Nervenkrieg in der Todeszelle

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HANDELSBLATT, Dienstag, 19. Dezember 2006, 08:50 Uhr
Krankenschwestern verurteilt

Nervenkrieg in der Todeszelle

Von Pierre Heumann

Die Geschichte ist traurig und bizarr zugleich: In Lybien wurden vor Jahren bulgarische Krankenschwestern zum Tode verurteilt, weil sie hunderte Kinder mit HIV infiziert haben sollen. Für diese Woche wird ein endgültiges Urteil erwartet ? die eindeutige Beweislage zu Gunsten der Frauen wird jedoch ignoriert.


TEL AVIV. Es ist eine bizarre Geschichte voller orientalischer Verschwörungstheorien. Es ist eine tragische Geschichte über gutgläubige Krankenschwestern aus Osteuropa, die unschuldig in die Todeszelle eines nordafrikanischen Schurkenstaates geraten, und 400 Kinder, die mit dem Aids-Virus angesteckt werden. Viele sterben oder werden in den besten Kinderhospitälern Europas behandelt.

Das Ende der Geschichte wird voraussichtlich diese Woche geschrieben, wenn ein Gericht in Tripolis sein Urteil verkündet. Den Angeklagten, einem palästinensischen Arzt und fünf bulgarischen Krankenschwestern, droht die Todesstrafe.

Das Drama beginnt im November 1998. Die libysche Zeitung ?La? schlägt Alarm: ?Im Fatih-Kinderkrankenhaus von Bengasi häufen sich die Aids-Fälle.? 50 HIV-infizierte Patienten werden gezählt, einige Kinder sind schon tot. In Bengasi, einer Industriestadt 1 000 Kilometer von Tripolis entfernt, macht sich Panik breit.

Das Aids-Drama wird zum größten politischen Problem von Revolutionsführer Muammar el-Gaddafi. Die betroffenen Eltern klagen gegen den Chefarzt des Spitals und den regionalen Gesundheitsminister. Als sich die Epidemie nicht mehr verheimlichen lässt, geht das Regime in die Offensive. Es schließt die Zeitung ?La?, die es wagte, den Ruf des Landes zu besudeln. Dann lässt es das Gerücht verbreiten, die Aids-Patienten seien das Opfer einer ausländischen Verschwörung gegen Libyen.

Dutzendweise werden medizinische Gastarbeiter verhaftet ? Polen, Philippiner, Ägypter, Palästinenser, Bulgaren. Weil die bulgarischen Diplomaten weniger clever agieren als die Kollegen aus Kairo oder Warschau, bleiben am Ende bloß Bulgarinnen hinter Gittern, zusammen mit einem palästinensischen Arzt.

Der Vorwurf gegen die Gastarbeiter, die kurz vor Weihnachten 1998 festgenommen werden und seither im Gefängnis sind, ist monströs: Massenmord mit der Spritze. Sie sollen mehr als 400 Kinder vorsätzlich mit dem Aids-Virus infiziert haben.

Um das Geständnis zu erpressen, werden sie vergewaltigt und gefoltert. Nach einem grotesken Schauprozess werden sie zum Tod verurteilt. Das Gericht stützt sich auf das Geständnis einer Krankenschwester, das diese später aber widerruft. Schon bald stellt sich heraus: Nicht Ausländer, sondern libysche Mediziner und Gesundheitspolitiker haben die Tragödie zu verantworten. Für ausländische Experten ist es ein klarer Fall: Die Ansteckung mit dem Aids-Virus ist hausgemacht. Da es im Spital zu wenig Spritzen gibt, werden sie mehrere Male eingesetzt.

Auf westlichen Druck wurde im vergangenen Jahr das Todesurteil zwar kassiert und der Fall an ein Kriminalgericht überwiesen. Doch auch beim neuen Prozess gibt es keine Fairness. Die Verteidigung wird kaum angehört und ihr Gesuch, eine neue Untersuchung über die Ursachen der Infektion durchzuführen, abgelehnt. Das Know-how internationaler Fachleute, das die Unschuld der Angeklagten offen legt, wird nicht anerkannt. Es gebe keine schriftlichen Beweise für die Wiederverwendung von Spritzen im Bengasi-Spital, weisen libysche Juristen den Bericht von anerkannten Experten zurück ? darunter Luc Montagnier, der Mann, der das Aids-Virus entdeckt hat.

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Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Die bulgarischen Krankenschwestern hatten keine physische Möglichkeit, so ein Verbrechen zu begehen?

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Dabei spricht alles für die Unschuld der Angeklagten. Sie treffen erst im Februar 1998 in Libyen ein, zu einem Zeitpunkt, als bereits viele kleine Patienten seit Monaten aidskrank sind. ?Die bulgarischen Krankenschwestern hatten keine physische Möglichkeit, so ein Verbrechen zu begehen?, sagt deshalb der Verteidiger der Bulgarinnen. Auch der Spezialist Luc Perrin, Professor für klinische Virologie in Genf, der viele der infizierten Kinder behandelte, ist von der Unschuld der Bulgarinnen und des palästinensischen Arztes überzeugt: ?Ich kann mit Sicherheit feststellen, dass die HIV-Ansteckung vor September 1997 erfolgte.?

Für das Regime in Libyen steht viel auf dem Spiel. Der Prozess gegen die Ausländer soll von skandalösen Verfehlungen hoher libyscher Politiker ablenken. Gaddafi, argwöhnt der Dokumentarfilmer Mickey Grant, der den Fall recherchiert hat, könnte gar einen Korruptionsskandal verdecken wollen. Es sei möglich, dass saubere Spritzen nicht ins Spital gelangten, sondern von Politikern auf dem Schwarzmarkt verhökert wurden.

Das Regime ließ gleich nach der Verhaftung der Bulgarinnen verbreiten, die Frauen hätten ?enge Beziehungen? zu führenden libyschen Ärzten gehabt und dabei ihren Einfluss missbraucht, sie hätten in aller Öffentlichkeit Schnaps getrunken und sich am Schwarzmarkt bereichert. Zudem hätten einige Israel besucht, was sie besonders suspekt mache.

Im April 2001 berichtet Gaddafi den Delegierten einer internationalen Aids-Konferenz in Nigeria, die CIA hätte das Aids-Virus hergestellt und die Krankenschwestern beauftragt, damit zu experimentieren.

Gaddafi erhebt die Vorwürfe wider besseres Wissen. Ein Jahr vor seinem Auftritt hatten libysche Diplomaten einen Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erhalten, der alle Zweifel an der Schuld der Ausländer ausräumt. Die Verantwortung für die Aids-Epidemie am Kinderspital von Bengasi trägt demnach ausschließlich Libyen. Die WHO-Experten hatten bei ihrem Besuch in der Klinik horrende Zustände vorgefunden. Blut wurde nicht auf Aids untersucht, es gab zu wenig Spritzen, das Hospital war schmutzig. Für die libysche Regierung ist das Resultat so niederschmetternd, dass sie von der WHO verlangt, den Bericht vertraulich zu behandeln. Mittlerweile setzen sich westliche Politiker und Publizisten für die Häftlinge von Bengasi ein, und der Druck auf den Diktator wächst. Paris würde Gaddafi gerne Kampfflugzeuge verkaufen und ihn in den Präsidentenpalast einladen. Doch vorher müsse die Sache mit den Krankenschwestern geklärt sein, mahnt Frankreich.

Doch es geht nicht nur um Gerechtigkeit und Diplomatie. Die Rechtsanwälte der Eltern fordern für jedes der rund 400 aidskranken Kinder eine Entschädigung von zwölf Millionen Dollar, insgesamt 4,8 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Drittel der Staatsausgaben in Libyen.

Sollte Libyen die Angeklagten nicht freisprechen, würde sich das Land einen großen Schaden zufügen, meint der Aids-Spezialist Robin Weiss vom University College in London. Sollten die medizinischen Gastarbeiter in Libyen hingerichtet werden, meint er, wäre wohl keiner mehr bereit, in diesem Land zu arbeiten.


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