Schweizer Rede über Deutschland

Seite 1 von 1
neuester Beitrag: 20.12.06 19:42
eröffnet am: 20.12.06 19:42 von: quantas Anzahl Beiträge: 1
neuester Beitrag: 20.12.06 19:42 von: quantas Leser gesamt: 255
davon Heute: 1
bewertet mit 8 Sternen

20.12.06 19:42
8

15328 Postings, 5716 Tage quantasSchweizer Rede über Deutschland

von Frank A. Meyer

Anmerkungen zur Demokratie im Allgemeinen sowie zur deutschen im Besonderen - diese Überlegungen bildeten den Mittelpunkt einer Rede, die Cicero-Kolumnist Frank A. Meyer vor dem Forum Willkommen in Berlin hielt. In diesem Verein, eine private Initiative von Angehörigen des Auswärtigen Amts, treffen seit 1999 Ehepartner von Diplomaten und Diplomatinnen aus aller Welt zusammen.

Sehr verehrte Damen und Herren,

das Thema meiner Rede ist Deutschland. Ich habe mir daher eine biografische Frage gestellt: Wann taucht der Begriff Deutschland zum ersten Mal in meinem Leben auf?

Es war wohl in den späten 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts: Ich muss etwa fünfjährig gewesen sein. Mein Vater arbeitete als Uhrmacher am Abend zu Hause, weil wir ? neben seinem Taglohn in der Fabrik ? auf den Zusatzverdienst angewiesen waren.

Uhrmacher arbeiten an einem hohen Tisch, damit sie mit der Lupe ganz nahe an den winzigen Uhrenteilen sind. Unter diesem Werktisch fand ich gerade Platz genug, um auf dem gepolsterten Schemelchen zu sitzen, auf das mein Vater bei der Arbeit die Füße stellte. Denn der Kachelboden war kalt.

Mein Vater erzählte beim Arbeiten jeden Abend Geschichten aus seinem Erleben als Gewerkschafter und Sozialdemokrat. Diesmal erzählte er eine kleine Geschichte von seinem Patron, dem jüdischen Schweizer Sigmund Liebmann, Besitzer der Uhrenfabrik Libana-Watch.

Im Mai 1940 befürchteten die Schweizer während einiger Tage den Einmarsch der Deutschen. Mein Vater sprach mit seinem Patron über die Gefahr und gab ihm den Rat: ?Herr Liebmann, sie haben Verwandte in Kanada, verlassen sie die Schweiz. Wenn die Deutschen kommen, sind die Juden als erste dran, dann wir Sozialdemokraten.?

Mein Vater berichtete auch den Wortlaut von Sigmund Liebmanns Antwort. Sie lautete: ?Herr Meyer, ich bin Schweizer, ich gehöre hierher!?

Wie Sie sehen, hat mich diese kleine Geschichte aus dem Leben meines Vaters sehr beeindruckt. Ich würde mich sonst nicht daran erinnern.

Sie hat in meinem kindlichen Bewusstsein drei wichtige Erkenntnisse vorgeprägt: Die Juden sind mutige Bürger; die Sozialdemokraten wurden verfolgt von den Nazis; die Schweiz war bedroht durch die Deutschen.

Ich erlaube mir, sehr verehrte Damen und Herren, in meinen biografischen Notizen noch etwas fortzufahren: Als später, ich war wohl zehnjährig, mein Cousin Roger die Deutsche Helene heiratete, wurde das Ereignis in der Familie missbilligend kommentiert.

Ja, die 50er Jahre, also die Jahre meiner Schulzeit, waren in der deutschen Schweiz geprägt von Deutschenhass. Sogar die deutsche Sprache wollte man nicht mehr hören. Politiker oder Intellektuelle, die zu eloquent deutsch sprachen und ohne deutlichen deutschschweizer Akzent, stießen in der Bevölkerung auf Misstrauen. Zu sehr hatte die Generation meiner Eltern das Dröhnen und Kreischen der Nazitiraden über Rundfunk und Filmwochenschau noch in den Ohren.

Mich begann die deutsche Geschichte, ja das Deutsche überhaupt zu interessieren, zunächst in der Literatur.

Ich stieß, mit 13 Jahren schon, auf Erich Maria Remarques ?Im Westen nichts Neues?, dann gleich Wolfgang Borcherts ?Draußen vor der Tür?; es folgte Lion Feuchtwanger mit seinem Roman ?Erfolg?; dann Thomas Manns ?Doktor Faustus?, schließlich die Modernen der Gruppe 47 mit Grass und Böll und Alfred Andersch.

Ihr Thema war immer Deutschland in der Auseinandersetzung mit sich selbst.

Sogar bei meinen französischen Hausgöttern suchte ich Auskunft über Deutschland. Zum Beispiel in Simone de Beauvoirs Schlüsselroman ?Les Mandarins de Paris?. Er beginnt mit der Befreiung Frankreichs. Ebenso in Jean-Paul Sartres Theaterstücken zur Frage von Unterdrückung, Befreiung und existenzialistischer Selbstbestimmung.
Auch bei meinem Lieblingsautor Albert Camus interessierte mich die Thematik, die mit dem Krieg, mit der Besetzung, deshalb mit Deutschland zu tun hatte. Ich fand sie im existentialistischen Widerstandsroman ?Die Pest? und im philosophischen Essay ?Der Mensch in der Revolte?.

Die Sprache wurde meine Heimat: die deutsche Sprache.

Man stellt in der Schweiz oft und gerne die Frage: ?Was ist deine Heimat?? Ich antworte so: Meine erste Heimat ist die deutsche Sprache; meine zweite Heimat ist die zweisprachige Stadt Biel-Bienne am Südfuß des Jura, am Fuß der Berge mit ihren anarchisch-rebellisch geprägten Menschen; meine dritte Heimat ist die Schweiz, wobei der Begriff Schweiz für Demokratie und Rechtsstaat steht. Ich bin ein schweizerischer Verfassungspatriot.

Die Lust an der deutschen Sprache machte mir Lust auf Deutschland:
1962, also mit 18 Jahren, vertrat ich irgendwo im Westerwald die Schweiz an einem einwöchigen EWG-Seminar. Ich fuhr auf der Anreise an Hadamar vorbei, und ich wusste, dass dort geistig Behinderte ermordet worden waren ? in der Nazisprache ?unwertes Leben?.

An diesem Europa-Seminar lernte ich deutsche Großzügigkeit kennen, die Lust junger Deutscher am Streitgespräch, ihre Neugierde auf junge Schweizer und Italiener und Franzosen und Belgier. Auch die Großzügigkeit der deutschen Gastgeber beeindruckte mich.

Am späten Abend wurde zwar für meinen Geschmack die Kameradschaft mit etwas sehr deutschen Liedern gepflegt. Aber ich sang dann gemeinsam mit den Italienern ?Ciao bella, ciao?, das Lied der Antifaschisten.

Meine ersten deutschen Tage waren gute Tage.

Ich lernte als junger Journalist durch den ?Spiegel? das Wort Recherchieren kennen, überhaupt brachte uns das freche Nachrichtenmagazin die journalistische Leitkultur bei.

Vor allem erlebte ich die Spiegel-Affäre als großen geschichtlichen Augenblick: nämlich als Verteidigung der deutschen Demokratie gegen autoritäre Übergriffe. Augstein und seine Redaktoren waren Helden. Und als junger angehender Journalist fühlte ich mich sogar ein bisschen als Mit-Held!

Interpretieren Sie all diese Erlebnisse und Eindrücke und Lobesworte jetzt bitte nicht falsch: Ich werfe mich Deutschland nicht an den Hals. Ich mag es auch umgekehrt nicht, wenn Deutsche mir die Schweiz als das bessere Deutschland preisen.

Die Schweiz lebt eine andere politische Kultur als Deutschland: Eine dreisprachige: Deutsch und Französisch und Italienisch ? kulturell von gleichem Rang, denn der Verlust auch nur einer dieser Sprachkulturen würde das Ende der Schweiz bedeuten.

Ich liebe kulturelle Bruchstellen. Ich wurde in meiner zweisprachigen Heimatstadt Biel-Bienne durch eine Bruchstelle kulturell geprägt.

Deshalb, sehr verehrte Damen und Herren, beschäftige ich mich nicht ohne Leidenschaft mit der Bruchstelle zwischen der schweizerischen und der deutschen politischen Kultur.

Ich erlebe diese Bruchstelle sogar täglich: Seit 22 Jahren ist meine Sprache zu Hause nicht mehr Schweizerdeutsch, sondern Deutsch. Meine Lebensfreundin und ihre zwei Töchter sind Deutsche. Also ist mir privat vertraut, was mir doch fremd ist, wenn ich schreibe.

Ja, Hochdeutsch oder eben Schriftdeutsch ist uns Deutschschweizern eine Fremdsprache. Darum schreiben Schweizer Schriftsteller auch ein so wunderbares Deutsch: Durch das ständige Übersetzen im Kopf entwickeln sie eine sehr bewusste Sprach-Sensibilität. Lesen Sie Hürlimann oder Muschg oder Bichsel oder Frisch oder Dürrenmatt. Schweizer Schriftsteller sind Dichter!

Wie sehe ich nun, von meiner Bruchstelle aus, die deutsche politische Kultur, die mich als politischen Journalisten seit einigen Jahren täglich beschäftigt, sogar schon fast mehr beschäftigt als die Schweizer Politik?

Die deutsche Demokratie war zwei Generationen lang eine Demokratie des wirtschaftlichen Erfolges. Also war diese Demokratie - die erste funktionierende deutsche Demokratie überhaupt! - in jeder Hinsicht eine gute Sache. Sie ermöglichte neben dem ökonomischen auch den gesellschaftlichen und den individuellen Erfolg.

Das ist anders geworden: einerseits durch die Globalisierung mit ihrer dramatischen Wirkung auf die europäische Wirtschaftskultur, andererseits durch den unermesslichen finanziellen Aufwand für die Länder der früheren DDR.

Deutschland soll wettschwimmen. Mit einem Mühlstein am Hals!

Ja, plötzlich scheint Deutschland von vielerlei Misserfolg heimgesucht: Arbeitslosigkeit, Endeckung der Unterschicht, misslungene Integration von Ausländern, Finanzprobleme des Staates und der Länder, Manager, die spektakulär versagen.

Scheitert Deutschland?
Verfolgt man die allerjüngste Zeitgeschichte in den Medien, kann man sich des beklemmenden Eindrucks nicht erwehren: dass alles irgendwie schief läuft und falsch. Vor allem in der Politik.

Als Katastrophe wird die Sozialpolitik dargestellt, als Elend die Steuerpolitik, als Desaster die Wirtschaftspolitik, als Schiffbruch die Integrationspolitik.

Die Gesundheitspolitik gilt als Monster.

Die Politik macht alles falsch ? grundsätzlich und handwerklich und überhaupt.

Sehr verehrte Damen und Herren, ich erlebe in Deutschland ein Klima, das mich sehr nachdenklich macht. Ein Klima, das ich so in der Schweiz noch nie erlebt habe. Und das mich erschreckt.

Was genau erschreckt mich daran?
Es ist die Feindseligkeit der Politik gegenüber, und zwar in allen Schichten, von der Unterschicht über die Arbeiterschaft, den Mittelstand bis zur Oberschicht, die sich selbst als Elite versteht.

Die Politik wird geschmäht, oft sogar hasserfüllt geschmäht, und das nicht nur von meinem Taxi-Chauffeur, sondern von Bankern und Unternehmern und Intellektuellen und Künstlern.

Vor allem von Journalisten, welche die Kunde von der verachtenswerten Politik übers ganze Land verbreiten.

Wenn Berlin gewaltige Finanzprobleme hat, was vor dem Hintergrund der jüngsten Geschichte der Stadt ja verständlich ist, dann hetzt die Bild-Zeitung pauschalisierend: ?Können Politiker nicht mit Geld umgehen??

Wenn die Große Koalition ? zwangsläufig! ? um Kompromisse ringt, dann höhnt die Zeitung ?Die Welt? vom ?Großen Feilschen? und weiß im Voraus: ?Herauskommen wird dabei nicht viel?.

Und wenn die Parteien, was ja deren Aufgabe ist, die Erwartungen ihrer Wähler aufnehmen, dann wirft ihnen der ?Spiegel? vor: ?Erst die Partei, dann das Land?.

Doch nicht nur die Journalisten treiben ihr frivoles Spiel mit der Politik. Deutschland ist nicht nur eine Mediokratie. Es ist, wie ich zu beobachten glaube, auch eine Expertokratie: Hartz und Rürup und die Wirtschaftsweisen ? letztere in ihrem Herbstgutachten mit der vernichtenden Feststellung: ?Wir haben die falsche Politik.?

Wie kann der Bürger noch daran glauben, dass die Politikerinnen und Politiker ihre Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen tun, wenn all die kleinen Bundeskanzler in ihren Redaktions- und Studierstuben nahezu täglich mit gnadenlosen Urteilen über die Politik herfallen?

Ich weiß, seit der Spiegel-Affäre 1962 ? die ja, wie ich schon sagte, ein wundersamer Augenblick der deutschen Demokratie war ? sind die deutschen Journalisten gewissermassen geheiligt. Wer immer ihnen in die Parade fährt, setzt sich dem Verdacht undemokratischer Umtriebe aus.

Ich weiß, auch die deutschen Professoren sind seit jeher geheiligt, verkörpern sie doch die offensichtlich ungebrochene deutsche Sehnsucht nach institutioneller Autorität.

Überhaupt beobachte ich die Sehnsucht nach Führung ? aus der Sicht eines durch und durch republikanischen Schweizers eine ausgesprochen deutsche Sehnsucht.

Der ?Spiegel? beklagte jüngst in einer vernichtenden Titelgeschichte über die Grosse Koalition die ?fehlende Führung? Deutschlands - und meinte die Bundeskanzlerin.

Vom Vorgänger Gerhard Schröder wurde, mit Verweis auf Churchills dramatische Ansprache im Krieg, eine ?Blut-, Schweiß- und Tränenrede? gefordert.

Steht Deutschland vor dem Abgrund, wie damals England? In der ?Frankfurter Allgemeinen Zeitung? war am 28. September die beschwörende Titelzeile zu lesen: ?Erkennen die Regierenden die Flammenschrift an der Wand??

Mindestens ein Churchill müsste sein, um das Allerschlimmste von Deutschland abzuwenden.

Was hat dieser Alarmismus noch mit der politischen, mit der demokratischen Wirklichkeit zu tun? Deutschland ist nicht nur Exportweltmeister. Deutschland steht auch - laut World Economic Forum - auf dem 8. Platz der wettbewerbsfähigsten Nationen der Welt.

Erlauben Sie mir, meine sehr verehrten Damen und Herren, einige ganz und gar schweizerische Überlegungen zum Thema Demokratie.

Was gehört zum Wesen der Demokratie? Demokratie ist zunächst einmal Politik. Und Politik ist zunächst einmal Parteilichkeit, ist zunächst einmal Interessenvertretung ? und ist damit zunächst einmal eine ganz prosaische Angelegenheit. Nichts Hohes und nichts Tiefes, sondern Alltag.

So habe ich Demokratie in meinem Land erlernt und erlebt und als Stadt-Parlamentarier wie als politischer Journalist betrieben: als nie abreißenden Prozess von Versuch und Irrtum, von Scheitern und Korrigieren, von Akzeptieren und Widersprechen.

Schön ist das nicht, und es käme auch keinem Schweizer in den Sinn, eine schöne Demokratie, eine schöne Politik, gar einen schönen Staat zu fordern.

In Deutschland ist das irgendwie anders. Das neueste Sonderheft der elitären Monatszeitschrift ?Merkur? fordert ?ein neues Deutschland? ? gottlob noch mit Fragezeichen versehen. Doch auch als Frage ist die Forderung nach einem ?Neuen Deutschland? schon irritierend genug.

Der konservative Herausgeber des ?Merkur?, Karl Heinz Bohrer, verbreitet sich in einem Essay über ?die Ästhetik des Staates?. Er zitiert einen Satz von Albert Camus: ?Kein Volk kann außerhalb der Schönheit leben.?

Muss die deutsche Demokratie schön sein, um lebenswert zu sein, um Bestand zu haben?

Was ist die Ästhetik der Demokratie? Verwirrende Auf- und Abtritte doch, dramatische und paradoxe Szenen, oft sogar komödiantische Einlagen. Ein Durcheinander. Mitunter ein Verwirrspiel. Oft genug auch ein mühseliges Abarbeiten von Problemen, die sich zu Bergen türmen. Um mit Max Weber zu sprechen: Ein geduldiges Bohren dicker Bretter.

Wenn es denn eine Ästhetik der Demokratie geben sollte, dann wäre es doch eine Ästhetik des Ungestalteten, des im Werden begriffenen - eine Ästhetik der Arbeit in der Werkstatt.

Und wenn schon Churchill zu zitieren wäre, dann mit seinem Bekenntnis, das Parlament sei seine ?geliebte Werkstatt?.

Die Menschen handeln nun einmal nicht schön, wenn sie ihre Interessen vertreten. Es geht nicht schön zu und her, wenn diese Interessen aufeinanderprallen. Es gibt kein schönes Resultat, wenn die Interessen zum Kompromiss zusammengezwungen werden.

Manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, die Demokratie werde romantisiert und überhöht. Ich glaube, sehr verehrte Damen und Herren, in Deutschland wird von der Demokratie zuviel verlangt.

Jedenfalls soll sie mehr hervorbringen als eine Gesundheitsreform nur für die nächsten fünf Jahre; sie soll das Problem möglichst ein für alle Mal lösen.

Ich habe mehr und mehr den Eindruck, man erwartet in Deutschland von der Demokratie Erlösung. Sonntag, nicht Alltag.

Aber so kann Demokratie nicht sein, kann demokratische Politik nicht sein. Vielmehr ist die Demokratie der Ort der Ent-Täuschung. Genau: Ent-Täuschung in zwei Wörtern.

Ja, demokratische Politik bewahrt vor Selbsttäuschung.

Lassen Sie mich dies in einem kleinen theoretischen Exkurs erläutern:

Zur Kultur demokratischer Politik gehören die Einzelinteressen. Sobald diese Einzelinteressen zum Verhandeln mit anderen Einzelinteressen gezwungen werden, folgt Ent-Täuschung.

Und genau das ist Politik in der Demokratie: enttäuschend für jeden, der seinen Willen auf Biegen und Brechen durchsetzen will.

Enttäuscht werden durch den demokratischen Prozess vor allem jene, die gewohnt sind, autoritäre Entscheidungen zu treffen, zum Beispiel Wirtschaftsführer, aber auch Journalisten, die am Schreibtisch nach Lust und Laune über Gut und Falsch zu richten pflegen.

Die Gesundheitsreform ist eine solche Ent-Täuschung und damit eine große Enttäuschung: für die CDU, für die CSU, für die linke SPD, für die rechte SPD, für die Arbeitgeber, für die Gewerkschaften, für die Ärzte, für die Pharmaindustrie und weiß der Teufel noch für wen ? vor allem aber für die Medien, die doch so sehr den Typus des Politikers lieben, der mit einem Schwertstreich den gordischen Knoten durchschlägt.

Das wäre dann politische Ästhetik!

Gibt es heutzutage überhaupt noch Probleme, die sich mit einem politischen Schwertstreich lösen lassen? Ich vermute, es gibt sie nicht mehr. Die Politik löst Probleme nur noch auf kurze Zeit, allenfalls auf mittlere Sicht. Und es gibt Probleme genug, mit denen zu leben wir lernen müssen: unlösbare Probleme.

So unschön ist demokratische Politik! Ist Demokratie!

Autoritäre Entscheidungen, Entscheidungen per Schwertstreich, sind schnelle Entscheidungen.

Autoritäre Systeme entscheiden ruck-zuck; die Demokratie dagegen ist langsam. Sie benötigt, bei aller Geschäftigkeit, lange Weile ? auch dieser Begriff in zwei Wörtern.

Warum lange Weile?

Siemens und Allianz und andere Unternehmen können Menschen per Schwertstreich und ruck-zuck fallen lassen, um ihren gordischen Knoten zu lösen. Die Demokratie jedoch kann diese Menschen nicht abschaffen. Sie bleibt mit ihnen konfrontiert. Sie muss sich um sie kümmern. Sie muss sie einbinden. Sie muss sie mitnehmen. Wie schwer es ihr auch fällt.

Und das dauert!

Ich kenne die Klage von der ineffizienten Politik. Ich kenne den waghalsigen Manager-Slogan: ?Lieber eine falsche Entscheidung als keine Entscheidung.?

Was alles in Anwendung dieser leichtfertigen Maxime ökonomisch an die Wand gefahren worden ist, gehört nicht zu diesem Vortrag. Es würde ihn auch enorm verlängern. Und uns ganz trübselig machen.

Mein vor einem Jahr viel zu früh verstorbener Freund Peter Glotz hat den Begriff von der ?beschleunigten Gesellschaft? geprägt. Ich habe ihm, in wunderbaren Streitgesprächen, den Begriff von der ?Politik als Ort der Entschleunigung? entgegen gesetzt.

Wo alles rast, muss es Entschleunigung geben: fürs Abwägen, fürs Nachdenken, fürs Atemholen auch. Vor allem für die Menschen, die nicht mitrasen können, die sich nur noch als Gebeutelte fühlen.

Für die Erfolgreichen ist die Langsamkeit der Politik ein Ärgernis. Ich verstehe das. Darum rate ich immer wieder Freunden aus den Chefetagen, sich doch in die Politik zu begeben. In der Schweiz zum Beispiel Mitglied einer Feuerwehr-Kommission zu werden. Oder einer Schul-Kommission. Oder einer Bau-Kommission. Und dadurch Politik zu erlernen, in ihrer zähen, aber überaus nützlichen Langsamkeit.

Der Mangel an Tempo und der Mangel an Schneid gehören zum Unschönen an der Politik ? und damit zum Unschönen der Demokratie. Aber sie sind ein Wesens-Element demokratischer Politik.

Jüngst an einer imposanten Demonstration der Gewerkschaften gegen die Sozialpolitik der Großen Koalition ereiferte sich der DGB-Vorsitzende: Wenn sich die Politik nicht ändere, dann fürchte er, ?dass unsere Demokratie Schaden nimmt?.

Wieso soll die Demokratie Schaden nehmen, wenn die demokratisch gewählte Regierung zu anderen Ergebnissen kommt als ein, wenn auch wichtiger, Interessenvertreter es fordert?

War Sommers Satz etwa eine Drohung?

Es kann doch nie und nimmer die Demokratie verantwortlich gemacht werden für die Resultate, die in ihrem Rahmen erbracht werden.

Die Demokratie entscheidet zwar, doch entscheidet sie nicht, was richtig ist, nicht einmal, was besser ist. Sie entscheidet nur, was gilt. Das kann sogar das Schlechtere sein. Oder das, was eine Interessengruppe, wie beispielsweise die Gewerkschaften, als das Schlechtere betrachtet.

Stimmt vielleicht etwas nicht am demokratischen Selbstverständnis vieler mächtiger und meinungsmächtiger Deutscher?

Könnte es sein, dass deutsche Geschichte den deutschen Demokraten einen bösen Streich spielt? Und ich meine jetzt nicht die jüngste Geschichte. Ich meine die Geschichte, die zurückreicht bis 1848. Ich meine die gescheiterte Revolution des deutschen Bürgertums.

Ich meine das Scheitern des deutschen Bürgertums.

Ich meine dies als Schweizer, dessen Vorfahren 1848 mit ihrer bürgerlichen Revolution erfolgreich waren. Mitten im restaurativen Europa errichteten die Schweizer Freisinnigen einen modernen, einen demokratischen Bundesstaat. Sie eroberten am 12. September 1848 die Macht.

Was in der Schweiz gelang, misslang in Deutschland.

Das deutsche Bürgertum handelte sich schließlich zwar den Nationalstaat ein, verzichtete dafür aber auf die parlamentarische Demokratie ? also auf die Eroberung der politischen Macht.

Im Wilhelminismus errang dieses Bürgertum zwar die wirtschaftliche, die wissenschaftliche und die kulturelle Vorherrschaft. Doch auf die ganze konstitutionelle Macht, auf die politische Gestaltungsmacht musste es verzichten.

Ein Bild des Jammers!

Die Unterwerfung unter die miefige wilhelminische Militär- und Bürokratie-Monarchie, der ständige Kotau vor dieser reaktionären Macht verbog das deutsche Bürgertum.

Und weil es unter dieser demütigenden Situation litt, log es sich eine ästhetisierte Kultur zurecht, die für die Demokratie nur Verachtung übrig hatte.

Thomas Manns ?Betrachtungen eines Unpolitischen?, geschrieben in der Zeit des Ersten Weltkriegs, ist das Manifest des gescheiterten deutschen Bürgertums: Eine Streitschrift gegen die welsche und deshalb verachtenswerte Zivilisation, womit alles Republikanische und Demokratische des französischen Erzfeindes gemeint war. Gleichzeitig überhöhte Thomas Mann die deutsche Kultur zur Gegenwelt der politischen Niedrigkeit, wie sie die westlichen Gesellschaften von Paris über London bis Washington praktizierten.

Thomas Mann wandelte sich zwar zum entschlossenen und mutigen, weil öffentlichen Verteidiger der Weimarer Republik. Doch das dünkelhaft Unpolitische als Ausdruck des Undemokratischen blieb typisch für das deutsche Bürgertum.

Nur so ist zu erklären, dass es auch die Weimarer Demokratie nicht als seine Chance begriff. Nur so ist zu erklären, dass die bürgerlichen Parteien geschlossen für die Ermächtigungsgesetze und dadurch für Hitler stimmten.

Erlauben Sie mir eine kurze Anmerkung zu dieser dramatischsten Stunde in der unglücklichen Geschichte der deutschen Demokratie: Die Rede des Sozialdemokraten Otto Wels gegen die Ermächtigungsgesetze, also gegen Hitler ? gehalten unter Gefahr für Leib und Leben ? ist das bisher mutigste Bekenntnis zur bürgerlichen Demokratie in Deutschland.

Meine Damen und Herren, ich formuliere hier keine Vorwürfe, auch nicht schweizerische Anmaßungen, nur schweizerische Variationen zum Thema Deutschland. Ich füge eine weitere Variante hinzu

Auch die heutige deutsche Demokratie, wohl eine der modernsten der Welt, moderner womöglich als die schweizerische, auch diese Demokratie wurde nicht vom deutschen Bürgertum errungen, sie wurde verordnet.

Doch sie wurde bis heute gut gelebt, vielleicht sogar vorbildhaft gelebt. Von wem wurde sie so gelebt? Von einem Klein- und Mittelbürgertum, von Arbeitnehmern und Beamten, von Linken und von Rechten, die sich darauf geeinigt hatten: Deutschland muss anders werden als es je war ? nämlich wahrhaft demokratisch.

Und die Leistung, die daraus folgte, ist ja auch gewaltig: Keine Nation, die schuldhaft aus dem Zweiten Weltkrieg und seiner faschistischen Vorzeit hervorging, hat sich so sehr mit der eigenen Schuld befasst wie Deutschland.

Freilich, Deutschland trug die Hauptschuld, doch hätte es sich auch wegducken können. Es hat es nicht getan. Seit Jahrzehnten gehören Fragen nach der Verantwortung für den größten Schrecken, für die größten Verbrechen der Weltgeschichte zum deutschen Alltag: in den Medien, in der Politik, in der Kultur, in der Wissenschaft.

Wohl kein Volk hat sich so sehr in so kurzer Zeit selbst zur Demokratie erzogen wie das deutsche.

Und doch, sehr verehrte Damen und Herren, ist möglicherweise der Zeitpunkt gekommen, noch etwas hinzu zu lernen: Dass nämlich Demokratie nicht identisch sein muss mit Erfolg, weder mit wirtschaftlichem noch individuellem Erfolg.

Dass Demokratie Misserfolg ertragen muss.

In der ?Welt am Sonntag? las ich den Titel: ?Ist die Demokratie als solche in Gefahr? Die Anzeichen mehren sich.?

Die ?Financial Times Deutschland? lieferte mir kurz darauf die Zahlen zum Titel in der Welt am Sonntag: Mehr als die Hälfte der Deutschen zweifelt an der Demokratie. 38 Prozent sind weniger zufrieden, 13 Prozent sind gar nicht zufrieden. Das ergibt addiert eine Mehrheit, die der Demokratie politische Misserfolge anlastet.

Ist die deutsche Demokratie nur eine Schönwetter-Demokratie?

Schönwetter-Demokraten sind keine Demokraten.

Wenn kalte Winde blasen, gar Stürme, dann bedarf die Demokratie der Loyalität ihrer Bürgerinnen und Bürger.

Wenn ich Demokratie sage, dann meine ich auch die Politik: Loyalität ? selbstverständlich kritische Loyalität ? der Politik gegenüber. Und wenn ich Politik sage, dann meine ich auch Loyalität all jenen Bürgerinnen und Bürgern gegenüber, die sich beharrlich in der Politik abmühen.

Ja, Demokratie hat wenig Glamour. Sie ist verwirrlich und gewöhnlich. Sie ist nicht schön.

Sie ist nur das Schönste, was wir haben.

http://www.cicero.de/1526.php?ress_id=9&item=1453
 

   Antwort einfügen - nach oben

  1 Nutzer wurde vom Verfasser von der Diskussion ausgeschlossen: yurx