PDS/Oskar-Showdown

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neuester Beitrag: 29.08.05 00:05
eröffnet am: 27.08.05 17:22 von: brokeboy Anzahl Beiträge: 8
neuester Beitrag: 29.08.05 00:05 von: kiiwii Leser gesamt: 823
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bewertet mit 2 Sternen

27.08.05 17:22
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2590 Postings, 5716 Tage brokeboyPDS/Oskar-Showdown

Habe vorher nur kurz, aber irgendwie doch viel zu lang reingezappt. Die Fusion der Volkskammer-Zombies mit den ewigen Verlierern der SPD scheint perfekt: hohe Ansprüche, Schulterklopfen, unbezahlbare Versprechen und nicht ausgetragene Konflikte. Im Vergleich zu der langatmigen Etablierung der Grünen, die Ewigkeiten brauchten, um ihre Flügelkämpfe zu klären (und damit wählbar wurden) geniesst die neue Linke einen -meiner Meinung nach illegitimen- Luxus: die tiefen ideologischen Differenzen zwischen linker ex-Spd-Basis, blutroten Altstalinisten, Ostalgikern und sonstigen Wirrköpfen mussten in der kurzen Zeit vor der Wahl nicht ausgetragen werden und werden somit auch nicht offenbar - dem Wähler präsentiert sich eine scheinbar geschlossene Partei, die intern jedoch alles andere als konform ist - ein böses Erwachen ist dabei garantiert, wenn z.B. die ersten westdeutschen Protestwähler merken, dass "ihre" neue Linke wesentlich von alten SED-Kadern dominiert wird.
Gruss BB

Von Armin Fuhrer, Berlin
Da sitzt er nun, der frühere SPD-Vorsitzende und empfindet das als ?historischen Moment?. Mitten auf dem Podium, zwischen all den Größen der in Linkspartei umbenannten SED, fühlt Oskar Lafontaine sich offenbar wohl. Eingerahmt von der blonden Ex-Miss-Bundestag Dagmar Enkelmann und der jungen Linksparteivizechefin Tanja Kipping, immer mal wieder im kurzen Plausch mit Gregor Gysi, der zwei Stühle weiter sitzt und ihn auf dem neuesten Wahlplakat entrückt von unten herauf anhimmelt.

?Deutschland ist eine neoliberale Diktatur?

Eben noch haben Lafontaines neue Mitstreiter wie Wahlkampfleiter Bodo Ramelow und andere Redner von Linkspartei und WASG gesprochen, haben Deutschland als ?menschenverachtendes Land? und ?neoliberale Diktatur? bezeichnet. Nun, nach der Mittagspause, ist Lafontaine dran. 30 Minuten lang wird er den Delegierten im Saal des Berliner Estrel-Hotels Oskars Welt erklären. Was die rund 350 anwesenden Delegierten hier, in Deutschlands größtem Hotel am Ende der Sonnenallee, erleben, ist weniger ein historischer Moment, als eher die dramatische Selbstentwürdigung eines Politikers ? obwohl sie vermutlich eher Lafontaines Interpretation des Augenblicks zustimmen.

Würdigung für Modrow

Kein Wunder, denn Lafontaine spricht ihnen aus der Seele, wenn er den Linkspartei-Ehrenvorsitzenden und seinen ?alten Partner? Hans Modrow als Vorkämpfer für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit feiert. ?Lieber Hans?, sagt der Mann, der 1990 Bundeskanzler werden wollte, ?ich habe schon bei unserem ersten Treffen Anfang der achtziger Jahre gespürt, dass du gegen die Verkrustungen in der DDR zu kämpfen versuchtest?. Man könne heute nicht Gorbatschow würdigen und Modrow das verwehren, findet Lafontaine. Das sichert ihm den Applaus zumindest der ostdeutschen Delegierten zu.

Historisch mag der Augenblick nun tatsächlich geworden sein, wenn auch anders, als Salonsozialist Lafontaine es gerne hätte. Sein Engagement gegen die Wiedervereinigung stellt sich jedenfalls in einem anderen Licht dar, wenn er die DDR schon seit Anfang der achtziger Jahr auf dem Weg zu Demokratie und Freiheit sah. Dass der letzte Ministerpräsident der DDR, der noch von den SED-Kadern bestimmt wurde, nach der Wende als Fälscher der Dresdner Kommunalwahl 1989 entlarvt wurde, möchte Lafontaine dann sicher auch gleich noch gewürdigt wissen.

Ein Gespenst in Deutschland

Deutschland sieht der SPD-Renegat auf dem ?neoliberalen Irrweg?. Die Wirtschaft bestimme die Programme der Parteien, der internationale Finanzmarkt gleiche einem Spielcasino, Rot-Grün sei eine ?Mitte-Rechts-Regierung?, der von der Wirtschaft benutzte Begriff Flexibilisierung bedeute Beseitigung des Kündigungsschutzes, Arbeiten rund um die Uhr und Niedriglöhne. Das alles drücke zudem die Geburtenrate in Deutschland. Doch nun gehe ein ?Gespenst um in Deutschland ? das Gespenst der neuen Linkspartei?. Und die stehe immer dort, wo die Schwachen seien.

?Kein Luxus-Linker?

Den Vorwurf, er versuche mit seinem Begriff Fremdarbeiter rechtsradikale Wähler zu erschließen, weist Lafontaine zurück. Lohndrücker seien ohnehin nicht billige ausländische Arbeitskräfte, sondern die Ausbeuter, die diese ins Land holten. Die ?Kampagne? gegen ihn sei ?Heuchelei?. Er lasse sich ?an dieser Stelle von niemanden meine Ehre beschneiden?. Ebenso weist er den Vorwurf zurück, er sei ein ?Luxus-Linker?. Der Zeitung ?Bild am Sonntag? droht er eine Gegendarstellung an, wenn sie weiterhin behaupte, er habe für die Teilnahme an einem Interview verlangt, mit einem Privatjet für 17 500 Euro von seinem Urlaubsort Mallorca nach Deutschland geflogen zu werden. Das Gegenteil sei der Fall, die Zeitung habe ihm das angeboten.

Die Delegierten bejubeln ihn nicht gerade, aber sie spenden fleißig Applaus. Auch in Gesprächen wird klar: Man ist nicht glücklich über seinen Lebensstil, der vielen im Saal unendlich elitär vorkommen muss. Laute Kritik daran gibt es in der alten Kaderpartei aber nicht. Die alten PDSler lieben Oskar Lafontaine nicht wirklich, aber sie akzeptieren ihn. Als Wahlkampflokomotive.  

27.08.05 17:23

2590 Postings, 5716 Tage brokeboysorry

...vorher in falschen thread gepostet.  

27.08.05 18:05
1

13475 Postings, 7748 Tage SchwarzerLordDas Zerfleischen hat schon begonnen.

Lafontaines Luxushaus mit illegalem Zaun, WASG gegen PDS, Ossis gegen Wessis, sinkende Umfragewerte - ein himmlischer Cocktail, der die Wahlchancen der Kommunisten weiter sinken läßt.

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"Wir machen keine Schulden, das haben wir immer klar gemacht, wir weichen nicht in Schulden aus.?
(Hans Eichel , 01.09.02, ARD-Sendung Christiansen)

"Wir machen keine unbezahlbaren Versprechungen, und wir rütteln nicht an den Kriterien des europäischen Stabilitätspaktes.?
(Gerhard Schröder am 19.06.2002 vor der Bundespressekonferenz in Berlin)


 

27.08.05 18:56

129861 Postings, 6153 Tage kiiwiiOscar: Gut gebräunt zum Sozialismus

SPIEGEL


Gut gebräunt zum Sozialismus

Von Carsten Volkery


An Selbstbewusstsein hat es Oskar Lafontaine noch nie gefehlt. Seinen Auftritt auf dem Parteitag der Linkspartei nannte der Spitzenkandidat ein "historisches Datum" in der Geschichte der Arbeiterbewegung. Der frühere SPD-Chef verteidigte sein Recht, ein Luxus-Linker zu sein, und forderte Respekt für alte SED-Kader.


Links-Duo Lafontaine und Gysi: "Wir predigen Wein"


Berlin - Oskar Lafontaine ist heute eleganter als gewöhnlich. Er trägt einen grauen Dreiteiler und eine silbrig schimmernde Krawatte. Er ist so herausgeputzt, weil er eine Attacke gegen seine Peiniger reiten will. "Ich trage einen Luxus-Anzug, eine Luxus-Krawatte. Luxus-Schuhe und ein Luxus-Unterhemd", ruft er in den Saal. "Ich bin mit einem Luxusflieger von Air Berlin von der Luxus-Insel Mallorca gekommen".


Lafontaine hat sich entschieden, offensiv mit der Kampagne der "Bild"-Zeitung umzugehen, die Fotos vom urlaubenden Lafontaine vor seinem Ferienhaus auf Mallorca gedruckt und ihn als "Luxus-Linken" bezeichnet hatte. "Mallorca", sagt der gut gebräunte Lafontaine voller Sarkasmus. "Das kann sich ja kein deutscher Arbeitnehmer leisten". Und einen Pool von zwölf Meter Länge habe er, das sei ja nicht zu fassen.


Das Parteitags-Publikum im Berliner Estrel-Hotel lacht und klatscht. Parteichef Lothar Bisky und Wahlkampfmanager Bodo Ramelow hatten bereits am Morgen den Delegierten erklärt, dass ein Linker nicht in Sack und Asche gehen müsse. Für einen "fröhlichen Sozialismus" hatte Ramelow geworben. Lafontaine sagt: "Ein Linker kann sich ruhig selbst etwas gönnen, dann kann er ab und zu auch anderen etwas gönnen". Gregor Gysi ergänzt später: "Wir predigen nicht Wasser und trinken selbst Wein. Wir predigen Wein".


Lafontaine: SED-Kader verdienen Respekt


Derartig eingenordet, verteidigen die meisten der 400 Delegierten den nicht unumstrittenen Spitzenkandidaten aus dem Westen. "Dass er sich ein Häuschen im Saarland leisten kann, ist doch ok", sagt der Berliner Günther Wardzinski, SED-Mitglied seit 1960. "Ich bin nicht dafür, dass alle gleich sind. Lafontaine war immerhin Minister". Doch es gibt auch Unbehagen, insbesondere mit Blick auf die öffentliche Wahrnehmung. "Es gibt schon eine innere Aversion dagegen, dass Lafontaine immer im Glanz stehen muss", sagt Manfred Kapluck, der sich als "alter Kommunist aus dem Westen" bezeichnet.


Doch der Saarländer schafft es wie immer, den Parteitag auf seine Seite zu bringen. Er tut dies vor allem mit einem Kotau vor dem Ehrenvorsitzenden der Linkspartei, Hans Modrow. Leute wie Modrow, der letzter SED-Regierungschef der DDR war, verdienten den "ihnen gebührenden Respekt". Es sei nicht einzusehen, warum Michael Gorbatschow heute hofiert werde, Reformer in der SED-Führung aber nicht. Für diese Passage gibt es den lautesten Applaus während der 40-minütigen Rede. Ansonsten bleibt der Applaus eher brav, Jubel kommt erst später beim Partei-Darling Gregor Gysi auf. Der wünscht sich "etwas mehr Lebendigkeit im Saal" und bekommt seinen Wunsch erfüllt.


Indirekt erinnert Lafontaine in seiner Rede an den Parteitag von 1946, als KPD und SPD im Osten zur SED unter Otto Grotewohl zwangsvereinigt wurden. Er sei stolz darauf, bei der "freiwilligen Vereinigung einer demokratischen sozialistischen Linken" dabei zu sein, sagt Lafontaine. Dass er als früherer SPD-Chef auf dem PDS-Parteitag spreche, sei ein "historisches Datum". Es entspricht Lafontaines überhöhtem Selbstbild, seinen eigenen Auftritt als geschichtliches Ereignis zu feiern. Er wolle sich nicht überhöhen, sagt er, aber er sehe die Rede schon auch "in der Geschichte der Arbeiterbewegung".


Partei der alten Männer und jungen Frauen


Dem Pathos entgegen steht die bewusst schlicht gehaltene Inszenierung. Nach der Mittagspause kommt Lafontaine beinahe unbemerkt auf die Bühne. Kein Heldeneinzug zu triumphaler Musik, wie bei Parteitagen sonst üblich. Er kommt einfach und setzt sich auf seinen Platz auf dem Podium. Eingerahmt wird er dort von zwei fotogenen rothaarigen jungen Frauen, eine davon ist die sächsische PDS-Kandidatin Katja Kipping. Neben Kipping folgt Gysi, dann wieder eine attraktive junge Frau. Die Linkspartei, so sieht es aus, vermarktet sich als Partei der alten Männer und jungen Frauen.


In seiner Rede präsentiert sich Lafontaine einmal mehr als Volkstribun. "Das Volk will sich die Politik wieder aneignen", ruft er. Als Beweise nennt er die Montagsdemos vom vergangenen Jahr und das Nein der Franzosen zur EU-Verfassung. Ein "historischer Einschnitt" sei das gewesen, tausende hätten auf der "Place de la Bastille" gefeiert. Er glaubt erkannt zu haben: "Mehr und mehr steht das Volk gegen die Neoliberalen auf". Der Träger dieses vermeintlichen Zeitgeistes, klar, ist Lafontaine. "Ja, ein Gespenst geht um, das Gespenst der Linkspartei", sagt er. Links sein, definiert Lafontaine, heiße, für die Schwächeren zu sein - und natürlich gegen die "Mitte-Rechts-Regierung" von Gerhard Schröder.


Ausführlich zitiert Lafontaine berühmte Dichter und Denker, vor allem französische. Von Rousseau über Camus bis Victor Hugo ist alles dabei. In die Niederungen des Wahlprogramms begibt er sich hingegen kaum. In der Wirtschaftspolitik fordert er den gesetzlichen Mindestlohn und die Regulierung der internationalen Finanzmärkte, in der Außenpolitik ein Ende deutscher Militäreinsätze. Zu der Frage allerdings, wie die kostspieligen Wahlversprechen des Linkspartei-Programms finanziert werden sollen, sagt er nichts.


Stattdessen äußert er sich lieber noch einmal zu den "Fremdarbeiter"-Vorwürfen. Seine Äußerung vor einigen Wochen, "Fremdarbeiter" nähmen deutschen Familienvätern die Arbeitsplätze weg, war wegen des ausländerfeindlichen Tenors in der PDS auf scharfe Kritik gestoßen. Lafontaine bezichtigt seine Kritiker einer "gigantischen Heuchelei". "Ich bin demokratischer Sozialist, ich bin Internationalist, und ich lasse mir von niemandem meine Ehre beschneiden".


An diesem Tag wird keine Kritik an Lafontaine laut. Die Angriffe gegen den Spitzenkandidaten haben eine gewisse Solidarisierung der Genossen bewirkt. Auch hat man sich inzwischen an das Projekt Linksbündnis gewöhnt. Die Sorgen über die Vereinigung der beiden unterschiedlichen Parteien PDS und WASG, die immer noch aussteht, werden in der Aussicht auf die vorhergesagten acht Prozent bei der Bundestagswahl erst einmal unterdrückt.


In Nordrhein-Westfalen etwa rechnet die PDS, die hier nur als "Die Linke" antritt, mit einem Ergebnis von fünf bis sechs Prozent - nach 2,2 Prozent für die WASG bei der Landtagswahl. Der Unterschied wird allein Lafontaine zugerechnet, der mit einem Schlag die PDS-Liste salonfähig gemacht hat.


Viele Wähler, so ein nordrheinwestfälischer Wahlkämpfer, wissen gar nicht, dass sich hinter der Linkspartei die PDS verbirgt. Und er fügt augenzwinkernd hinzu: "Hoffentlich finden es nicht allzuviele vor der Wahl heraus".



MfG
kiiwii
ariva.deWas hört man Neues von der SPD ?  

27.08.05 19:00

69017 Postings, 6166 Tage BarCodeTja kiiwii, gehört zur Vorbereitung...

Du weißt doch:

"unser Blut sei nicht mehr der Raben
und der nächt´gen Geier Fraß!
Erst wenn wir sie vertrieben haben,
dann scheint die Sonn' ohn' Unterlass"

Etwas vorgebräunt mindert die Gefahr des Sonnenbrandes, wenn es dann soweit ist...

 

Gruß BarCode

 

27.08.05 19:01

2590 Postings, 5716 Tage brokeboyübel

...interssant übrigens dass eine partei die sich noch vor 12 jahren als reine opposition verstand, also den anspruch, wirklich zu gestalten von vornerein abgab und somit zugab, dass sie gar nicht regieren können .... nun, mithilfe eines saarländischen märchenonkels wieder salonfähig wird.
die pds hat bisher in allen landtagen, wo sie regierungsbeteiligt war bewiesen, dass sie überhaupt nichts anders macht, zumindest nicht anders als die spd - mich würde mal interessieren, was die denn noch verwalten wollten, wenn man ihnen den finanziellen zugriff auf die erträge der erfolgreichen (w e i l schwarzen!) länder bayern, baden-württemberg und hessen verwehren würde.

in letzter konsequenz wollen sie vermutlich doch die weltrevolution - also übt schon mal, proleten aller länder.  

27.08.05 19:58
1

129861 Postings, 6153 Tage kiiwiiP. 5: Gut, dann müssen wir was ändern:

"Und wenn die liebe Sonne lacht, dann hat's die PDS gemacht"


MfG
kiiwii
ariva.de  

29.08.05 00:05

129861 Postings, 6153 Tage kiiwii"Das Gespenst Lafontaine"

FOCUS

Das Gespenst Lafontaine


Allgegenwärtiger Lafontaine

                    §
| 28.08.05 |
Die Grünen verlieren ausgerechnet im Berliner Multi-Kulti-Bezirk Kreuzberg die Bindung an ihre alternative Klientel.


Von Armin Fuhrer


Christian Ströbele hat es nicht leicht an diesem Sonntagmittag. Mal lächelt er gequält, mal verzieht er das Gesicht, mal blickt er empört auf das Publikum hinunter. Der grüne Bundestagsabgeordnete ist zu Gast bei Dr. Seltsam, einer Szene-Größe in Kreuzberg, der seinen Gästen Woche für Woche seine Sicht der Welt erklärt. Eine Art politisches Kabarett, eine feste Größe im prallen Veranstaltungskalender der linken Kreuzberger Szene. Eigentlich ein Heimspiel für den Grünen. 2002 gewann er hier das erste Direktmandat für die Partei überhaupt. Mit 31,6 Prozent ließ er die PDS hinter sich, die in der anderen Hälfte des Wahlbezirks stark ist. Friedrichshain-Kreuzberg ist einer von zwei Ost-West-Wahlkreisen in der Hauptstadt.


Gemüseschlacht zwischen Ost und West


Die kulturelle Trennung zwischen spießigem PDS-Milieu und Multi-Kulti-Gewimmel war immer klar und manifestiert sich in der alljährlich im September stattfindenden Gemüseschlacht auf der Oberbaumbrücke, die beide Teile des Bezirks trennt. Dann treffen sich Ossis und Wessis und bewerfen sich mit Tomaten und Salatköpfen. So zeigt man sich die gegenseitige Abneigung in einer Art Volksfest, ohne dass noch die Fäuste fliegen wie in früheren Jahren. Dabei haben beide durchaus ähnliche Probleme, vor allem die hohe Arbeitslosigkeit von jeweils rund 25 Prozent.


?Reformpolitik der Regierung ist falsch?


Doch die Linkspartei macht alles anders. Das bekommt Christian Ströbele im Cafe ?Max und Moritz? zu spüren. Hier, wo um die Ecke jedes Jahr am 1. Mai Steine fliegen und Autos brennen, sitzt ein Gespenst mitten unter den Leuten: Oskar Lafontaine. Konnte sich der Urgrüne Ströbele, der Kriegsgegner und Ex-Terroristen-Verteidiger, 2002 noch unter Seinesgleichen fühlen, so schlägt ihm jetzt Aggression, ja fast schon Hass entgegen.


Hartz IV ist das Stichwort, auf das die alternative Klientel reagiert wie Strom: auf Wasser: Es blitzt und funkt und die Haare stehen ihr zu Berge. Hilflos versucht Ströbele, sich von der rot-grünen Regierung und der eigenen Partei abzusetzen. ?Dass die Reformpolitik der Regierung falsch ist, wusste ich schon vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen?, sagt er. Gelächter ist die Antwort.


?Die Pest für die Grünen?


Ströbele fordert Beschäftigungsprogramme in zweistelliger Milliardenhöhe, findet die Arbeitsmarktreformen ungerecht und will die Regelsätze für das Arbeitslosengeld II anheben. Alles nutzt nichts, die Leute haben mit Lafontaine längst ihren neuen Heilsbringer gefunden. ?Deine Sprüche hören wir jetzt seit 20 Jahren? schallt es ihm entgegen. ?Eure Politik ist menschenverachtend?, ruft eine Frau und ein Mann wünscht ?den Grünen die Pest an den Hals?.


Abgekühlte Beziehung


Der Faden zwischen Kreuzbergs alternativer Szene und ihrem einstigen Star Ströbele scheint abgerissen. ?Die WASG ist die einzige Partei, die sich für mehr Arbeit und mehr Geld einsetzt?, sagt eine Frau. Die WASG, nicht die Linkspartei ? der Ausspruch zeigt, dass zumindest im alternativen Kreuzberg das Kalkül der in Linkspartei umgetauften PDS ? die WASG als Steigbügelhalter für den Aufbau West zu nutzen ? aufgeht.


Stille im Saal


Verzweifelt kämpft Ströbele gegen das Gespenst aus dem Saarland. ?Mir war bislang nicht klar, dass er ein Vorkämpfer der Linken ist?, sagt er und blickt nach oben zu den Jugendstilverzierungen an der Decke des Saals. Lafontaine habe früher gegen Bürgerrechte und Asylbewerber gekämpft. Und wenn er als SPD-Vorsitzender 1999 gegen die Teilnahme Deutschlands am Krieg gegen Serbien sein Wort erhoben hätte, ?wäre Deutschland nicht dabei gewesen?. Vor drei Jahren hätte es dafür Applaus gegeben. Heute ist die Stille im Saal tosend.


Einmal blüht Christian Ströbele noch auf: als er von alten Kämpfen in Brokdorf, einer der Geburtsorte der Grünen, erzählt. Doch das sind in den Ohren der aufgeheizten Zuhörer Geschichten aus einer anderen Zeit. Die Zukunft ist für sie nicht mehr grün, sondern rot.


MfG
kiiwii
ariva.de  

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