Stoibers Tiefflug durchs Bierzelt

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neuester Beitrag: 05.03.03 16:22
eröffnet am: 05.03.03 15:41 von: Sahne Anzahl Beiträge: 6
neuester Beitrag: 05.03.03 16:22 von: Levke Leser gesamt: 796
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05.03.03 15:41

8215 Postings, 7082 Tage SahneStoibers Tiefflug durchs Bierzelt

Nächstes Mal werde er als Kanzler beim politischen Aschermittwoch der CSU auftreten, hatte Edmund Stoiber im vergangenen Jahr versprochen. Nun mussten die CSU-Fans Abschied nehmen - vom Kanzlerkandidaten Stoiber und von ihrer legendären Nibelungenhalle. Was blieb: Ein Ministerpräsident, der schwitzend die Lufthoheit über den bayerischen Stammtischen eroberte.
 
DPA
Stoiber dirigiert die singenden Polit-Fans in Passau
Passau - Früher war alles besser. Das wurde auch dem Publikum in der Nibelungenhalle schlagartig klar, als es den ersten Minuten von Stoibers Rede lauschte. Früher gab es einen Franz Josef Strauß, der "dem Volk aufs Maul schaute" und den bierseligen CSU-Wählern schäumend die Welt erklärte. Doch der Superstar der Bayern ist schon lange tot, und sein Ziehsohn Stoiber muss sich nun mächtig ins Zeug legen, um in dem schmucklosen Bau aus der Nazi-Zeit für aufgeladene Stimmung zu sorgen.

Für die Stimmung ist auch Maria Brummer, 52, zuständig. Die Frau aus Tutting schenkt schon seit 20 Jahren Bier in der Halle aus. "Zehn bis zwölf Liter kann ich gleichzeitig tragen, und unter die Arme klemme ich mir noch Flaschen", sagt sie stolz. Und bestätigt damit eine Feststellung Stoibers, dass Passau "mehr als ein Naturereignis" ist.

Bei einem Publikum, das SPD auf Plakaten mit "Schröder plündert Deutschland" gleichsetzt, fällt es Stoiber schwer, die "Balance zwischen Bierzelt und Bundestag" zu halten, wie er es sich vorgenommen hatte. Da deklariert er die Gespräche zum Bündnis für Arbeit unter tosendem Beifall als "Laberrunde" und "Karnevalsveranstaltung". Doch das sind eher harmlose Wendungen. Am meisten wird geklatscht, wenn Stoiber schon fast ekstatisch fordert: "Schröder muss weg." Oder wenn er mahnt, Schüler dürften deutsche Schulen nur besuchen, wenn sie auch deutsch sprechen könnten. Wenn er schließlich androht, dass Schüler von der Schule verwiesen werden sollten, wenn sie Stühle umwerfen, stehen viele Zuhörer schon längst auf ihren Bänken.

  
IN SPIEGEL ONLINE
 
· Stoiber beim Aschermittwoch: "Schröders 3-T-Konzept - Tarnen, täuschen, tricksen" (05.03.2003)
· Politischer Aschermittwoch: Von Passau bis Bagdad (05.03.2003)
· Politischer Aschermittwoch: Vom Pferdemarkt zum Parteienstreit (05.03.2003)

 
"Rot-Grün zertreten", hieß es auf einem Plakat.

Mit Buhrufen unterstützten die 10.000 Zuhörer in der Halle Stoibers Kritik am Irak-Kurs des Kanzlers. Schröders Sonderweg sei verhängnisvoll, sagte Stoiber. Ein Diktator wie Saddam lasse sich nicht allein mit guten Worten entwaffnen. Eine "ominöse Achse" Paris-Berlin-Moskau-Peking könne niemals die Einbindung in das westliche Bündnis ersetzen. Deutschland brauche vielmehr die USA als Garant von Frieden und Freiheit in der Welt. "Aber wir sind keine Vasallen", rief Stoiber aus. "Und wenn ich mich hier in der Halle umsehe, entdecke ich auch keinen Kriegstreiber. Niemand will hier Krieg." Es blieb unklar, woher Stoiber diese Erkenntnis nahm.

Viel Schweiß für die "beste Rede aller Zeiten"

"Gewählt ist gewählt, das ist ja das Geile an der Demokratie", zitiert Stoiber mehrfach den beliebten Schröder-Song, um die Männer und Frauen auf seine Weise daran zu erinnern, dass nicht er, sondern der "rote Lügenbaron" Schröder (Staatsminister Erwin Huber, der mal wieder als Einheizer agierte), am 22. September gewonnen hat. Auch der Ausruf "Schröder kann es nicht", ist ein Garant für Jubelstürme.

Von seiner Rolle als Schröder-Herausforderer hat sich Stoiber aber offenbar längst verabschiedet. Er lobt seinen "Freund Roland Koch", lobt Niedersachsens Christian Wulff. Aber Stoiber selbst ist längst wieder Landesvater, der sich auf die Wahlen in Bayern vorbereiten und offenbar ganz schön strecken muss: "CSU: 55 Prozent plus X", wird ihm auf Plakaten als Forderung vorgegeben.

Nach zweieinhalb Stunden Abrechnung mit der Regierung Schröder steht Stoiber der Schweiß auf der Stirn. Der Ministerpräsident hatte vor seiner "Fastenpredigt" in einem Interview behauptet, keinen Gag-Schreiber nötig zu haben. Und nun dankt das Publikum mit "Edmund, Edmund"-Rufen und Forderungen nach Zugaben, weil er immer wieder Scherze wie diesen in seine Schimpftiraden eingebaut hatte: "Was ist der Unterschied zwischen dieser Bundesregierung und einer Telefonzelle? Bei einer Telefonzelle muss man vorher zahlen und dann wählen. Bei dieser Regierung ist es umgekehrt." Soviel Humor bei seinem Tiefflug durchs Bierzelt belohnt CSU-Generalsekretär Thomas Goppel mit einem Ritterschlag: "Das war die beste Rede, die Stoiber jemals gehalten hat", ruft er in die Menge.

Aus der Nibelungenhalle wird die Neue Mitte

Die Passauer Nibelungenhalle wird nun nach diesem Spektakel abgerissen und weicht einem Neubau mit dem offenbar programmatischen Namen "Neue Mitte". Dort wird der CSU-Chef wird künftig seine Aschermittwochsrede halten. Und Maria Brummer wird dann wohl wieder demonstrieren, wie sie in dem Hexenkessel überlebt: "Immer nett und freundlich sein, irgendwie geht's dann schon."


 

05.03.03 15:45

7149 Postings, 7467 Tage Levkeohne Worte

dem ist nichts hinzuzufügen.....

 

05.03.03 15:45

15990 Postings, 6880 Tage NassieImpotenz ist

wenn man weiß wie es geht aber selbst nicht kann.
Armer Stoiber.  

05.03.03 15:50

8215 Postings, 7082 Tage SahneSchon wieder eine neue Mitte?

Was besseres ist ihnen wohl nicht eingefallen...

 

05.03.03 15:53

2509 Postings, 7666 Tage HiobMir ist besonders eine Passage aufgefallen

Und zwar die folgende:
Für die Stimmung ist auch Maria Brummer, 52, zuständig. Die Frau aus Tutting schenkt schon seit 20 Jahren Bier in der Halle aus. "Zehn bis zwölf Liter kann ich gleichzeitig tragen, und unter die Arme klemme ich mir noch Flaschen", sagt sie stolz.

Mensch, hab ich mir gedacht, mit den Flaschen hat sie doch nicht etwa die Jungs aus dem CSU-Vorstand gemeint?  

05.03.03 16:22

7149 Postings, 7467 Tage Levkena ja

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