Über eine kleine Terrorkolonie

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eröffnet am: 21.12.06 18:42 von: Talisker Anzahl Beiträge: 1
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Colonia Dignidad

Von da an war Weihnachten tabu

Von Josef Oehrlein, Villa Baviera


Villa Baviera entdeckt das Weihnachtsfest
21. Dezember 2006
Der erste Choreinsatz klingt schaurig. Zaghaft und unsauber setzen Alt und Sopran ein. Mit dem Hinzutreten der Männerstimmen festigen sich die abwärts drängenden Molldreiklänge. Erst nach beharrlicher Wiederholung nimmt der Gesang, gestützt von den Geigen, Kontur an.

Das ?Et incarnatus est? aus Bachs h-Moll-Messe enthält die Weihnachtsbotschaft in so konzentrierter wie eindringlicher Form. Chorsänger und Musiker, die sich mit der Passage aus dem ?Credo? abmühen, haben Weihnachten lange nicht gefeiert. Vor Jahren ist ihr Anführer mit ihnen hinaus an einen See gefahren. Dort erschien ein Weihnachtsmann auf einem Boot, tauchte ins Wasser und ward nicht mehr gesehen. Von da an war Weihnachten tabu.

?Guter Hirte?

Schäfer im März 2005 auf dem Weg ins Gefängnis

Der religiöse Eiferer Paul Schäfer gab vor, seine Gemeinde in ein Gelobtes Land zu führen. Die Bibel interpretierte er nicht nur zur Weihnachtszeit nach eigenem Belieben. Jetzt sitzt er in einem chilenischen Gefängnis. Vor allem wegen Kindesmißbrauchs wurde der inzwischen 84 Jahre alte Prediger zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Weitere Strafverfahren wegen Menschenrechtsverletzungen und illegalen Waffenbesitzes erwarten den früheren Wehrmachtssanitäter noch.

Vor fast einem Jahrzehnt hatte der selbsternannte ?Gute Hirte? seine Schäfchen verlassen und floh nach Argentinien. Dort wurde er im April 2005 aufgestöbert. In Chile hat Schäfer eine Gemeinschaft verstörter, physisch und psychisch angegriffener, in den Grundfesten ihres Glaubens erschütterter Anhänger hinterlassen.

Symbol der Unfreiheit: Das ?Freihaus?

Erst seit kurzem weiß die Weltöffentlichkeit, was sich hinter der seit 1961 in der Nähe des südchilenischen Städtchens Parral ansässigen ?Gesellschaft für Wohltätigkeit und Erziehung ,Würde'? verbarg. Gegründet hatte Schäfer sie zuvor in Deutschland. Die Colonia Dignidad, die Kolonie Würde, widmete sich in der abgeschiedenen Gegend angeblich der Betreuung von Armen und hilfsbedürftigen Kindern. Tatsächlich war sie Schäfers Terrorlager. Unter dem Mäntelchen der Mildtätigkeit sicherte er sich die Möglichkeit, lebenslang seine abartigen Veranlagungen zu befriedigen.

?Schicksalssinfonie?

Viele einstige Bewohner haben die Kolonie nach Schäfers Flucht verlassen, weil sie selbst Anklagen befürchteten oder weil sie in der Kolonie keine Zukunft mehr für sich sahen. 400 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago schmiegt sich das 14.000 Hektar große Gelände, der ?Fundo?, an die Vorkordillere der Anden.

Schäfers ramponiertes Flugzeug harrt eines Käufers

Von den einst 370 Kolonisten sind etwa 200 noch da. Sie versuchen sich einzurichten - so gut es geht. Schäfer hat das von der Gemeinschaft erwirtschaftete Geld beiseite geschafft. Der chilenische Staat hat das Gelände vorläufig beschlagnahmt. Auf dem Terrain darf einstweilen nichts verändert werden. Die Bewohner können nicht einmal Kredite aufnehmen, um ihre Wirtschaftsbetriebe rentabel zu gestalten.

Schäfer hatte sich in seinem Privatparadies, das für die meisten Mitglieder seiner Gemeinschaft zur Hölle wurde, sogar ein stattliches Sinfonieorchester gegönnt. Es durfte nur spielen, was er befahl. Zu seinen Lieblingsstücken gehörte Beethovens fünfte Sinfonie. Die ?Schicksalssinfonie?. Die wenigen Musiker, die von dem Sinfonie- und einem Blasorchester übriggeblieben sind, und die Chorsänger haben in diesem Advent ein anspruchsvolles Programm für ein vorweihnachtliches Konzert in der katholischen Kirche von Parral einstudiert.

Musikalische Therapie

Musikpädagoge Burkard ist im Auftrag des Goethe-Instituts in der ?Villa?

Das ?Et incarnatus? sowie eine Fuge aus Bachs ?Kunst der Fuge?, Corellis weihnachtliches Concerto grosso g-Moll Opus 6 Nr. 8 und Weihnachtslieder sollen dazu beitragen, die durch Schäfers willkürliche Bibelinterpretation zerstörten religiösen Traditionen zurückzugewinnen. Aber die musikalische Arbeit ist auch Therapie.

Der pensionierte deutsche Oberstudienrat Helmut Burkard aus Bruchsal hat mit den Sängern und Musikern sechs Wochen lang intensiv geprobt. Sie haben eifrig teilgenommen, obwohl im chilenischen Hochsommer die beginnende Erntezeit nur wenig Zeit ließ. Vor einem halben Jahr war Burkard schon einmal auf dem Fundo und hat gestaunt, wie wirkungsvoll die Musik Wunden zu heilen vermag.

?An Kanon und Fuge läßt sich beobachten, daß jede Stimme ihren eigenen Weg gehen kann und daß trotzdem alle Stimmen zusammen eine Harmonie ergeben?, hat Burkard den Bewohnern der Kolonie erklärt. Das Wissen um diese Grunderfahrung menschlichen Zusammenlebens war ihnen abhanden gekommen, weil Schäfer systematisch die Individualität jedes Bewohners zerstört hatte, um sich die Gemeinschaft gefügig zu machen.

Perfider Überwachungsapparat

Als Hommage an den damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß nannte Schäfer die Kolonie Villa Baviera (Dorf Bayern). So heißt sie auch heute noch. An ihrer Geschichte läßt sich studieren, wie ein System der Gewaltherrschaft entsteht. Den Mitgliedern der Gemeinschaft blieb von einem bestimmten Moment an keine Möglichkeit des Entrinnens. Den Anfängen zu wehren, traute sich keiner. Schäfers perfider Überwachungsapparat, in dem jeder jeden bespitzelte, in dem er wie ein Diktator der einzige war, der die Gesamtinformation über alles besaß, was in der Kolonie geschah, erstickte jedes Aufbegehren, jeden Widerstand und jeden Fluchtversuch im Keim.

Die Bewohner schildern Schäfer als eine aufbrausende, herrische Persönlichkeit, als einen so wortgewaltigen wie gerissenen Tyrannen, der noch die offenkundigsten Widersprüche in seinem Verhalten zu rechtfertigen wußte. Unbekümmert führte er fromme Bibelsprüche wie die zotigsten Aussprüche im Mund. Sein Organisationstalent war legendär.

Obwohl er seinen Gefolgsleuten vorgaukelte, genau zu wissen, was er vorhatte, als er 1961 von Deutschland nach Chile zog, war am Anfang alles improvisiert, sagt der Architekt Johannes Wieske, der die Gebäude auf dem Gelände geplant hat, das Schäfer von italienischen Kolonisten übernommen hatte. Noch heute wirkt die Villa Baviera wie ein blitzsauberes deutsches Dorf. Beherrschender Bau ist das ?Freihaus?, das Schäfer 1965 errichten ließ und nach dem früheren chilenischen Präsidenten Eduardo Frei Montalva (1964 bis 1970) benannte, den er auf dem Fundo empfangen wollte. Doch Frei kam nie in die Colonia Dignidad.

Gebäude mit düsterer Vergangenheit

Das Freihaus wurde zum Symbol für die verlorene Freiheit der Bewohner. Einen Raum im hinteren Teil des Gebäudes, der als Gästezimmer geplant war, requirierte Schäfer für sich. Der Anbau mit dem berüchtigten Bad, das er für seine perversen Handlungen an Kindern und Jugendlichen nutzte, ist abgerissen worden.

Die großen Salons mit ihrer sorgsam gepflegten Plüschausstattung aus den sechziger Jahren, in denen die Gemeinschaftsversammlungen stattfanden, können jetzt für Feste oder Seminare gemietet werden. Allerlei Betriebe gibt es noch, darunter ein Ausflugslokal, eine Imkerei, eine Schweinezucht. Die Ziegelei liegt brach, weil der Fachmann, der sie leitete, die Kolonie verlassen hat. Kein anderer versteht etwas von dem Handwerk. In der Großbäckerei herrscht dafür Hochbetrieb. Dort werden gerade Christstollen gebacken. Die Villa Baviera beliefert eine chilenische Supermarktkette.

Folterkammer Pinochets

Abseits der Wirtschafts- und Wohngebäude und von dort nicht einsehbar liegt der Flugplatz. Im Hangar steht noch eine zweimotorige Dornier ?Skyservant?. Sie soll, wie schon die anderen von Schäfer früher benutzten Maschinen, verkauft werden. Doch ein Triebwerk und das Cockpit sind nach einem Reparaturversuch ausgebrannt. Die Piste diente vor allem dem chilenischen Militär.

Immer mehr Dokumente und Funde auf dem Gelände belegen, daß die Colonia Dignidad während der Pinochet-Diktatur (1973 bis 1990) als Festnahme- und Folterzentrum benutzt wurde. Pinochet soll Schäfer persönlich auf dem Fundo besucht haben. Sein Geheimdienstchef Manuel Contreras ging in der Kolonie ein und aus. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen sind 112 Regimegegner in der Colonia Dignidad ?verschwunden?. Niemand weiß, wie viele dort festgehalten und gefoltert wurden.

Für Schäfer kam die Diktatur zum rechten Zeitpunkt. Die Colonia Dignidad erhielt zahllose Sonderrechte, sie konnte Waren zollfrei einführen und wurde von Steuerzahlungen befreit. Die Schergen Pinochets konnten dafür auf dem hermetisch abgeriegelten Gelände ungestört ihrem blutigen Handwerk nachgehen. Die Bewohner versichern, sie hätten von Schäfers Verbindungen zur Diktatur nichts mitbekommen. Ihnen ist nur aufgefallen, daß er sich als Waffennarr aufführte und ihnen immer wieder, vor allem zur Zeit des Präsidenten Allende (1970 bis 1973), die angeblich drohende Gefahr einer Invasion und Enteignung einredete.

?Besondere Liebesbeweise dieses Abgotts?

Schon in den Anfängen der Kolonie, als Schäfer in Heide bei Siegburg eine Gemeinde um sich zu sammeln begann, hatte er es meisterhaft verstanden, Weltuntergangsstimmung zu verbreiten. Damals steckten vielen Deutschen, vor allem den Flüchtlingen, noch die Schrecken der Kriegszeit in den Knochen. Die Aussicht, in ein weit entferntes Land ausreisen und dabei auch noch ein gutes Werk verrichten zu können, war für die Anhänger Schäfers, zum großen Teil Baptisten aus Ostpreußen, verlockend. Sie verkauften ihr Hab und Gut und übergaben das Geld ihrem Oberhaupt, das ihnen den wahren Grund des Umzugs nach Chile verheimlichte. Schäfer wurde steckbrieflich von der Polizei gesucht, weil seine pädophilen Umtriebe ruchbar geworden waren.

Die Gemeinschaft hat Schäfer wohl nur gegründet, um seinen sexuellen Neigungen nachgehen zu können. ?Die Kinder, in völliger Unkenntnis über die Geschlechtlichkeit gehalten, verpflichtete er, niemand zu erzählen, was ihnen geschah, noch verstanden sie, was Schäfer mit ihnen machte, und sie verwechselten seine Abartigkeiten mit besonderen Liebesbeweisen dieses Abgotts, zu dem er sich gemacht hatte?, heißt es in einem offenen Brief der Kolonisten, einer Art Schuldbekenntnis, vom April 2006.

Die sexuellen Handlungen Schäfers hätten bei den Kindern und Jugendlichen in der Kolonie weniger Schäden hinterlassen als das Überwachungs- und Strafsystem, meint der Psychiater und Psychotherapeut Niels Biedermann, der mit einem Team die verbliebenen Bewohner betreut. Sie mußten einander früher regelmäßig denunzieren, selbst geringste Vergehen ihrem Anführer ?beichten?. Dann wurden sie oft vor der Gemeinschaft bloßgestellt und mußten wahre Prügelorgien erdulden, von denen auch Frauen und Kinder nicht verschont blieben.

Psychopharmaka und Elektroschocks

Schäfer zerstörte jede Art von Familienstruktur, er trennte Männer und Frauen und ließ die Kinder gesondert aufwachsen. Um sich scharte er einen kleinen Kreis Privilegierter, die sogenannte Herrenrunde, die sich an der Unterdrückung der Mitbewohner beteiligte. Die Klinik - nach außen das Aushängeschild der Kolonie, weil sie an bestimmten Wochentagen die Bewohner der Region behandelte - war ein Folterzentrum.

Die dort tätigen Ärzte, der wie Schäfer inzwischen inhaftierte Dr. Hartmut Hopp und die gegen Kaution freigelassene, gehbehinderte Dr. Gisela Seewald, brachen jeden aufkeimenden Widerstand mit der Verabreichung von Psychopharmaka, mit Elektroschocks und fragwürdigen medizinischen Experimenten. Der frühere Sanitäter Schäfer spielte sich als ?Chefarzt? auf.

?Kritik wird als Bedrohung wahrgenommen?

In dem totalitären Regime verschwimmt die Grenze zwischen Tätern und Opfern. Die chilenische Justiz tut sich schwer damit, die Verantwortlichkeiten zu klären. Nirgends erscheint Schäfers Name, nicht einmal in den Statuten, auch nicht in einer reich bebilderten Festschrift, mit der die ?Wohltätigkeitsorganisation? 1976, fünfzehn Jahre nach ihrer Neugründung in Chile, ihre Aufbauleistungen feierte. Schäfer schickte stets Untergebene und Strohmänner vor.

Die Bewohner der Kolonie befinden sich derzeit in einem komplizierten Selbstfindungsprozeß. ?Schäfer hat nicht über seinen Lebenshorizont hinaus geplant?, sagt der Psychiater Biedermann, ?die Gemeinschaft war für seinen persönlichen Konsum, aber nicht für die Zukunft konzipiert.? Noch immer fällt es den Kolonisten schwer, auf Kritik konstruktiv zu reagieren oder überhaupt Kritik zu ertragen. ?Jede Kritik wird noch immer als Bedrohung wahrgenommen?, sagt Biedermann. Inzwischen sind die Bewohner dabei, neue Statuten für ihre Gemeinschaft auszuarbeiten. Aus Schäfers rechtlosem Raum soll eine ehrenhafte Gemeinschaft in Chile werden.

Bedeutender Wirtschaftsfaktor

Helmut Burkard, der schon im Nahen Osten als Pädagoge und Therapeut gearbeitet hat, wurde vom Goethe-Institut in Santiago in die Kolonie geschickt. Der Psychologe Biedermann und sein Team sind im Auftrag des Auswärtigen Amts unterwegs. Die Bundesregierung organisiert überdies die konsularische sowie religiöse Betreuung durch einen Geistlichen. Frühere deutsche Regierungen haben nicht erkannt oder nicht erkennen wollen, daß die Bewohner der Colonia Dignidad von einem Kriminellen als Geisel genommen worden waren.

Auf Bitten der Psychologen bestellte der chilenische Staat einen Verwalter für die Kolonie. Herman Schwember hat erkannt, daß die Villa Baviera längst zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor geworden ist. Sie bietet 500 Chilenen Arbeitsplätze und vielen Zulieferern oder Dienstleistern ein Zubrot.

Schwember hat zum Weihnachtskonzert der Villa Baviera in der Kirche San José in Parral gute Nachrichten mitgebracht. Es besteht die Aussicht, daß die Beschlagnahmung des Geländes, die jede Entwicklung in der Kolonie lähmt, bald teilweise aufgehoben wird. Dann können auch 37 Häuser gebaut werden, in die von früher bestehende oder neugegründete Familien einziehen sollen.

?Noche de Paz?

Die Ehe nannte Schäfer eine Sünde. Heute aber wird geheiratet in der Villa Baviera. Vor allem die heute erwachsenen Chilenen, die Schäfer, Hopp und andere adoptiert hatten, als der deutsche Nachwuchs wegen des Heiratsverbots ausblieb, suchen ihre Partner außerhalb der Kolonie. Vielleicht werden ehemalige Bewohner, die den Fundo nach Schäfers Flucht verlassen haben, zurückkehren.

In zehn oder zwanzig Jahren könne man sich die Villa als ganz normale Siedlung vorstellen, in der einträchtig Deutsch und Spanisch gesprochen wird, sagt der Psychologe Biedermann. Beim ?Stille Nacht?, mit dem das Konzert in der vollbesetzten Kirche in Parral schließt, mischt sich der deutsche Text, den der Chor singt, schon mühelos mit dem ?Noche de Paz? der chilenischen Besucher.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa, Frankfurter Allgemeine Zeitung
 

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