Süsser die Kasse nie klingelt

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eröffnet am: 24.12.06 11:23 von: quantas Anzahl Beiträge: 1
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15325 Postings, 5714 Tage quantasSüsser die Kasse nie klingelt

Die Lust am Luxus bescherte dem Detailhandel ein goldenes Weihnachtsgeschäft und ein deutliches Umsatzplus. Die Konsumentenstimmung soll auch 2007 positiv bleiben

Mehr Konsumenten als früher leisten sich exklusive Geschenke, Delikatessen und edle Textilmarken. Vom Nachholbedarf der Kunden profitiert der Detailhandel. Auch 2007 stützt der Konsum die Konjunktur.

Peter Keller, Fritz Pfiffner

Am Samstag war die letzte grosse Shopping-Möglichkeit vor Weihnachten. Es war wohl der umsatzstärkste Tag des Jahres. Am Freitag konnten die Konsumenten in der Zürcher Innenstadt bis 22 Uhr einkaufen. Auch die Sonntage wurden rege benutzt. So hat etwa die Migros Aare, die grösste der zehn Genossenschaften, am 17. Dezember den Umsatz gegenüber dem entsprechenden Vorjahres-Tag verdoppelt, dem schlechten Wetter und den fünffachen Cumulus-Punkten sei Dank. 2006 will die Genossenschaft mit einem Umsatzplus von rund 3% abschliessen. Coop rechnet gesamthaft mit einem Wachstum von ebenfalls 3%. Der Detailhandel profitiert davon, dass die Leute einen Nachholbedarf und mehr Geld zur Verfügung haben.

November und Dezember entscheiden in der Branche über Sein oder Nichtsein. Die Warenhäuser erwirtschaften rund einen Viertel ihres Jahresumsatzes in dieser Periode. Andere Händler erzielen im Dezember zwei- bis dreifache Verkäufe eines durchschnittlichen Monats. Coop setzt im Dezember etwa 12% aller Verkäufe um. Generell macht der gesamte Handel gut einen Fünftel des privaten Konsums aus, der von der Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF) für 2006 auf 275,4 Mrd. Fr. beziffert wird. Zum privaten Konsum gehören auch Ausgaben für Wohnung, Verkehr, Gesundheitspflege, Freizeit und Kultur, Restaurants und Hotels.

Nicht nur 2006, sondern bereits 2005 trug der private Konsum massgeblich zum Wirtschaftswachstum bei. Dass der private Konsum einen Aufschwung trägt, ist nach der KOF «ungewöhnlich», folgt diese Nachfragekomponente doch der Konjunktur nach. Grundlage für den Konsumboom - vergleicht man die Quartalszahlen 2006 mit dem Vorjahreszahlen, resultieren teilweise Zuwachsraten von über 2% - ist die Zunahme der Arbeitnehmereinkommen.

Der «Kaufrausch» zu Weihnachten wird keine «Eintagsfliege» sein. Selbst Jean-Pierre Roth, Präsident der Nationalbank, sagte kürzlich: «Der private Konsum dürfte 2007 von der robusten Entwicklung der verfügbaren Einkommen profitieren.» Der Teuerungs- Wächter ist mit seiner Einschätzung in guter Gesellschaft. Der Konsum der privaten Haushalte wird gemäss KOF 2007 und 2008 real, bereinigt um die Teuerung, um 2,1% und 1,9% steigen. Diese Raten liegen über dem Mittelwert der letzten zehn Jahre. Am diesjährigen Weihnachtsgeschäft ist aufgefallen, dass teure Produkte stark gefragt sind. Auch Essen und Trinken ist den Konsumenten wieder mehr wert als zu Zeiten der «Geiz-ist-geil-Welle». Am meisten Mühe bekundeten Textil- Anbieter, denen das zu warme Wetter Anfang Dezember einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Schliesslich wird das Internet vermehrt für Geschenke genutzt.

«Was gefällt, topmodisch und hochwertig ist, verkauft sich fast wie in den Boom-Jahren», erklärt Thomas Kern, Leiter der Globus-Gruppe. Besonders gefragt gewesen seien modische Accessoires, Parfums im gehobenen Preissegment, renommierte Weine und Champagner sowie exklusive Delikatessen. Globus übertraf das Weihnachtsgeschäft des Vorjahres und steigerte den Gruppenumsatz bis Mitte Dezember auf gleicher Verkaufsfläche um 4%. Die Warenhäuser und die Möbelkette Interio wuchsen gar um 4,5%. Der Konzern wird den Vorjahresgewinn von 35 Mio. Fr. «markant» übertreffen. Da die Globus-Warenhäuser, Interio und Office World ab 1. Januar selbständig operieren werden, übergibt die Gruppe der Migros laut Kern gut positionierte und gesunde Marken.

Gemächlicher geht es in Bern zu und her. Das Weihnachtsgeschäft habe wegen des warmen Wetters relativ spät eingesetzt, stellt Nicole Loeb, Verwaltungsratsdelegierte der Loeb Holding, fest. In den letzten zwei Wochen sei es aber sehr gut gelaufen. Das im mittleren Preissegment tätige Warenhaus erzielte in den Bereichen Parfümerie und Spielwaren Spitzenumsätze.

Dagegen blieben etliche Textilien in den Regalen liegen. Die Firma stellte am Samstagabend ihre Geschäfte um, damit am Mittwoch mit dem Ausverkauf begonnen werden kann. Andere Händler warfen ihre Ware vor Weihnachten mit Preisabschlägen von 20 Prozent und mehr auf den Markt. Auch die Modekette Grieder les Boutiques wird mit Rabatten aufwarten, obwohl sie vorher keine Zurückhaltung der Konsumenten spürte. «Die Kunden kauften Marken, die ein ehrliches Produkt mit einer guter Leistung anbieten», bilanziert Geschäftsführer Franco Savastano. Bei den Geschenken seien hochwertige Unterwäsche und schöne Taschen für Frauen gefragt gewesen. Herren würden mit Schals und Lederwaren verwöhnt, welche Hemden und Krawatten abgelöst hätten. Laut Savastano ist das Geschäft in Genf gar noch besser gelaufen als in Zürich.

Vom Trend zu hochwertigen Luxusartikeln profitiert die Uhren- und Schmuckbranche. «Es gibt wieder mehr Leute, die sich ein exklusives Stück leisten wollen», weiss Paul Herzog, Marketingdirektor der Luzerner Bucherer-Gruppe. Sie hat in ihren über 30 Filialen festgestellt, dass Produkte, die zwischen 50 000 und einer halben Million Franken kosten, eine «deutliche» Zunahme erzielt hätten. Im Schmucksektor waren Diamanten die Renner. Der Umsatz 2006 liegt klar über jenem des Vorjahres. Bucherer gibt seit sechs Jahren keine Zahlen mehr bekannt.

Die Buchhandlung Orell Füssli, die 2005 einen Umsatz von 115 Mio. Fr. erzielte, wickelt heute mehr als 10% aller Verkäufe über das Internet ab. www.books.ch wuchs im Dezember zweistellig und musste täglich bis zu 900 Bestellungen bewältigen, wie der Leiter, Christoph Bürgin, erklärt. Zwar machen die Bücher den grössten Teil des Umsatzes aus. Aber der Kanal wird mit neuen Produkten wie Bücher- Downloads weiter ausgebaut.

Und Schenken lohnt sich doch

Caspar, Melchior und Balthasar haben dem Christkind Weihrauch, Gold und Myrrhe gebracht. Welcher der drei Könige hatte bei der Wahl der Gabe die glücklichste Hand? Für Ökonomen ist die Antwort klar: Melchior. Er brachte Gold, also Geld. Viele Wissenschafter sind der Ansicht, dass Schenken eine äusserst ineffiziente Angelegenheit ist. Die meisten Beschenkten bekommen nicht, was sie sich wirklich wünschen. Würde man ihnen statt des Geschenks Geld geben, würden sie sich oft etwas anderes kaufen. Ein US-Ökonom hat 1993 gar festgestellt, dass viele Menschen den Dingen, die sie verschenken, einen höheren Wert zumessen als den Geschenken, die sie bekommen. Ein Drittel der Geschenke sind nach dieser Theorie reine Verschwendung. Laut «Washington Post» wären das in den USA immerhin 152 Mrd. $, die jedes Jahr sinnlos verpulvert werden. In der Schweiz entspräche das schätzungsweise einem Verlust von 7 Mrd. bis 8 Mrd. Fr. Am besten, man würde den Brauch des Schenkens einfach abschaffen. Doch halt! So einfach können wir es uns an Weihnachten nicht machen. Denn in den letzten Jahren haben die Wissenschafter gemerkt, dass wir Menschen keine rationalen Maschinen sind. Der Nobelpreisgewinner und Psychologe Daniel Kahneman schenkte Studenten eine Tasse und fragte sie, zu welchem Preis sie sie verkaufen würden. Mindestens 7.12 $ wollten sie dafür haben. Studenten, die keine Tasse hatten, wurden gefragt, zu welchem Preis sie eine kaufen würden. Für weniger als 3.12 $, war die Antwort. Der emotionale Wert des Geschenks entspricht also 4 $. Zwei Ökonomen kamen 1998 zu einem ähnlichen Schluss. Nach dem Wert eines Geschenkes gefragt, schätzten die Studenten den Preis zwar tiefer als den tatsächlichen Wert. Doch konfrontiert mit der Möglichkeit, das Geschenk zu verkaufen, bekamen die Gaben plötzlich einen höheren Wert. Die Käufer mussten ein Drittel mehr bieten als den tatsächlichen Preis, damit sich die Beschenkten von ihren Gaben trennten. Die «Washington Post» folgert daraus, dass das US-Weihnachtsgeschäft nicht eine Verschwendung von 152 Mrd. ist, sondern einen Gewinn von 123 Mrd. $ bringt. Oder auf die Schweiz übertragen: Mit dem Weihnachtsgeschäft werden gut 7 Mrd. Fr. Wert geschaffen. Aber natürlich nur, wenn sich nicht alle an das Vorbild Melchior halten und einfach Geld verschenken. (kf.)

 
 
 

 http://www.nzz.ch/2006/12/24/wi/articleERQ7K.html

 
 

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