Schau! Mich! An! (Krieg der Bilder)

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neuester Beitrag: 11.11.01 22:57
eröffnet am: 05.10.01 16:52 von: Happy End Anzahl Beiträge: 13
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05.10.01 16:52
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95440 Postings, 7160 Tage Happy EndSchau! Mich! An! (Krieg der Bilder)

Es liegt nicht nur am Trauerschwarz auf VIVA, dass am Abend des Unglücks gepiercte Teenager mit zweistelligem IQ auf stillgelegten Raves ihre Augen auf die LCDs ihrer Casio-Mobil-TV drücken wie einst ihre Omas und Opas an die Lautsprecher der 'Göbbelschnauze'. Für das neue Hinhören sorgt auch die Allgegenwärtigkeit der Katastropheninformationsversorgung: Man kann gar nicht mehr entkommen.

Wut, Trauer und Betroffenheit sind derzeit voll angesagt, ebenso Radio, Zeitungen und die Glotze. Dabei geht nicht um die Opfer von Afghanistan, Bagdad, Burma, Burundi, China, Indonesien, Palästina, Serbien oder Tschetschenien, um nur einige zu nennen, auch nicht um die Opfer von ETA, IRA oder Pharmakonzernen, oder gar um die Totenberge, die seit Jahren von Aids oder Hunger aufgehäuft werden. Es geht vielmehr um ~6.000 Banker und andere Privilegierte, die von namenlosen Feiglingen nach Hollywood-Style ins Jenseits geblastet wurden. Die mediale Verarbeitung einer Katastrophe ist im vollen Gange.


Sehr geschmackvoll: Die ersten Themenbanner zum Terror (Spiegel.de)  
   

Da wird natürlich erst mal viel Wissen produziert. Drei unvergessliche Videoclips, welche die markanten 'Twins' beim Rauchen, Explodieren und Zusammenstürzen zeigen, erlaubten den meisten Journalisten noch gestern, am Abend der Katastrophe, fantasievolle Spekulationen über die Hintermänner zum Besten zu geben. Ein Abend wie aus dem Lehrbuch des Nachrichtenkrieges: Wickert, & Co schoben Sonderschichten, um die immer gleichen Bilder mit immer gleichen, dürftigen Informationen zu kommentieren. Nichts ist eben schöner als die Illusion des Wissens. Pro Sieben, Sat1, Kabel 1 und N24 demonstrierten sogar, was Gleichschaltung der Medien heute heißt, sie sparten sich das übliche Programm und bliesen vollkommen identischen junk journalism durch den Äther. Immerhin werbefrei, noch. Die beiden Moderatoren dort schafften es, jede Stunde noch ein bisschen betroffener auszusehen, während im Hintergrund immer wieder das WTC rauchte, explodierte oder zusammenstürzte. Aber vielleicht hatten Mr. Anchor Man und Woman auch nur keinen Bock mehr, ohne Werbung zu senden. Und ohne Konzept. Dafür in Realtime.

Live-Schnipsel in Echtzeit. Wenn der dritte Weltkrieg kommt, werden wir Bürger es diesmal als erste wissen, nicht erst auf unsere Nachfrage, warum denn unsere Kinder die Einberufung erhalten haben. Ja freilich, der mediale Apparat braucht einen knirschenden Moment, doch wenn er die Drehzahl von 24 Bildern pro Sekunde erreicht hat, dann läuft er wie geschmiert. Schnell waren also die Studios mit Experten gefüllt. Ehemalige Außenminister und Zuarbeiter, ehemalige Geheimdienstkoordinatoren, verschiedene Spezialisten zu Nahost-Fragen sowie Bekannte der Brüder des Kabellegers jener Lokalberühmheit, die mal eine Postkarte aus N. Y. bekommen hatte. Sie alle spekulierten vor unseren Augen mit viel Kompetenz und ohne Faktenwissen über die Hintergründe der Tat, garniert von den immer gleichen Bildern der rauchenden, explodierenden und zusammenstürzenden Tower.


Gar nicht makaber: CNN.com bietet Grafik satt, denn der Crash ist einfach zu schön.  
   

Dann kamen endlich ein paar neue Bilder. Ein Feuerwehrauto. Menschen, die durch Asche gehen, Farbbilder wie Schwarzweißaufnahmen. Hier ein paar tanzende Palästinenser. Dort Arafat, der das alles bedauert. Zwischendurch eine Telefonstimme, live vom Ort des Massenterrorismus. Schnell war eine Reihenfolge in die Bilder gebracht: Rauchender Tower, Flugzeug explodiert an Fassade, Feuerwehr, Zusammenstürzen des Towers, Arafat bedauert, doch seine Landsleute feiern, die Opfer weinen Tränen in die Asche. Ergibt eine Story.

Die Motivation der Tat ist seltsam klar, seltsamer noch, dass sie kein Thema ist. Zum Thema wird: Wer war's? Tja, wer wohl. Fidel Castro vielleicht? Emmerichs Außerirdische? Ein kluger Journalist fragt: Warum bekennt sich keiner? Ein klügerer Experte meint, zu recht: Weil es Selbstmord wäre, jetzt was zu bekennen. Recht hat er. Wer dem unbesiegbaren Riesen gegen das Schienbein tritt, der nagelt nicht noch seine Hausnummer in den Wadenmuskel. Hätte der Irak sich gestern bekannt, der Irak wäre heute strahlende Asche. Was also soll die blöde Frage des Journalisten? Ach so, wir sind schon in der Unterhaltungsphase.


FAZnet hat auch schon die ersten Analysen, man fragt sich nur: auf Basis welcher Fakten?  
   

Daher nun weitere Expertenrunden. Die ersten Politiker bringen Statements. Reden an die Nation. Der Schulterschluss. Und erste Hintergründe: 'Die Geschichte der Attacken gegen die USA.' Ja, ja, die Armen, immer in der Opferrolle. Intermezzo: Wer war's? - Immer noch keine Infos, soso. Warum also schon die ersten Hintergrundberichte über Usama bin Ladin? Muss ich diese tendenzielle Berichterstattung gut finden? Keine Ahnung. Aber immerhin weiß ich nun, wer's gewesen sein könnte. Nichts ist schöner als die Illusion, zu wissen. Ich bleibe weiter vor der Kiste kleben, bis in die Nacht hinein, saufe mir einen an. Mitternacht habe ich dann Geburtstag. Super Sache. Ich sehe das World Trade Center rauchen, explodieren und zusammenstürzen. Danke, aber he, das wäre doch nicht nötig gewesen.

Man mag über dieses Ereignis selbst als altgedienter Zyniker nicht wirklich Possen reißen. Vielleicht war das Ganze schon der 'Schuss von Sarajewo' für den dritten Weltkrieg. Vielleicht der des großen Krieges zwischen Christen und Moslems, von Kapital gegen Religion, der des clash of cultures. Jeder Witz wirkt da leicht daneben. Kein Grund, es nicht zu versuchen: Hätten die Terroristen ihre Opfer nur ausgelacht, die Welt wäre heute besser. Immerhin: Nächste Woche, das weiß ich, werden wir drüber lachen können; aber bis dahin kommt nur ein Krächzen raus. Nicht wegen der Opfer: Ja, es ist tragisch, aber mein Mitleid habe ich schon für all die anderen Opfer meines Fernsehlebens verbraucht. Zyniker sind enttäuschte Romantiker, sagt man. Vor allem habe ich Null Bock auf No Future, ich will in 40 Jahren nicht der Opa zu sein, der erzählt, wie der dritte Weltkrieg war, und sich dabei die amputierten Stummel kratzt.

Heute, einen Tag später, sind die Zeitungen voll mit Sonderteilen. Frische Experten plappern aufgewärmte Vermutungen. Peter Scholl-Latour wird durch die Boulevard-Blätter geschleift, als habe er gerade erst mit Bush gespeist und dessen Nahost-Strategie behende auf eine Serviette notiert. In Afghanistan fliegen Raketen, Himmel, war es Dabbeljuh? Nein doch nicht, nur hat die Taliban-Opposition die Gunst der Stunde genutzt, ihren Landsleuten einst reinzuwürgen. Ja, echt, das bringt uns weiter, Jungs. Wenn ihr euch wenigstens effektiv und endgültig gegenseitig umbringen würdet, denke ich mir zuweilen.


n24.de bietet hübschere Galerien - so lieben wir unsere Katastrophen.  
     

Einstweilen stehen wir Kapital-Wessis zusammen wie eine Nation. Endlich können wir dem imperialen Koloss auch mal unsere Hilfe anbieten. Care-Paket gefällig? Blair, Chirac, Schröder und Berlusconi blasen sich auf und mischen Solidarität, Betroffenheit und Kritiklosigkeit an den langfristigen Ursachen für den Terrorakt zu einem gefälligen Mix. Wir halten zusammen, unisonen sie, egal was kommt: Wir machen mit, sind dabei. Ich frage mich: Ist denen überhaupt klar, was sie da sagen?

Was machen wir denn, wenn Dabbeljuh in seinem berechtigten Zorn nun meint, er müsse mal eben irgendwen ausradieren? Nehmen wir an, mangels sichtbarem Gegner greift er zum naheliegenden und befiehlt die flächendeckende Napalmisierung / Atomisierung von Afghanistan & Irak - machen wir dann auch mit? Und mit welcher Begründung? Das man 'sowas' wie den WTC-Terror nicht machen darf? Dass Rache süß ist? Dass wir die Welt durch Racheakte und Bombardierungen besser machen? Vorsorglich, um nicht demnächst wieder attackiert zu werden? Damit CNN was zu senden hat?

Und wo soll das enden? Pragmatisch gesehen müsste man sich doch folgerichtig des gesamten Islams entledigen. Dann wäre ja wohl Ruhe im Karton. Ethnische Säuberung mal anders. Machen wir da dann auch mit?


Genau, Bilder und Videos sind doch das schönste am nahenden Weltkrieg (sueddeutsche.de)  
     

Nächste Woche werden die ersten Gerüchte bestätigt werden. Man wird einen Schuldigen finden, denn unabhängig vom Wahrheitsgehalt wird einer der Schuldige sein müssen. Damit wir jemanden haben, den wir bombardieren können. Natürlich werden wir uns dadurch neue Feinde machen. Brüder verstümmelter Kleinkinder werden bereitwillig das Frischfleisch für neue Selbstmordkommandos stellen. Und so weiter. Warum hat das niemand satt?

Themenwechsel in den Mainstream-Infomedien. Warum haben die Geheimdienste versagt? Hätte man nicht viel früher wissen müssen, dass...? Flughafenkontrollen zu lasch...? Künftig nur noch ferngesteuerte Flugzeuge...? Wie kriegen wir die Börsen wieder auf die Beine...? Huch - sind etwa auch Deutsche unter den Opfern? Hier die Videoclips der Katastrophe zum Downloaden... Und ja, die armen Versicherer: Immerhin konnte die Allianz ihre Mitarbeiter evakuieren. Gottseindank.


Spiegel.de hat den Crash etwas aufgebuntet, jedenfalls war er im TV viel blasser.  
     

Der Tower raucht, die zweite Boing crasht rein, der Tower explodiert und stürzt in sich zusammen. n24 und ntv blenden wieder ihre Börsenticker drüber. Spiegel TV Sondersendung. Das Leben geht weiter: Montag ist Focustag. The show must go on. Ich erwarte Guido Knopp: Hitlers Enkel - Bin Laden und Saddam. Zeit Sonderheft. Buchmesse ist auch bald, also macht Druck auf die Drucker. Schnell noch blast-the-worldtradecenter.com reservieren. SimWTC-Terror 2.0, das Spiel, ankündigen. Screensaver mit den WTC-Twin-Bildern releasen. Und nächstes Jahr dann der US-Spielfilm, vielleicht von Oliver Stone, der ja gerne Dokumentarisches mit Fiction verschneidet.

CNN hat heute Nacht Tom Clancy interviewt: Der US-Patriot hatte in seinem letzten Roman seine Terroristen eine Boing auf das Weiße Haus stürzen lassen.

Gruß
Happy End
 

05.10.01 16:56

10586 Postings, 7284 Tage 1Mio.?Interssant Gruss Mio. o.T.

05.10.01 17:03

4579 Postings, 7133 Tage tom68Ruf! Mich! An! (Krieg der Peitschen) o.T.

05.10.01 17:06

33549 Postings, 7289 Tage DarkKnightdazu der Visionär Enzensberger bereits 1964:

Ein weiteres essayistisches Themenkonvolut präsentiert Enzensbergers Band "Politik und Verbrechen" (1964), der 1966 etwas verändert unter dem Titel "Politische Kolportagen" mit einer neuen Einleitung als Taschenbuch erschienen ist. In seinen "Politischen Kolportagen" hat Enzensberger erläutert, wie stark der Konnex von 'Politik und Verbrechen' in der Gegenwart an die Gewalt einer kollektiven Bildersprache gebunden ist, welche jenseits der Trennung privater und öffentlicher Sphären, jenseits der Unterscheidung von Fiktion und Realität die Sprache und das Bewußtsein übermächtigt: "Eine bilderlose politische Welt gibt es nicht, oder wir sind außerstande, sie zu ertragen. Fast scheint es, als wäre der horror vacui ein Prinzip, das nicht die Natur, wohl aber unser Bewußtsein regiert. In die Leere unserer politischen Vorstellungswelt schießen jedenfalls zunehmend historische Bilder ein, deren Struktur bisher kaum aufgeklärt ist. Projektionen, deren unsere ohnmächtige Phantasie sich nicht erwehren kann. Diese Bilder sind es, und nicht die Fakten, was noch den flüchtigsten Zeitungsleser bis in den Schlaf, nämlich bis in seine Träume verfolgt."'

 

05.10.01 17:25

10303 Postings, 7094 Tage chartgranateChapeau,Happy End

wirklich erstklassig!  

05.10.01 18:01

1564 Postings, 7458 Tage stiller teilhaberschön aufbereitet, happy, wirklich

aber so ganz stimt's trotzdem nicht. etwas hast du unterschlagen.
Für das neue Hinhören sorgt auch die Allgegenwärtigkeit der Katastropheninformationsversorgung:
Man kann gar nicht mehr entkommen !!!!
ich höre diesen satz so oft. wie wir uns freiwillig und ohne es zu merken zur unmündigkeit degradieren. man kann gar nicht mehr entkommen....
kann man nicht ? kann man wirklich nicht ?
keiner einen aus-knopf am fernseher ?
zwanghaftes zeitunglesen ?
hat irgendjemand bei fernsehsendern angerufen: wir wollen das alles gar nicht sehen. wir wollen nachrichten, fakten, keine nachrichtenshows und schon gar kein wildes herumspekulieren. das können wir alle selbst.
nachrichten. fakten. wenn wirklich welche da sind. ansonsten bitte bleiben lassen oder wenn ich merke, es kommen keine, schalte ich aus.
bin ich wirklich verpflichtet oder 'gezwungen' nichtinformatives gesabbel tag und nacht und tagelang anzuhören, zu sehen......
warum nicht ? weil wir informations- oder sollte man besser sagen, sensationsgeil sind ?
warum gibt es - gerade in deutschland - bei egal was, gaffer. warum gibt es einen regelrechten gaffer tourismus ?

medien müllen uns heutzutage regelrecht zu. aber können sie das nicht nur, weil sie 'uns' ganz genau kennen ? wissen, worauf wir anspringen ? und - weil wir uns zumüllen lassen, anstatt aus- und abzuschalten ?

grüße
stiller teilhaber



 

05.10.01 18:26

6836 Postings, 7430 Tage Egozentrikerstiller teilhaber

weisste was ? ich hab medien-technisch bereits vor ein paar tagen ne notabschaltung vorgenommen. zuviel input (und obendrein grösstenteils müll).... im moment gibt's für mich nur noch lustige serien oder filme bei denen man nicht grossartig nachdenken muss und auch mal lachen kann - basta !!!

gruss
ego  

05.10.01 19:22

1564 Postings, 7458 Tage stiller teilhaberdas ist doch 'ne maßnahme, ego :-)

wobei mir geht es dabei nicht so sehr um das nicht mehr nachdenken 'müssen' *g* und ich möchte mich auch überhaupt nicht vom denken ablenken lassen müssen.
ich denke sehr gerne nach. mir geht es allein um das 'sich nicht zuscheißen lassen (müssen ???)'

grüße
st  

05.10.01 21:35

95440 Postings, 7160 Tage Happy EndDie Medien haben auch ihren Verbalterrorismus ;-) o.T.

08.10.01 21:21

1132 Postings, 7528 Tage ExpropriateurDa isser schon! Oliver Stone.. Happy E hatte recht

Na, wäre doch auch ein Wunder, wenn wir diesen Krieg nicht richtig vermarktet kriegen würden...

Gruß
EXPRO


Montag, 8. Oktober 2001
Nach den Anschlägen
Stone plant Terror-Verfilmung  

"Ich würde gerne einen knallharten Film über Terrorismus machen", erklärte der US-Regisseur Oliver Stone auf einer Diskussionsveranstaltung des New York Film Festivals. Und zwar konkret über den 11. September: Da die Anschläge nun mal passiert seien, solle Hollywood sie nicht ignorieren, sondern sie in einem guten Film verarbeiten, sagte Stone.

Der Regisseur des Vietnam-Anti-Kriegsfilms "Platoon", des Börsen-Thrillers "Wall Street" und des Attentat-Dramas "JFK " hat keine Bedenken, reale Tatsachen auf die Leinwand zu bringen. Realität habe in seinen Filmen immer eine Rolle gespielt, argumentierte er. "Lasst uns einen Film über den Terrorismus machen und wenn die Charaktere echt wirken und wir die arabische Seite beschreiben, werden die Leute ins Kino kommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass alle Leute nur 'Zoolander' sehen wollen", sagte Stone.

"Zoolander" ist die neue Komödie von Hollywood-Star Ben Stiller über die Welt der männlichen Models.
 

08.10.01 21:35

441 Postings, 6913 Tage unknown777haette es keine informationen gegeben ....

dann haetten genauso viele nach pressefreiheit geschrieen, nach zensur und würden mit der medialen gesellschaft in konfrontation stehen ...

ich glaube, es ist schwierig bei so einem thema mit genügend objektivität zu arbeiten! trotzdem finde ich es gut, dass viele scenen gerade im fernsehen nicht gezeigt worden sind - webadministratoren hatten nicht soviel feingefühl ...

davon ab - hast dir viel mühe mit dem beitrag gegeben happy ...

gruesse  

28.10.01 01:41

95440 Postings, 7160 Tage Happy EndMal sehen, wie es weiter geht... o.T.

11.11.01 22:57
1

95440 Postings, 7160 Tage Happy EndZu viele Bilder...

...toter und leidender Kinder sind unzulässige Kriegspropaganda

Der Vorsitzende von CNN, Walter Isaacson, hält die mediale Ausrichtung auf Kriegsopferbilder für pervers

Selbst dem Gerechtesten wie etwa George W. Bush könnte der allergerechteste Krieg auf Dauer auf den Magen schlagen, wenn nur die gräulichen Bilder der Opfer gezeigt werden. Todesbilder verderben ? auch dem panikbereiten Fernsehabendvoyeuristen ? den Appetit auf einen Krieg, der doch so intelligent bis smart geworden ist, sogar aus der Satellitenperspektive immer öfter zwischen einem Hospital und einem Waffenlager zu unterscheiden.

Jetzt allerdings  sieht der Vorsitzende von CNN, Walter Isaacson, den gerechten Krieg in großer Gefahr, zum Opfer seiner Wirklichkeit zu werden. Es erscheint ihm "pervers", sich zu sehr auf die Unfälle (casualties) oder Leiden in Afghanistan einzulassen. Nicht weniger pervers scheint es zwar vordergründig, das zu behaupten. Aber der große Vorsitzende weiß doch längst, dass die Zu- und Einfälle von sendungsbewussten Bildredakteuren nicht darüber zu entscheiden haben, wie wirklich die Wirklichkeit ist. Das Sehen ist eine sittliche Tätigkeit, nicht weniger als das Senden. Und wenn die Sendeverhältnisse leider noch nicht ganz so politisch, moralisch und emotional korrekt sind, muss man ihnen eben zur richtigen Perspektive verhelfen.

Anderenfalls gerät der Defätismus der Bilder zum Dolchstoß für die Jungs an der Front. Zwar sind die Heldentaten nach simplem Kriegsverständnis kausal für die Opfer, aber schon in einer logischen Sekunde werden die gerechten Krieger aller couleur von ihren Taten exkulpiert. Da dürfen die Bilder nicht post mortem den Zweck entheiligen. Das Auge trübt sich in der Angst und in der Trauer (Denis Diderot). Folglich muss das Licht der Kriegsvernunft gerade jetzt strahlen, wo der afghanische Winter bevorsteht und nicht nur die Sieger Frostbeulen an Händen und Füssen erleiden, sondern der Knochensturm des Todes erst richtig bevor steht.

Für die Flüchtlingsströme, die verhungernden Kinder, das alltägliche Verrecken und Verratzen in Talibanesien sind selbstverständlich allein die Feinde der Freiheit verantwortlich. "Wir kommen in eine Zeit, in der es eine Menge mehr Reportagen und Videos aus dem von den Taliban kontrollierten Afghanistan gibt," erklärt Isaacson schockiert über den neuesten medialen Frontabschnitt. Den Menschen daheim an ihren Fernsehempfängern müsse klar gemacht werden, dass die Leiden der Zivilisten in dem Zusammenhang der Terrorattacken zu sehen sind, die die USA enorm haben leiden lassen.

Der Krieg ist das Paradox, das alle Paradoxe versöhnt. Eigenes Leid macht fremdes Leid erträglicher, zudem man Hunderttausende von Kollateralopfern nicht mit Tausenden Attentatsopfern verrechnen darf. Das verbietet die Achtung vor dem Leben. Zu viele Bilder toter oder leidender Kinder aus Afghanistan verzerren schlicht die Proportionen der Gerechtigkeit, die jetzt überreich auf Afghanistan niederprasselt. Anderenfalls lachen sich Taliban und Usama doch ins Fäustchen, wenn CNN weiterhin so dumm wäre, die Gräuelpropaganda der nacktesten Wirklichkeit ungefiltert in das Programm zu nehmen. Kollateralschäden beerdigen wir in der Statistik, da versucht der Tod vergeblich seiner Abstraktion davon zu laufen. Die Ikonografie der Verlogenheit obliegt dagegen den Taliban und den Pseudoobjektiven von Al-Jazerra.

Das war im Kosovo noch anders. Die Nato hatte damals größtes Interesse an der bellizistisch korrekten Dauerwahrnehmung der Vertriebenen und Flüchtlinge. Die westliche Öffentlichkeit sollte sich nicht satt sehen an den aufwühlenden Bildern der Verdammten dieser Erde. Jetzt dagegen sollen die Bilder des Schreckens, wenn sie denn überhaupt noch den Schneidetisch von CNN überleben, untertitelt und kontextualisert werden. Vielleicht so: "Die US-Airforce wurde von den Taliban und Al-Qaida gezwungen, diese Streubomben zu zünden." Im Grunde sind die Zivilopfer ohnehin selbst mitverantwortlich, weil sie doch gar nicht getroffen werden sollten. Haben doch die amerikanischen Aufklärungssendungen der afghanischen Zivilbevölkerung ausdrücklich mitgeteilt, sich nicht in der Nähe von kriegswichtigen Zielen zu bewegen, wenn ihre Freunde aus Amerika gerade in der Nähe sind. Wer nicht hören oder lesen kann, muss fühlen.

Wenn der Krieg tatsächlich als immer währender Feldzug weiter gedreht wird, wird CNN also die Bilder der ausgleichenden Gerechtigkeit demnächst so ausstrahlen, dass uns dahinter das gesichtslose Leiden von Millionen Menschen nur zu verständlich wird. Wie wäre es überdies mit dem Bild eines glücklichen Afghanen, der trotz todesnaher Mattigkeit seine Hände zum Himmel streckt und Amerika dankt, weil er noch eine Portion des - selbst für Ungläubige vom Himmel regnenden - amerikanischen Mannas zwischen den Streubomben auffängt?

"Ich will sicher stellen, dass wir nicht als Propagandaplattform benutzt werden" erklärt Isaacson. Das übernimmt er schon lieber selbst, aber die Zeiten der exklusiven CNN-Hofberichterstattung sind dahin. Vielleicht findet Isaacson seine Ruhe aber selbst dann, wenn sich die unverantwortlichen Zulieferer des Bilderschreckens seiner Durchhalteaktion "Saubere Mattscheibe" nicht anschließen sollten.

In den kürzer werdenden Halbwertszeiten unserer Aufmerksamkeit sollte doch selbst der ärgste Foto-Schock entschärft werden. Der Westen ist schließlich auch gegenüber den Sterbebildern von Millionen afrikanischer Kinder standhaft geblieben, obwohl das nicht immer leicht war. So wie das WTC-Massaker seinen Novitätenwert jetzt bedauerlicherweise an die Bildwirkungen der amerikanischen Flächenbombardements abtritt, gelingt es uns vielleicht auch gegenüber dem Flüchtlingselend emotional zu überwintern. Der Tod ist der Geburtshelfer der Gerechtigkeit, die Bilder aber die Zangen, um diese paradoxe Kopfgeburt ins Diesseits zu befördern.
 

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