Welche Telenovela passt zu Dir?

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neuester Beitrag: 24.08.06 12:54
eröffnet am: 24.08.06 12:54 von: Happy End Anzahl Beiträge: 1
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95440 Postings, 6989 Tage Happy EndWelche Telenovela passt zu Dir?

Telenovelas sind die emotionalen Nutten des neuen Wohlfühlfernsehens. Sie schießen wie halluzinogene Pilze aus dem Boden des Fernsehmorastes und machen den Zuschauer mit nur einer täglichen Dosis extrem schnell abhängig und garantieren den Programmdealern satte Einschaltquoten. Die Romantikgrundversorgung basiert auf den Versatzstücken und Klischees des Groschenromans: insame Herzen, sehnende Seelen, strahlende Augen. Und die immer gleiche Geschichte vom armen, aber redlichen Aschenputtel-Girl vom Land, das einen Mann aus einem anderen Stand trifft und sich verliebt. Doch ihre Liebe kann erst nach zahlreichen (200 Folgen) Irrungen und Wirrungen erfüllt werden. Dass die beiden zusammen kommen, ist klar wie Lippgloss, den Zuschauer interessiert aber, wie es passiert. Keine Angst und keine Hoffnung: Es geht nicht um Sex. Wir sprechen hier über utopische Geschichten aus einem sterilen Wunderland. Der Eulenspiegel macht für Dich den ultimativen Serien-Check: Welche Telenovela passt zu Dir?

Bianca / Julia ? Wege zum Glück (ZDF)




Am 3. Oktober letzten Jahres löste Julia Bianca ab, denn Bianca hatte ihr Glück gefunden. Eigentlich schade, nie gab es im deutschen Fernsehen einen kitschigeren Vorspann als bei "Bianca": Ein animierter Gutshof im Wechsel der Jahreszeiten, Blütenregen, ein Kuss - komplett unterlegt mit schmierigen Streichern. Alles ist so sauber und rein, dass selbst die sterilste Bindenwerbung schmuddelig und obszön dagegen wirkt. Bianca stolpert blond durch eine märchenhafte Szenerie, wobei sie während einsamer Spaziergänge durch saubere Natur immer wieder telepathischen Kontakt zur "Omi" aufnimmt, der sie tiefgreifende Dinge präsentiert: "Vielleicht tauge ich nicht zum Glücklichsein. Nur zum Abschiednehmen." Bianca ist ein mittelloses Mädchen, aber ehrlich hilfreich und gut. Sie verdingt sich als Zimmermädchen in einem Gutshof und verliebt sich in Oliver, den Sohn des Chefs, und muss sich fortan ganz schön anstrengen, damit das auch was wird. Das ist nämlich immer so: Die kleine Cinderella ist meist irgendwie Zimmermädchen und wird dann von der bösen Schwiegermutter in spe oder diversen Rivalinnen in höheren Positionen drangsaliert und gedemütigt. Wären da nicht der gutmütige Gutsverwalter und der gerechte, graumelierte Gutshofbesitzer Wellinghoff, der aussieht, als würde er den ganzen Tag Anti-Aging-Produkte verkaufen, würde unser Saubermädel vielleicht vom rechten Weg abkommen und sich in die bundesrepublikanische Realität verirren. Denn das alles wirkt wie aus dem 19. Jahrhundert, und genau das soll es auch: dem Zuschauer eine Wirklichkeit vorgaukeln, in der alles seine feste Ordnung hat, mit der implementierten Hoffnung, dass die edle Schöne die Standesschranken überwinden und den Prinzen heiraten kann, wegen wahrer Liebe und so ("Omi, du hast gesagt, dass die Liebe ihren Weg findet").
Die jungen Männer sind allesamt frisch gebügelt und haben den Charme von C&A-Models: tumbe Hemdenständer, die Sätze absondern, deren Inhalt sie nicht verstehen und ständig verkniffen aussehen, weil sie überlegen müssen, wo sie als nächstes heimlich onanieren können. Niemand redet etwas Normales wie "Hasse Bock aufn Bier?" oder "Laber keinen so geschwollnen Scheiß", alle sprechen fortwährend von Entscheidungen, Gefühlen, Schicksal und Glück, jeder Dialog ist begleitet von Klaviergeplänkel oder Streichergesülze. Bianca muss ständig ihre neckische Stirnfalten bemühen, um ernste Sachen zu sagen. Dann diese nervigen Intrigen ihrer Cousine Katy! Das ist natürlich eine dunkelhaarige, verhärmte Zicke, die mit dem bösen Pascal einen wahnwitzigen Anschlag auf Biancas Hochzeitsfeier mit Oliver plant: Alle sollen sterben. Überflüssig zu erwähnen, dass Pascal südländisch aussieht und damit wunderbar den dumpfen Rechtsradikalismus der einfachen Gemüter schürt. Außerdem raucht er auch noch, pfui! In dieser Telenovela kommen also auch noch die ganz Doofen mit.


    - Für alle, die vormals auf dem gleichen Sendeplatz "Fliege" geguckt haben und gar nicht gemerkt haben, dass der alte Schweinepriester in Pension gegangen und den schüchternen Heimchen Bianca beziehungsweise Julia gewichen ist
    - Für alle, die gerne passiv leiden
    - Für die Frau von gestern, die Emanzipation für eine bösartige Geschwulst hält


Verliebt in Berlin (SAT.1)




Nach einem hippen, zeirafferverseuchten Vorspann trifft man die pfiffige Lisa, die sich extra für die Serie verkleidet hat. Denn sie ist eigentlich sehr hübsch, aber die Macher hatten die wahnsinnig neue Idee (in kaum 5000 amerikanischen College-Filmchen gesehen), dass sich das hässliche Entlein irgendwann in einen strahlend schönen Schwan verwandeln wird. Bis dahin muss sie eine überdimensionierte Hornbrille tragen (die man selbst im Osten nur noch auf Dachböden findet), eine Art Wischmob auf dem Kopf unsägliche Pullunder und Blusen mit Tapetenmustern.
Die Folge, die ich zu Gesicht bekam, hatte es in sich: Da wurden Lisa und ihr Schwarm David (und natürlich Chef ? Standesunterschied!) von den Kollegen in eine rattenverseuchte Fabriketage eingeschlossen, um sich mal in Ruhe aussprechen zu können. Aber anstatt nun über sich herzufallen (ihr wollt es doch beide), zicken sie herum. David macht auf männlich, obwohl er aussieht, als sei er gerade aus einem dieser schwulen Boybands entsprungen, Lisa hüpft hysterisch herum und sagt Sätze wie "Du Ratte" und "Männer sind schon komische Wesen". Auffällig ist, dass die Laiendarsteller schwer atmen und sich mit dilettantisch gesetzten Kunstpausen über ihre schwachsinnigen Halbsätze retten.
In einer sinnlosen Parallelhandlung wird ein junger Mann demnächst Vater und wundert sich ernsthaft, dass man für das Neugeborene einen Wickeltisch, ein Kinderbettchen und einen Schnuller braucht. Man fragt sich: Ist das der Junge, der unter Wölfen aufgewachsen ist, eine Art moderner Romulus? Oder sind das die demografischen Auswirkungen auf unser Gehirn? Die anderen Angestellten des Modelabels (huch, wie verrückt!) tragen merkwürdigste Klamotten durch die Gegend, die man zuletzt im Denver-Clan gesehen hatte. Und das Interieur dieser hippen jungberliner Firma sieht seltsamerweise wie eine Baustofffirma im Münsterland aus ? hab ich da einen Retro-Trend verpasst?


    - Ein extrem schwachsinniger Fernsehroman ? nur für Zahnspangen, die außer GZSZ noch kein Petting gemacht haben.
    - ViB ist was für die jungen Leute, die noch auf einen Ausbildungsplatz warten oder schon arbeitslos sind.


Sturm der Liebe (ARD)




Die Hauptdarstellerin dieser stürmischen Geschichte heißt nicht etwa Katrina oder Rita, sondern schlicht Laura, ist aber auch ein verrückter kleiner Wirbelwind, hihi.
Fans nennen die Serie schon jetzt im Abkürzungswahn SdL. In diesem Zusammenhang wäre der Arbeitstitel, den die ARD zunächst hatte, schön gewesen: "Alles nur aus Liebe". Schade eigentlich. Man stelle sich die Dialoge am nächsten Tag im Discounter vor: "Ey, Jenny, haste gestern ANAL gesehn?"
Laura ist arm, denn sie kommt aus dem Osten. Nachdem die studierte Konditorin mit dem lustigen Puppengesicht von ihrem Verlobten betrogen wurde, macht sie nach Bayern rüber. Dort trifft sie in einem Park den Hobby-Exhibitionisten Alexander, das heißt, sie stolpert in seine Arme, als sie ein japanisches Paar fotografieren soll, dabei rückwärts läuft, um den Bildausschnitt zu ändern (Zoomfunktion nicht erklärt, diese hinterhältigen Schlitzaugen!). Alexander steht zufällig genau hinter ihr, ein relativ normaler Zufall also. Sie sehen sich in die Augen, dabei merkt man leider, dass sie sich überhaupt nicht ausstehen können, aber das Drehbuch fordert nun mal Anderes, nämlich den "magic moment". In der Tat hört man das Zauberstabgeräusch aus "Bibi Bloxberg" und schon sind die beiden total verzaubert und Alexander, der aussieht wie ein depressiv-drogenverseuchter Dandy, sagt Sachen wie: "Ich habe das Gefühl, Sie schon ewig zu kennen." Auch Laura-Puppe ist ganz hin und weg, so dass sie "einen romantischen Tag verbringen" (ARD). Dann ist Lauras Schwarm verschwunden (sonst wär's ja langweilig). Traurig klappert das Laura-Mäuschen mit einem orangefarbenen R4 durch die propere Alpenvorlandschaft und führt hammertolle innere Monologe: "Denkt er auch an mich? Aber er kennt mich doch gar nicht. Wie kann man jemanden lieben, den man nicht kennt?" Sie sucht ihn überall: bei der Heilsarmee, unter Brücken, auf dem Bahnhofsstrich. Aber wenigstens ist da noch Landschaft wie aus einem nicht enden wollenden Milka-Dalmayr-Weihenstephan-Spot. Die Studiobilder stehen im krassen Gegensatz: Sie sehen aus wie Lindenstraße, nur schlechter. In einer dieser schummrig ausgeleuchteten Kulissen, nämlich in der Hotelküche der Nobelabsteige Schlosshotel Fürstenhof, trifft Laura ihren Alexander wieder. Der ist natürlich nicht Spüler, sondern der Sohn des Chefs. Kommt Ihnen bekannt vor? Wenn Hartz schmerzt, gibt's hier Herz-Schmerz!


    - Nur für ganz Hartzgesottene
    - Für Bayern-Fans
    - Für alle, die "Lindenstraße" intellektuell nicht verarbeiten können
    Quelle: Jochen Gerken
 

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