dienstleistungssektors und des Konsums eine neue historische Epoche heraus und erfindet eine neue Gesellschaftsformation: Die postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft.

Tatsächlich bedeutet der technische Strukturwandel das Ende der fordistisch organisierten Industrie. Also nicht die Abkehr von der Industrie überhaupt, sondern eine anders organisierte Industrie. Ihre Kennzeichen sind enge kooperative Strukturen aus Grundlagenforschung, Entwicklung und Produktion, organisiert in kleinen, flexiblen Einheiten.

Der Untergang der fordistischen Industrie hat eine immense Zahl von Arbeitskräften in die Arbeitslosigkeit entlassen. Ob die neuen Produktionsstrukturen eine gleichwertige Zahl neuer Arbeitsplätze schaffen, ist noch offen, auf jedem Fall wird sich das Qualifikationsprofil entscheidend wandeln. Für unqualifizierte Hilfskräfte besteht kaum noch Bedarf.

Die verselbständigten Kapitalströme hingegen verzerren das Bild, sie bewegen sich konträr zur tatsächlichen wirtschaftlichen Entwicklung.

Die Krise der New Economy hat gewisse Zweifel geweckt an der Zukunftsfähigkeit der US-Ökonomie. Der Enron-Skandal, der Offenbarungseid des US-Besitzegoismus beim Umgang mit den neuen Technologien, demonstrierte den Eliten der Vasallen die Brüchigkeit der amerikanischen Wunder (vgl. den roten Korridor in der Kurve des Dow Jones oben).

Die amerikanische Paranoia

Das Resultat der Entwicklung der letzten 15 Jahre ist für Todd eine allseitige wirtschaftliche Abhängigkeit der USA. Sie sind abhängig vom Warenimport, nicht nur beim Öl, sondern bei allen Produkten und sie sind abhängig vom Kapitalimport. Diese Abhängigkeit ist für die USA eine neue Erfahrung. In ihrer gesamten bisherigen Geschichte waren sie wirtschaftlich autark. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam zu dieser Stärke, die aus der Autarkie stammte, noch ihre Rolle als Schutzmacht der kapitalistischen Nationen gegenüber der Sowjetunion hinzu. Sie waren stark und sie wurden gebraucht. Mit dem Ende der Sowjetunion haben sie ihre Funktion als Schutzmacht verloren und ihre Autarkie eingebüßt.

Der bequeme Weg, den die USA nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gegangen sind, führte sie in eine kontradiktorische Situation. Die Auslagerung der Produktion in die Peripherie widerspricht dem Wunsch nach Beherrschung der Peripherie.

Die Peripherie gewinnt technische Kompetenz und damit Macht und Selbständigkeit, die Zentrale des globalen Kapitals verliert dagegen ihre Suprematie. Mit dem Euro droht der Verlust des US-Dollar-Monopols und damit das mögliche Ende des scheinbar unendlichen Kapitalimports. Europa entgleitet der Kontrolle, Russland erholt sich wieder, China entwickelt sich unaufhaltbar zur Wirtschaftsmacht und Japan ist unverwüstlich.

Dies stürzt die USA in eine tiefe paranoide Krise. Ihre Antwort ist der verzweifelte und hybride Wille zur imperialen Weltgeltung.

Innenpolitisch schwindet das universelle, der Gleichheit zugewandte Bewusstsein, es steigt die Diskriminierung, etwa der Schwarzen und der Hispanos. Dieser innenpolitische Rassismus geht einher mit dem Willen nach imperialer Herrschaft über die Welt. Israels Diskriminierung der Palästinenser wird so zum Vorbild. Bemerkenswerterweise nutzt die ZEIT in ihrer Rezension vom 27. März 2003, die die wesentliche Argumente noch nicht einmal zutreffend referiert, diese kritische Beobachtung von Todd, um den Autor als "antiamerikanisch" und "antiisraelisch" abzuqualifizieren.

Jedoch reicht die tatsächliche Stärke der USA zu einem offenen, weltweiten Imperialismus nicht aus. Aus dieser Schwäche heraus und dem paranoiden Wunsch nach Stärke folgt eine theatralische Simulation der Überlegenheit, ein theatralischer Mikromilitarismus. Die USA haben keine imperiale Strategie, sie schaffen nur, wo sie können, Unordnung, um sich dann als angeblich unverzichtbare Ordnungsmacht ins Spiel zu bringen. Es war unserer Ansicht nach schon immer eine Strategie der USA, die eigene Stärke durch die Schwächung des Gegners zu sichern. Diese Strategie setzt aber eine tatsächliche eigene Stärke voraus. In dem Maße, in dem diese schwindet, wird diese Strategie irrational.

Der theatralische Mikromilitarismus der USA treibt die euroasiatischen Mächte in ein gemeinsames Boot.

Absehbare Folge wird eine multipolare Welt sein, in die sich auch die USA einordnen werden. Die regionalen Wirtschaftszentren werden wieder einen eigenen Keynesianismus entwickeln müssen, samt einem die Demokratie fördernden neuen wirtschaftlichen Protektionismus. Die UNO wird zukünftig eine wesentlichere Rolle spielen

Damit wird aber der globale Wallstreet Keynesianismus unhaltbar. Die USA werden sich also umorientieren und wieder selbst produzieren müssen. Todd sieht dies aber nicht als prinzipielles Problem an. Zwar schätzt er, dass der Lebensstandard der USA um 15 bis 20 Prozent sinken dürfte, wenn es sein Handelsbilanzdefizit ausgleichen muss, weil der Kapitalimport ausbleibt. Die amerikanische Flexibilität wede auch dieses Problem meistern. Wir denken, dass man an diesem Punkt skeptischer sein sollte. Immerhin gibt es in den USA einen recht militanten bewaffneten Rassismus.

Die USA besitzen vielleicht noch die globale Lufthoheit, auch in den Köpfen, aber auf dem Boden sieht es schon anders auf. Diese Kluft zwischen theatralischem Auftreten und beschworenem Bewusstsein und der tatsächlichen Stärke erinnert fatal an die letzten Jahre der Sowjetunion. Die Gebetsmühle von der "transatlantischen Freundschaft" weckt Assoziationen zur "unverbrüchlichen Freundschaft mit der Sowjetunion". Die Ähnlichkeit geht bis in die Details der Wortwahl. Todd sieht diese Parallele bei den Wirtschaftdaten der USA: Sie sind heute ähnlich zuverlässig wie die Planziffern der späten UdSSR.

Eine Alternative Sichtweise: Neoliberale Diktatur der Eliten

Die Züricher WOZ hat eine Debatte über das Buch von Todd eröffnet. Den Anfang macht ein Artikel von Oliver Fahrni Die Burg zieht die Zugbrücke hoch. Die Grundthese ist: Es geht nicht primär um die USA, sondern um den Weltbürgerkrieg einer globalisierten Elite gegen den Rest der Menschheit.

Tatsächlich ist Globalisierung ein soziales Erdbeben: die Lösung eines entscheidenden Teils des Kapitals von ihren Gesellschaften, also die Emanzipation von jener Form der politischen Organisation der Menschheit, die das Kapital mitgeschaffen hatte. Zwischen 1985 und 1995 entstanden mehr transnationale Konzerne als in den zweihundert Jahren zuvor. Sie erwirtschaften heute fünfzig Prozent der Wertschöpfung. Da ist eine Ökonomie entstanden, die sich jedem politischen Zugriff entzieht. (...)
Die rechten Revolutionäre um Wolfowitz & Kristol glauben, dass die Menschheit vor der Alternative steht, entweder mit der Marktwirtschaft zu brechen - was sie nicht wollen - oder mit zunehmenden sozialen Differenzen, zunehmender Gewalt, dem molekularen Bürgerkrieg zu leben. Dafür rüsten sie. Die Burg zieht die Zugbrücke hoch. Gated Communities sind das künftige Lebensmodell für die Eliten. Amerika sucht keine territoriale Ausdehnung. Sein Imperialismuskonzept ist nicht mehr amerikanisch - es ist das Unterfangen, sich den globalisierten Eliten als Gewaltmonopolist anzubieten. Um das durchzusetzen, werden Feinde geschaffen.


Wir haben an diesen Überlegungen unsere Zweifel. Ist "Marktwirtschaft" dasselbe wie Globalisierung? Wie sollen die strukturellen Nachfrageprobleme der Marktwirtschaft gelöst werden, ohne keynesianische Lösung, wie auch immer sie aussieht, also ohne Transformation des Zinskapitals in Konsumnachfrage? Dies ist die Stärke der Toddschen Überlegungen, auf die Oliver Fahrni leider nicht eingeht. Eine Diktatur der Elite bringt zur Lösung dieses prinzipiellen Problems nichts

Kann eine postfordistische Industrie als Diktatur einer Elite funktionieren? Gibt es kooperative Strukturen in einer neoliberalen Situation? Technologisch führend sind Japan und Deutschland, also Länder, in denen der Neoliberalismus umstritten ist. Die "Gated Communities" gibt es in den USA und in einigen Ländern Südamerikas, also Ländern mit ruinierter bzw. mit schrumpfender Industrieproduktion.

---> Emmanuel Todd: Weltmacht USA. Ein Nachruf. Piper. 265 Seiten. EUR 13,-
 

15.04.03 09:25

95440 Postings, 7087 Tage Happy EndWerbung:

15.04.03 09:29

4970 Postings, 7245 Tage Apfelbaumpflanzersorry, aber

wenn jemand der das Wort "Neoliberalismus" verwendet, merkt man schon, dass er keine Ahnung hat, wovon er redet.


Grüße

Apfelbaumpflanzer  

15.04.03 09:42
1

2235 Postings, 6929 Tage AlanG.@obstgärtner

aus deinem posting spricht echt ahnung, bin schwer beeindruckt.
wo erwirbt man sich diese fundierte kenntnis?  

15.04.03 09:48

4970 Postings, 7245 Tage Apfelbaumpflanzerwundert mich echt,

in einem Börsenforum auf solche Leute zu treffen.

Grüße

Apfelbaumpflanzer  

15.04.03 09:53

1934 Postings, 6958 Tage kalle4712Happy: Du hast was vergessen.

Vergessen hast Du, dass Ursache und Wirkung häufig verwechselt werden.

Das scheint mir auch in dem "Nachruf" der Fall zu sein: Der Autor hat sich zuerst eine Meinung gebildet und erst danach nach Argumenten gesucht, mit der er seine Anti-USA-Haltung begründen wollte.

Beispiel Lohnstückkosten. Dazu von mir eine ganz einfache Frage: Warum war Deutschland denn wirtschaftlich stark bzw. warum ist der Lebensstandard gerade in den Jahrzehnten so stark gestiegen, als die Lohnstückkosten ständig gestiegen sind?
Du siehst: Die Sache ist bei weitem nicht so simpel, wie der Autor es darzustellen versucht.
 

15.04.03 09:59

58 Postings, 7306 Tage giffyd@happy End

Hallo, empfehlenswert ist hier die Quellenangabe:
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/14587/1.html
Grüße
giffyd  

15.04.03 10:37

7336 Postings, 6357 Tage 54reabder author verbreitet

ein stark ideologisch verbrämtes wunschdenken. die probleme der schwindenden arbeit, inbesonders für unqualifierte arbeiter, ist ein problem der gesamten industrialisierten welt. dabei ist diese problem in westeuropa stärker ausgeprägt als in den usa. der mittelfristige bevölkerungsrückgang betrifft die gesamte konsumgesellschaft und damit alle zugehörigen kapitalmärkte. auch hier ist die problematik in westeuropa etwas stärker ausgeprägt als in den usa.

eine keynesianische Lösung, für diese probleme, ist nicht denkbar. diese probleme sind nachhaltig und nicht temporär. ich kenne bis heute noch keine wirtschaftstheorien, die diese problematik (schwindende arbeit und schwindende bevölkerung) ernsthaft behandeln. bis heute wird nur in alten ideologischen truhen des 19. jahrhunderts und des frühen 20. jahrhunderts rumgewühlt.

wir gehen in der industrialisierten welt, meiner meinung nach, revolutionären zeiten entgegen, mit großen änderungen in den wirtschafts- und sozialstrukturen. die problematik ist einfach zu beschreiben:

 - weiter steigende produktivität und damit abnehmende arbeit (mittelfristig auch für qualifizierte arbeit)
 - abnehmende bevölkerung und damit zurückgehender konsum
 - eine wirtschafts- und sozialordnung, die auf wachstum ausgelegt sind

unter der annahme einer positiven entwicklung führt dies zu einem schrumpfenden BIP bei einem steigenden BIP/Kopf. wie schon gesagt, sind dies probleme der gesamten industrailisierten welt und nicht allein der usa. mir ist es deshalb schleierhaft, wie man damit den zusammbruch der weltmacht usa begründen sollte und gar china als zukünftige großmacht darstellen wollte. die hier geschilderten probleme werden china wohl mit der größten wucht treffen (china hat die ungesündeste bevölkerungspyramide von allen großen nationen weltweit) und wie schon so oft in der geschichte dieses landes, in einem riesigen chaos enden.  

15.04.03 10:45

84 Postings, 6272 Tage Del Fuehlel@apfelbaum. Schau dir 54reab an: Der versucht inz-

wischen wenigstens mal seine Ideologie zu begründen.

Das ist schon ein echter Fortschritt. Nimm dir also ein Beispiel daran und greif nicht Pauschal eine Meinung an.  

15.04.03 10:49

4970 Postings, 7245 Tage Apfelbaumpflanzerdann...

beobachte mal, ob jemand sachlich auf reab reagiert.

Daher überlege ich es mir mehrmals, bevor ich da in größere Ausführungen gehe.
Ich habe es oft genug versucht, um danach entweder Unterstellungen oder Beleidigungen zu ernten.
Der wahrscheinlichste Fall ist, dass das Posting von reab einfach ignoriert wird.

Ich mach' nur noch kurze Postings, damit die Ideologen wenigstens etwas Widerspruch haben.

Hat HE jemals auf eine kritische Reaktion auf seine Kopierorgien reagiert?

Grüße

Apfelbaumpflanzer  

15.04.03 14:06

25551 Postings, 6957 Tage DepothalbiererDieser DOW-Chart im ersten Posting ist doch


einmalig schön, oder?

Noch ein paar Tage/Wochen, und es geht auf ca. 8500, dann ergeben sich wieder einmalige Sommerloch-Chancen.  

15.04.03 14:16

176446 Postings, 6819 Tage GrinchIhr werdet schon sehen wie die Amis den Bach

runter gehen, wenn ich sie erstmal auf 78 Milliarden EURO (ja genau nicht Dollar!!!) verklage. Wegen Zerstörung meines Weltbildes. Dann sind die gaaaaanz schnell im Keller. Denn wenn das schule macht... Also es gibt über 6 Miliarden Menschen auf der Welt. Sagen wir mal rund 6 Milliarden... und es gibt 280 Milionen Amis... dann sind das immerhin noch 5,72 Miliarden Nicht-Amalganer. Rechnen wir mal


5,72 Milliarden x 78 Milliarden = 446.160.000.000.000.000.000 ? Entschädigungssumme.

Dann haben wir allerdings auch ein Problem... denn so viele EUROS gibbet gar nich.

PS. Kann mir einer sagen wie sich eine Zahl mit sooo vielen nullen nennt (ich meine jetzt nicht die US-Regierung oder irgendeine deutsche Partei!!!)???  

15.04.03 14:50

95440 Postings, 7087 Tage Happy End446,16 Trillionen

PotenzDeutscher NameAmerikanischer
Name
3TausendThousand
6MillionMillion
9MilliardeBillion
12BillionTrillion
15BilliardeQuatrillion
18Trillion
21Trilliarde
24Quadrillion
27

30Quintillion;
Quinquillion

Onkel Dagobert hat weniger:

 

 

15.04.03 14:56

25551 Postings, 6957 Tage DepothalbiererAch ja, richtig, die Geldtemperatur liegt schon


wieder bei frühlingshaften 14 Grad.
Da wird es wieder Zeit für ein Bad.  

15.04.03 15:00

21880 Postings, 6662 Tage utscheckwie heißt die Zahl mit 27-er Potenz? o. T.

15.04.03 22:40

95440 Postings, 7087 Tage Happy Endutscheck denkt immer nur an das eine ;-) o. T.

15.04.03 22:44

176446 Postings, 6819 Tage GrinchAch jaaa...

danke häbbie...

herr Bush kann dann gleich mal mit geld drucken anfangen... aber was mach ich dann mit dem ganzen Geld? Franken kaufen? Oder Ostdeutschland (aber nur wenn ich das dann fluten darf!!!)???

Nö ich weiss es... ich kauf mir ganz stylische Fussmaten aus Straussenleder für mein Auto, denn sowas wollt ich schon immer haben.  

16.04.03 09:15

21880 Postings, 6662 Tage utscheckalso Happy

Beim Boxen würde man derartiges, so glaube ich zumindestens, als unerlaubten Tiefschlag bezeichnen.

Ich nenn´s hier mal beim Namen: Bodenlose Frechheit ;-)

Hat die wirklich keinen eigenen Namen?
utscheck  

28.04.03 07:16
1

95440 Postings, 7087 Tage Happy EndAmerika degeneriert, Europa ist die kommende Macht

Der französische Historiker Emmanuel Todd über die Zukunft der transatlantischen Beziehungen

die zeit: Sie haben den Irak-Krieg als ?mikromilitärisches Theater? bezeichnet. Hat sich der Einsatz nicht gelohnt?

Emmanuel Todd: Weil ich kein Moralist, sondern Historiker bin, muss ich fragen, wie sich das bereits geschwächte Regime Saddams in seiner letzten Entwicklungsphase verhalten hätte. Es hätte sich wie die totalitäre Sowjetunion binnen kurzem auflösen können. Von dem Zeitpunkt an, als das Regime dem internationalen Druck zur Entwaffnung nachgab, schien ein Regimewechsel möglich, der weitaus weniger Opfer als dieser Krieg gekostet hätte. Der Krieg hat den Wechsel nicht beschleunigt, weil es jetzt zwar kein Regime mehr gibt, aber auch keine Ordnung. Die Bewältigung der Kriegsfolgen wird Jahre dauern.

zeit: Sie haben vor 25 Jahren den Untergang der Sowjetunion vorausgesagt. Jetzt sprechen Sie vom Niedergang der USA, die doch gerade den Irak-Krieg gewonnen haben. Wie kommen Sie dazu?

Todd: Der Krieg gegen den Irak war eine militärische Illusion, eine gigantische Verschwendung jenseits aller Verhältnismäßigkeit der Mittel. Die USA haben über ein weitgehend entwaffnetes und ausgeblutetes Land mit einer Barfuß-Armee innerhalb einer geschwächten Region gesiegt. Dagegen sind die wahren Gegengewichte zu den USA in Europa, Russland, China oder Japan zu suchen. Im Irak haben die USA ihre militärische Omnipotenz demonstriert, um über ihre ökonomische Schwäche hinwegzutäuschen. Die wahre Konkurrenz wird nicht mehr militärisch ausgetragen. Das zentrale Schlachtfeld und der Hauptgrund für die amerikanischen Sorgen ist der wirtschaftliche Bereich.

zeit: Ist das nicht reines Wunschdenken eines Amerika-Skeptikers?

Todd: Ich liebe die USA eigentlich sehr. Sie waren bis vor kurzem der wichtigste internationale Ordnungsfaktor. Jetzt werden sie zu einem Faktor der Unsicherheit. Der industrielle Kern der USA ist gefährdet. Das Handelsdefizit der Amerikaner beträgt 500 Milliarden Dollar im Jahr. Das Land braucht 1,5 Milliarden Dollar täglich an ausländischem Kapitalzufluss. Diese Abhängigkeit hat die USA aus dem Gleichgewicht gebracht. Sie können nicht mehr aus eigener Kraft leben. Das exportstarke Europa kann das sehr wohl. Und Russland entwickelt gerade einen Kapitalismus im eigenen Land, zu dem es auch die natürlichen Ressourcen besitzt.

zeit: Gleichwohl sind die USA die unbestrittene globale Führungsmacht.

Todd: Die USA waren der unzweifelhafte Sieger des 20. Jahrhunderts. Jetzt haben sie Schwierigkeiten, ihre neue Abhängigkeit zu erkennen. Bislang waren die Europäer unterentwickelt und beneideten die USA um ihren Lebensstandard und ihre technischen Produkte. Das hat bei uns eine gewisse Bescheidenheit erzeugt. Heute sind die USA nur noch im Militärischen führend. In den meisten Bereichen wurden sie von den Europäern überholt.

zeit: Aber Europa ist politisch völlig zerrissen.

Todd: Europas Kraft beruht auf der wirtschaftlichen Integration, die völlig unabhängig von den politischen Entscheidungen verläuft. Ob die Regierungen in Osteuropa es wollen oder nicht, sie sind wirtschaftlich an Europa und Russland angebunden. Das Einzige, was sie aus Amerika bekommen können, sind Rüstungsgüter, aber keine Maschinen oder Waren, weil Amerika keine Exportkapazitäten hat. Das diplomatische Spiel der USA ist absurd. Mit dem Irak-Krieg haben sie zwar Dissidenten im ?neuen Europa? geschaffen, deren Entwicklungsdynamik jedoch weiterhin vom ?alten? Europa und Russland abhängt. Das hat auch die Türkei erkannt, die auf deutliche Distanz zu den USA gegangen ist.

zeit: Europa ist doch keine Registrierkasse, wie der französische Außenminister Dominique de Villepin sagt.

Todd: Europa hat noch keine gemeinsame Außenpolitik. Die bestand bislang immer nur in der Gefolgschaft mit den USA. Jetzt haben sich die Deutschen ihre außenpolitische Handlungsfreiheit zurückerobert. Man kann die strategische und symbolische Dimension dieses Wandels gar nicht hoch genug bewerten. Gemeinsam mit Frankreich entsteht ein Kern der politischen Erneuerung, der sich von den USA unabhängig macht und dabei auf einer überwältigenden Zustimmung der Bevölkerung beruht. Dagegen stellen Spanien, England, Italien und die Osteuropäer politisch nicht das neue, sondern vielmehr das alte Europa dar, weil sie ihre Autonomie noch nicht erreicht haben.

zeit: Wie kann man das gestörte Verhältnis von Frankreich und Deutschland zu den Briten reparieren?

Todd: Blair, der jahrelang versuchte, sich in den deutsch-französischen Prozess einzuschalten, hat während der aktuellen Krise gemerkt, dass die beiden im Ernstfall eng zusammenstehen und ihm wenig Einflussmöglichkeiten lassen. Doch man muss ein freundschaftliches Verständnis dafür aufbringen, dass die Briten reale historische und kulturelle Verbindungen mit den USA haben, aber zugleich Europäer sind. Ich bin guter Hoffnung, dass die Briten wieder zu Europa zurückfinden. Die treibende Kraft dabei wird vor allem die neue Gewalttätigkeit, Instabilität und Arroganz der Amerikaner sein. Da werden die Briten von ganz allein merken, dass sie zur europäischen Wertegemeinschaft gehören.

zeit: Aber das sind doch Sandkastenmanöver in einer Zeit, in der die Kriege nicht mehr von Staaten, sondern von terroristischen Gruppen ausgehen, die zum Teil mithilfe skrupelloser Regime den Westen attackieren.

Todd: Die Allgegenwart des Terrorismus ist ein gewaltiger Mythos, mit dem sich die USA das Recht zu einem Kreuzzug nehmen, um auf den Philippinen, im Jemen oder im Irak ihre Unersetzlichkeit zu demonstrieren. Durch diesen permanenten Kriegszustand wollen die USA die Alte Welt in Atem halten. Aber gegen Terroristen hilft kein militärisches Mittel, sondern nur eine funktionierende Polizei- und Geheimdienstarbeit. Seit den Anschlägen auf das World Trade Center konnte auf diese Weise die terroristische Gefahr minimiert werden, nicht aber die kollektive Psychose der Amerikaner.

zeit: Sie verharmlosen die Gefahr. Was ist mit den Anschlägen in Djerba und auf Bali?

Todd: Das waren schreckliche Massaker, aber ohne weltpolitisches Bedrohungspotenzial. Diese Attentate auf islamischem Boden zeigten eher die Unfähigkeit der Mörder, ihren Terror weiterhin ins westliche Ausland zu exportieren. In Europa gab es nach dem 11. September 2001 keine Anschläge. Ich bin Demograf und halte mich an die Fakten: Ich zähle die Toten. Insgesamt ist der arabische und islamische Terrorismus kein Rückfall dieser Regionen in die Barbarei, sondern Resultat einer Transformationskrise im Prozess der Modernisierung. Alle Länder der Welt haben diese Umwälzungen im Gefolge der Alphabetisierung und Geburtenkontrolle durchlaufen. Doch weil alle islamischen Länder geschwächt sind, kann dort keine gefährliche Großmacht wie einst in Europa entstehen. Diese Länder bringen einzig den Terrorismus hervor, der sich mit dem Ende der demografischen Revolution gleichsam von selbst auswachsen wird.

zeit: Und was ist mit den Massenvernichtungswaffen?

Todd: Die spielen faktisch keine Rolle. Der bislang gefährlichste terroristische Anschlag in New York wurde nicht mit Giftgas, sondern mit Messern und Zivilflugzeugen ausgeführt. Dagegen hilft nur Polizei- und Geheimdienstarbeit. Die Anthrax-Attacken dagegen kamen aus dem Inneren von Amerika selbst. Erst jetzt steht zu befürchten, dass mit der Invasion der Amerikaner im Irak der Terrorismus angestachelt wird. Zugleich führt die amerikanische Luftüberlegenheit zu einer neuen Proliferation dieser Waffen. Denn nur damit können sich bestimmte Länder künftig vor amerikanischen Bombenangriffen sicher fühlen.

zeit: Was soll mit den so genannten Schurkenstaaten geschehen, die die Terroristen unterstützen?

Todd: Das Afghanistan der Taliban war ein Produkt der Aufbaubeit durch die USA und Russland. Dagegen war der Irak eine blutige Diktatur, aber kein Schurkenstaat, der Terroristen unterstützte. Auch der Iran ist kein Schurkenstaat, sondern modernisiert sich in Richtung eines pluralistischen Systems. Und Kuba am anderen Ende der Achse des Bösen unterstützt ebenfalls keine Terroristen.

zeit: Vor welchen Herausforderungen steht das internationale Recht?

Todd: Die UN waren mehrheitlich gegen den Irak-Krieg. Trotzdem haben ihn die USA geführt und damit das internationale Recht verletzt. Die UN sind heute mehr im Gespräch als je zuvor. Noch niemals war ihre Rolle so wichtig. Ihr Scheitern bei der Lösung der Irak-Krise rührt daher, dass die USA eine gefährliche und illegitime Politik betreiben. Angesichts der Destabilisierung Amerikas sollte man über den Verbleib der UN in New York nachdenken, allein wegen der Arbeitssicherheit für die Delegierten. Die UN könnten durchaus nach Europa umziehen, vielleicht in die Schweiz.

zeit: In den UN sitzen doch selbst zahlreiche Schurkenstaaten.

Todd: Die UN sind leider kein Club der Demokratien, sondern eine Organisation, die die Probleme zwischen Staaten ohne Krieg lösen soll. In allen Nationen der Welt gibt es durch die unaufhaltsame Alphabetisierung und Frauenemanzipation enorme Fortschritte in Richtung Demokratisierung, der sich allerdings nicht von außen oktroyieren lässt. Man kann keinen Krieg gegen Syrien oder China beginnen, um dort die Demokratie einzuführen.

zeit: Die USA gelten als der einzige Staat eines idealen demokratischen Universalismus, der seine Werte exportieren möchte.

Todd: Im Gegensatz zu Europa sind die Demokratie und die bürgerlichen Freiheitsrechte in Amerika heute längst zu sehr eingeschränkt, als dass es von dort einen Export dieser Werte geben könnte. Der Irak-Krieg war eine geopolitische Machtdemonstration, aber keine selbstlose demokratische Mission. Vielmehr müssen jetzt die Europäer von den USA fordern, im Irak mit der Demokratie ernst zu machen. Mit Saddams Sturz ist das Ende der amerikanischen Heuchelei gekommen. Dabei bin ich weit entfernt vom tief sitzenden Antiamerikanismus vieler Franzosen. Mein Großvater war österreichischer Jude und amerikanischer Staatsbürger. Meine Mutter ist im Zweiten Weltkrieg in die USA geflohen. Ich habe eine positive Grundeinstellung zu Amerika. Doch jetzt bereitet es uns große Mühe zu verstehen, wie aus einem Garanten des Friedens, der Ordnung und der Freiheit ein Faktor der Unordnung und des Krieges wird.

Wir können nicht länger von den USA als einer großen Demokratie sprechen. Das Wahlsystem ist in der Krise. Die innere Ungleichheit wächst. Ein reicher Amerikaner ist nicht mehr mit einem reichen Europäer zu vergleichen. Es gibt dort eine neue Plutokratie, die den amerikanischen Traum beschädigt. Seit den Wirtschaftsskandalen ist der Glaube an den freien Markt ebenso ruiniert wie früher der Glaube an den Kommunismus. Die Explosion dieses Mythos hat Amerika in eine große spirituelle Krise gestürzt. Daher der neue religiöse Fundamentalismus. Die USA projizieren ihre eigene innere Desintegration auf die Welt.

zeit: Aber ist Amerika nicht auch deshalb geschwächt, weil es in den vergangenen 50 Jahren weitgehend allein für die Ordnung in der Welt sorgen musste?

Todd: Das ist eine moralische Betrachtung, die nichts mit historischen Tatsachen zu tun hat. Nach dem 11. September erlebten die USA eine enorme weltweite Solidarität. Die Bedrohung der USA, der Nation, welche bis dahin als Garant der globalen Sicherheit galt, schürte bei allen Staaten große Ängste. Alle wollten helfen, von Russland bis zur Nato. Doch das wollten die Amerikaner nicht, weil sie das als Zeichen eigener Schwäche empfunden hätten. Sie hörten immer weniger auf ihre Verbündeten und wurden immer arroganter.

Was die Handelsbilanz und die Finanzströme angeht, hängen die USA längst am Tropf der ganzen Welt. Trotzdem gefallen sie sich lieber in einer Machtbehauptung, die bis zur Realitätsverleugnung geht. Darauf können die Europäer nicht länger mit Freundlichkeiten reagieren, sondern müssen verbindlicher werden und mit industriellen und finanziellen Mitteln dagegenhalten. Sie müssten auch erkennen, dass es im europäischen Interesse liegt, den Irak von amerikanischem Einfluss freizuhalten, weil davon die europäische Energieversorgung abhängt.

zeit: Wird das Ungleichgewicht zugunsten der USA nicht trotzdem weiter wachsen?

Todd: Wenn es keine Gegenmacht zum amerikanischen Militarismus gibt, wird ? das wissen die Europäer aus ihren eigenen Kriegen am besten ? der kriegführende Staat den nächsten Krieg beginnen. Mit Syrien geht es schon los. Dagegen müssen Europa und Russland eine stabile strategische Struktur aufbauen. Es geht nicht um die Umwälzung alter Allianzen, sondern um ihre Ergänzung. Die ausschließliche Privilegierung der atlantischen Achse funktioniert nicht mehr.

zeit: Ist Russland ein verlässlicher Partner?

Todd: Russland ist nicht mehr gefährlich. Das sehen die Deutschen natürlich anders als die Franzosen, die mit den Russen weniger Probleme hatten. In der russischen Kultur gibt es einen stabilen Universalismus wie in Frankreich, eine egalitäre Auffassung von Familie und Gesellschaft. In der Phase des Expansionismus dieser universellen Gleichheit ? erst 1789 und dann 1918 ? wurde Deutschland nacheinander von zwei Seiten extrem eingeschnürt. Doch heute ist Russland geschwächt und befindet sich in einer ähnlichen demografischen Krise wie Deutschland und Frankreich. In der gegenwärtigen Phase der russischen Kontraktion ist das, was vom früheren Universalismus übrig bleibt, eine multipolare Sicht auf eine Welt im Gleichgewicht.

zeit: Wollen Sie einen Bruch mit den USA?

Todd: Nein, ich stehe der angelsächsischen Kultur viel näher als der russischen. Doch wir brauchen ein Gegengewicht zu den USA. Es geht nicht um Bruch, sondern um Autonomie. Um ein antagonistisches Verhältnis zu den USA zu vermeiden, ist es wichtig, dass Großbritannien zurückkommt. Dann kann Europa gar nicht antiamerikanisch werden. Viel eher besteht die Gefahr, dass die USA antagonistisch und antieuropäisch werden. EU und UN sind stark, aber die Nato ist nutzlos geworden. Heute ist Russland ein viel wichtigerer Garant der europäischen Sicherheit geworden.

zeit: Was können die USA gegen den von Ihnen prognostizierten Niedergang tun?

Todd: Derzeit haben die USA den Weg des militärischen Gestikulierens gewählt. Besser wäre es für sie, eine industrielle Rekonstruktion und technologische Erneuerung anzustreben, um wieder produktiv zu werden. Die Welt glaubt, die USA hätten durch ihren Sieg im Irak die weltweite Führerschaft errungen. Doch sie haben mit militärischen Mitteln auf ein nichtmilitärisches Problem reagiert. Ich glaube, dass sie dadurch gerade ihre Allmacht verloren haben.


Der Anthropologe und Historiker Emmanuel Todd, 51, arbeitet als Bevölkerungswissenschaftler am Institut National d?Études Démographiques in Paris. Er veröffentlichte zuletzt ?Weltmacht USA. Ein Nachruf?. Mit ihm sprach Michael Mönninger

http://www.zeit.de/2003/18/Todd  

   Antwort einfügen - nach oben