Verwechslung von Ursache und Wirkung

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eröffnet am: 17.07.02 12:13 von: sv.Spielkind Anzahl Beiträge: 1
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2075 Postings, 7258 Tage sv.SpielkindVerwechslung von Ursache und Wirkung

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In der NZZ findet sich in Zusammenhang mit Vertrauen ein besonders interessantes Beispiel der Verkennung von Kausalzusammenhängen auf den Finanzmärkten.


In der (internationalen) Wochenendausgabe der Neuen Zürcher Zeitung vom 13./14. Juli 2002 findet sich auf Seite 9 ein ausgezeichnetes, für das Denken der Zeit typisches Beispiel für die Verkennung von Ursache und Wirkung bezüglich der Funktionsweise der Finanzmärkte.

Seinen interessanten Artikel über Vertrauen mit dem Titel "Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser" eröffnet der Autor (G.S.) mit dem Hinweis, dass in den "vergangenen Wochen" ein Begriff - nämlich Vertrauen - die "Wirtschaftsressorts der Medien erobert" habe. Er arbeitet heraus, dass die Wirkungen der "umfassenden Vertrauenskrise" weitreichend und "verheerend" seien und weiter, dass ein "offenkundiges Opfer" der Aktienmarkt sei. Er schreibt: "Der massive Kursrückgang ist ebenso Folge des Vertrauensschwundes wie die ungewöhnliche Sensibilität der Kurse auf jegliche Nachrichten - seien sie nun positiv oder negativ. Selbst elf Zinssenkungen in Folge in den USA vermochten da nichts auszurichten."

Diese Aussage ist in mehrfacher Hinsicht irreführend. Der Autor verwechselt Ursache und Wirkung. Der Kurszerfall hat, wie ein Blick auf die Kursentwicklung der wichtigsten Aktienindices schnell und eindeutig zeigt, lange vor der Thematisierung von Vertrauen durch die Wirtschaftsredaktionen begonnen. Das Sinken der Kurse hat zu einem Zeitpunkt eingesetzt, als das Vertrauen grösser und unkritischer nicht hätte sein können - auch und gerade jenes der Wirtschaftsredaktionen. Der Dow Jones Index hatte seinen Höchststand am 31. Januar 2000(!) und der S&P am 31. März desselben Jahres. Seither sind die Kurse gefallen, und zwar in einem Ausmass, wie das zum damaligen Zeitpunkt kaum jemand für möglich gehalten hatte.

Nicht ein Vertrauensschwund hat den Kursrückgang eingeleitet, sondern das Gegenteil hat stattgefunden: ein zweieinhalbjähriger Kurszerfall hat das Vertrauen gebrochen. Nicht der Aktienmarkt ist Opfer des Vertrauensschwundes, sondern es ist umgekehrt.

Auch die Zinssenkungen der FED haben lange vor jedem journalistisch konstatierten Vertrauensschwund eingesetzt. Man hatte im Gegenteil unlimitiertes, wenn auch völlig ungerechtfertigtes Vertrauen in die Wirkung von Zinssenkungen. Das Vertrauen hat sich dann langsam verflüchtigt, nachdem auch die elfte Zinssenkung in Folge nichts am Kurszerfall zu ändern vermochte. So war es übrigens immer: auch von 1929 - 1932 in den USA und so war es in den 90er Jahren in Japan.

Ebenso hat die Sensibilität der Kurse auf Nachrichten mit dem Vertrauensschwund wenig bis gar nichts zu tun. Während der Jahre der scheinbar unlimitierten Kursaufschwünge haben Nachrichten genauso die Kurse beeinflusst, wie das jetzt der Fall ist. Es gibt aber einen wichtigen Unterschied, den G.S. in seinem Artikel nicht ausreichend würdigt und dieser ist für das Verständnis von Vertrauen entscheidend: Zur Zeit des Aufschwunges wurden negative Nachrichten durch die Selektivität der Wahrnehmung des Publikums und nicht wenigen Journalisten entweder ausgeblendet oder - massenpsychologisch noch bemerkenswerter - ins Positive interpretiert. Auch der negativsten Nachricht wurde noch kurssteigernde Wirkung abgewonnen.

Die jetzt überall gebrandmarkten Bilanzmanipulationen der US-Unternehmen und ihre vertrauenszerstörende Wirkung waren nämlich bereits im Jahr 2000 und früher bekannt. Man brauchte lediglich die SEC-Files zu konsultieren. Sie wurden nur gänzlich anders dargestellt und interpretiert wie heute, nämlich als Ausdruck besonders klugen Wirtschaftens, besonders fortschrittlicher Unternehmensführung, besonders tollen amerikanischen Managements (gegen das die konservativen Europäer alt und grau aussahen) und eines allseits, auch und gerade von vielen Wirtschaftsredaktionen gepriesenen New Economy-Paradigmas.

Heute ist es umgekehrt - und es wird noch lange so bleiben. Was immer es an Positivem in den nächsten Jahren geben wird, man wird es schon bald nur noch und ausschliesslich als kurssenkend berichten und verstehen.





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