Noch ein vergessener Völkermord

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neuester Beitrag: 09.02.05 16:24
eröffnet am: 09.02.05 10:30 von: Karlchen_I Anzahl Beiträge: 10
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09.02.05 10:30

21799 Postings, 7490 Tage Karlchen_INoch ein vergessener Völkermord

 

Leopold II., von 1865 bis 1909 König von Belgien, machte Brüssel zu einer europäischen Großstadt. Er ließ Gärten und Parks anlegen, Paläste und Prachtboulevards erbauen. Kein Monument, kein Schloss, auch nicht das nach dem Vorbild von Versailles entstandene "Musée Royale L'Afrique Centrale" in Tervuren verrät jedoch, dass der Monarch es einst mit der Versklavung und dem Blut von Millionen Afrikanern finanzierte. Im Kongo errichtete der feudale Despot ein Kolonialregime und beutete das Land skrupellos aus. Seine Profitgier kostete fünf bis acht Millionen Kongolesen das Leben. Nach außen gerierte sich Leopold II. dagegen als Philanthrop. Zählebig hat sich dieses schmeichelhafte Selbstbild im letzten Kolonialmuseum der Welt gehalten, in dem der König die ethnologischen und naturwissenschaftlichen Schätze "seines" Kongo horten ließ. Hier blickt ein wohlwollender Monarch gütig auf seine Schützlinge hinab. Noch immer ist Leopold II. für viele Belgier eine Lichtgestalt. Doch das könnte sich schon bald ändern.

 

 

Belgien rollt sein koloniales Erbe neu auf

"Leopold II. ist ein Massenmörder. Die Beweise liegen vor, das Bild vom gütigen König ist gefälscht worden. Nach 80 Jahren ist es endlich an der Zeit zu sagen: Wir haben euch belogen die Wahrheit sieht anders aus", meint der Dokumentarfilmer Paul Pauwels. Der Vorsitzende des "European Documentary Network" arbeitet derzeit an einem aufwändig in Koproduktion mit der BBC gedrehten Dokumentarfilm, der Zeugnis über die belgischen Verbrechen im ehemaligen Kongo-Freistaat ablegt und den Folgen des kolonialen Erbes in der heutigen Bürgerkriegsregion nachspürt.

Auch im "Musée Royale L'Afrique Centrale" in Tervuren denkt man seit dem Amtsantritt von Direktor Guido Gryseels über eine Neugestaltung des Hauses nach. Hier soll die Kolonial-Geschichte nicht länger beschönigt werden. "Wir haben das Image eines Kolonialmuseums entwickelt, das lange ausgenutzt wurde, um für die belgische Präsenz in Afrika Propaganda zu machen. Wir werden bis heute als letztes Kolonialmuseum angesehen und brauchen daher zwingend und drastisch eine Renovierung", sagt Guido Gryseels. Für das kommende Jahr plant er eine große, kritische Ausstellung zur Geschichte der Kolonialzeit, längerfristig will er die gesamte beeindruckende Sammlung neu präsentieren.

Nicht erst seit heute hat Belgien begonnen, sein koloniales Erbe neu aufzurollen. Es waren vor allem zwei Publikationen, die die Debatte Ende der 1990er Jahre angestoßen hatten: Während der Löwener Soziologe Ludo de Witte in seinem Buch "Regierungsauftrag Mord" die Mittäterschaft des belgischen Staates an der Ermordung Patrice Lumumbas enthüllte, beschrieb der amerikanische Publizist Adam Hochschild in "Schatten über dem Kongo" schonungslos den Genozid an Millionen Menschen in Leopolds "Kongo-Freistaat". Zusätzliche Nahrung erhielt die Diskussion über Kolonialismus und Entkolonialisierung in Belgien durch die aktuelle Entwicklung im Kongo. Das Gebiet der Demokratischen Republik Kongo zählt zu den kriegerischsten der Welt. In der Kolonialzeit wurzeln nicht alle, aber viele Konflikte der Gegenwart. "Das Chaos und die totale Abwesenheit von Entwicklung hat natürlich etwas mit der Vergangenheit zu tun. Das Land ist schließlich über mehrere Jahrhunderte ausgebeutet worden", sagt die Kongo-Spezialistin Colette Braeckman. Als besonders schwere Hypothek erweise sich, dass unter Leopold II. mit einem ausgeklügelten Bestrafungssystem und perfiden ethnischen Hierarchien die Kongolesen gegeneinander aufgewiegelt worden waren. "Die ethnische Zugehörigkeit wurde von Beginn an als Mittel zur Spaltung eingesetzt, um besser herrschen zu können. Die Kolonisatoren haben die Ethnien festgeschrieben, und bis heute wird darauf zurückgegriffen, um neue Kriege zu beginnen und den Kongo zu destabilisieren." In ihrem gerade erschienenen Buch "Terreur africaine" hat die Journalistin der Brüsseler Zeitung "Le Soir" diese Mechanismen eindrucksvoll analysiert.

 

Zur Geschichte des Kongo

Die Berliner Kongo-Konferenz von 1884, auf der die europäischen Großmächte Afrika unter sich aufteilten, läutete die Kolonialisierung des Kontinents ein. Das Gebiet des Kongo wurde Belgien zuerkannt. Leopold II. beutete fortan das an Bodenschätzen reiche Land und seine Menschen skrupellos aus. Wer sein Soll beim Kautschuksammeln nicht erfüllte, wurde erschossen. Zum Beweis, dass die Munition "sachgerecht" verwendet wurde, musste eine abgeschnittene Hand abgeliefert werden. Als der britische Mitarbeiter einer Kongo-Reederei, Edmund Dene Morel, den blutigen Machenschaften auf die Spur kam und eine weltweite Kampagne initiierte, verkaufte Leopold II. auf internationalen Druck den "Kongo-Freistaat" 1908 an den belgischen Staat.

1960 entließ Belgien seine Kolonie völlig unvorbereitet und in chaotischem Zustand in die Unabhängigkeit. Nach nur wenigen Monaten im Amt wurde der Nationalist und Befreiungsheld Patrice Lumumba im Januar 1961 ermordet. Er hatte es gewagt, dem belgischen König Baudouin die Verbrechen der Kolonialherrschaft vorzuwerfen, und zugleich die Verstaatlichung der florierenden Bergbauindustrie angekündigt. Belgische Offiziere kommandierten sein Hinrichtungskommando. Der für den CIA arbeitende Generalstabschef Mobutu, der mit Hilfe seiner wiederum von belgischen Offizieren kommandierten Söldnertruppen 1965 an die Macht kam, betrachtete das Land als seinen Privatbesitz wie einst Leopold II.. Erst nach dem Ende des Kalten Krieges begann der Stern Mobutus im Westen zu sinken. Mit Unterstützung des CIA sowie der Nachbarn Ruanda und Uganda gelangte 1997 der Rebellenführer Laurent Kabila an die Macht. Nahtlos knüpfte er an die kleptokratische Herrschaft seines Vorgängers an. Der Konflikt zwischen Rebellen, Nachbarstaaten und der kongolesischer Regierung um Rohstoffe trat offen zutage. Als sich in Ostkongo Widerstand gegen den Präsidenten formierte, kam es 1998 zum Bürgerkrieg. Kurz nach der Ermordung Kabilas im Januar 2001 übernahm sein Sohn Joseph Kabila das Präsidentenamt. Durch einen 2002 unterzeichneten Friedensvertrag schien sich die Lage zu beruhigen. Im Februar dieses Jahres brachen die Kämpfe jedoch erneut aus. Um den Grausamkeiten an der schutzlosen Zivilbevölkerung ein Ende zu setzen, wurden europäische Eingreiftruppen entsandt.

 

Buchtipps

    Joseph Conrad: Herz der Finsternis
    Serie Piper Bd. 2498, 1998
    ISBN: 3-492-22498-9, Preis: 7,90 Euro

    Arthur C. Doyle: Das Congoverbrechen
    Hrsg. v. Curt Demarest
    EVA Taschenbücher Bd. 51
    ISBN: 3-434-46051-9, Preis: 8,20 Euro

    Adam Hochschild: Schatten über dem Kongo.
    Die Geschichte eines fast vergessenen Menschheitsverbrechens

    rororo Taschenbücher Nr. 61312, 2002
    ISBN: 3-499-61312-3, Preis: 12,90 Euro

    Ludo de Witte: Regierungsauftrag Mord.
    Der Tod Lumumbas und die Kongo-Krise

    Forum Verlag Leipzig 2001
    ISBN: 3-931801-09-8, Preis: 21,37 Euro

    Michaela Wrong: Auf den Spuren von Mr. Kurtz.
    Mobutus Aufstieg und Kongos Fall

    Bittermann 2002
    ISBN: 3-89320-058-4, Preis: 19 Euro
 
Angehängte Grafik:
kongo1.jpg
kongo1.jpg

09.02.05 10:36

10873 Postings, 7309 Tage DeathBullEs fehlt noch Conan der Barbar

*g* oder war das ein Lieber?  

09.02.05 10:40

24466 Postings, 5724 Tage EinsamerSamariter@Deathbull

Conan war kein Lieber, Conan ist Schwarzenegger ;-))) Und der ist Governeur in Kalifornien... und der kann "JA" zur Todesstrafe sagen!

Oben fehlen eher die Teletubbies... Oder sind die lieb? Die trampeln täglich über Wiesen und killen tausende von fleissigen Ameisen... Dem Hundestaubsauger geben die immer nur Müll zu fressen und nie machen die die Türe zu, wenn die ins Haus stolpern... Die lassen einen auf Energieverbrauch sausen... Den schenkt der Sender Veluxfenster und die lassen die immer auf...

*brabbel*

...be invested
Der Einsame Samariter

 

09.02.05 10:43

21799 Postings, 7490 Tage Karlchen_INe ne...

Ich habe das deshalb hier reingestellt, weil die Belgier zu erheblichen Teilen ihren Leo II immer noch bewundern und eine kritische Aufarbeitung ihrer Geschichte kaum in Gang gekommen ist.

Liegt wohl auch daran, dass sie dann zugeben müssten, dass ihre Monarchie nicht so strahlend ist, sondern dass da auch ein Massenmörder drinsteckt. Deshalb wird lieber verdrängt.  

09.02.05 10:46

59073 Postings, 7127 Tage zombi17In der Steinzeit war die Welt noch in Ordnung

09.02.05 10:57

10873 Postings, 7309 Tage DeathBullaha, darum also sind die Dinos ausgestorben

09.02.05 13:43

13475 Postings, 7637 Tage SchwarzerLordWo sind die Spendenaufrufe für den Kongo?

Was unternimmt die UNO, wo bleiben die Gelder, wie schützt die Völkergemeinschaft vor dem Morden? Und wo ist unser Außenminister, was sagt er zu den Vorgängen im Kongo, fliegt er dort auch mal hin?  

09.02.05 13:47

95440 Postings, 7087 Tage Happy EndWo ist Dein Gehirn?

09.02.05 16:07

8011 Postings, 6291 Tage RigomaxKarlchen, wie war das noch mit dem Relativieren? o. T.

09.02.05 16:24

21799 Postings, 7490 Tage Karlchen_IHä? o. T.

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