Über den Zustand des Fernsehens

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neuester Beitrag: 24.05.05 15:51
eröffnet am: 02.04.05 06:46 von: Talisker Anzahl Beiträge: 7
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02.04.05 06:46
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36607 Postings, 6176 Tage TaliskerÜber den Zustand des Fernsehens

Wer es noch nie getan hat, dem sei es empfohlen: Stehl dir selber eine halbe Stunde deines Lebens und tu dir eine solche nächtliche Quizshow an - köstlich, zugleich aber auch unendlich grausam, die arme Moderatorin leiden zu sehen... Bis man ihr irgendwann einfach nur noch am liebsten eine rein hauen möchte, sei man auch der überzeugteste Pazifist.
Gruß
Talisker

Interview

"Es war noch niemals so furchtbar"

Komiker Oliver Kalkofe über seine "Mattscheibe", über Sendefloplöcher und das Konzentrat des Fernsehgrauens.
Interview: Hans Hoff
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SZ: Sie starten am 11. April bei Pro Sieben mit neuen Folgen von ?Kalkofes Mattscheibe?. Wie bereiten Sie die vor?

Kalkofe: Gucken, drehen, hoffen, verzweifeln.

SZ: Wieso verzweifeln?

Kalkofe: Weil es nicht mehr wirklich so viel Spaß macht, was man da zu sehen bekommt. Am Anfang war da ja noch so ein Entdeckergeist. Wir wollten zeigen, was für ein Irrsinn im Fernsehen abgeht, und wir haben ja auch viel gefunden. Aber das, was wir da gefunden haben, war ja noch irgendwie durch irgendwas inspiriert.

SZ: Wirklich?

Kalkofe: Ja, selbst die Privatsender, die natürlich ihr Geld durch Werbung verdienen, haben sich überlegt: Wie kriegen wir das Publikum? Was können wir machen? Da gab es eine richtige Spielfreude nach dem Motto: Wir können alles, wir machen alles, wir versuchen alles. Da gab es die Phase der Gigantonomie und der Shows, in denen Kandidaten gequält wurden.

SZ: Das war für sie als Medienkritiker doch eine ziemlich dankbare Phase.

Kalkofe: Ja natürlich. Da hat man immer was gefunden, wo man dachte: Das kann ich nicht glauben. Aber da war immer noch Kreativität im Spiel. Im Moment haben wir dagegen eine Phase der absoluten Lethargie, eine Art Geldeinsammelstarre, in die die Sender verfallen sind. Das ist ein Verachten des Publikums und des eigenen Mediums. Wie oft habe ich schon von Redakteuren von allen Sendern gehört: ?Du machst ja jetzt was über unsere Sendung. Das ist richtig, verarsch das mal. Das ist ja wirklich furchtbar, was wir da machen.?

SZ: Klassische Selbstverleugnung.

Kalkofe: Es ist niemand mehr, der sagt: Wir geben uns Mühe und es macht Spaß. Die meisten Macher sitzen vor mir und sagen: ?Das, was wir tun, ist das Schlimmste überhaupt. Ich guck das nicht. Das kann ja auch kein vernünftiger Mensch mehr gucken. Das ist widerlich.?

SZ: Sie sind doch nur beleidigt, dass ihnen nichts mehr vor die Flinte kommt.

Kalkofe: Ich bin erst einmal beleidigt als Zuschauer, dass man mich für so blöd hält und mich nicht mehr ernst nimmt. Ich entschuldige jedem Sender seine Ausrutscher. Jeder Sender darf seinen Dreck produzieren, solange er noch versucht eine gewisse Vielfalt zu wahren, solange man sieht, dass er sich noch um die Zuschauer bemüht. Schauen wir uns doch mal diese Quiznight-Epidemie an. Erst haben sie Neun Live verlacht, und jetzt machen sie es alle nach und finden sich damit ab, dass die Sendung von niemandem geguckt wird. Hauptsache, es kommt Geld rein. Da wird nicht einmal mehr versucht, Fernsehen zu machen. Das ist nur bezahltes Testbild. Und die Moderatoren sind Marionetten, die vor einer virtuellen Wand stehen und um ihr Leben labern. Da bezahlt der Teil der Zuschauer, der da anruft, die Sendeflop-Löcher. Da wird gar nicht mehr daran gedacht, einen Hauch von Unterhaltung vorzugaukeln. Das ist reine Karussellbremsermentalität.

SZ: Sind die Sender also inzwischen so blöd, dass nicht mehr parodierbar sind?

Kalkofe: Ja, das nehme ich ihnen auch sehr übel. Wenn man sich mal das vergangene Jahr anschaut, das größte Flopjahr seit Erfindung des Privatfernsehens, in dem der Ausverkauf der Ideen stattgefunden hat, wo alle Sender nur noch gesagt haben: Wir machen nur noch Formate aus dem Ausland, wir springen auf jeden Trendzug, auch wenn der längst abgefahren ist. All die Schönheits-OP-Shows, die Job-Shows, die Reality-Promi-Demütigungsformate. Es war noch niemals so furchtbar. Und niemand hat sich hingesetzt und überlegt, wie man es besser macht. Stattdessen wurde alles ausgebremst, und es herrscht nur noch die totale Panik. Keiner traut sich mehr was.

SZ: Sie haben aber als Kritiker das große Privileg, sich zu rächen.

Kalkofe: Das ist wirklich ein großes Privileg. Ich durchlebe ja gerade diese Phasen vor der Sendung. Ich sichte am ersten Tag voller Freude das Material, ab dem zweiten Tag geht es langsam in Depression über, und am dritten und vierten Tag bleibt nur noch das Entsetzen.

SZ: Sie veranstalten als Rache quasi eine umgekehrte Grimme-Auswahl.

Kalkofe: Ich siebe alles durch und am Ende bleibt nur noch das Mieseste, das Konzentrat des Grauens.

SZ: Betrifft das alle Sender?

Kalkofe: Das geht querbeet. Am schlimmsten sind zur Zeit die Nachtprogramme der Privaten und einige der Sender, die man nur regional zu sehen bekommt. Die springen jetzt alles auf diese Quizgeschichte auf. Da bekommt man eine Art Neun Live aus dem Hinterzimmer. Dagegen ist das Original dann schon fast wieder grimmepreisverdächtig. Da sprechen Hausfrauen mit Geistern und irgendwelche Leute stellen Pillen vor, die sie in der Küche zusammengebraut haben. Da bekommt man wirklich Angst, vor dem, was da mit einem geschieht. Das ist Randgruppenfernsehen für Leute, die vorher nicht mal alleine den Sender wechseln konnten. Die fragen da allen Ernstes: Wie viele Monate hat das Jahr?
SZ: Warum gucken sie trotzdem weiter?

Kalkofe: Das ist meine Aufgabe. Manchmal fühle ich mich wie Spiderman oder Batman.

SZ: Kalkman?

Kalkofe: Ja, ich habe das Gefühl, ich sitze da in meiner Kalkhöhle und muss mir das ganze Elend anschauen, aber einer muss sich doch dagegen wehren und dazu etwas sagen.

SZ: Und sie sind der last man standing?

Kalkofe: Last man watching trifft es wohl eher. Ich tue mir all das an, wo sich die anderen erlauben dürfen abzuschalten. Aber ich darf mich dann auch dagegen wehren. Ich fühle mich da nicht so besonders toll in der Rolle des einsamen Kämpfers. Aber ich sehe mich langsam dort, weil sonst keiner mehr etwas dazu macht. Als ich damit vor zehn Jahren angefangen habe, gab es das gar nicht, dann kam der Boom, von ?TV Total? über ?Switch? bis zu den ?TV Cops?. Jetzt sind alle wieder davon weg, hin zu einer großen Verbrüderung, wo es heißt: Wir machen doch alle unseren Job und sind doch eine Familie und gucken eben weg, wenn es ganz schlimm wird.

SZ: Was schauen sie sich privat an?

Kalkofe: Fast gar nichts mehr. Ich habe mich zum Fernsehboykott entschlossen, weil selbst die Dinge, die mir mal Spaß gemacht haben, keinen Spaß mehr machen. Ich sehe ja an sich gerne Fernsehen und lasse mich auch gerne stumpf unterhalten. Ich sage ja nicht: Guckt nur noch Arte und 3sat. Das ist auf Dauer auch nicht auszuhalten. Die geben mir nicht den Anteil an Unterhaltung, den ich will.

SZ: Bleibt ihnen denn wenigstens der MDR als Fundgrube?

Kalkofe: Nein, die alten Feinde von früher sind nicht mehr. Der MDR ist ja so etwas wie Jurassic Park, so eine Art Serengeti für arbeitslose Moderatoren. Vor zehn Jahren war das die Krone des Schwachsinns, heute ist das der Streichelzoo, nur noch niedlich. Ich möchte Karl Moik, Carolin Reiber oder Achim Menzel nur noch über den Kopf streicheln und sagen: Toll, ihr habt euch wenigstens Mühe gegeben und könnt ein Lied singen, ohne dabei hinzufallen.

SZ: Ist es das Prinzip ?Lindenstraße?, die ja immer noch furchtbar ist, was aber keiner mehr merkt, weil die Mitbewerber so viel schlechter sind?

Kalkofe: Ja, heute schaltet man rüber von ?Richterin Barbara Salesch? oder ?Das Geständnis? zur ?Lindenstraße? und sagt: Booh, ist das geil gespielt. Hey, das sind ja Schauspieler. Vorher hat man das nie geglaubt. Man denkt immer: Das Niveau ist schon im Keller, es geht nicht mehr tiefer. Dann kommt einer mit dem Schaufelbagger und hebt nochmal vier Etagen aus.

SZ: Welches Programm wünschen sie sich?

Kalkofe: Ich möchte ein Programm, in dem ich etwas lerne, ernsthafte gute Unterhaltung bekommen, aber auch spannende und trotzdem gute Unterhaltung.

SZ: Da meldet sich jetzt bestimmt der ARD-Programmdirektor Günter Struve fürs Erste.

Kalkofe: Da soll er mal ganz still sein. Die laufen jetzt mit stolz geschwellter Brust herum, weil sie Schmidt zurückgeholt haben und tun so, als wären sie cool. Sind sie aber nicht. Wenn die mal Innovation wagen würden, wären sie was. Die rudern in ihrem eigenen Strudel, den sie seit Jahren befahren. Sie machen das Programm für die schunkelnden Rentner und wollen das dann verjüngen. Dann schmeißen sie den alten Moderator raus und setzen neue junge Schleimnasen hinein.

SZ: Ist es wirklich schlimm, dass Max Schautzer als Moderator von ?Immer wieder sonntags? gehen musste?

Kalkofe: Schlimm wird es, wenn dafür Sebastian Deyle kommt. Da hätte ich auch Max Schautzer lassen können. Das wäre wenigstens ehrlich gewesen. Der ist, was er da macht. Jetzt haben sie doch schon wieder den Moderator gewechselt. Jetzt kommt Stefan Mross, aber die Sendung ist die gleiche geblieben. Diese Innovationsangst bei den Öffentlich-Rechtlichen nehme ich denen richtig übel.

SZ: Ist das Fernsehen überhaupt noch für junge Leute zu retten?

Kalkofe: Ich fürchte nein. Die werden mit anderen Medien groß. Die gewöhnen sich daran, mit null Information groß zu werden. Da geht es den ganzen Tag nur um Chats und Klingeltöne. Das Fernsehen, das man einschaltet, ist auf dem Rückzug. Wir befinden uns in einem kreativen Loch und man kann sich nicht wehren. Ich wünsche mir manchmal eine Demo vor dem Brandenburger Tor gegen das schlechte Fernsehen. Aber man kann ja nichts machen. Ob ich gucke oder abschalte, registriert doch niemand. Als Nichtwähler werde ich wenigstens gezählt und beachtet. Als Nichtgucker bin ich ein Nichts.

SZ: Empfehlen Sie uns ein Programm?

Kalkofe: ???? (schweigt)  

02.04.05 10:56

10303 Postings, 7094 Tage chartgranateKalkofe war schon

immer der absolute Knall im All mit seiner Mattscheibe (schon damals bei Premiere habe ich mich jedesmal weggeschmissen).Allerdings war er nie so wertvoll und zugleich unnütz wie heute.Ein Don Quichotte wider die TV-Landschaft.......notwendig aber ohne jegliche Aussicht auf Erfolgserlebnisse.Sozusagen ein moderner Medien-Sisyphos......
Übrigens erleben derzeit alte TV-Sendungen a la "diese Drombuschs" oder "Magnum" auf DVD eine beachtliche Verkaufs-Renaissance.Warum wohl?  

28.04.05 11:40

36607 Postings, 6176 Tage TaliskerÜber die Nutzung des Fernsehens

Vorsicht! Der Artikel könnte eigene Vorurteile in Frage stellen!





Fernsehkonsum
Willkommen in der Unterschicht
Von Katharina Iskandar und Michael Hanfeld

28. April 2005 Das Schlagwort hat Harald Schmidt geprägt, seit er bei der ARD ist, und die Intendanten haben es begierig aufgenommen: ?Unterschichtenfernsehen?.

Dieses und nichts anderes sollen die Privatsender sein, bei denen Harald Schmidt bekanntlich lange Jahre selbst gearbeitet hat, als er noch jung und witzig war. Jetzt ist er alt und weise, seit seinem Jahresurlaub auf hoher See auch regelmäßig rasiert und hat - offenbar - auch ein ganz neues Publikum.

Hoheit über den Stammtischen der Medienpolitik

Denn wenn das ?Unterschichtenfernsehen? Sat.1, RTL, Pro Sieben & Co. sind, wir ihn aber auch bei der ARD im Ersten anschauen, kann doch irgend etwas nicht ganz stimmen. Oder stimmt mit uns etwas nicht? Mag sein, daß viele inzwischen arbeitslos geworden sind und heute bei Aldi einkaufen, nicht weil das für wohlhabende Geizkragen, die gerade aus dem Media Markt kommen, schick ist. Doch sind wir von einem aufs andere Jahr alle viel schlauer geworden?

In dieselben Kanäle schauen wir und schauen wir nicht, will uns der Altgrieche Schmidt wohl sagen. Die Sender- und Programmchefs aber meinen es ernst. Wenn sie sich das Wort vom ?Unterschichtenfernsehen? um die Ohren hauen, geht es um die Hoheit über den Stammtischen der Medienpolitik und um - Zielgruppen, die vor allem für die Werbeeinnahmen wichtig sind. Auf die ARD und ZDF bekanntlich nicht verzichten wollen, weshalb sie sich auch hier mit den Privaten messen, ?Unterschichtenfernsehen? hin oder her.

?Entwicklung hin zum künftigen Gesellschaftsstand?

Doch wer schaut nun wirklich was? Dazu wußte der Medienforscher Michael Darkow von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) auf den Mainzer Tagen der Fernsehkritik diese Woche einiges zu sagen: Demnach sehen Arbeitslose im Schnitt fast fünfundzwanzig Prozent mehr fern pro Tag als Zuschauer, die Arbeit haben.

Arbeitslose, so Darkow, kommen auf einen täglichen Fernsehkonsum von fünf Stunden und siebzehn Minuten, der Gesamtschnitt der Bundesrepublik liegt bei 210 Minuten. Darkows Betrachtung läuft auf den Befund hinaus, daß sich der Fernsehkonsum ?hin zum künftigen Gesellschaftsstand entwickelt?. Wer arbeitslos war, schaut im Schnitt dreizehn Prozent weniger fern, sobald er einen Job hat. Wer seinen Job verliert, der schaut umgekehrt dreizehn Prozent mehr auf die Mattscheibe.

?Cocooning?

Generell gilt, daß die Deutschen offenbar eine neue Lieblingsbeschäftigung haben, die viel mit dem Fernsehen zu tun hat und welche man ?Cocooning? nennt: Abgeleitet vom französischen Wort ?cocon?, spinnen sich immer mehr Menschen in ihre Wohnungen ein und verbringen dort ganze Wochenenden.

Gingen vor zwölf Jahren noch 17 Prozent abends aus, sind es heute nur noch 5,9 Prozent. ?Der Fernseher ist zum Taktgeber geworden?, sagt Daniel Haberfeld, Leiter der Medienforschung von Seven One Media, der Vermarktungsgsellschaft der Sender von Pro Sieben Sat.1.

Eine Langzeitstudie über zehn Jahre der Gesellschaft für Konsum-, Markt- und Absatzforschung (GfK), die Seven One Media veröffentlicht hat, verdeutlicht die Entwicklung. Die Untersuchung ergibt, daß die Fernsehnutzung in Deutschland um ein Viertel gestiegen ist. Die tägliche Sehdauer hat sich von 167 Minuten (1994) auf heute 210 Minuten (2004) erhöht. Das entspricht einem Anstieg von 25,8 Prozent.

Großer Anstieg

Vor allem Erwachsene ab vierzehn Jahren, die in Ein-Personen-Haushalten leben, sehen mehr fern: Saßen sie im Jahr 1994 noch 233 Minuten vor dem Bildschirm, so waren es im vergangenen Jahr 311 Minuten. Mit einem Anstieg um 33,1 Prozent sind sie die größte Nutzergruppe.

Einen ähnlichen Anstieg gab es auch bei den befragten Männern zwischen 14 und 29 Jahren, die das Fernsehgerät mit 135 Minuten rund 32,8 Prozent mehr nutzen als noch 1994. Wenn man die Geschlechter insgesamt vergleicht, sind Frauen ab 14 Jahren die intensiveren Nutzer: 237 Minuten sehen sie am Tag fern, Männer in der gleichen Alterskategorie dagegen nur 212 Minuten.

?Wandel in der Mediennutzung?

Untersucht wurde in der Studie auch der Konsum von Kindern zwischen drei und 13 Jahren. Mit 93 Minuten ist die Sehdauer annähernd gleichgeblieben. Wie beliebt das Medium Fernsehen bei Kindern ist, zeigt die Entwicklung des Kinderkanals. 2003 hatte der Sender das zweitbeste Ergebnis seit seiner Gründung. Nach Angaben des Kinderkanals betrug der Marktanteil von sechs bis 19 Uhr bei den Drei- bis Dreizehnjährigen im Schnitt 17,9 Prozent. Schließt man die Sendezeitausweitung auf 21 Uhr mit ein, so erzielte der Sender einen Marktanteil von 14,7 Prozent.

Im vergangenen Jahr stieg dieser Wert auf 14,8 Prozent. Obwohl das Fernsehen noch immer das dominierende Medium sei und mehr als achtzig Prozent der Befragten jeden Tag fernsähen, habe in den vergangenen sechs Jahren ein ?deutlicher Wandel in der Mediennutzung stattgefunden?, hin zum Internet. Im Sommer 1999 seien weniger als ein Viertel der 14 bis 49 Jahre alten Nutzer online gewesen. Dieser Wert habe sich mittlerweile mehr als verdreifacht.

Alle schauen alles

Das ist der allgemeine Trend. Doch wer sieht bei dem insgesamt zunehmenden Fernsehkonsum was? Auch dies hat Seven One Media untersucht und behauptet nun das Gegenteil einer Studie, welche die Werbegesellschaften von ARD und ZDF vor einigen Wochen veröffentlicht haben. Diese behauptete nämlich, daß der werbetreibenden Industrie ein großer Teil der besonders interessanten Zielgruppen durch die Lappen ginge, wenn nur noch die Privatsender werben dürften.

Ein erklecklicher Teil der Gutbetuchten und Gebildeten, so die These, werde von der Werbung dann gar nicht erreicht. Auch so kann man also das Stichwort vom ?Unterschichtenfernsehen? wenden. Die Seven One Media behauptet nun in ihrer jüngsten Erhebung das glatte Gegenteil. Man könnte es vielleicht auf den schlichten Nenner bringen: Alle schauen alles, oder jeder guckt überall mal hin.

Private vor den Öffentlich-Rechtlichen?

Bei den Topverdienern mit einem Nettohaushaltseinkommen von mehr als 2500 Euro im Monat, so die Studie, lägen die Privatsender sogar mit einem Gesamtmarktanteil von 49,4 Prozent vor den Öffentlich-Rechtlichen mit 45,5 Prozent. Noch überraschender sei der Anteil der ?Top-Verdiener? bei einzelnen eher schlichten Formaten, wenn man diese mit Qualitätsprogrammen vergleicht .

Da schlägt ?Broti & Pacek? von Sat.1 das WDR-Magazin ?Monitor? und liegt ?Die Burg? von Pro Sieben? vor ?Panorama? vom NDR - was den jeweiligen Anteil der Besserverdiener angeht. Genauso verhalte es sich bei der Bildung: Das ?Kanzleramt? im ZDF erreiche 18,5 ?Bessergebildete?, die Sat.1-Serie ?Edel und Starck? 18,7 Prozent. Und auch die Arbeitslosen, die insgesamt und wenig überraschend ja mehr sehen, schauen private wie öffentlich-rechtliche Programme gleichermaßen.

Beleidigung der Konkurrenz

Sogar die Top ten der beliebtesten wie unbeliebtesten Sendungen bei Führungskräften hat man aufgestellt. Besonders angesagt ist demnach ?Emergency Room? von Pro Sieben, schlecht angesehen hingegen ?Melodie für Millionen? vom ZDF.

Mögen die Sendungsbeispiele auch passend herausgesucht oder willkürlich scheinen, zumal sie sich auf die Zuschauer im Alter zwischen vierzehn und neunundvierzig Jahren beziehen, zeigt die Zahlenschlacht doch wohl eins: Es mag ?Unterschichtenprogramme? geben, das ?Unterschichtenfernsehen? schlechthin aber gibt es nicht. Es taugt als Schlagwort wohl eher, wozu Harald Schmidt es hernimmt: als nette Beleidigung der Konkurrenz, mit der man allerdings ganz nebenbei vor allem das Publikum insgesamt beleidigt.

Text: F.A.Z., 28.04.2005, Nr. 98 / Seite 40
Bildmaterial: AP, F.A.Z.  

28.04.05 11:46

129861 Postings, 6115 Tage kiiwiiaah, endlich ´ne vernünftige Zeitung abonniert ?

taz abbestellt ?


MfG
kiiwii

.  

28.04.05 11:48
1

36607 Postings, 6176 Tage TaliskerKiiwii,

es soll doch glatt Menschen geben, die sich umfangreich informieren. Ist das Gegenteil von einseitig. Und ein wichtiger Bestandteil einer Eigenschaft, die sich da nennt "Medienkompetenz".
Gruß
Talisker  

28.04.05 12:02

129861 Postings, 6115 Tage kiiwiihatte nie Zweifel, daß Du zur Info-Elite gehörst..

..sonst hätte z.B. Herr Wulff Dich ja auch nicht beleidigen können, oder ?;-)


MfG
kiiwii

.  

24.05.05 15:51

36607 Postings, 6176 Tage Talisker:-(

Fernsehen
ARD-Politmagazine werden kürzer

24. Mai 2005 Die ARD-Politmagazine werden von Januar an auf einheitlich 30 Minuten gekürzt. Das hätten die Programmdirektoren der Landesrundfunkanstalten am Montag in Potsdam beschlossen, hieß es am Dienstag aus ARD-Kreisen.

Die Reduzierung sei notwendig geworden, weil im nächsten Jahr die ?Tagesthemen? im Zuge der Neustrukturierung des ARD-Abendprogramms auf 22.15 Uhr vorgezogen werden. Auch andere Sendungen wie zum Beispiel die populären Serien am Dienstagabend müssen deswegen gekürzt werden.

Keine Mehrheit für 2+4

Als Alternative sei das ?2+4-Modell? im Gespräch gewesen, das im zweiwöchentlichen Rhythmus zwei Magazine mit jeweils 30 Minuten Länge und im monatlichen Wechsel vier Magazine mit jeweils 60 Minuten vorsah. Die Programmdirektoren entschieden sich den Angaben zufolge mit einer Mehrheit von sieben zu drei Stimmen für die 30-Minuten-Variante - dagegen stimmten unter anderem der Norddeutsche und der Westdeutsche Rundfunk. Betroffen sind die Magazine ?Monitor?, ?Panorama?, ?Fakt?, ?Kontraste? sowie ?Report Mainz? und ?Report München?.

Schon im Vorfeld hatten die Leiter der Magazinsendungen vor einer einheitlichen Kürzung gewarnt. ?Die gleichmäßige Kürzung der sechs Magazine von 45 auf 30 Minuten erscheint uns als schlechteste Lösung?, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung. ?Der Verlust an Sendezeit würde eine nachhaltige Schwächung der politischen Magazine bedeuten, deren aufklärerisches Potential nach wie vor unverzichtbar für das Programmprofil der ARD ist.? Die Magazin-Verantwortlichen hatten das ?2+4-Modell? favorisiert.

Die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche sprach davon, daß die ARD ihr ?journalistisches Tafelsilber? verscherbele und ohne Not ihre wertvollsten Markenprodukte gefährde. Die Kürzung bedeute 20 Sendestunden weniger pro Jahr und damit rund 200 gründlich recherchierte Beiträge. Die ARD-Magazine seien Recherche-Oasen und Talentschmieden für den Nachwuchs sowie häufig Taktgeber für die Nachrichten. Dieses Potential für qualitativen Hintergrund- Journalismus dürfe nicht gefährdet werden.

Text: FAZ.NET mit Material von dpa, heute
Bildmaterial: NDR/M. Wolter  

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