"Sind wir modernen Bürger wirklich alle Sklaven ?"

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eröffnet am: 15.12.06 13:59 von: kiiwii Anzahl Beiträge: 2
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15.12.06 13:59

129861 Postings, 6226 Tage kiiwii"Sind wir modernen Bürger wirklich alle Sklaven ?"

Sind wir modernen Bürger wirklich alle Sklaven ?


FRAGE: Professor Skinner, Sie behaupten, wir seien alle Sklaven? Wie kommen Sie denn darauf?

ANTWORT: Ich weiß nicht, ob die Deutschen alle Sklaven sind, aber wir Engländer sind ganz gewiß Sklaven. Jedenfalls wenn man sich unser politisches System mit den Augen eines Römers ansieht, der noch wußte, was ein Sklave ist.


FRAGE: Erklären Sie es uns.

Nun, wir stellen uns immer vor, daß wir frei sind, wenn wir tun können, was wir wollen. Aber schauen Sie sich die römischen Komödien an: Die Sklaven tollen wild auf der Bühne herum, führen den Haushalt, haben ihren Spaß, haben Geld zum Ausgeben - aber sind doch Sklaven! Und warum sind sie Sklaven? Weil sie alles, was sie tun, nur tun können, solange der Herr abwesend ist. Oder weil er es ihnen ausdrücklich erlaubt. Sklaverei, lateinisch servitudo, heißt: abhängig sein von der Willkür eines anderen, dessen Macht über uns wir nicht zugestimmt haben. Freiheit, so verstanden, ist keine Eigenschaft von Handlungen, sondern das Merkmal eines politischen Zustands.


FRAGE: Und in diesem Sinne sind die heutigen Engländer Unfreie, Sklaven?

ANTWORT: Ja, natürlich. Wir werden von einer Exekutive regiert, der wir nicht zugestimmt haben. Wir haben zwar die Abgeordneten ins Parlament hineingewählt, aber das Parlament hat in ganz entscheidenden Fragen überhaupt nichts zu melden. In der Entscheidung über Krieg und Frieden, wie beispielsweise in der Frage des Irak-Krieges, gibt es in Großbritannien eine königliche Prerogative, ein Vorrecht, das vom Premierminister im Namen der Krone ausgeübt wird: vom römischen Recht her betrachtet, ein klarer Fall von Sklaverei. Außerdem folgen die Abgeordneten der Parteidisziplin, obwohl wir sie als Abgeordnete und nicht als Funktionäre von Parteien gewählt haben.


FRAGE: Dann sind die Deutschen auch Sklaven. Wir haben zwar keine Monarchie ...

. . . seien Sie bloß froh . . .


FRAGE: ... doch Fraktionszwang gibt es bei uns auch und Verwaltungen, die wir nicht gewählt haben, sowieso. Aber geht das überhaupt anders? Ist Sklaverei in diesem Sinne nicht einfach das Schicksal des modernen Menschen? Oder wie würden Sie denn einen Staat organisieren, wenn Sie dauernd die Leute nach ihrer Zustimmung fragen müßten?

Ah, das Argument von Rousseau! Frei sein kann man nur in Genf, nur in kleinen Stadtstaaten, in denen einander alle kennen und fast alle mitreden können. Oder das Argument von Benjamin Constant: Die antike, die politische Freiheit ist für moderne Menschen unerreichbar. Doch das stimmt nicht ganz. Die Amerikaner zum Beispiel werden nicht von Leuten regiert, die sie nicht gewählt haben. Oder die Schweizer. Auch der deutsche Föderalismus mit seinen Möglichkeiten lokaler Politik ist eine gute Sache . . .


FRAGE: ... na, ja, aus der Ferne ...

. . . aber wir in England, wir haben nicht einmal eine Verfassung, wir haben ein Oberhaus, wir haben königliche Vorrechte - wir sind Sklaven.


FRAGE: Ist es denn schlimm, ein Sklave zu sein? Gewiß, es klingt nicht großartig, aber muß man - fast hätte ich gesagt: bei vollem Lohnausgleich - darunter leiden?

Von Tacitus gibt es das Wort "Alle Sklaven sind sklavisch". Damit wollte er sagen: Wenn man immer aus den Augenwinkeln heraus darauf schauen muß, wie der Herr das findet, was man gerade macht, verändert das den Charakter. Man landet bei Selbstzensur. Für mich ist das einer der wichtigsten Gesichtspunkte der Sklaverei. Denken Sie an die Medien, die sich in Rußland und vielleicht auch irgendwann hier fragen, wie Herr Putin dies und jenes findet. Oder bei uns, wenn man überlegt, ob "der Islam" mit einer Karikatur oder einem Text einverstanden ist. Genau das meine ich mit politischem Sklaventum. Man ist sich in einer Sache unsicher und entscheidet sich für den ungefährlichen Weg. "Man kann ja nie wissen" - darin steckt schon die sklavische Vorsicht. Und irgendwann redet man sich dann sogar Gefahren ein, die gar nicht da sind, oder einen drohenden Herrn, den es gar nicht gibt, nur um den gemütlichen, sklavischen Weg weitergehen zu können.


FRAGE: Das ist die Welt von Thomas Hobbes, dem Staatsphilosophen aus dem siebzehnten Jahrhundert, über den Sie alles wissen und dem Sie in allem widersprechen.

Hobbes hatte ein Argument: Die Leute, sagt er, wollen in Ruhe gelassen werden, sie wollen sich um ihre privaten Dinge kümmern. Eigentlich interessieren sie sich nicht für Politik. Sie wollen nicht politisch sein, und man soll es sich auch gar nicht wünschen. Denn wenn alle politisch mitreden wollen, dann ist das der Bürgerkrieg. Also ist es für den Frieden gut, wenn es Herrscher gibt, die das Regieren für die anderen übernehmen. Alles andere, meint Hobbes, funktioniert nicht.


FRAGE: Und? Funktioniert Freiheit doch?

Die freien Republiken existieren zum Beweis, daß die Anhänger von Hobbes einen Fehler machen. Aber es stimmt schon: Es ist mühselig, und der Preis der Freiheit ist die Wachsamkeit. Die Römer sprachen von Tugenden, die man haben müsse, um die Freiheit zu sichern. Nehmen Sie die Abgeordneten. Sie werden gewählt, um uns zu repräsentieren. Das Volk soll sich wiederfinden in der Politik. Aber das heißt nicht, daß die Abgeordneten vor jeder Entscheidung alle, von denen sie gewählt worden sind, fragen sollen, was sie denn nun gern hätten. Wir geben ihnen unsere Stimme, weil wir darauf vertrauen, daß sie das Gemeinwohl im Blick haben. Und das setzt sowohl bei uns wie bei den Abgeordneten Tugenden voraus. Zum Beispiel die Tugend, der Korruption widerstehen zu können oder nicht an ihrem Amt zu kleben und deswegen erpreßbar zu sein. Und bei uns die Tugend, Entscheidungen zu bejahen, auch wenn sie gegen unsere Wünsche fallen.


FRAGE: Sollen wir uns darauf wirklich verlassen? Was hielt denn Hobbes von den Tugenden?

Als politischen Kräften? Gar nichts. Das war für ihn alles nur Gerede. Die Demokratie war für ihn überhaupt vor allem Gerede, eine rhetorische Veranstaltung. Denn es geht in ihr ja darum, die Zustimmung der Leute zu bekommen. Also treten Redner auf. Wir haben in den romanisch beeinflußten Sprachen ein Wortspiel dafür, ich weiß nicht, ob das auch im Deutschen geht: "to chant" und "to enchant", singen und verzaubern, verhexen. Für Hobbes war die Politik in der Demokratie eine Bühne, auf der es nur darum geht, den Leuten mit schönen Worten den Kopf zu verdrehen. Statt dessen, meinte er, sollte Politik die Sache von ein paar vernünftigen Experten bleiben.


FRAGE: Insofern haben wir jetzt beides: Das schöne Gerede vor den Kameras und die Verwaltung durch Experten. Politik wäre dann, in Ihrem Wortspiel, zu großen Anteilen einfach das Absingen öffentlicher Lieder, um fremdverwaltete Sklaven einzulullen?

Es schließt sich das jedenfalls nicht aus, was Hobbes wollte, Herrschaft durch Autoritäten, und das, was er für verderblich hielt: die Rhetorik, die er verachtete, obwohl er selbst ein großer Rhetoriker war. Und es schließt sich leider auch nicht aus, daß wir uns für frei halten, aber unfrei sind.


FRAGE: Was bleibt dann aber dem freiheitsliebenden Bürger noch übrig?

Mißtrauen. Zum Beispiel gegen die Unterscheidung von "bloßer Rhetorik" und "Argumenten in der Sache" - denn das ist selbst eine rhetorische Formel. Mißtrauen aber auch gegen Politiker. "Put not thy trust in princes" steht in den Psalmen. Aber andererseits müssen wir ihnen ja trauen. Also bleibt uns nur, ihnen keine Blankovollmachten zu geben. Und keine nichtgewählten politischen Entscheider als Vertretung des Gemeinwohls zu akzeptieren. Nichtgewählte Kammern wie das Oberhaus haben in einer echten Republik keinen Platz. Bei uns ermittelt gerade die Polizei gegen den obersten Spendensammler von Labour, ob nicht in den vergangenen Jahren Ehrentitel käuflich zu erwerben waren, durch Parteispenden. Wenn das zuträfe, dann sähe man hier ebenjenen Zusammenhang von Vorrecht, Sklaventum, Korruption und Parteiherrschaft, über den wir gesprochen haben.


Die Fragen stellte Jürgen Kaube.

Text: F.A.Z., 15.12.2006, Nr. 292 / Seite 48



MfG
kiiwii

"Auch wenn alle einer Meinung sind, können alle Unrecht haben" (B.R.)
 

15.12.06 14:00

1544 Postings, 6504 Tage werweißWas ist ein moderner Bürger



einer der im Strom schwimmt, gell, also dann bin ich lieber ein unmoderner, aber das schaff ich nicht allein !!!!!!!!!  

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