Reichtum, Armut und echte Idioten

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eröffnet am: 13.09.05 20:06 von: moya Anzahl Beiträge: 1
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931542 Postings, 6143 Tage moyaReichtum, Armut und echte Idioten

Reichtum, Armut und echte Idioten

von Bill Bonner

Politiker und Bürokraten werden zu Unrecht für das Debakel in New Orleans verantwortlich gemacht.

"Wenn die Regierung versagt", lautet auch die Schlagzeile über dem letzten Beitrag des Economist zu diesem Thema. Das Versagen der Regierung war so groß, steht dort, dass es zu einer "Schande für Amerika" wurde.

Die französischen Bürger glaubten, ihre Regierung würde eine eigene Rettungsaktion starten - die amerikanischen Bürger mit Helikoptern in die Luft heben, so wie man Franzosen während vergangener Aufstände und Bürgerkriege in Afrika gerettet hat.

Britische Zeitungen sind entsetzt. Sie hatten angenommen, Amerika sei ein zivilisiertes Land.

Kuba hat Katastrophenhilfe angeboten. Ebenso der Iran und Honduras, das ärmste Land in Lateinamerika.

Der Vorsitzende der FEMA - von Bush ins Amt gesetzt - wurde von Maureen Dowd, die wissen sollte, wovon sie spricht, als "sagenhafter Idiot" bezeichnet. Der Economist meint, - und beruft sich dabei auf Bushunterstützer - dass der Bürgermeister von New Orleans, "besser geeignet ist, die Regierung zu beschimpfen, als den vorbereiteten Notfallplan durchzuführen." Und natürlich, Bush selbst wurde als desinteressiert, unkompetent, unbetroffen und dumm dargestellt. Die Debatte kreist nur noch darum, welche der Verantwortlichen - des Bundes, des Staates oder der Region - sich als am inkompetentesten herausgestellt haben.

Und hier eile ich - obwohl das sonst nicht meinem Charakter entspricht
- hinzu, um die öffentlichen Vertreter zu verteidigen, so wie ich sonst nur eilen würde, um einem Betrunkenen dabei zu helfen, seine Autoschlüssel zu finden.

Ich beginne meine Verteidigung mit einer langen Liste der Zugeständnisse. Ich stelle die grundlegenden Tatsachen nicht in Frage.
Ja, alle Genannten - und auch viele der nicht Genannten - sind Hohlschädel. Ich würde keinem von ihnen zutrauen, nur meine Badewanne auszuleeren, ganz zu schweigen von einer Stadt, die unter Wasser steht.

Ich gebe auch zu, dass sie daraus eine bessere Show hätten machen können.

Simon Winchester vergleicht im International Herald Tribune die Reaktionen der Politiker von heute mit denen von vor hundert Jahren.

Am 18. April 1906 befanden sich in San Franzisko 400.000 Menschen - darunter auch der berühmteste Opernstar der Welt - Enrico Caruso - und einer der größten Schauspieler - John Barrymore. Um 5:12 Uhr in der Frühe schlug das Erdbeben zu. Gebäude stürzten ein. Gasleitungen brachen. Stromleitungen rissen. In wenigen Augenblicken war die Stadt nicht nur in Trümmern ... sie stand auch in Flammen.

Aber es brauchte auch nur wenige Augenblicke, um die Nation und die Menschen in San Franzisko auf Trab zu bringen. Nur 153 Minuten nach Ausbruch des Erdbebens waren die ersten Soldaten in der Stadt, die Bajonette an Ort und Stelle meldeten sie sich beim Bürgermeister zum Dienst.

"Der Bürgermeister, der bis dahin nur eine Marionette in den Händen der politischen Maschinerie der Stadt gewesen war, befahl, alle Plünderer zu erschießen, verlangte militärische Pioniere und Dynamitexperten, um die Feuerherde zu beseitigen und beschlagnahmte Boote des Telegraphenbüros, um die Meldung über die Kabel zu bringen:
'San Franzisko in Schutt und Asche ... unsere Stadt braucht Hilfe.'"

"Amerika las die Telegramme und ließ alles stehen und liegen ..."

"Um vier Uhr früh am 19. April forderte William Taft, Kriegsminister und Theodor Roosevelt, Rettungszüge an, die sich auf den Weg in Richtung der Rockies machten. Einer davon, aus Virginia, war der längste Hospitalzug, der je zusammengestellt wurde.

"Millionen von Tagesrationen wurden von den Städten Oregon und Dakota aus in die Stadt gebracht. Innerhalb einer Woche war praktisch jedes Militärzelt der Armee in San Franzisko aufgestellt. Und innerhalb von drei Wochen waren 10 Prozent der amerikanischen Armee damit beschäftigt, der Polizei und der Feuerwehr zu helfen."

Dieser Vergleich ist verflucht, das gebe ich zu. Die Rettungsaktion in New Orleans hätte von den letzten Dummköpfen durchgeführt werden können, und sie wäre glatter verlaufen.

Dennoch, "ohne Theorie schweigen die Tatsachen", pflegte Friedrich Hayek zu sagen. Und die Theorie, dass die Moes, Larrys und Curlys in den öffentlichen Büros für das Debakel am Bayou verantwortlich wären, führt in die Irre.

An dieser Stelle rufe ich meinen Lieblingszeugen, Thomas L. Friedman in den Zeugenstand. Nicht weil er meinen Fall weiterbrächte, sondern eher, weil ich mich über ihn lustig machen will.

Ich kann mich immer darauf verlassen, dass er eine absurde Meinung zu einem Thema hat. Er enttäuscht mich nie. In der heutigen Kolumne macht Friedman meinen Freund Grover Norquist für die ganze Katastrophe verantwortlich. Grover sagt gerne, dass auf der konservativen Tagesordnung stehen sollte, dass man die Regierung auf ein Maß reduziert, dass es möglich macht, sie bequem in der Badewanne zu ertränken." Hmmpf und Ah ha! sagt Friedman, als hätte er die Tatwaffe gefunden, mitsamt Fingerabdrücken. Jetzt erkennen wir die Konsequenzen aus Bushs konservativer Philosophie: Die große Regierung war nicht da, um den Menschen zu helfen, als sie dringend Hilfe brauchten. Typisch für Friedman hat er genau das Thema gefunden, das die Massen am meisten betrifft.

Das Versagen, klagen die Kolumnisten und die ausländischen Regierungen, zeigt sich nicht nur daran, dass die offiziellen Stellen ihren Job so schlecht gemacht haben, natürlich haben sie den Job schlecht gemacht. Die Kritik geht jedoch noch weiter. Es ist nicht nur, dass Amerika es nicht schafft, die arme Bevölkerung zu beschützen, Amerika schafft es auch nicht, diese Leute aus der Armut zu befreien, so dass sie sich selber schützen könnten.

Auch hier stimme ich den Kernpunkten zu. Tatsächlich habe ich dieses Argument oft selber auf den Tisch gebracht. Die Stundenlöhne haben sich seit 1971 nicht mehr bewegt. Der Durchschnittsbürger verdient heute in der Stunde weniger, als zur Zeit der Nixonregierung. Die Zahl der Menschen, die offiziell in Armut leben, ist gestiegen.

Es ist auch wahr, dass die amerikanische Gesellschaft zwischen dem Erdbeben in San Franzisko und der Flut in New Orleans erstarrt ist.
Heute gibt es Sub-Gesellschaften der Armen, der Aussichtslosen, der fast hilflosen Menschen in den Städten im ganzen Land. Heute ist es für diese Menschen schwerer, eine Klasse aufzusteigen, als es früher war. Laut einer Studie, die erst vor kurzem veröffentlicht wurde, haben Amerika und Großbritannien die sozial starrsten Ökonomien in der entwickelten Welt.

Wenn man in die Häuser dieser armen Menschen geht, dann findet man kein anständiges Besteck und keine Teller um den Abendbrottisch zu decken, und auch keine Bücher, in denen die Worte Aristoteles unterstrichen sind. Man findet dort Leben, die in Unordnung sind und einen Lebensstil, der eher dem in Kinshasa oder in Port au Prince gleicht, als dem in den Vororten von Cincinnati. Die Sterblichkeitsrate der Babys ist dort wesentlich höher als für andere amerikanische Kinder; es ist wahrscheinlicher, dass die jungen Männer den gewaltsamen Tod finden als in anderen Gesellschaftsschichten (statistisch ist es für einen jungen schwarzen Mann sicherer, Dienst im Irak zu tun, als in Washington zu leben) und die alten Leute sind hier öfter auf öffentliche Hilfe angewiesen.

Das ist alles wahr.

Es ist auch wahr, dass die Politiker und Bürokraten nicht nur daran gescheitert sind, etwas gegen diese Situation zu tun, sie haben sie sogar noch schlimmer gemacht, indem sie die Steuerkürzungen auf die Reichen konzentrierten, indem sie versagten, als es darum ging, eine angemessen Gesundheitsversorgung und Bildungssystem zu etablieren und so weiter. Ich stimme in diesem Punkt nicht nur zu, ich schmücke ihn auch noch aus, indem ich hinzufüge, dass sogar die Bemühungen, die Armut zu bekämpfen, dieselbe noch verstärkt haben.

Friedman, Brooks und andere beharren darauf, dass etwas passieren muss. Und an dieser Stelle trennen sich unsere Wege und ich beziehe Stellung gegen sie. Was meinen sie, sollte getan werden. Mehr von dem, was im letzten halben Jahr getan wurde? Wer soll es tun? Die gleichen Inkompetenten, denen es auch nicht gelungen ist, die Qual in New Orleans zu mindern und denen es nicht gelungen ist, die Armen aus der Armut zu bringen - die Bundes-, Staats oder Gemeindevertreter?

Die Regierung muss mehr tun, sagen sie. Oder, wie James Galbraith sagt, die Regierung muss "groß, fordernd, ehrgeizig und teuer sein."

Und da muss ich widersprechen.

Alle Regierungen der Vereinigten Staaten - von Beginn der imperialen Phase unter der Herrschaft Theodor Roosevelts bis hin zu George W.
Bush - waren groß, fordernd, ehrgeizig und teuer ... einige mehr als andere, sicher. Die Bundesregierung ist mit fast jedem Jahr größer und ehrgeiziger geworden. Tatsächlich ist sie unter dem 'konservativen'
George W. Bush schneller gewachsen als unter dem 'liberalen' William J. Clinton.

Es ist nicht so, dass die lokalen Vertreter 2005 besonders inkompetent oder korrupt wären; Funktionäre sind immer inkompetent und korrupt gewesen, besonders in Louisiana, wo die Wähler das schätzen.

Die amerikanische Gesellschaft ist auch nicht außergewöhnlich böse oder vernachlässigend, wie die europäische Presse behauptet. Die Amerikanische Regierung hat den Krieg gegen die Armut schon vor 40 Jahren verkündet. Aber man hat ganz einfach auf ganzer Linie verloren.
Wenn es in New Orleans so viele arme Menschen gibt, dann ist das nicht nur darauf zurückzuführen, dass es an Ausgaben oder Bemühungen gefehlt hätte. Es ist auch, weil es eine Menge Leute gibt, denen es gefällt arm zu sein; es ist leichter und angenehmer, als ein diszipliniertes Arbeitsleben zu führen.

Mit anderen Worten: Es war nicht das Fehlen einer großen, teueren und ehrgeizigen Regierung, das New Orleans versinken ließ. Die Regierung ist wesentlich größer und teurer unter dem zweiten Bush, als sie es unter dem ersten Roosevelt war. Dennoch hat die Regierung auf vorbildliche Weise auf das Erdbeben in San Franzisko reagiert und völlig unangemessen auf die Flut in New Orleans.

Nein, liebe Leser, es ist nicht richtig, die Politiker und Bürokraten zu beschuldigen. Aber dem Herrn sei Dank, dass dort nicht noch mehr von ihnen waren.

Gruß Moya

 

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