Peter Glotz ist tot

Seite 1 von 2
neuester Beitrag: 02.10.05 17:16
eröffnet am: 26.08.05 12:32 von: Scontovaluta Anzahl Beiträge: 32
neuester Beitrag: 02.10.05 17:16 von: AbsoluterNe. Leser gesamt: 1397
davon Heute: 1
bewertet mit 1 Stern

Seite: 1 | 2  

26.08.05 12:32
1

29689 Postings, 5636 Tage ScontovalutaPeter Glotz ist tot

starb 66 jährig in einem Züricher Krankenhaus.  
Seite: 1 | 2  
6 Postings ausgeblendet.

26.08.05 13:16

172 Postings, 6255 Tage LOBOWOLFEiner der...

ganz großen SPD-Politiker !!!
>Querdenker
Sehr, sehr schade, dass er so früh gehen musste.

Lobowolf  

26.08.05 13:32

15284 Postings, 5647 Tage quantasPeter Glotz seine letzte Wirkungsstätte


                
Organisation     Mitarbeiter     Prof. Dr. emeritus Peter Glotz
    
Institut für Medien und Kommunikationsmanagement
University of St. Gallen Blumenbergplatz 9
CH-9000 St. Gallen
Telefon +41 (0) 71 224 2297
Fax +41 (0) 71 224 2771
  
Name Prof. Dr. emeritus Peter Glotz
Funktion 02 - Directors
Email Peter.Glotz@unisg.ch  
Telefon +41 71 224 36 04 
 
Curriculum Vitae

March 6, 1939
Born in Eger

Attended High School Bayreuth and Hannover
Studies in Journalism, Philosophy, German Literature, and Sociology in Munich and Vienna

1960 - 1962
Assistant Sales Representative for Allgemeine Haft- und Kraftfahrzeugschäden

1964
Master of Arts, University of Munich

1964 - 1970
Research Assistant at the Institute for Journalism of the University of Munich

1968
Ph.D. in Philosophy (Dr. phil.), University of Munich

1970 - 1972
Manager of the Society for Communications Research, Munich
Member of the Bavarian Landtag

1972 - 1977 and 1983 - 1996
Member of the German Bundestag

1974 - 1977
Parliamentarian Secretary of the Federal Minister of Education and Research

1977 - 1981
Senator for Science and Research, Berlin (West)

1981 - 1987
Federal Manager of the Social Democratic Party (SPD)

1987
First Seat of a C 4 List, Culture and Media Management, Liberal University of Berlin aequo et unico loco

1991
Allis-Chalmers Distinguished Chair in International Affairs, Marquette University, Milwaukee, Wisconsin, USA

1993
Appointed Professor for Media Ecology and Communication Culture at Ludwig-Maximilians-University, Munich

1995
Educational and Research Political Speaker of the Social Democratic Party (SPD)

1996
Retirement of all political offices

Nov 1996 - 1999
Director of the University of Erfurt, Germany, and Professor for Communication Sciences

2000 -2003
Appointed to Professor for Media and Society at the mcm institute for Media and Communications Management of the University of St. Gallen

Feb - Nov 2002 Representative of the German Chancellor to the European Union's Convention

2003 Retirement but still reachable through the secretary of the =mcminstitute (call +4171 224 2297).


Recent books by Prof. Dr. Peter Glotz:

Peter Glotz
Die Vertreibung - Böhmen als Lehrstück
Ullstein 2003 (Sept.)

Peter Glotz, Sabine Seufert
Corporate University: Wie Unternehmen ihre Mitarbeiter mit e-Learning erfolgreich weiterbilden
Huber 2002

Peter Glotz
Ron Sommer: Der Weg der Telekom
Hoffmann und Campe 2001 (Okt.)

Peter Glotz
Von Analog nach Digital: Unsere Gesellschaft auf dem Weg zur digitalen Kultur
Huber 2000

Klaus Beck, Peter Glotz, Gregor Vogelsang
Die Zukunft des Internet: Internationale Delphi-Befragung zur Entwicklung der Online-Kommunikation
UVK Medien, 2000

Peter Glotz
Die beschleunigte Gesellschaft: Kulturkämpfe im digitalen Kapitalismus
Kindler, 1999

Peter Glotz
Ferenczy: die Erfindung des Medienmanagements
Bertelsmann, 1998

Peter Glotz
Die Benachrichtigung der Deutschen: aktuelle Fernsehberichterstattung zwischen Quoten- und Zeitzwang
IMK, 1998

Er war klar in seiner Aussprache. Trocken und pointiert, es war eine Freude ihm zuzuhören. Er kam öfters am Schweizer Fernsehen in der Sendung Arena, die jeweils am späten Freitag ausgestrahlt wird. Schade ein Sozialdemokrat mit Horizont und Weitblick. Ein Grosser ist zu früh gegangen.

quantas

Der Link

http://www.mcm.unisg.ch/org/mcm/web.nsf/...50704863B1C1256ECB0049C839

 

 

 

26.08.05 13:33

29689 Postings, 5636 Tage ScontovalutaTrauer

Peter Glotz ist tot

© Karlheinz Schindler/DPA

Der frühere SPD-Politiker Peter Glotz verstarb im Alter von 66 Jahren

Der Medienwissenschaftler und frühere SPD-Politiker Peter Glotz ist nach kurzer, schwerer Krankheit in der Schweiz gestorben.

Ein Sprecher der bayerischen SPD bestätigte in München, dass der 66-Jährige am Donnerstag nach kurzer schwerer Krankheit in einem Züricher Krankenhaus gestorben ist. Seine zweite Frau Felicitas Walch, mit der Glotz seit 1991 verheiratet war und einen siebenjährigen Sohn hat, sei bei ihm gewesen. Glotz war zuletzt am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen tätig.


Der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering hat die Verdienste des am Donnerstag gestorbenen Peter Glotz für die deutsche Sozialdemokratie gewürdigt. "Sein kritischer Geist und seine wache Aufmerksamkeit seiner Partei gegenüber werden uns sehr fehlen", sagte Müntefering. Das Lebenswerk des früheren SPD- Bundesgeschäftsführers - 44 Jahre lang Sozialdemokrat - sei "beeindruckend" gewesen. Müntefering: "Er verband politische Leidenschaft mit Intellektualität. Er hat Wissenschaft in politische und gesellschaftliche Praxis übersetzt und umgekehrt. Er blieb dabei Politiker und verharrte nicht in der 'reinen Lehre'."

Urgestein und Vordenker
Der Sozialdemokrat Peter Glotz galt in seiner Partei als Urgestein und Vordenker. Der Medienexperte saß insgesamt 20 Jahre im Bundestag und war sechs Jahre lang Bundesgeschäftsführer (1981-1987) der SPD. Der Sohn eines Versicherungsangestellten trat 1961 in die Partei ein, deren Mitglied er bis zu einem überraschenden Tod auch blieb. Der "Funktionär aus Überzeugung" und "Aufklärer aus Passion" ("Zeit") studierte in München Zeitungswissenschaften, Philosophie, Germanistik und Soziologie und promovierte 1968. 1980 war Glotz auf Empfehlung des damaligen Parteivorsitzenden Willy Brandt Bundesgeschäftsführer geworden und hatte seine Partei zu einer programmatischen Erneuerung aufgerufen. Als brillanter Analytiker und Theoretiker genoss Glotz in der SPD breites Ansehen. 1987, als auch Brandt den Parteivorsitz aufgab, zog sich Glotz vom Amt des Bundesgeschäftsführers zurück. Er sei ein Mann Brandts gewesen und werde es bleiben, sagte er.

1993/94 gehörte Glotz dem Wahlkampfteam um Rudolf Scharping (SPD) an und war für die Bereiche Forschung, Bildung und Kultur in dessen Schattenkabinett zuständig. Mitte Juni 1996 kündigte Glotz sein Ausscheiden aus der aktiven Politik an. Im selben Jahr übernahm er als Gründigungsdirektor der Universität Erfurt den Wiederaufbau der 1379 gegründeten Hochschule. 1999 verließ er die thüringische Hauptstadt und folgte einem Ruf als Ständiger Gastprofessor an die Universität St. Gallen. Seit 2004 war er für die Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen aktiv.  
Reuters/DPA
 

26.08.05 13:45

112127 Postings, 6231 Tage denkideeEine Briefmarke für Peter Glotz

Den Wahlsieg seiner Partei durfte er leider nicht mehr erleben.  

26.08.05 15:54

3263 Postings, 7761 Tage DixieDer Denker

Zum Tod von Peter Glotz

Der Denker

Von Claus Christian Malzahn

Mit Peter Glotz ist ein intellektueller Generalist gestorben, der seiner Partei nie besonders nahe stand. Doch die SPD bräuchte seinen unbequemen, manchmal anstrengenden Rat heute dringender denn je.



DPA
Peter Glotz: Der SPD-Intellektuelle vom Dienst
Berlin - Wenn man ihm gegenübersaß, empfand man großen Respekt - und ein bisschen Mitleid. Respekt, weil er im Kopf immer schon drei Schritte weiter war, als man selbst - und Mitleid, weil dieser Mann dachte und dachte und dachte und offenbar und unter keinen Umständen damit aufhören wollte, auch nachts nicht. Peter Glotz war ein Marathon-Mann. Er publizierte schnell und redete noch schneller. Er brachte es fertig, in drei Talkshows gleichzeitig über die Abendprogramme zu laufen.

Sein stets sprudelnder Fluss an Gedanken und Ideen führte bisweilen in die Irre, aber nie ins Mittelmaß. Selbst seine Fehler waren allemal interessanter als die Gewissheiten jener mediokren Rechthaber, die ihn innerhalb und außerhalb seiner Partei immer wieder umstellten.

Nun wird ihn seine Partei offiziell beweinen, fehlen wird er den Sozis kaum. Leider. Mit der SPD hatte Glotz zuletzt nicht mehr allzu viel zu schaffen, vor allem die Bundesregierung nahm dem in Böhmen zur Welt gekommenen Kriegsflüchtling seinen Einsatz für das Zentrum gegen Vertreibungen übel. Das Thema ist vor allem dem Kanzler nie recht gewesen. Wenn Schröder davon sprach, dass da "die falschen Leute das falsche Thema zur falschen Zeit" anpacken würden, richtete sich das auch gegen Glotz persönlich.


SPD: PETER GLOTZ - DER DENKER
 

Klicken Sie auf ein Bild, um die Fotostrecke zu starten (5 Bilder).



Diese Attacken waren unwürdig und unglaubwürdig. Glotz' Haltung in der Frage der Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg war von revanchistischer Jammerei ebenso weit entfernt wie von politisch korrekter Schönfärberei. Und natürlich hat Glotz 2003 eines der besten Bücher zum Thema geschrieben: "Die Vertreibung. Böhmen als Lehrstück". Bevor er eine These vortrug, recherchierte er sorgfältig - dass es in der Politik oft andersherum zuging, daran verzweifelte er manchmal.

Dabei war Glotz der erste Generalsekretär der SPD, der diesen Titel verdient hätte. Er war Generalist auf ganzer Linie. Fachidioten konnte er nicht leiden. Von 1980 bis 1987 führte er die Partei an der Seite Willy Brandts als Bundesgeschäftsführer. Wo andere sich um Plakatwände und Info-Tische kümmerten, befasste sich Glotz mit politischer Theorie. Brandt hatte mit diesem intellektuellen Großdenker kein Problem, manch andere Sozialdemokraten, die nicht mit Brandts souveränem Ego ausgestattet waren, fürchteten diesen scharfen Analysten aus Bayern.

Mythos und Politik

Stallgeruch besaß er nie. Während seine Partei sich darüber stritt, ob man in der Bundesrepublik US-Atomraketen stationieren sollte oder nicht, schrieb Glotz ein schmales Buch über "Mythos und Politik". Darin befragte er "die magischen Gesten der Rechten". Bevor er den damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan kritisierte - was er kräftig tat - wollte Glotz begreifen, was dran war an diesem US-Präsidenten - und warum der amerikanische Konservative Erfolg hatte und die deutsche Linke nicht.

Glotz verschwand 1987 mit Willy Brandt von der Bonner Bühne - gegen den großen Vorsitzenden war in der Bonner" Baracke" geputscht worden, weil Brandt eine Intellektuelle ohne Parteigeschichte zur SPD-Sprecherin machen wollte. Das verkraftete die Partei der kleinen Leute nicht mehr. Brandts Enkel waren froh, dass der Denker sich aus dem Staub machte, immerhin weinte die linke "taz" damals in einem Kommentar "eine Träne für Peter Glotz". Der versuchte sein Glück anschließend in der bayerischen Landespolitik - nicht sehr erfolgreich übrigens. Bierzeltpolitik konnte er nie.

Glotz blieb auch nach eigenem Bekunden "ein Mann Willy Brandts". Doch mit den neuen Zeiten nach dem Mauerfall, die der Ehrenvorsitzende begrüßt hatte, haderte Glotz wie so mancher Linksliberaler. Die Idee des "demokratischen Sozialismus" war für Glotz mit dem Untergang des Sowjetimperiums lange noch nicht erledigt. Geradezu störrisch stemmte er sich gegen die irritierenden, widersprüchlichen Entwicklungen dieses neuen Jahrzehnts.

Moderne Zeiten und Anti-Bellizismus

Vor allem die Entwicklung auf dem Balkan trieb ihn um. Glotz wandte sich gegen die Anerkennung Kroatiens und Sloweniens, hielt auch später nichts von militärischen Interventionen, als der Serbe Slobodan Milosevic die blutigen Gespenster des 20. Jahrhunderts noch einmal über den Balkan trieb. Damit unterschied er sich von vielen anderen Intellektuellen gleicher Schule, die damals zum Bellizismus keine Alternative mehr sahen. Glotz nannte die militärische Abwehr der Mordmaschine des Balkans hämisch "peaceful bombing" - und lachte jäh auf, wenn er darüber sprach.

Doch Glotz argumentierte auch hier nie als ahnungsloser Friedensfreund, sondern immer als überzeugter Anti-Nationalist. Nationalismus, gleich welcher Art, war ihm zuwider. Vor allem die Angriffe der polnischen Rechten auf das Zentrum gegen Vertreibungen reizten ihn zum Widerstand und bestärkten ihn in der Sache, die er schlicht für gerecht hielt.

Peter Glotz stirbt wenige Wochen vor der Bundestagswahl, zu einem Zeitpunkt, in der es der Partei nicht gut geht. Damit sind nicht die Umfragewerte gemeint. Die lange Phase der Opposition von 1982 bis 1998 im Bund hat er weitgehend noch als aktiver Politiker erlebt, er wusste, dass es erst rauf und dann wieder runter gehen kann. Sein viel zu früher Tod erspart ihm immerhin den Anblick der SPD vom 19. September, wenn unter Umständen Leute wie Sigmar Gabriel, Andrea Nahles und Klaus Wowereit in die erste Reihe der deutschen Sozialdemokratie aufrücken werden. Gerade dann aber hätte die SPD seinen Rat und seine Voraussicht dringend gebraucht. Ob die Partei beides gewollt hätte, ist eine ganz andere Frage.
 

26.08.05 17:37

29689 Postings, 5636 Tage ScontovalutaEr starb an Lungenkrebs

hat der BR gerade im Radio gemeldet.  

26.08.05 17:40

12570 Postings, 6130 Tage EichiGlotz hat ausgeglotzt

Mit 66 Jahren fängt laut Udo Jürgens das Leben erst an.

Beim nervigen, keuchenden und herumfuchtelnden Ober-Sozi war's zu Ende. Alles Gute im Jenseits!  

26.08.05 17:49

36709 Postings, 6214 Tage TaliskerFür so manchen ist Pietät

ein Fremdwort. Da hilft auch Erleuchtung nix :-(  

26.08.05 17:49

900 Postings, 6561 Tage frigen@eichi

ein wenig mehr taktgefühl wäre wohl angebracht..
ich war auch kein grosser fan von ihm,
aber er war wie ich finde ein sehr interresanter mensch...  

26.08.05 17:51

12570 Postings, 6130 Tage EichiEr hat mich schon beim Zusehen aufgeregt.

Mein Beileid!  

26.08.05 18:38
1

13475 Postings, 7748 Tage SchwarzerLordEiner der brilliantesten Köpfe der SPD

Ein eher einsamer Mann innerhalb der ehemaligen Arbeiterpartei. Ein großer Verlust, dann an solchen Quer- und Vordenkern mangelt es in der SPD erheblich!

--------------------------------------------------

Die Wahrheit vor der Wahl ? "das hätten Sie wohl gerne gehabt.?
(Sigmar Gabriel auf die Frage, warum er seinen Vorstoß für Steuererhöhungen nicht vor der Wahl präsentiert habe, Ostthüringer Zeitung, 28.9.02)

 

26.08.05 20:17

129861 Postings, 6153 Tage kiiwiiIst das nicht etwas arg pietätlos ??

(...von der FTD....und vom STERN?)


Ausgerechnet an dem Tag, an dem der Tod von Peter Glotz gemeldet wird ??


FTD:

Fernsehsender boykottieren Werbespot des "Stern"

"Glotze aus!" befiehlt der aktuelle Titel des Hamburger Magazins "Stern".
Wenig Gefallen an der Aufforderung finden die Fernsehsender - sie weigern sich, einen entsprechenden Werbespot zu senden.

"Glotze aus!": Der aktuelle Stern-Titel kommt bei Fernsehsendern nicht gut an


ariva.de

Der "Stern" bestätigte am Freitag einen Bericht der "Süddeutschen Zeitung" (SZ), nach dem sämtliche Sender, bei denen die Illustrierte Werbezeiten buchen wollte, die Ausstrahlung des Zwölf-Sekunden-Spots ablehnten.


Die Werbung sei der ARD und den Privatsendern RTL, Vox, ProSieben und Kabel 1 angeboten worden. Die Weigerung der Sender sei überraschend, heißt es beim Magazin aus dem Hause Gruner + Jahr. Der Verlag ist auch an der FTD beteiligt.


Werbevermarkter verzichten auf Einnahmen in fünfstelliger Höhe


Die Werbevermarkter der Sender lehnten den Spot ab, weil er ihren Geschäftsinteressen widerspreche, berichtet die "SZ". "Der Boykott ist umso bemerkenswerter, da normalerweise Liberalität auf dem Werbemarkt herrscht", sagte "Stern"-Sprecher Frank Plümer. Den Werbevermarktern entgingen Einnahmen in fünfstelliger Höhe. Wie viel die Produktion des Werbe-Spots gekostet hat, wollte der "Stern" nicht preisgeben.


Plümer gehe dennoch davon aus, dass sich die Ausgabe am Kiosk gut verkaufen werde. Schließlich habe das Magazin mit der Frage, warum das Fernsehen so langweilig geworden sei, einen Nerv getroffen, sagte der "Stern"-Sprecher. Für den Titel "Glotze aus!" sollte nur im Fernsehen geworben werden.


ftd.de, 15:09 Uhr



MfG
kiiwii
ariva.deWas hört man Neues von der SPD ?  

26.08.05 20:54

8378 Postings, 7632 Tage bauwiAuch ich sag leise servus und ade

zu einem der ehrlichsten und klügsten Politiker unseres Landes. Möge er in Frieden ruhen. Er lebt in unseren Visionen weiter, da er ein Mann mit echten Visionen war.
Die SPD steht jetzt ziemlich nackt da!

MfG bauwi  

26.08.05 23:59

29689 Postings, 5636 Tage ScontovalutaTraurig, so plötzlich,

für Aussenstehende.
 

27.08.05 08:33

15284 Postings, 5647 Tage quantasWir trauern um Peter Glotz


VON FRANK A. MEYER

ZÜRICH ? Der Ringier-Autor und frühere SPD-Politiker Peter Glotz ist im Alter von 66 Jahren in Zürich gestorben. Ein Nachruf von seinem Freund Frank A. Meyer.  
Ein grosser Intellektueller ist tot. Ja, ein Intellektueller im umfassendsten Sinne: Das war Peter Glotz. Und er war es in einem Kulturraum, der keine tief in die Geschichte reichende Intellektuellen-Tradition kennt ? dem deutschen.

Das Umfassende an Peter Glotz, eben das wahrhaft Intellektuelle, war seine lebenspraktische Dimension: als Professor und Wissenschafter, als Politiker in der Funktion des SPD-Geschäftsführers, als Mitglied des Bundestages, als Senator von Berlin, als Mitglied des EU-Verfassungskonvents, als Autor vorausdenkender Bücher und als Journalist, der auch den Boulevard mochte, weil er die Menschen liebte.

Peter Glotz hat die Entwicklung der ersten funktionierenden deutschen Demokratie mitgeprägt. Er tat es mit grosser republikanischer Sensibilität, mit kämpferischer demokratischer Überzeugung, er tat es auch mit grossem Verständnis für den modernen Sozialstaat.

Peter Glotz wusste, dass die Freiheit des Bürgers die Angstfreiheit vor sozialer Not zur Voraussetzung hat. Heute, im gerade aktuellen Wahlkampf, scheinen dies deutsche Politiker, Wirtschaftsleute und Journalisten zuhauf vergessen zu haben. Die Stimme von Peter Glotz fehlt schon jetzt.

Als Professor in St. Gallen hat mein Freund Peter auch in die intellektuell zurzeit recht trostlose Schweiz ausgestrahlt, sogar in die Westschweiz. Im Auftrag des Ringier-Verlages nahm er sich der Bildung und Weiterbildung von Journalisten in Zürich wie in Lausanne an.

Peter Glotz verstand die Schweiz wie kaum ein Deutscher. Sie faszinierte ihn: als Nation, die konsequent der Machtbrechung im republikanisch-demokratischen Sinne verpflichtet ist. Das machte ihn neugierig. Der Deutsche, der Heimatvertriebene wollte ergründen, wie sich die nüchterne Solidität der schweizerischen politischen Kultur über Generationen entwickelt hat.

Neugierig war Peter Glotz, schon morgens um fünf, wenn er schrieb, und dann den ganzen Tag, mit wem immer er sprach, was immer er las, was immer er sah, wem immer er begegnete. Fragen zog er Antworten vor.

Auch im Gespräch während seiner schlimmen letzten Tage blieb er neugierig, wach, konzentriert. Man konnte mit ihm über das Leben reden, wobei er wusste, dass der Tod sehr nahe war. Sogar das Ruppige, das seine Stimme und seine Sätze prägte, war noch ganz da, voller Kraft.

Das ganze Leben hat der imposante Auftritt dieses Denkers, Politikers und Publizisten seine zarten und melancholischen Seiten dem ersten Blick entzogen. Peter Glotz mochte es, wenn man ihn umarmte, wenn er die Wärme der Zuneigung spürte. Aber man musste als Freund die Nähe schon selber wagen.

Peter Glotz gab der Gesellschaft unendlich viel. Er war ein unendlich treuer Freund. Er konnte unendlich lieben, seine Frau, sein Söhnchen. Er machte nur kein Aufhebens davon.

Jetzt ist er ohne Aufhebens gegangen.

Der Autor Frank A. Meyer ist ein persönlicher Freund von Peter Glotz und Gerhard Schröder.

 

27.08.05 16:07

10304 Postings, 7132 Tage chartgranatewirklich sehr bedauerlich

innerhalb der Politikerzunft,in der Rückrat und Individualität nicht allzu ausgeprägt sind,war er sicher einer der interessanten Köpfe und ein echter Typ.Wie auch immer man inhaltlich zu ihm stehen mochte,er hat sich aus der grauen Masse wohltuend abgehoben.
Eichis selbstdiagnostizierter Zustand allgemeiner Erleuchtung beinhaltet leider immer wieder tiefe schwarze Löcher.....tja,Perfektion gibts selbst auf dieser Ebene nicht.  

27.08.05 16:19

246 Postings, 5903 Tage GodlikeIm stillen Gedenken an Herrn Glotz. o. T.

27.08.05 17:01

69017 Postings, 6166 Tage BarCodePeter Glotz -Teil1

Die neuen Frühsozialistenvon Peter GlotzDas Ende des Kommunismus hat den Kapitalismus so radikalisiert, dass sich eine neue Gegenbewegung formiert. Der Antikapitalismus der Globalisierungsgegner ist aber eine gefährliche Mischung aus Idealismus und Naivität.Die sozialökonomische Zwickmühle, in der sich der Westen zu Anfang des Jahres 2005 befindet, hat am eindrücklichsten der deutsche Regisseur Hans Weingartner beschrieben. In seinem Film ?Die fetten Jahre sind vorbei? brechen drei junge Leute in teure Villen ein, stehlen aber nichts, sondern verunsichern die Besitzer durch eine groteske Umstellung der Möbel. Der schön arrangierte Besitz wird wie Gerümpel gestapelt. Auf dem Stapel findet sich das Memento mori: ?Die fetten Jahre sind vorbei?. Als einer der Besitzer die Einbrecher überrascht, kidnappen sie ihn. Auf einer Hütte im Österreichischen finden dann Dialoge statt, die die derzeitige Sprachlosigkeit zwischen Kapitalismus und Sozialkritik genialisch widerspiegeln.Die jungen, sympathisch gezeichneten Leute haben (wie die landläufige Sozialkritik) keine Kenntnis vom komplexen System des digitalen Kapitalismus. Die ?treibenden Kräfte?, also der Vierundzwanzig-Stunden-Geldmarkt, die Pensionsfonds mit ihren radikalen Ansprüchen an Kapitalproduktivität, die Hedge-Fonds mit ihrem System der Leerverkäufe, das System der Wirtschaftskommunikation mit Analysten, Investor-Relations-Managern und Journalisten, die neue Mobilität durch Kommunikationstechnik sind ihnen fremd. Auch der Gekidnappte, ein früherer Achtundsechziger mit drei Millionen Euro Jahreseinkommen, weiß nur, dass er in ein kompliziertes Regelsystem eingebunden ist: ?Ich habe die Regeln nicht erfunden?, sagt er zur Verteidigung. Wo man ansetzen müsste, um die Regeln so zu verändern, dass der Kapitalismus zivilisiert würde, ist ihm unbekannt. So bleibt nur der Moralismus der guten Seelen, über den sich Karl Marx lebenslang lustig gemacht hat. Die Jungen finden drei Millionen im Jahr (und die Insignien dieses Wohlstandes: teure Autos, teure Tische, teure Bilder) ?obszön?. Der Gekidnappte findet die Gewalt, der er ausgesetzt wird, ?terroristisch?. Was man tun könnte und sollte, um die Zustände zu verändern, wissen weder die einen noch der andere.Weingartner findet für die ?Zustände? ein passendes Bild. Jule, das Mädchen unter den drei Kidnappern ? das sich sein bisschen Geld als Kellnerin verdient ?, ist mit einem nicht versicherten alten Auto aus Unachtsamkeit auf den teuren Wagen des ?Opfers? aufgefahren. Der tut das Normale. Er übergibt den Auffahrunfall seinem Anwalt und kümmert sich darum nicht mehr. Für Jule entstehen Kosten von 100000 Euro, für die Jobberin eine fantastische Summe, für die sie acht Jahre ihres Lebens arbeiten müsste. So ist digitaler Kapitalismus. Das ?Normale? für den einen verursacht bei anderen (die der sich ?normal? Verhaltende gar nicht kennt) extreme Brutalität. Die Handlungskette ist so undurchschaubar lang und verknotet, dass die moralische Empörung (obszön, terroristisch), die sich gegen irgendein Glied der Kette richtet, ins Leere geht. Das mindert die Empörung der Betroffenen aber nicht. Und hier liegt das Problem. Auch wenn die ?Schuldigen? sich gar nicht schuldig fühlen und auch nur sehr indirekt schuldig sind, auch wenn sie immer sagen können: ?Ich habe die Regeln nicht erfunden?, wird man sie kidnappen.http://www.cicero.de/97.php?ress_id=6&item=464Artikel wird im nächsten posting fortgesetzt. Ist vom Anfang diese Jahres.  

27.08.05 17:03

69017 Postings, 6166 Tage BarCodeBlöder Editor! Glotz - Fortsetzung o. T.

27.08.05 17:05

69017 Postings, 6166 Tage BarCodePeter Glotz Teil 2

(Die neuen Frühsozialisten von Peter Glotz)

Es entwickelt sich ein neuer Antikapitalismus mit vielen Gesichtern, der derzeit noch nicht als solcher identifiziert wird. Islamismus, sagen wir, Indigenismus, Populismus, Antisemitismus, Terrorismus, Ethnizismus. So unterschiedlich die Wurzeln dieses Widerstands sein mögen, er richtet sich im Kern gegen das Denkmodell des Homo oeconomicus des aufgeklärten Westens. Und er wird nicht an der Peripherie festgehalten werden können, die moderne Informations- und Kommunikationstechnik und die Medienindustrie werden ihn in die Zentren tragen. Dieser neue Antikapitalismus wird schmerzhaft in unser aller Leben eingreifen.

Das heißt: Am Ende des siebzig Jahre dauernden, mit der Oktoberrevolution begonnenen und mit der Implosion der Sowjetunion beendeten Großversuchs ?Kommunismus? haben wir geglaubt, Ruhe zu bekommen. Da dieser Großversuch viele Millionen von Toten produziert hatte, glaubten die Eliten des Westens an den Sieg des Liberalismus, das Ende der Utopien, das Ende der großen Erzählungen, ja, das Ende der Politik. Jetzt könne man endlich rational wirtschaften, ungestört Gewinne machen, das Geld arbeiten lassen. Nichts da. Das Ende des Kommunismus hat den Kapitalismus so radikalisiert, dass sich eine neue Gegenbewegung formiert. Das einundzwanzigste Jahrhundert wird nicht friedlicher werden als das zwanzigste.

Wovon ist die Rede? Von scheinbar disparaten Kampfformen, die aber bald die Jugend des Westens erreicht haben werden.

Die überschüssigen Massen junger muslimischer Männer, die ?Youth Bulges?, kommen in der Gestalt von Selbstmordattentätern über uns. Osama bin Laden ist nur eine Metapher, selbst wenn er noch leben und wenn seine Tonbänder echt sein sollten. Vergesst die Person bin Laden, vergesst den ?Krieg?, wie wir ihn kennen. Den ?Krieg? im Irak hatten die Amerikaner nach ein paar Tagen gewonnen; aber bei der darauf folgenden ?Normalisierung? verloren sie mehr Soldaten als im so genannten ?Krieg?.

In Bolivien sagt Evo Morales: Der Westen ist die Kultur des Todes. Morales, Chef des Movimento al Socialismo (Mas), Anführer der Coca-Bauern, ist der gemäßigtere der beiden Führer der Aymar-Indianer, die in der gesamten Andenregion (Bolivien, Ecuador, Peru) leben. Er will Lateinamerika zu einem neuen Vietnam für die Vereinigten Staaten machen. Radikaler ist Felipe Quispe, der die blutigen Revolten der Tupac-Katari-Guerilla in den neunziger Jahren angeführt hatte. Niemand, so Quispe, dürfe Schuhe tragen, solange die Eingeborenen nur Sandalen besäßen. Morales und Quispe vertreten eine explosive Mischung von Indigenismus, also ethnischer Revolte, und antiwestlichem Marxismus.

In Frankreich hat José Bové den Begriff ?Mal Bouffe? (mieser Fraß) geprägt. Seine berühmteste Aktion war die Verwüstung der Baustelle einer McDonalds-Filiale im Sommer 1999 in Millau. Der Bauernführer aus der Hochebene des Larzac kämpft für einen ?gerechten Globalismus?. Er verbündete sich mit der lateinamerikanischen Via Campesina und der nordamerikanischen National Farmer Coalition und bringt bei seinen spektakulären Auftritten gegen die World Trade Organisation (WTO) Hunderttausende auf die Beine. Der Volksheld beherrscht auch die antisemitische Tonart.  

27.08.05 17:08

69017 Postings, 6166 Tage BarCodeUnd Schluss: P. Glotz Teil 3

Ebenso in Frankreich hat Bernard Cassen, Chefredakteur von Le Monde diplomatique und ein durch und durch westlicher Intellektueller, die ?Antiglobalisierungsbewegung? Attac gegründet. Sie begann ganz konkretistisch, als Netzwerk für eine Antispekulationssteuer, die so genannte Tobin-Tax, ist heute aber längst ein Forum für kapitalismuskritische Ideen aller Art mit 80000 zahlenden Mitgliedern aus mehreren europäischen Ländern. Die Zukunft dieser Bewegung könnte in einer intelligenten linken Denkwerkstatt, aber auch in einer linkspopulistischen sozialen Bewegung liegen.

Man könnte diese Liste verlängern, um den Amerikaner Ralph Nader mit seiner Verbraucherbewegung oder den Harvard-Professor Noam Chomsky, um den Schweizer Bewegungsintellektuellen Jean Ziegler, um die Verfasser der fantasievoll-unklaren neuen Programmschriften des Antikapitalismus, Michael Hardt und Toni Negri (?Empire? und ?Multitude?), um das Forum Social Mundial von Porto Alegre oder auch um die wachsende Insiderkritik am Shareholder-Value-Kapitalismus von Konvertiten wie Georg Soros, dem früheren Thatcher-Berater John Gray oder dem ehemaligen Chefökonomen der Weltbank und Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz.

Die Denkansätze dieser Organisationen oder Figuren sind höchst unterschiedlich. Es herrscht sozusagen ?Frühsozialismus?, wie vor der Verfestigung der Sozialdemokratie in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Von radikalem Moralismus über asketische Religiosität bis zu einer zwischen Keynesianismus, christlichem Sozialismus und Ordoliberalismus schwankenden ?sozialen Marktwirtschaft? gibt es alle Schattierungen. Ein klar formuliertes Ziel ? wie den gescheiterten ?wissenschaftlichen Sozialismus? ? gibt es nicht.

Das heißt aber nicht, dass der neue Antikapitalismus zahnlos sein muss. Die Gefahr liegt in einer existenzialistischen Politisierung der Jugend, in einer Abwendung der Unterschichten von der institutionalisierten Politik und in einer Verbündung absteigender Mittelschichten und enttäuschter Randbelegschaften mit antipolitischen, rechtspopulistischen und antisemitischen/antizionistischen Instinkten. Die Möglichkeit eines massenhaften Zulaufs zu Protestparteien, zu einer neuen ?Jugendrevolte?, zu einer massenmedial produzierten Idolisierung von charismatischen Führungsfiguren nach dem Muster Che Guevaras besteht wieder. Deshalb sind die Reaktionen der politischen Eliten (Global Governance-Geplauder), der Wirtschaftsführer (totschweigen) und der Linksparteien (totstellen) falsch.

Hans Weingartner hat nämlich genau die richtige Überschrift gefunden: Die fetten Jahre sind vorbei. Die Globalisierung mag weltweit die soziale Gerechtigkeit sogar steigern. Vielen Arbeitern in bestimmten Schwellenländern ? wie China, Indien, Brasilien, Polen, der Slowakei, den baltischen Staaten ? wird es besser gehen als in den vergangenen Jahrzehnten. Den Unterschichten im alten Europa aber wird es, vermutlich anderthalb Jahrzehnte lang, schlechter gehen. Ob sich diese Unterschichten darauf beschränken werden, nur die Möbel in den Wohnungen ihrer Bosse umzustellen?



Gruß BarCode
 

28.08.05 18:37
1

129861 Postings, 6153 Tage kiiwiiPeter Glotz:"All die verpaßten Chancen"

All die verpaßten Chancen


Peter Glotz hat kurz vor dem Tod seine Biographie geschrieben: Eine Anklage gegen die heutige SPD und eine poetische Reflexion über Leben und Sterben


Was für ein Buch! Es gab erst Fahnen, also lose Blätter davon. Man konnte es nicht aus den Händen legen, aber der Stapel war auch zu schwer, um ihn dauernd zu halten. Also aufteilen. Den Part über Willy Brandt hierhin, den über die Vertreibung auf das Fensterbrett. Über die Berliner Zeit und die Gründung des Wissenschaftskollegs lesen, dabei schon einige Seiten weiter schielen: Was sagt er über Lafontaine? Was über den Zustand der Hochschulen? Was über das "Zentrum für Vertreibung"? So was geht nicht lange gut, schnell rutschen die Stapel ineinander, flattern umher, der Boden ist von Blättern bedeckt, auf manchen erkennt man den maliziös lächelnden jungen Peter Glotz mit dieser komischen, riesigen Brille.


Er hätte dieses Din-A4-Chaos auf der Couch und im ganzen Zimmer, zu dem jetzt noch etliche Blätter mit Notizen kamen, nur schwer ertragen. Aber das Buch hielt mich die halbe Nacht wach, am Morgen schrieb ich ihm eine begeisterte E-Mail: "Das Buch hat mich sehr berührt, all diese falsch gestellten Weichen in der SPD, die knappe, klare Analyse, die Personenschilderungen, distanziert und dabei so intim, der gnadenlos trockene Humor ... Ich freue mich schon auf unser Treffen." Post für einen Toten. Da lebte Peter Glotz schon seit einigen Stunden nicht mehr. Bald darauf rief der Verlag an: Das mit dem Interviewwunsch habe sich "in eine andere Richtung entwickelt".


Nun stehen die Sätze im Buch, und man kann nicht mehr nachfragen. Nicht nach dem - feine Franz-Werfel-Anspielung - "blaßlila Wäschebeutel", in dem er als SPD-Funktionär mal Spendengeld entgegengenommen hat. Und vor allem nicht nach dem schlichten Satz am Ende des Kapitels über die "Enkelei", Scharping, Lafontaine und Schröder: "Jetzt liegt die Partei der achtziger Jahre, die in den Neunzigern zur Erneuerung unfähig war, in Trümmern." Das zu schreiben kann ihm nicht leichtgefallen sein. Glotz war ein Meister darin, jedes Urteil durch die Eröffnung einer neuen Perspektive zu überholen oder plötzlich mit Typologien von Personen zu kommen, Avatare in die Debatte zu schicken, auf die keiner vorbereitet war: "Dem 53jährigen Holzwirtschaftsingenieur aus dem Thüringer Wald, was sagen Sie denn dem?"


Dieser Satz fällt zu einer Zeit, da die Botschaft der SPD in eine SMS paßt: "Schröder wählen", eine Abwandlung des Kohlschen "Weiter so!". Aber die Trümmer sind ja zu besichtigen: das Verhältnis zu den Gewerkschaften - zerrüttet. Der Dialog mit Wissenschaftlern und Unternehmern - abgebrochen. Die Öffnung zu Kunst und Kultur - nur noch ein Notausgang.


Glotz' Tod wirft ein grelles Licht auf den Zustand der Sozialdemokratie. Rückblende in die Gegenwart: Vergangenen Montag hatte Wolfgang Thierse Künstler zur Wahlwerbung eingeladen. Der Regisseur Jürgen Flimm lobte erst den "schönen Rotwein" von "irgendwelchen Botschaftern", den er beim Kanzler trinken durfte, was er vermissen wird, und dann ausgiebig sich selbst. Klaus Staeck und Günter Grass versuchten sich an müden Stoiber-Attacken, dann riefen sie dazu auf, SPD zu wählen, selbst bei Kommunalwahlen auf dem Mars würden sie das tun. Freimut Duve lobte sich selbst. Kein Wort über Hartz. Das Jahr war verrutscht, es war im Laufe des Abends 1972 geworden. Man besuchte eine Trümmerlandschaft.


Die SPD in Trümmern


Rückblende, flüchtige Szene aus einem untergegangenen Land in den achtziger Jahren: Peter Glotz, der Bundesgeschäftsführer der SPD in Krawatte und einem weiten Zweireiher, leicht nach vorn gebeugt, begleitet Harald Naegeli, den als "Sprayer von Zürich" bekannten und in seiner Heimat bedrängten Aktionskünstler, zu einer schönen leeren Wand der SPD-Zentrale in Bonn: "Bitte besprühen!" Nur wenige, begeisternde Minuten aus den ewigen "Berichten aus Bonn", ein Versprechen, das sich, wie wir heute wissen, nicht erfüllt hat. Heute läßt Schily solche Sprayer per Hubschrauber jagen.


Die von Glotz erhoffte gesellschaftliche Allianz aus SPD, künstlerischer Avantgarde, Wissenschaftlern und technischer Intelligenz ist dann nicht zustande gekommen. Die Partei sollte sich, so sah es Glotz, nicht bloß um das Schlechtwettergeld kümmern, so nötig das auch war, sondern ein Forum werden, sollte kühn denkende Unternehmer ebenso einladen wie Naturwissenschaftler, Philosophen und Betriebsräte. Die soziale Gerechtigkeit sah er nur als eine von vier Säulen der Sozialdemokratie an, ebenso sollte es ihr um Aufklärung, Fortschritt, Bürgerrechte und schließlich Diskursivität gehen.


Darum öffnete er die Bühne für den Dialog, auch über Grenzen hinweg. Wer hätte sonst so vernehmlich über Antonio Gramsci, Pierre Bourdieu und Andre Gorz zu sprechen gewußt, in Deutschland? Darum hat er die Konzeption und Gründung des Berliner Wissenschaftskollegs als seine größte Leistung bezeichnet. In der Tat mag man sich Deutschland gar nicht mehr ohne diesen Pol des intellektuellen Lebens vorstellen. Es wäre alles noch schlimmer. Wahr ist aber auch, daß das feine, diskrete Haus in Dahlem ihm wenig geholfen hat, wenn es darum ging, Mehrheiten in der Partei zu gewinnen. Da saß er Jahre seines Lebens und oft vergeblich in den "schlecht geheizten Hinterzimmern irgendwelcher Vorstadtjugoslawen" herum. Wie würde das Land heute aussehen, hätte sich die Bundesregierung zeitig um die Urteile von Wissenschaftlern gekümmert, einen engen Kontakt zu den Hochschulen gepflegt und Bündnisse außerhalb des eigenen Lagers gesucht.


Weil er das sah, ließ Glotz nicht locker, jahrzehntelang nicht. Als ihm, schon als junger Mann immer mit Anzug und Krawatte unterwegs, im Wahlkampf eine Münchner Rentnerin halb anerkennend, halb spöttisch zuraunte: "Sie sind aber fleißig", trifft sie damit eine fast kindliche Sensibilität. "Fleißig - genau das wollte ich auch immer sein." Notiert er in einem seiner Tagebuchbände.


Geschafft hat er es nicht. Die Partei hat sich abgeschlossen, heute ist es eine Autistenveranstaltung, und man schaut ihnen zu wie den Duracell-Hasen: Wann kippen sie um? Das Buch klingt darum an manchen Stellen bitter, dort wo Glotz die "verregneten Grillfeste in den Gärten abgelegener balkanischer Lokale" beschreibt oder die Abgeordnetenwohnungen, deren Wände so dünn sind, daß man den Nachbarn kotzen hört.


Es ist die schlechte Laune über verlorene Jahre, die den Autor im Angesicht seiner schweren Krankheit befällt, während sein Sohn Lion noch so klein ist, erst sieben. Das Buch ist durchweht von Todesahnung und voller Zynismus für die todesvergessene Glücksgier mancher Zeitgenossen, die in immer raffinierterer Selbsthilfe das zu verbessern suchen, was schon optimal ist: "Man muß sich klarmachen, daß man die Ansprüche nicht überspannen darf. Was sich die Leute alles erhoffen! Der Partner soll passend sein, sonst läßt man sich scheiden, das Wort ,Glück' fließt vielen von den Lippen wie unsereinem ,Guten Morgen', und viele glauben längst, es sei ein in Straßburg einklagbares Menschenrecht, Freitag nachmittag den Rasen mähen zu dürfen und am Wochenende mit den Kindern in die Berge zu fahren. Wem das gelingt, alle Achtung, ich bin dafür. Aber ist das das Leben?"


Das Glück im Kanu


Man muß auch folgende Passage zitieren, sie kommt gegen Ende, wo es um den Einzug in sein Haus bei St. Gallen geht, die Ostschweiz, seine, wie er nachrechnet, siebte Heimat: "Wie war mein Leben? Glücklich? Das Wort ist zu groß, wohl für die meisten Leben. Vielleicht war der glücklichste Moment in meinem Leben eine Paddeltour auf dem Main bei Burkunstadt. Ich war vierzehn, ein Sommersonntagnachmittag, kein Windhauch. Das Eintauchen des Paddels in das glatte, ruhige, grüne Wasser und der Kontakt, den der Körper durch das leichte Boot zum Fluß hatte, werde ich nie vergessen. Warum habe ich das nie wiederholt? Paddeln wäre erschwinglich gewesen. Unsagbar." Dann ruft er sich schreibend zur Ordnung: "Diese Geheimnisse wollen wir auf sich beruhen lassen. Ich komme zum nüchternen Bericht zurück."


Doch gerade wo sie den nüchternen Bericht verlassen, waren Glotz' Bücher besonders stark. In dem gequälten, wütenden Tagebuchband "Die Jahre der Verdrossenheit" finden sich neben der Schilderung seines Abschieds von der Politik immer auch anrührende Beschreibungen entlegener, sinnlicher Momente: Wie es ist, jeden Samstagvormittag in einem teuren Münchener Hotel zu schwimmen, mit Blick über die Stadt, der Blick auf vorbeiziehende Schönheiten; die Befreiung, nach einer endlosen Sitzung endlich im Auto zu sitzen und zu schnell durch die Nacht zu fahren, über Land, und in voller Lautstärke Musik zu hören. So kann man auch "Von Heimat zu Heimat" auf mehreren Ebenen lesen: Es ist das schonungslose Protokoll einer vorhersehbaren politischen Entgleisung, wie die Kämpfe der Enkel den Laden sprengen und dabei entscheidende Felder wie die Wissenschaftspolitik verslumen lassen.


Es ist ein Generationenporträt. Als Kind hat Glotz noch Bombennächte durchlitten. Einmal schlägt eine Bombe in ihr Haus ein, bei der Flucht aus dem Keller schiebt er den sperrigen Korbkinderwagen seiner kleineren Schwester panisch zur Seite: "Wer Todesangst kennengelernt hat, der hat sich selbst kennengelernt", schreibt er dazu.


Und dann der Aufstieg in gleich drei Berufen als Politiker, Wissenschaftler und Publizist, während die anderen, die 68er, ganz andere Dinge wollen. Aber er rechnet nicht, wie es so Mode geworden ist, mit den 68ern ab. Er weiß um ihren beschränkten Einfluß: "Die meisten Revolutionäre von '68 laufen heute resigniert und graubärtig durch die Supermärkte unserer Städte, um eine Flasche Rotwein zu finden, die gut und zugleich preiswert ist." Schließlich ist es ein philosophisches Buch in der ursprünglichsten all ihrer Bedeutungen, der Vorbereitung auf den Tod. Gottfried Benn ragt heraus, den "heiligen Gottfried" nannte ihn Glotz als Student, seine Anbetung mit müder Ironie zugleich verhüllend wie offenbarend. Und er zitiert aus den Gedichten, einem "zerlesenen Taschenbuch mit Anmerkungen aus fünf Jahrzehnten": "Und schon so nah den Klippen / Du kennst dein schwaches Boot - / kommt, öffnet doch die Lippen, / wer redet, ist nicht tot." Und wer tot ist, muß darum noch lange nicht schweigen.  NILS MINKMAR


Peter Glotz: "Von Heimat zu Heimat". Econ

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.08.2005, Nr. 34 / Seite 21





MfG
kiiwii
ariva.de  

28.08.05 20:00

10118 Postings, 6474 Tage big lebowskyGrandios Kiiwii

Ich habe das Essay von Minkmar gerade auch gelesen. Es macht Lust auf das Buch von Glotz.  

29.08.05 21:34

15284 Postings, 5647 Tage quantasDie Universität St.Gallen trauert

HSG-Prof. Dr. Peter Glotz ist tot

Sehr geehrte Medienschaffende

Die Universität St.Gallen trauert um Peter Glotz. Prof. Dr. Peter Glotz
ist gestern Donnerstag mit 66 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit in
einer Zürcher Klinik gestorben.

Peter Glotz war von 2000 bis zu seiner Emeritierung im April 2004 als
Professor für Medien und Gesellschaft an der HSG tätig. Er war zudem
Direktor am HSG-Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement. Über
seine Emeritierung hinaus war Peter Glotz der HSG verbunden. Er wirkte
weiterhin in verschiedenen HSG-Projekten und in der HSG-Weiterbildung mit.

Hohes Tempo und enormer Einsatz prägten seinen Arbeitsstil. Er wirkte auf
seine MitarbeiterInnen äusserst motivierend. Seine Kolleginnen und
Kollegen erlebten ihn als bereichernd und anregend. Trotz vielfältiger
Tätigkeit hatte er im Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement
eine hohe Präsenz.

Im Anhang finden Sie einen kurzen Text zu seinem vielfältigen Wirken.

Mit besten Grüssen

Eva Nietlispach Jaeger
Leiterin Kommunikation Universität St.Gallen
079 702 36 12


http://www.unisg.ch/hsgweb.nsf/wwwPubAktuellGer/...6EC12570690049CB64

PDF kann auf obiger Internetadresse abgerufen werden.

 

 

02.10.05 17:16

26159 Postings, 6043 Tage AbsoluterNeulingLetzte Worte von Peter Glotz - lesenswert

SPIEGEL ONLINE - 02. Oktober 2005, 13:23
URL: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,377257,00.html

Letzte Worte von Peter Glotz
 
"Ich war ein Fechtmeister und ein Sänger"

Auf dem Sterbebett schrieb Peter Glotz für das Magazin "Cicero" seinen letzten Text - über seine Familie, sein Leben, seinen nahen Tod. Bevor er ihn beenden konnte, starb er. SPIEGEL ONLINE dokumentiert die letzten Zeilen des großen politischen Denkers.

DDPPolitiker Glotz: "Die deutsche Politik ist so lieblos polemisch"

Eigentlich hoffte man ja, man lebe noch den ganzen Abend. Bei mir zerschlug sich diese Illusion zu Anfang des Jahres 2005. Die Geschichte braucht nur ein paar Worte: Plattenepithel-Karzinom an der Tonsille, Operation, Komplikation mit Blut, das in die Lunge gedrungen war, zwei Monate Intensivstation, völliger Verfall des Bewegungsapparates, langsame Aufpäppelung, sechs Wochen Bestrahlung, Operation der Metastasen an den Lymphknoten der linken Halsseite (great neck dissection) - und nachdem dies alles Geschichte schien, ein großes Plattenepithel-Karzinom in der Lunge. Atemnot, Sauerstoff, und so fort, Chemotherapie.

Heute ist in Zürich Streetparade, angeblich kommen da eine Million Auswärtige in die Stadt mit einer Bevölkerung von 400.000. In Wirklichkeit waren es irgendwas zwischen 200.000 und 400.000. Der Bankenplatz möchte gern Partystadt sein. Durch das offene Fenster des Universitätsspitals wehen Trommel-, Trompeten- oder Tubatöne von weit. Die Morphine lassen die Töne schwimmen.

Ich habe mich immer auf mögliche Lebensstationen vorzubereiten versucht. Um nicht in die Mitläuferfalle hineinzutappen (in der sich meine Eltern gefangen hatten), trat ich mit 22 der SPD bei. Um von den Genossen mit "Bodenhaftung" nicht einkassiert und auf nahe liegende Denkmuster festgelegt zu werden, engagierte ich mich auf Außenposten: für Studiengebühren an Hochschulen, gegen Vertreibungen, für aktive Sterbehilfe. Solche Extratouren verhinderten den Aufstieg zu irgendwelchen Gipfelkreuzen, lieferten aber auf dem Weg bergauf lebhafte Dispute.

Ich war ein Fechtmeister und ein Sänger, der die Mythen zu Geschichten verarbeitete, aber kein Condottiere, kein Fähnleinführer einer Herrschaft. Darauf bin ich stolz. Es war lohnender, sich mit Biedenkopf und Geißler, Dahrendorf, Dohnanyi und Ehmke, mit Martin Walser und Hans Magnus Enzensberger herumzuschlagen als mit den grünen Trachtenjoppen, den roten Pullovern und den Politikern, die Bergmannskapellen dirigierten ("Der Steiger kommt"). Was bedeutet ein früher Tod? Den Hungertod eines Kindes im Tschad, den Unfalltod einer 30-jährigen Mutter kann man nicht verstehen. Man kann über solch jähe Brüche auch nicht begütigend, tröstend hinweggehen. Es sei denn, man ist Pfarrer, da gehört das zum Beruf.

Den Tod eines 66-Jährigen kann man nicht "tragisch" finden, weil er statt 22 nur 21 Bücher schreiben konnte. Überhaupt sind wir Böhmen nicht tragisch, sondern vernünftig und rechenhaft. Tragisch ist die Sache mit Kreon und Antigone, aber auch ein bisschen übergeschnappt. Ich hätte gern noch einen Text mit dem Titel "Waldhaus" geschrieben. Das berühmte bündnerische Hotel wäre mir zum Schauplatz für die letzten vier Wochen des Lebens eines Alzheimerkranken aus der Flakhelfer-Generation geworden (Alzheimer ist eine schwere Last für das "Abendland", fast wie Aids für Afrika), der aus Sils-Maria Briefe an seinen Sohn, seine Frauen und Freunde geschrieben hätte, der noch Besuch - aus Prag zum Beispiel - empfangen hätte, der seine Illusionen bilanziert und seine Erkenntnisse über die Welt aus der Perspektive des Jahres 2000 zusammengefasst hätte. Wohl bitter. Die Zerweiterung und Zerweichung der EU ist eine schwere Enttäuschung für diese Generation. Dafür ist es jetzt zu spät.

Immerhin ist die Autobiografie noch fertig geworden: "Von Heimat zu Heimat. Erinnerungen eines Grenzgängers". Ich hatte keine gegebene Heimat, deren "schicksalhaften Bewegungen" man verbunden bleibt. Ich wurzele mich, wenn ich richtig gezählt habe, gerade in der siebten Heimat ein. Bei Beerdigungen benutze ich schon das schöne Schweizer Wort "Abgang".

Das Schlimmste war am ehesten man selber. Wer eine viel jüngere Frau heiratet und mit 58 ein Kind in die Welt setzt, muss wissen, dass er vergleichsweise früh diese Menschen allein lassen muss. Lion hat seiner Mutter angeboten, seine schönsten Steine - die er mit dem Nachbarjungen gesammelt hat - zu verkaufen, damit die beiden davon leben können. Ich hätte dieses eifrige, zärtliche Leben - Lion ist ein ausgesprochen soziales und kreatives Kind - gern noch ein paar Jahre mitverfolgt.

Das gilt nicht für die deutsche Politik. Sie ist zu einem rabulistischen Exerzierreglement gemacht worden. Wenn Frau Merkel gefragt wird, was sie von einer großen Koalition denkt, bellt sie zurück: "Sie wird nicht kommen; CDU/CSU und FDP gewinnen die Wahl." Will Frau Merkel die Mehrwertsteuer erhöhen - was die SPD auch über kurz oder lang müsste -, bellt Schröder: "Merkel-Steuer". Bei den großen Problemen - der Sanierung der Sozialsysteme und des Aufbaus Ost - sind beide Volksparteien inzwischen abgetaucht. Die SPD lässt sich von Lafontaine in einen sozialpolitischen Wahlkampf treiben, die CDU/CSU von Stoiber in einen regionalistischen.

Die deutsche Politik ist so lieblos polemisch, wie man sich die rumänische Publizistik langweilig vorstellt. So dick überwürzt wie die kroatisch-montenegrinische Küche, so exaltiert erdverbunden wie die Romane von Gisela Elsner oder Juli Zeh und so langweilig wie... bei uns in der Familie sagte man dazu: "wie toter Friseur".

Warum habe ich dann ein Vierteljahrhundert in dieser deutschen Politik verbracht? Ich könnte es mir leicht machen und sagen: Ich habe es vergessen. Aber ich habe es natürlich nicht vergessen. Kennedy, Brandt, Kreisky, Palme hatten in uns Hoffnungen geweckt, übertriebene, zugegebenermaßen. Nach ihren Toden oder Ermordungen zog es uns fröstelnd um die Schultern. Der Power-Container des keynesianischen Wohlfahrtsstaats-Modells verlor einen Großteil seiner Macht.

Die, die sich um die Reste dieser Macht balgten, schienen nicht mehr viel zu bedeuten. Selbst die elenden Machtkämpfe der antimarxistischen und antikommunistischen Emigrationen schienen von irgendeinem Punkt an sinnvoller, großzügiger. Was dann nach jener Stunde sein wird, wenn dies geschah, weiß niemand, keine Kunde kam je von da, von den erstickten Schlünden von dem gebrochnen Licht, wird es sich neu entzünden, ich meine nicht...

(Anm. der Red.: Hier endet der durchgeschriebene Text, es folgen handschriftliche Gliederungspunkte des Autors)

Die Verkennung der Macht des Nationalstaats. Das großmäulige Verspielen der europäischen Option. Gegen Kohls ökonomischen Kurs der Wiedervereinigung. Das Leben im Krankenhaus. Das unwürdige Leben. Das Vorleben eines Sterbens unter Leiden durch Johannes Paul II. Aber ich bin nicht der Papst. Ich muss nicht symbolisch sterben. Der begleitete Tod. 


A.N.
(vincit laedendo)

geschichtsunterricht ist das eine, die wahrheit oftmals eine andere. war in meck/pomm und es gab nur einen, der bei diesem lehrer je eine 1+ in der mündl. prüfung bekam.

 

Seite: 1 | 2  
   Antwort einfügen - nach oben