Nur 48 Stunden

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Nur 48 Stunden - und ein paar Millionen Euro
Dienstag 13. Juli 2004, 08:35 Uhr



Die Gier hat die Angst abgelöst. Deutschlands Investmentbanker bekommen wieder unmoralische Angebote ? eine Fallstudie.

FRANKFURT. Die Uhr tickt. Nur 48 Stunden haben Allianz-Vorstand Paul Achleitner und Andrew Pisker, der oberste Investmentbanker der Allianz-Tochter Dresdner Bank, Zeit, um einen Großangriff abzuwehren. Spät am Montag, es ist der 28. Juni, erfahren die beiden Vorstände, dass mindestens 30 ihrer deutschen Investmentbanker ein Angebot des Konkurrenten Credit Suisse First Boston (CSFB) auf dem Tisch haben. Eine Verteidigungsstrategie muss her, und zwar schnell; denn schon zwei Tage später um Mitternacht, Anzeige

pünktlich zum Quartalsende, läuft die Frist ab. Bis dahin müssten die Abtrünnigen ihre neuen Verträge unterschrieben haben.

Wen lässt man ziehen, wen will man halten? Und was muss man dafür bieten? Wenn CSFB mit dem Großangriff auf den kleineren Konkurrenten durchkäme, wären für Dresdner Kleinwort Wasserstein (DrKW) lange Monate der Aufbauarbeit verloren, die Investmentbank wäre zumindest im Deutschlandgeschäft erst einmal gelähmt. Eine heikle Mission für Pisker, den charismatischen DrKW-Chef, der ein wenig aussieht wie der Schauspieler Pierce Brosnan, Darsteller des Superagenten James Bond. Aber auch für den Angreifer, für Marco Illy, der das Investment-Banking des Schweizer Bankriesen Credit Suisse in Deutschland auf ganz neue Beine stellen soll, steht viel auf dem Spiel.

?Die meisten Banken haben für solche Abwehrschlachten fertige Drehbücher in der Schublade?, erläutert Claes Smith-Solbakken. Er arbeitet als Headhunter in Frankfurt. ?Stundenlang werden die Wankelmütigen bearbeitet, zuerst von ihren Vorgesetzten, dann kommen die Chefs aus London oder New York?, erzählt Smith-Solbakken. ?Stabilisieren? nennt man das im Jargon der Kopfjäger. Dann sind plötzlich Dinge möglich, die vorher unmöglich schienen. Beförderungen, Gehaltserhöhungen, Statussymbole.

Glaubt man dem Headhunter, dann werden immer mehr Investmentbanken gerade in Deutschland ihre Abwehrdrehbücher aus der Schublade holen müssen. Vergessen scheint die tiefe Krise nach dem Platzen der Börsenblase, als Hunderttausende Banker in New York, London und Frankfurt ihren Job verloren. Kaum springt das Geschäft an, da fließen bei Abwerbeversuchen wieder Millionengagen, garantiert über mehrere Jahre.

Im ewigen Zyklus aus Angst und Gier, der die Branche regiert, stehen die Zeichen wieder auf Gier. Erst vor wenigen Wochen hat der Angreifer CSFB in Frankfurt selbst ein ganzes Team an den Konkurrenten Barclays verloren. ?Jeder ist käuflich, wenn die Summe nur hoch genug ist?, meint Helmuth Uder von der Beratungsgesellschaft Towers Perrin. Er rechnet damit, dass die Gehälter der Banker in den kommenden zwei Jahren um 15 bis 20 Prozent steigen werden, dann hätten sie wieder das Niveau der Boomzeiten erreicht.

36 Stunden später, am Mittwochmittag, steht die Abwehrstrategie von DrKW. Das nervenzehrende Poker geht in die entscheidende Phase. Es geht um sehr viel Know-how und um noch mehr Geld. Einem der umworbenen Banker habe CSFB 1,7 Millionen Euro geboten, mehr als das Doppelte seines bisherigen Gehaltes, heißt es aus DrKW-Kreisen. Auf der Einkaufsliste von Illy stehen Spitzenkräfte wie Martin Korbmacher, Vizechef der wichtigen Sparte Kapitalmärkte, und Achim Schäcker, zuständig für Aktienplatzierungen. Zuletzt arbeitete der Banker mit der Statur eines Schwergewichtsboxers am milliardenschweren Börsengang der Postbank mit, wenn auch nur in der zweiten Reihe.

Um 15 Uhr am Nachmittag beginnen die entscheidenden Sitzungen. Allianz-Vorstand Achleitner hat sich auf den Weg nach Frankfurt gemacht, Pisker ist per Telefon aus London zugeschaltet. Achleitner war lange für das Deutschland-Geschäft von Goldman Sachs verantwortlich. ?Man kann sich nur einmal im Leben als Söldner verkaufen?, beschwört er seine Mannschaft. Die Wankelmütigen sollten sich genau überlegen, ob jetzt der richtige Zeitpunkt dafür sei.

Für Headhunter Smith-Solbakken ist es kein Zufall, dass sich ausgerechnet der deutsche Markt zum Schlachtfeld für groß angelegte Abwerbeversuche entwickelt. ?Deutschland ist wieder en vogue?, sagt er. Quasi alle großen Investmentbanken haben Deutschland trotz chronischer Konjunkturschwäche zu ?einem der interessantesten Wachstumsmärkte? ausgerufen. ?Im Moment gibt es einen regelrechten Engpass?, berichtet der Headhunter. ?Die Banken bieten mehr offene Stellen, als es gute Leute gibt, so jagen alle hinter denselben Kräften her.?

Ein altgedienter Frankfurter Investmentbanker sieht das etwas skeptischer. ?Natürlich ist Deutschland attraktiv, weil der Markt noch immer einen enormen Nachholbedarf hat.? Aber den gebe es seit Jahrzehnten, und bislang lasse der große Sprung nach vorne auf sich warten. ?Wer hier Erfolg haben will, der braucht einen sehr langen Atem?, meint der Banker. Und den hätten nicht viele Häuser bewiesen.

CSFB-Mann Illy betont, dass er Geduld mitgebracht hat: ?In der Schweiz hat es sieben Jahre gedauert, unser Geschäftsmodell aufzubauen. Was wir hier machen, hat nichts mit irgendwelchen Zyklen zu tun, wir wollen langfristig eine starke Präsenz etablieren.?

Mittwochmitternacht, die Schlacht ist vorbei. Zehn von 30 Bankern werden zu CSFB wechseln. ?Im Schnitt lässt sich nur jeder fünfte Abtrünnige umdrehen, das war eine sehr gute Leistung von Achleitner und Pisker?, lobt Headhunter Smith-Solbakken. ?Wir konnten fast alle halten, die wir halten wollten?, freut sich ein DrKW-Mann. Aber eben nur fast alle.

Die Top-Kräfte Korbmacher und Schäcker nehmen das Angebot des Konkurrenten an. Zu den zehn Bankern, die Illy bei DrKW abgeworben hat, kommen vier anderer Wettbewerber. Insgesamt lässt sich Credit Suisse die 14 Neuerwerbungen zehn bis 15 Millionen Euro im Jahr kosten. Und welche Halteprämien musste DrKW zahlen? ?Natürlich war das nicht umsonst, aber wir haben keinen Rucksack voller Geld ausgeschüttet?, heißt es bei der Dresdner.

?Achleitner war sehr überzeugend, hat Perspektiven aufgezeigt und Änderungen versprochen?, erinnert sich einer, der dabei war. Vielleicht aber ? wird in der Branche spekuliert ? haben sich die Banker auch nur überlegt, dass sie auf Dauer bei DrKW einen noch besseren Schnitt machen werden. Denn die Allianz könnte ihre Investmenttochter ab nächstem Jahr verkaufen oder an die Börse bringen. Und schließlich werden die Banker zu einem Gutteil mit Aktien und Optionen bezahlt.




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