Saddams größter Todeskeller

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eröffnet am: 16.04.03 10:55 von: calexa Anzahl Beiträge: 1
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4691 Postings, 6824 Tage calexaSaddams größter Todeskeller

Mittwoch war der Tag zum Töten, am Donnerstag bestachen die Verwandten die Wächter, um die Leichen ihrer Angehörigen abholen und begraben zu können. Wie die Gefangenen hingerichtet wurden, hing vom Befehl aus Bagdad ab.

Wer Mitleid verdiente, bekam eine Kugel in den Hinterkopf. Den Strick hielt man für die bereit, die möglichst lange leiden sollten. Abu Ghraib ist das größte Gefängnis im arabischen Raum. Und es ist zum Symbol der Repression im Reich Saddam Husseins geworden. In dem Zuchthaus etwa 30 Kilometer westlich von Bagdad wurden rund 75.000 Gefangene festgehalten und Zehntausende umgebracht. Nach dem Sturz des Regimes kommen nun einige Geheimnisse der Terrormaschinerie ans Licht, die von der Zentrale der Geheimpolizei Muchabarat in Bagdad gesteuert wurde.

Der Gefängniskomplex ist von einer vier Meter hohen Außenmauer umgeben und in vier Lager aufgeteilt. Dutzende Wachtürme und Stacheldraht sicherten die schäbigen Zellentrakte. "Tausende sind hier getötet worden", sagt Naji al-Zaobai, der zwar heftig bestreitet, als Wächter im Gefängnis gearbeitet zu haben, doch erstaunlich gut die Prozeduren der Hinrichtungskammer kennt. Eine Rampe führt zu einer Plattform, in die zwei Falltüren eingelassen sind. Von der Decke hängen zwei Stricke, auch die Falltürhebel funktionieren noch. "Manchmal mussten die Wächter die Gefangenen mit dem Bein nach unten drücken, damit sie schneller ersticken", sagt al-Zaobai.


Namen im Putz

In einer Zelle neben dem Schafott wurden einige Namen in den Putz eingeritzt - von Männern, die auf ihre Hinrichtung warteten. Der letzte, Okil Rashid, ging am 15. März 2002 in den Tod. Wahrscheinlich wird nie geklärt werden, wie viele Menschen durch diese Falltüren gestürzt sind. Die Dokumente wurden entweder vom Geheimdienst versteckt oder sind durch die Plünderer nach der Öffnung des Gefängnisses am vergangenen Freitag in Brand gesteckt worden. Nach Angaben eines Exoffiziers des Staatssicherheitsdienstes könnte die Zahl der Opfer seit dem Gefängnisbau 1963 an die Hunderttausend heranreichen.

Abu Ghraib war kein normales Gefängnis. Hier saßen neben Tausenden von Kriminellen auch die meisten politischen Gefangenen des Landes, unter ihnen viele Schiiten aus den Städten Südiraks und dem Bagdader Slum Saddam City. Meist warf man ihnen Verschwörung gegen den irakischen Staat vor, was oft mit dem Tod geahndet wurde.

Die Zellen der zum Tode verurteilten sind etwa zwei mal anderthalb Meter groß. "Manchmal saßen bis zu drei Leute darin, bis der Henker seinen Rückstand aufgeholt hatte", erzählt Jomah Mriar, der zugibt, im Gefängnis gearbeitet zu haben. "Es gab verschiedene Sektoren, die Ausländer wurden getrennt von den Irakern gehalten." Er habe gesehen, wie die Wärter die Gefangenen schlugen. Mriar ließ sich bestechen, wenn jemand Lebensmittel und Zigaretten haben wollte.


Saddam im Gefängnis

Von den Wänden der Gefängnisgänge schaut mich immer wieder Saddam Hussein an. Er wird in allen möglichen Kleidern und Variationen dargestellt, als Einiger der arabischen Welt und als Kreuzritter gegen den Zionismus. "Ein Mann, der Israel zum Weinen bringt", lautet eine Parole.

Die letzten Insassen von Abu Ghraib waren zwei Mitarbeiter der französischen Organisation Ärzte ohne Grenzen, die fast zehn Tage in dem Gefängnis verbringen mussten. Sie sind am Freitag gemeinsam mit etwa 200 anderen Gefangenen von US-Truppen befreit worden. In der Freude darüber ließen viele Häftlinge ihre spärlichen Besitztümer in den Zellen zurück, meist nur ein paar T-Shirts und Pullover.


35 Jahre Diktatur

Immer wieder kommen hier Menschen an, die nach vermissten Verwandten suchen. "Vor einigen Tagen haben US-Soldaten im Muchabarat-Komplex einen Häftling befreit, der dort seit 1969 gesessen hatte", erzählt Jassem Hamid Abud. Er betet nun, dass auch sein 1994 verschwundener Bruder noch lebt. "Mein Bruder gehörte der Al-Daama-Partei an und war gegen Saddam Hussein", erzählt Jassem. "In den 35 Jahren der Diktatur gab es in Irak Zehntausende solcher Fälle. Saddam ist ein Hurensohn, ich wünsche ihm den Tod."

Verschwunden ist auch Luftstreitkräfte-General Ali Hassan Habib. "Sie holten ihn am ersten Tag des Kriegs", erzählt sein Schwager. "Seine einzige Schuld war, dass er dreimal von Uno-Inspektoren befragt worden war." Niemand kann Auskunft geben, ob der General hier tatsächlich eingeliefert wurde. Noch nach Kriegsbeginn wurden einige Menschen hingerichtet. Neun verweste Leichen, die Gesichter von Hunden zerfressen, wurden erst am Dienstag in einen Schützengraben gestoßen und mit Erde bedeckt.

Auch Kareem Jelih Hashims Brüder wurden hingerichtet, weil sie sich über Saddam Hussein lustig gemacht hatten. Nun sucht er nach ihrem Henker. "Ich werden ihn umbringen", sagt er.

So long,
Calexa
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