USA: "Tausende rollender schmutziger Bomben"

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Nach 20 Jahren Baustopp drängt die Regierung Bush auf die Errichtung neuer Atomkraftwerke - und muss deshalb ein Atommüll-Endlager vorweisen. Nun hat der Kongress den Yucca Mountain in Nevada zur nuklearen Müllkippe erklärt, unweit des Casino-Mekkas Las Vegas. Im Protest ist die Bevölkerung des Wüstenstaates einig wie nie zuvor.


Protest-Straßenschild auf dem Weg zum Yucca Mountain: Atomklo neben dem Touristen-Magneten Las Vegas

 
Washington - Da standen sie nun: Rund 200 Atomgegner versammelten sich am Highway in Las Vegas, zwei Tage, bevor der US-Kongress über ihr Schicksal entscheiden würde. Noch hofften sie auf den Durchbruch: Wenn sich nur genügend Senatoren umstimmen ließen, wäre das in Nevada geplante Atommüll-Endlager vielleicht doch noch zu verhindern. Jene zentrale Lagerstätte für hochradioaktiven Müll, die Präsident Bush und seine Freunde bei der amerikanischen Energieindustrie brauchen, damit neue Atomkraftwerke gebaut werden können.

Das versprengte Grüppchen Atomkraftgegner um Peggy Johnson, Chefin der Bürgerrechtsgruppe Citizen Alert, hoffte vergeblich. Vergangene Woche segnete nach dem Abgeordnetenhaus auch der Senat das 58-Milliarden-Dollar-Projekt ab. Damit überstimmte der Kongress Nevadas Gourverneur Kenny Guinn und sein Veto gegen die Standortentscheidung von Präsident Bush.


Geplantes Endlager Yucca Mountain: 70.000 Tonnen Strahlenmüll in 300 Metern Tiefe

Der Yucca-Berg in Nevada soll nun zum einzigen US-Endlager für die bundesweit jährlich anfallenden 2000 Tonnen hochradiaktiven Mülls aus 131 Atomkraftwerken und Militäreinrichtungen werden. Ab 2010 sollen bis zu 77.000 Tonnen Atommüll in 300 Meter tiefen Schächten gelagert werden. Mehr als 40.000 Tonnen nuklearer Abfälle warten bereits in den Zwischenlagern der Produzenten.

Klar, dass die Senatoren aus den Staaten mit Atomkraftwerken für das Atomklo in der Wüste stimmten. "Die sind froh, den Müll loszuwerden", sagt Aktivistin Johnson, deren Protestgruppe 1975 aus der Anti-Atomwaffenbewegung hervorging und heute mit rund 9000 Mitgliedern eine der größten Nevadas ist.

Erstmals seit 1978 neue Reaktoren

Für die ehemalige Lokalpolitikerin und ihre Mitstreiter ist das Endlager im Yucca Mountain zu gefährlich für die Anwohner, weil hier die Erde immer wieder bebt - zum letzten Mal vor wenigen Wochen im Juni - und weil es nicht weit entfernt vom Touristenmagneten Las Vegas liegt, der wichtigsten Einnahmequelle des armen Bundesstaats Nevada. Vor allem aber, so lautet der Einwand der Bürgerrechtler, habe das Energieministerium den Standort ungenügend geprüft: Obwohl der Konflikt um die Yucca Mountains schon 14 Jahre anhält und obwohl das Energieministerium 6,7 Milliarden Dollar in die Exploration des Geländes investiert hat, gibt es noch immer keine Umweltverträglichkeitsstudie, wie sie jeder kleine Bauherr benötigt. Auch der Gouverneur Nevadas, der die Regierung in Washington mit seinem Widerstand zur Weißglut brachte, schlägt vor, die bisherigen Zwischenlager in Endlager zu verwandeln.


Indianer-Protest in Nevada: 20.000 Menschen leben von der Landwirtschaft rund um das Atommülllager
 
Aus der Sicht Washingtons gelten ganz andere Prioritäten: Das Energieministerium argumentiert, dass der wachsende Stromverbrauch dringend gedeckt werden müsse. Die Bush-Regierung will darum erstmals seit 1978 den Bau neuer Atomkraftwerke zulassen. Bisher basiert lediglich ein Fünftel der Stromproduktion auf der Kraft aus gespaltenen Urankernen. Der Staat aber ist für die Entsorgung des Atomabfalls zuständig. "Das hier ist etwas, was wir tun müssen", verteidigte deshalb Trent Lott, Senatsführer der Republikaner, die Entscheidung. Die kaum bevölkerte Gegend sei geeignet und ein zentrales Endlager einfacher abzusichern.

Fünf Millionen Dollar Spenden der Energiekonzerne

"Die Energieindustrie hat diese Entscheidung gekauft", kommentiert Joan Claybrook, Präsidentin von Public Citizen, einer alternativen Lobby-Gruppe in Washington, die schon 1971 als Verbraucherschutz- und Infobüro vom 2000er Präsidentschaftskandidaten der Grünen Partei, Ralph Nader, gegründet wurde. "Millionen Dollar wurden für Werbung, Spenden an Politiker und für Lobbyisten ausgegeben. Senatoren und Senatskandidaten erhielten seit 1997 mehr als fünf Millionen Dollar Spenden von der Atomindustrie." In Sachen Yucca Mountain versuchen die ökologischen Lobbyisten Public Citizen mit unabhängigen Studien und eigener Pressearbeit ein Gegengewicht zur den Energiekonzernen zu bilden.

Am anderen Ende der USA kämpft eine kleine Gruppe junger Leute mit anderen Mitteln und aus anderen Gründen gegen das Endlager. Das Shundahai Network in Salt Lake City will die Rechte der amerikanischen Ureinwohner in den Reservaten Nevadas und Utahs verteidigen. "Die Politiker denken", sagt Network-Chef Reinard Knutsen, "dass sich niemand um ein Stück Wüste kümmert, das ohnehin neben dem 'Tal des Todes' liegt." Das benachbarte Death Valley an der Ostgrenze Kaliforniens ist zwar ein Nationalpark, hat aber außer Wüste und Felsen nicht viel zu bieten. Umweltschützer befürchten aber, dass verstrahltes Grundwasser unterirdisch vom Yucca Mountain in den Park fließen und erhebliche Umweltschäden anrichten könnte.

"Klagen sind unsere beste Chance"

Doch das Tal des Todes will nicht sterben. "Durch die Kongressentscheidung liegen wir in unserem Boxkampf nach Punkten zurück", kommentiert Edwin Goedhard. "Aber wir setzen auf einen K.o.-Schlag durch die Gerichte."


Nevada-Gouverneur Guinn: Sechs Prozesse unter dem Titel Nevada gegen Vereinigte Staaten

Goedhard, 39, ist Manager einer Farm mit rund 12.000 Rindern in Nevada und nebenbei privater Bio-Bauer. Sein Haus mit der 40-Hektar-Privatfarm ist nur zehn Meilen vom Yucca Mountain entfernt.

"Zuerst dachte ich, irgendwo muss der Abfall ja hin", sagt Goedhard heute. Dann habe er sich schlau gemacht - über die Grundwasserverseuchung und bisherigen Verstrahlungen in der Nähe von Reaktoren und Testgeländen. "Die Regierung sagt, sie habe aus diesen Fehlern gelernt, aber es ist so vieles unklar. Wir sind es leid, Versuchskaninchen zu sein." Nun engagiert sich Goedhard ehrenamtlich bei Citizen Alert in Las Vegas.

Nach der Kongressniederlage fasst er nun Privatklagen ins Auge. "Ich kann direkten und potenziellen Schaden nachweisen. Einige gut finanzierte Gruppen haben mir angeboten, die Prozesskosten zu übernehmen", sagt er. Zwischen dem Death Valley und Yucca Mountain leben derzeit schätzungsweise 20.000 Menschen von Landwirtschaft. "Klagen sind zurzeit unsere beste Chance." So sieht es auch Governeur Kenny Guinn: Sechs Prozesse gegen das Endlager laufen zurzeit im Namen des Bundesstaates. Er werde nicht nachgeben, sagt Guinn. Eine Prozesslawine könne das Vorhaben vielleicht nicht verhindern, aber zumindest enorm verzögern und verteuern.

Die Volksbewegung steht

"Eine unserer Hauptaufgaben ist das Spendensammeln, damit die Prozesse finanziert werden können", erklärt John Hadder. Hadder, 42, ist Physiker, der 1991 über Anti-Golfkriegsproteste in die Yucca-Mountain-Bewegung geriet und nun Nord-Nevada-Koordinator von Citizen Alert in Reno ist. "Amerikanische Politiker lassen sich von Straßendemonstrationen und Unterschriftensammlungen nicht so beeindrucken wie europäische. Deshalb konzentrieren wir uns darauf, Abgeordnete und Lokalpolitiker zu gewinnen, damit sie auf Bundesebene gegen das Lager kämpfen."


Anti-Atom-Demo am Capitol: "Diese Entscheidung ist gekauft"
 
"Aber wenn es wirklich zu ersten Atom-Transporten kommt, wird es auch Aktionen auf der Straße geben", sagt Halders Chefin Peggy Johnson. "Aktivisten entlang der Transportstrecke sagen mir immer wieder: Macht Euch keine Sorgen über den Atommüll in Nevada, wir werden dafür sorgen, dass er gar nicht so weit kommt - und wenn wir uns persönlich vor die Trucks legen müssen." Den Durchbruch erlebte die Protestbewegung in Nevada 1987 nach der Verabschiedung des "Ruiniert-Nevada"-Gesetzes, wie es vor Ort genannt wird. Es bestimmte Yucca Mountain als Standort, verwarf andere Optionen in den Staaten Washington und Texas und gab Nevada nur minimale Mitspracherechte. Aus versprengten Grüppchen von Hippies und Umweltaktivisten entstand eine Volksbewegung, in der Mittelstandsfamilien auf Kirchengruppen trafen, Geschäftsleute mit Sorgen ums Image der Region auf Ureinwohnergruppen, denen das Land vertraglich gehört. "Was alle eint, ist die Wut auf die Regierung", sagt Reynard Knutsen, dessen Shundahay Network sich auf "friedliche, direkte Aktion" konzentriert: auf Straßenblockaden, Demos, Workcamps, Protestmärsche und die Sammlung von Unterschriften.

"Heute kann hier keiner mehr um ein politisches Amt kandidieren, der sich nicht deutlich gegen das Endlager ausspricht", beschreibt Aktivist Hadder die breite Einigkeit der Bevölkerung, die an ähnliche Erfahrungen beim Streit um den deutschen Endlagerstandort in Gorleben erinnert. Selbst Promis wie Ex-Präsident Bill Clinton, Popstars wie die B-52s oder Harry Belafonte und Schauspieler wie Mike Farrell ("M.A.S.H.") oder Alec Baldwin treten für die Rettung der Yucca Mountains vor dem Atommüll ein.

Tausende schmutzige Bomben auf Rädern

 
Warnplakat gegen Atomtransporte: Fahrende Bomben
 
Mittlerweile sorgen sich auch andere Bundesstaaten. Was die Warnung vor möglichen Unfällen - Nevadas Hochrechung befürchtet 58 bis 2048 - nicht schaffte, geschah durch die neuerliche Terrorangst: Die Frage des Transports rückte ins Zentrum der Diskussion. "Mehr als 70.000 Tonnen tödlichen Abfalls aus 39 Bundesstaaten sollen auf unseren Highways transportiert werden", sagte jüngst der Demokratenführer Tom Daschle. "Dadurch kreieren wir vielleicht Tausende rollender schmutziger Bomben." Die Regierung verweist auf rund 2700 unfallfreie Transporte seit 1960. Die Anwohner fürchten die geplanten 11.000 Ladungen trotzdem, die über 25 Jahre lang durch 40 Staaten rollen.

"Wenn es im eigenen Vorgarten passiert, unternehmen die Leute sehr schnell etwas", sagt Judy Treichel. Sie muss es wissen: Als besorgte Mutter Anfang 40 begann sie sich gegen Atomwaffen-Tests in Nevada zu engagieren, heute ist sie als besorgte Großmutter Anfang 60 in Vegas als Nevada Nuclear Waste Task Force im Einsatz. "Seit 17 Jahren vertrete ich die Öffentlichkeit bei Anhörungen, helfe Anwohnern bei Leserbriefen oder Beschwerden oder besorge unabhängige Experten für Gerichtsverfahren", erklärt sie. "Ich bin rund um die Uhr im Einsatz."

Doch Widerstand geht in Vegas auch bequemer: Das Casino "Jerry's Nugget" in North Las Vegas etwa bietet für 2,50 Dollar einen giftgrünen Cocktail, den Manager Peter Demangus mit dem Satz anpreist: "Wir müssen darauf achten, was die Zukunft für die Kinder von Nevada bringt." Er heißt "Yucca Mountain Meltdown", und pro Glas geht ein Dollar an eine Anti-Atom-Gruppe in Nevada.

IM INTERNET

·  Offizielle Regierungsseite des Yucca Mountain Projekts

·  Bürgerrechtsgruppe Citizen Alert  

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