PISA: Nörgelorgie und Schul-Bashing?

Seite 1 von 1
neuester Beitrag: 06.12.04 22:46
eröffnet am: 26.11.04 09:09 von: Happy End Anzahl Beiträge: 2
neuester Beitrag: 06.12.04 22:46 von: Happy End Leser gesamt: 149
davon Heute: 1
bewertet mit 0 Sternen

26.11.04 09:09

95440 Postings, 6862 Tage Happy EndPISA: Nörgelorgie und Schul-Bashing?

Die Ergebnisse der Pisa-Studie sind besser, als eine neue Nörgelorgie vermuten lässt


Eine gute Nachricht gefällig? Bitte sehr: Deutschlands 15-jährige Schüler schneiden in der neuen internationalen Pisa-Studie durchgängig besser (richtig gelesen: besser!) ab als in der ersten Untersuchung vor drei Jahren. Hat sich schon jemand darüber gefreut?


Wohl nur in diesem merkwürdig gestrickten Land ist es möglich, dass eine derart frohe Botschaft in den vergangenen Tagen untergehen konnte ? in einer wahren Nörgelorgie, die von vielen Medien gefeiert wurde. So entmutigt man genau die Menschen, auf die man bei der Erneuerung unserer Schulen bauen muss. Zum Beispiel jene Mathelehrer, die in den letzten Jahren Fortbildungen besucht haben, um interessanteren Unterricht zu geben. Oder die Schüler, die schon als »Generation Pisa« verspottet werden.


Seit dem Wochenende tobt das neuerliche Schul-Bashing, ausgelöst durch die Vorabmeldung einer Presseagentur (Deutschland wieder nur Mittelmaß). Die Crux: Erst am 7. Dezember wird die Studie weltweit veröffentlicht. Nicht einmal die Kultusminister kennen bislang die offiziellen Ergebnisse; und die deutschen Bildungsforscher sind bei Androhung hoher Vertragsstrafen bis zur Veröffentlichung zum Schweigen verpflichtet.

So nimmt denn statt eines fundierten Diskurses die deutsche Bildungsdebatte ihren rituellen Lauf: Die FDP fordert zum hundertsten Mal die Abschaffung der Kultusministerkonferenz, Rot-Grün und die Lehrergewerkschaft GEW wettern gegen das gegliederte Schulsystem, wogegen sich Unionspolitiker pflichtgemäß verwahren. Dabei bergen die veröffentlichten Daten von Pisa 2003 (so heißt die Untersuchung nach dem Jahr der Datenerhebung) weitere positive Überraschungen.

Erstens: In den drei »Hauptfächern« Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften fand sich Deutschland bei Pisa 2000 im internationalen Vergleich noch im unteren Drittel der Teilnehmerstaaten. Nun ist es in allen drei Bereichen im Mittelfeld platziert.

Zweitens: In Mathematik konnten unsere 15-Jährigen deutlich zulegen, im Vergleich zu ihren Vorgängern beherrschen sie den Stoff von rund drei Monaten mehr Unterricht. In den Naturwissenschaften ist der Zuwachs noch deutlich größer.

Drittens: Erstmals wird bei Pisa 2003 die Fähigkeit zum so genannten Problemlösen getestet. Und dort landet Deutschland sogar deutlich oberhalb des internationalen Durchschnitts. Es geht dabei um Fragen, die mit Kompetenzen aus verschiedenen Fächern und mit Alltagswissen beantwortet werden müssen, etwa das Auffinden der günstigsten U-Bahn-Verbindung (siehe Aufgabe Seite 82). Für Fachleute ein Beleg dafür, dass deutsche Schüler zum Beispiel in Mathematik noch besser sein könnten, wenn der Unterricht lebensnäher gestaltet würde.

Die Fortschritte in Mathematik und in den Naturwissenschaften kommen nicht von ungefähr, sie sind das Ergebnis systematischer Arbeit. Die Schwächen in diesen Fächern wurden schon in den neunziger Jahren durch die Tims-Studie (Third International Mathematics and Science Study) erkannt. Seitdem wird Lehrern beigebracht, wie etwa Schüler im Matheunterricht aus Fehlern lernen können oder wie man Grundschüler zu kleinen Naturforschern erzieht.

Dürfen wir also jubilieren, statt zu nörgeln? Nein, um die schlechten Nachrichten kommt keiner herum: Bei der Lesekompetenz, die als Dreh- und Angelpunkt für den Schulerfolg gilt, gibt es lediglich minimale Fortschritte. Weiterhin gehört nur ein kleiner Teil der deutschen Schüler zu den sehr guten Lesern, dafür gibt es eine erschreckend große so genannte Risikogruppe: Fast ein Viertel der 15-Jährigen kann nicht richtig lesen. Die Mehrheit dieser Gruppe stammt aus deutschen Familien, aber Kinder von Einwanderern sind hier überrepräsentiert. Den entscheidenden Hebel zur Förderung der Einwandererkinder hat schon Pisa 2000 im Erlernen der deutschen Sprache gesehen. Ebenfalls nichts geändert hat sich an dem besorgniserregenden Befund, dass in keinem vergleichbaren Land der Schulerfolg so eng an die soziale Herkunft gekoppelt ist wie in Deutschland.

Damit wären wir bei den Hausaufgaben für die Kultusminister. Viele davon haben sie seit Pisa 2000 in Angriff genommen: Kindergärten entdecken ihren Bildungsauftrag (siehe Seite 39), mit Sprachtests und Sprachkursen vor der Einschulung sollen Kinder auf die Schule vorbereitet werden. Die Lehrerausbildung wird allmählich praxisorientierter. Zentrale Abschlüsse und Bildungsstandards sollen die Schulqualität sichern. Schulen dürfen zunehmend über ihre innere Organisation selbst entscheiden.

Doch wenn ? sagen wir, in zehn Jahren ? die Bilanz der jetzigen Schulreform gezogen wird, dann müssen zwei schwere Brocken aus dem Weg geräumt sein: die Leseschwäche der deutschen Schüler und die strukturelle Ungerechtigkeit unseres Schulsystems.

Bislang ist kein Bundesland zu diesen zentralen Themen im nötigen Maß aktiv geworden. Die Leseförderung muss im Kindergarten anfangen und darf nicht wie heute in der vierten Klasse aufhören. Lehrer müssen lernen, Leseschwächen zu erkennen, überwinden zu helfen ? und natürlich auch starke Leser zu fördern. Auch im Mathematik- oder Biologieunterricht muss auf das Lesen und Schreiben von Texten Wert gelegt werden. Ebenso sind die Eltern, zum Beispiel als Vorleser, gefragt, die Schule allein ist hier überfordert. Dass eine gezielte Leseförderung zu messbaren Erfolgen führt, zeigt das Beispiel Hamburg. Dort wurde schon Anfang der neunziger Jahre die Leseschwäche von Grundschülern erforscht, und schwache Schüler wurden extra gefördert. Die Hamburger Grundschüler können heute nach drei Jahren so gut lesen wie ihre Vorgänger nach vier.


Auch die Bildungsgerechtigkeit gehört auf die Tagesordnung der Kultusminister. Oder in der Sprache der Wirtschaft: Wir können es uns nicht leisten, unsere Begabungsreserven zu verschwenden. Genau das tun wir aber, wenn etwa ein begabtes Arbeiterkind auf der Realschule landet statt auf dem Gymnasium und ihm nicht der Weg zu Abitur und Studium eröffnet wird. Fast alle Experten sehen als eine Ursache für die schlechten Aufstiegschancen von begabten Kindern aus Arbeiterfamilien die strikte Trennung der Schüler schon nach Klasse vier.

In den letzten Jahren sind viele parteipolitisch motivierte Tabus gefallen. Nun müssen die Kultusminister sich auch mit der Frage der Schulstruktur befassen. Dabei geht es nicht um eine Neuauflage der leidigen Gesamtschuldebatte der siebziger Jahre. Ein Schulmodell, das bei anspruchsvollen Eltern und Gymnasiallehrern nicht auf Gegenliebe stößt, ist zum Scheitern verurteilt. Nachdenken sollte man aber über eine längere gemeinsame Schulzeit, zum Beispiel durch eine Vorschulpflicht und eine Verlängerung der Grundschulzeit auf sechs Jahre. Wenn dann der Unterricht hohen Qualitätsmaßstäben genügt, profitieren leistungsstarke und schwächere Schüler.

Die Gleichrangigkeit von Leistungsförderung und sozialer Gerechtigkeit ist der Schlüssel zum Lernerfolg. Spitzenländer wie Finnland sind genau hier bereits weiter. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist die Pisa-Studie eine interessante Lektüre.

http://www.zeit.de/2004/49/01__leit_1_49neu  

06.12.04 22:46

95440 Postings, 6862 Tage Happy EndPisa ist schneller als Reformen

Studie kann Effekte von Veränderungen nicht berücksichtigen

Pisa ist schneller als die Schule: Die jeweils nächste Studie kommt, ehe die Reformen greifen können, die Bildungspolitiker nach der vorangegangenen Untersuchung eingeleitet hatten.

Berlin · 6. Dezember · An der zweiten Auflage des internationalen Schul-Leistungsvergleichs haben in Deutschland 4660 Schülerinnen und Schüler an 216 Schulen teilgenommen. Um zusätzlich die Datenbasis für einen Vergleich zwischen den Bundesländern zu schaffen, haben weitere 1200 Schulen jenseits des von der Organisation für internationale Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) gesteckten Rahmens mitgemacht. Die Länderstudie wird erst im September kommenden Jahres vorliegen.

Was Unterschiede zwischen Pisa I und Pisa II anlangt, haben die OECD-Fachleute allerhand Auf- und Abstiege in der Länderliste ermittelt: Polen machte in allen Kategorien einen Satz nach vorn. Die Tschechen, Belgier, Italiener und Deutschen kletterten in Teilbereichen. In Mexiko gab es umgekehrt die deutlichsten Punkteverluste, aber auch Österreich und Island schnitten um einiges schlechter ab als vor drei Jahren.

Bei Aussagen über die unmittelbare Wirksamkeit ihrer Erhebungen sind die Pisa-Autoren zurückhaltender als manche ihrer aufgeregten Interpreten. Das hat mit den Zeitabständen zu tun. Zwischen den Studien selbst liegen jeweils drei Jahre - zwischen der Veröffentlichung der Resultate und dem nächsten Test aber nur anderthalb. Ergo "beschreiben Veränderungen in den Messwerten nicht unbedingt Effekte von Maßnahmen, die zwischen den Erhebungszeiträumen ergriffen wurden", heißt es in der Studie.

Man kann es auch umgekehrt formulieren: Wenn auf einem Problemfeld (noch) keine nennenswerten Effekte zu registrieren sind, heißt das nicht unbedingt, dass keine oder die falschen Schritte eingeleitet wurden. Nach dem Schock der ersten Pisa-Zeugnisse hatten Bund und Länder den Ausbau von Ganztagsschulen forciert, die Spracherziehung aufgewertet und für die Kernfächer einheitliche Standards entwickelt - alles noch Projekte unvollendeter Nachhaltigkeit.


Leseschwäche unverändert

So kann es kaum überraschen, dass auch nach der neuen Studie bei den 15-Jährigen hierzulande die Lesefähigkeit weiter im argen liegt. Einen "substanziellen Kompetenzzuwachs" verzeichnen die Experten hingegen bei den Naturwissenschaften und in Teilbereichen der Mathematik.

Damit darf es nach Ansicht von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) keineswegs sein Bewenden haben. "Die Schüler in Deutschland brauchen einen besseren Unterricht, bessere Betreuung und eine bessere individuelle Förderung", sagte die SPD-Politikerin am Montag. Ein besonderes Armutszeugnis sei "die Vernachlässigung schwächerer Schüler". Für die fälligen Reformen biete der Bund den in erster Line zuständigen Ländern seine Unterstützung an.

http://www.fr-aktuell.de/ressorts/..._politik/nachrichten/?cnt=601704  

   Antwort einfügen - nach oben