"Wacht auf und riecht das Napalm"

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eröffnet am: 20.12.06 09:38 von: EinsamerSam. Anzahl Beiträge: 1
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24466 Postings, 5904 Tage EinsamerSamariter"Wacht auf und riecht das Napalm"

IWKA

"Wacht auf und riecht das Napalm"

Der badische Maschinen- und Anlagenbauer IWKA steht exemplarisch für ein Unternehmen, das durch einen Streit in der Führungsetage langsam, aber stetig heruntergewirtschaftet wird. Und dafür, wie der umstrittene Firmenjäger Guy Wyser-Pratte seine Geschäfte macht.

KARLSRUHE. Der Streit wirkt kindisch, ist aber nicht witzig. 9 000 Arbeitsplätze hängen von den Akteuren ab, die sich seit Monaten hinterrücks bekriegen. Beim Roboterhersteller IWKA in Karlsruhe streiten Eigentümer, Aufsichtsräte und Vorstände nur noch um eines: Posten. Öffentlich behaupten alle Parteien, sie wollten nur das Beste. Für den Konzern, für die Belegschaft. Doch die Belegschaft hat längst genug. Seit Jahren hoffen die Mitarbeiter auf einen Neuanfang, und bekommen doch immer nur den nächsten Akt desselben Trauerspiels.

Das Trümmerfeld ist kaum noch zu überblicken. Fünf Vorstände und sieben Aufsichtsräte hat die IWKA in den vergangenen zwei Jahren verschlissen. Nach dem Katastrophenjahr 2005 mit 148 Millionen Euro Verlust wurden zahllose Tochterfirmen verkauft, Hunderte von Arbeitsplätzen gingen verloren. Wer bleiben darf, verzichtet auf erhebliche Teile seiner Bezüge. Gleichzeitig fließen Millionen von Euro an Führungskräfte, die längst nicht mehr arbeiten, geschweige denn führen.

Nun soll noch einer gehen. Wolfgang-Dietrich Hein, vor 16 Monaten als Vorstandsvorsitzender angetreten, wird nach Informationen aus Unternehmenskreisen am Freitag seinen Rücktritt erklären. Er geht weder freiwillig, noch in bestem Einvernehmen, auch wenn dies vermutlich genau in diesen Worten in der offiziellen Verlautbarung der IWKA stehen wird.

Tatsache ist, dass Hein seinen Job noch vor wenigen Tagen weitermachen wollte. Der Konzern befindet sich mitten im größten Umbau seiner Geschichte. Derzeit wird der Verkauf der Verpackungssparte vorbereitet - mit 400 Millionen Euro Umsatz das zweitgrößte Geschäftsfeld der IWKA. ?Ich bin mit der Restrukturierung im ersten Halbjahr 2007 durch?, sagte Hein kürzlich dem Handelsblatt. Doch so viel Zeit bleibt ihm nicht mehr. Denn Hein hat einen mächtigen Widersacher: Guy Wyser-Pratte.

?Wacht auf und riecht das Napalm.? Es sind Sprüche wie dieser, mit denen sich der Amerikaner Wyser-Pratte als Finanzinvestor einen ganz besonderen Ruf erworben hat. Geboren 1940 in Frankreich als Sohn des Investmentbankers, entwickelte Wyser-Pratte als Soldat der US-Marines zwischen 1962 und 1966 seine Vorliebe fürs Militär und dessen Taktik. Schwächen erkennen, bloßlegen und mit allen Mitteln angreifen, so die Strategie des Amerikaners, die er ohne Zögern öffentlich darlegt.

Öffentlichkeit ist ein wichtiges Mittel für Wyser-Pratte. Schon allein seine Anwesenheit beflügelt oft die Kurse - zuletzt zu beobachten beim Verkehrstechnikkonzern Vossloh. Nach Wyser-Prattes Einstieg, zog die Aktie innerhalb von drei Monaten um 50 Prozent an. Der Amerikaner verkaufte seine Anteile mit mehreren Millionen Dollar Gewinn.

Der Mann, der die Aktionäre oft entzückt, versetzt viele Vorstände in Angst und Schrecken. Deutsche Unternehmenschefs sind militärische Attacken einfach nicht gewohnt. Siehe Hans Fahr.

Fahr, der bedächtige Sohn aus dem Hause des Traktorherstellers Fahr formte seit seinem Amtsantritt 1996 bei der IWKA eine Holding mit mehr als 100 Firmen. Viele Jahre werkelte die IWKA vor sich hin - der Aufsichtsrat mit Industriegrößen wie dem ehemaligen Buderus-Chef Reinhard Engel, Jürgen Hubbert (Mercedes) und Volker Doppelfeld (BMW) ließ ihn gewähren. Doch weil das Unternehmen keinen Großaktionär hat, ist es angreifbar. Wyser-Pratte steigt 2003 mit fünf Prozent ein, findet Fonds als Verbündete und beginnt seine Attacke über die Medien. Die IWKA sei ein lächerliches Konglomerat von Firmen. ?Fahr wollte sich ein Königreich zusammenstellen und hat dabei ein Unternehmen geschaffen, das er selbst nicht versteht?, sagt Wyser-Pratte. Er selbst will die IWKA auf das Roboter- und Automobilgeschäft reduzieren und alles andere verkaufen.

Bei der Hauptversammlung 2004 scheitert Wyser-Pratte knapp, dann erhöht er den Druck. Er wirft Fahr nacheinander Unfähigkeit und Größenwahn vor, sogar das Wort Bilanzfälschung fällt. Den Aufsichtsrat der IWKA hält der Amerikaner für eine Art Verschwörungsclub. Hubbert und Doppelfeld seien als Vertreter der größten IWKA-Kunden Daimler und BMW völlig ungeeignet als Kontrolleure. ?Wenn ein Kunde seinen Lieferanten kontrolliert, dann bestimmt nicht im Sinne des Lieferanten?, sagt Wyser-Pratte. ?Dieser Interessenkonflikt ist so offensichtlich, dass er schon unverschämt ist.?

Das wirkt. Noch vor der nächsten Hauptversammlung legt Vorstand Fahr sein Amt nieder, ein paar Monate später zieht sich auch die gesamte Kapitalseite im Aufsichtsrat zurück. Bevor die Herren mit den großen Namen aber das Feld räumten, legen sie dem aggressiven Großinvestor noch einen Stein in den Weg. Am 29. Juli 2005, zwei Wochen nachdem sie ihren Rücktritt ankündigten, wählen Engel, Hubbert, Doppelfeld und die anderen Aufsichtsräte der IWKA einen neuen Vorstandsvorsitzenden: Wolfgang-Dietrich Hein.

?Hein? Wieso Hein?? Guy Wyser-Pratte konnte seine Verblüffung nur schwer verbergen. Der IWKA-Großaktionär stieg gerade aus dem Flugzeug in New York, als ihn per Telefon die Nachricht von dem Überraschungskandidaten erreichte. Waren diese Germans jetzt wahnsinnig geworden? Noch am selben Abend kommt es zwischen Wyser-Pratte und den anderen Hauptaktionären in London, Boston und Los Angeles zu hitzigen Telefongesprächen. Am Ende steht fest: Juristisch ist nichts zu machen. Man würde mit diesem Mister Hein wohl erst einmal leben müssen.

Zumal sich der neue IWKA-Chef nicht einschüchtern lässt. Obwohl Hein von Wyser-Pratte-Vertretern ausdrücklich von dem Amtsantritt abgeraten wird, schlägt er die Warnung in den Wind. ?Ich mag Herausforderungen?, sagt der Sanierungsexperte in seinem ersten Interview. ?Für mich ist die IWKA eine spannende Aufgabe.?

Spannend, aber unlösbar, wie sich bald herausstellt. Noch immer ist kaum zu ermitteln, warum genau sich das Verhältnis Hein und Wyser-Pratte so schnell und so extrem auf den heutigen Zustand abkühlte. Beide Seiten sprechen seit einem Jahr nicht mehr miteinander und nicht offen übereinander. Wenn gegenüber Journalisten doch einmal hier und da ein Wort fällt, ist es meist nicht zitierbar.

Angeblich versetzte Hein seinen Großaktionär schon bei ihrer ersten Verabredung in Paris. Andersherum ließ Wyser-Pratte den Vorstandschef von Anfang an spüren, dass es auch ohne ihn geht. Der Amerikaner schickte Reiner Beutel in den Aufsichtsrat, einen extrem ambitionierten ehemaligen Bosch-Manager. Beutel fand schnell einen guten Draht zum Aufsichtsratsvorsitzenden Rolf Bartke, dem früheren Leiter der Nutzfahrzeugsparte von Daimler-Chrysler.

Gemeinsam machen Bartke, und Beutel dem IWKA-Chef so viel Dampf, dass Aufsichtsratssitzungen manchmal Ähnlichkeiten mit Strafappellen haben. Von Bartke heißt es, er kenne inzwischen jeden Robotertypen der IWKA in- und auswendig und könne aus dem Stand referieren, welcher Auftrag in welchem Zustand sei. Beutel, ein Finanzexperte, rechnet Heins Kostenmanagement bis hinters Komma nach und lässt keinen Zweifel, dass er den Laden eigentlich selbst besser führen könnte.

Wyser-Pratte sieht Hein von Anfang an als fünftes Rad am Wagen. Als die IWKA-Aktie in Heins ersten Monaten um 30 Prozent steigt, schickt der Großaktionär ein schriftliches Lob über den Atlantik. Er danke für das ?persönliche, außerordentliche Engagement? des Aufsichtsrates, insbesondere des Vorsitzenden Bartke, ist dort zu lesen. Zu Hein schreibt Wyser-Pratte kein Wort.

Im Juli 2006, zehn Monate nach Heins Antritt, erreicht die IWKA-Aktie mit 24 Euro ein Fünfjahreshoch. Wyser-Pratte war bei zehn Euro eingestiegen - bei solchen Gewinnen duldet er sogar Mister Hein. Doch dann folgt der Absturz. Innerhalb von vier Monaten fällt die Aktie um 40 Prozent. Für Hein wird es ungemütlich.

?Jedes Mal, wenn der Kerl den Mund aufmacht, fällt der Kurs?, heißt es im Spätsommer aus dem Umfeld von Wyser-Pratte. Hein hat mehrfach den Verkauf der Werkzeugmaschinen-Tochter Boehringer angekündigt, kann dann aber nichts vorweisen. Der Querschnitt: ?Die IWKA gefällt uns, aber Hein nicht.? Der Großaktionär und einzelne Aufsichtsräte stufen ihren Vorstandschef inzwischen als Sicherheitsrisiko ein. Angeblich wird ihm verboten, allein zu einer Investorenkonferenz zu fahren. Im Aufsichtsrat kursiert ein Papier mit Kommentaren von wichtigen Analysten und Anlegern. Der Querschnitt: ?Die IWKA gefällt uns, aber Hein nicht.?

Die Belegschaft beäugt das Geschehen mit Skepsis. Keinem Mitarbeiter ist wohl bei dem Gedanken, dass der eigene Chef das Vertrauen der Kapitalmärkte verspielt. Doch die Rechnung: Wenn der Kurs steigt, liegt es am Aufsichtsrat, wenn er fällt, ist der Vorstand Schuld?, erscheint manchem bei der IWKA zu simpel. Und überhaupt störte die Mitarbeiter eines: Ob der Kurs nun steigt oder fällt - ihnen ging es schlechter, dem Aufsichtsrat besser.

1 700 Mitarbeiter der IWKA-Robotersparte verzichten für drei Jahre auf zehn Prozent ihrer Bezüge. Hintergrund ist ein Auftragseinbruch von rund 110 Millionen Euro. Um diesen zu verarbeiten, war eine Weile ein Abbau von 400 bis 500 Stellen im Gespräch. Stattdessen werden nur 190 Arbeitsplätze gestrichen - und alle Mitarbeiter nehmen den zweistelligen Gehaltsverzicht hin. Der neue Aufsichtsrat hingegen spürt von dem Auftragseinbruch nichts. Im Gegenteil.

In der Vergangenheit sah die Satzung der IWKA vor, dass sich die Vergütung des Kontrollgremiums an der Höhe der Dividende orientiert. So erhielt der ehemalige IWKA-Aufsichtsratschef Engel 2005 eine feste Vergütung von 28 298 Euro, plus einen Erfolgsanteil von 117 590 Euro für das Jahr zuvor. Doch 2005 gab es keine Dividende, also auch keine Erfolgsbeteiligung für die Aufsichtsräte. Die Folge? Die Satzung der IWKA wird geändert. Künftig erhalten die Aufsichtsräte pauschal das Fünffache ? statt 6 000 Euro nun 30 000 Euro pro Jahr, Ausschussmitglieder 45 000 Euro extra und der Aufsichtsratsvorsitzende 120 000 Euro. Für den neuen Aufsichtsratschef Bartke kommen so 165 000 Euro zusammen ? Auftragseinbruch hin oder her.

Es sind solche Details, die die Mitarbeiter der IWKA wütend machen. Kaum einer versteht, warum der Aufsichtsratsvorsitzende Bartke seit Monaten den Rauswurf vom Vorstandschef Hein vorbereitet - noch dazu, ohne die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat einzuweihen. Seit langem ist bekannt, dass Bartke einen Headhunter mit der Nachfolgersuche beauftragt hat. Doch die Arbeitnehmer haben nach insgesamt fünf Vorstandswechseln in 17 Monaten genug. Anfang Dezember lassen sie Bartke mit seinem Kandidaten abblitzen. Die Kosten für den Headhunter freilich fallen trotzdem an - Insider rechnen mit einem sechsstelligen Betrag.

Im Vergleich mit den sonstigen Kosten, die der IWKA-Aufsichtsrat mit seinen Personalentscheidungen produziert sind das allerdings Peanuts. 3,4 Millionen Euro hat die IWKA laut Geschäftsbericht 2005 für ausgeschiedene Manager zurück gestellt. Wie genau sich diese verteilen, will das Unternehmen nicht verraten. Bei der IWKA scheint es Brauch, Manager kurz vor ihrer Entlassung noch mit langfristigen Verträgen auszustatten. Der von Ex-Vorstand Hans Fahr läuft bis Mai 2009. Anschließend erhält er eine Pension von 143 000 Euro per anno.

Heins Abschied kommt die IWKA dagegen fast günstig, sein Vertrag ist jeweils im Mai kündbar. Und auch wenn Hein das Vertrauen der Betriebsräte hat, weiß der Vorstandschef: Gegen den Großaktionär und den halben Aufsichtsrat kann er auf Dauer kein Unternehmen führen. Für Hein ist es Zeit, zu gehen. Und Guy Wyser-Pratte hat gewonnen.


Quelle: HANDELSBLATT, Mittwoch, 20. Dezember 2006, 09:12 Uhr

Euer

   Einsamer Samariter

 

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