US Konjunktur: Dampf ablassen

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eröffnet am: 14.02.02 09:15 von: Brummer Anzahl Beiträge: 1
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14.02.02 09:15

3498 Postings, 6881 Tage BrummerUS Konjunktur: Dampf ablassen

Die Konjunkturlokomotive USA wird befeuert wie nie zuvor. Der Druck im Kessel könnte jedoch schnell entweichen, wenn die Angst um den Job und ein neuer Kursrutsch an den Börsen die US-Bürger zum Sparen zwingen.

Wieder einmal scheint die USA den Europäern vorzuführen, wie es geht. Nach einer Zinssenkungs-Orgie der Notenbank - elfmal hat die Fed im vergangenen Jahr die Zinsen gesenkt - sind die Leitzinsen auf dem niedrigsten Niveau seit vierzig Jahren angelangt. Der Zielsatz für Tagesgeld liegt nur noch bei 1,75 Prozent und ermuntert Verbraucher wie Unternehmen, weitere Investitionen durch günstige Kredite zu finanzieren.

Zinssenkung 2001
 
Niedrige Energiepreise mindern zudem die Inflationsgefahr und vergrößern den finanziellen Spielraum der Investoren. Präsident George W. Bush hat zudem umfangreiche Steuersenkungen nachgelegt.

Aus der Talsohle heraus?

Immer mehr Indikatoren weisen inzwischen darauf hin, dass die Rezession in den USA ausgestanden ist. Die Produktivität der US-Wirtschaft ist im vierten Quartal 2001 um 3,5 Prozent gestiegen, das Bruttoinlandsprodukt um 0,2 Prozent gewachsen. Sogar die Arbeitslosenquote ist im Januar überraschend auf 5,6 Prozent gesunken, und der Konjunkturindex der Einkaufsmanager hat im Januar deutlich zugelegt. Die Notenbank hat angesichts dieser Erholungstendenzen auf eine weitere Senkung der Leitzinsen verzichtet, bleibt aber wachsam. Die Zeichen stehen gut in den USA: Die Europäer reiben sich die Augen und hoffen, mangels eigener Impulse von einer erstarkten US-Leitkonjunktur zu profitieren.

Risiken gewinnen Kontur

Alles im Lot? Noch nicht. Die ersten Erholungszeichen sind zwar eindrucksvoll, doch keine Garantie für ein schnelles und dynamisches Wirtschaftswachstum. Nach dem jüngsten Kursrutsch an den Börsen haben die Risiken wieder klare Konturen angenommen. Nur Optimisten gehen von einer "V-Formation", das heißt von einer schnellen Erholung der Konjunktur nach dem scharfen Einbruch aus. Vieles spricht dafür, dass sich die Erholung langsamer vollzieht und die Konjunkturkurve eher eine "U-Formation" beschreibt. Schlimmstenfalls könnte die Wirtschafts-Fieberkurve sogar ein "W" zeichnen - in diesem Fall ginge es nach der ersten Besserung bald erneut abwärts. Die Investmentbank Goldman Sachs warnt davor, die ersten positiven Zeichen einer Erholung überzubewerten.

Die US-Wirtschaft habe zum Jahresende stark davon profitiert, dass den privaten Konsumenten das Geld locker saß, argumentiert Thomas Mayer, Volkswirt bei Goldman Sachs. Häuslebauer nutzten die niedrigen Finanzierungszinsen, und der Schock nach den Terrorattentaten war im Weihnachtsgeschäft kaum noch zu spüren. Der Konsumrausch hat aber auch damit zu tun, dass zum Beispiel die Autobauer ihren Kunden Nullzinskredite gewährt haben - dies drückt auf die Gewinnmargen der Unternehmen und lässt sich nicht auf Dauer durchhalten.

Neue Sparsamkeit bei Kunden und Unternehmen

US-Konsumenten gehen freizügiger mit Krediten um - sie sind viel stärker verschuldet als zum Beispiel die vorsichtigeren Deutschen. Die fragwürdigen Bilanzierungsmethoden großer US-Unternehmen wie Enron und Tyco haben die Aktienkurse seit Jahresbeginn erneut ins Rutschen gebracht, und damit schmilzt auch ein großer Teil der Rücklagen der Privathaushalte. Die drastischen Sparmaßnahmen der Firmen schärfen außerdem das Bewusstsein vieler Bürger, dass auch sie binnen kurzer Zeit ihren Job verlieren könnten. Schwindende Rücklagen und die Angst vor Jobverlust könnten zu einer neuen Sparsamkeit in den USA führen, die den privaten Konsum als wichtigste Stütze der US-Konjunktur wegbrechen lässt. Eine steigende Sparquote dürfte das Wachstum empfindlich bremsen - auch die Notenbank hätte in diesem Fall weder den Spielraum noch die Durchschlagskraft, um mit weiteren Zinssenkungen dagegenzuhalten.

Auch die Unternehmen haben in den vergangenen Jahren so viel investiert, dass sie mit neuen Investitionen sehr vorsichtig sind. Während des Booms wurde das Geld mit vollen Händen ausgegeben - nun herrscht Katzenjammer, und in den meisten Firmen regieren eiserne Sparkommissare. Auch die Tatsache, dass die überschüssigen Lagerbestände langsam abgebaut werden, ändert an diesem Kurs nichts. Von den Unternehmen und den privaten Konsumenten, folgert Mayer, dürfe man in den kommenden Monaten nicht zu viel erwarten. Die Zeichen deuteten eher auf ein moderates Wachstum der Wirtschaft hin.

Konjunkturprogramm kassiert

Große Hoffnungen der Börsen-Bullen ruhen auf dem Konjunkturprogramm der US-Regierung - und werden vorerst weiter ruhen, da der Kongress das Programm erst einmal auf Eis gelegt hat. Präsident George W. Bush hatte den Bürgern mit Steuererstattungen rechtzeitig vor Weihnachten den Einkauf erleichtert. Die Abgeordneten im Kongress sehen aber angesichts der zarten Erholung keinen Grund, den Geldhahn voll aufzudrehen und flugs zu einer Politik der wachsenden Staatsverschuldung zurückzukehren. Viele Volkswirte glauben, dass die US-Konjunktur auch ohne ein Sonderprogramm wieder anspringt - allerdings nicht so schnell und dynamisch, wie es mancher Anleger derzeit erhofft.

Quelle: manager-magazin.de / Von Kai Lange

 

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