Mit Shrimps und Kaviar

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eröffnet am: 24.08.05 10:00 von: bammie Anzahl Beiträge: 2
neuester Beitrag: 24.08.05 10:44 von: danjelshake Leser gesamt: 513
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24.08.05 10:00

8970 Postings, 6213 Tage bammieMit Shrimps und Kaviar

Jedes Jahr bilden sich Zehntausende Arbeitnehmervertreter auf Kosten ihrer Arbeitgeber fort - und genießen mitunter Luxusseminare und lukrative Bonusmeilenprogramme.

Jürgen Natus weiß, was Betriebsräte wünschen. Als ehemaliger Arbeitnehmervertreter im Baustoffimperium Rigips kennt er den harten Alltag seiner Ex-Kollegen. Jedes Jahr geht's auf Kosten der Arbeitgeber zur Schulung, meist in "stinklangweiligen Business-Hotels".

Natus hat sich deshalb etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Seine Firma bietet Betriebsratsfortbildung der Luxusklasse. "Einmalig sind unsere Seminare auf einem Segelschiff in Holland", schwärmt er auf seiner Internet-Seite, "wir segeln durch das holländische Wattenmeer zu den holländischen Inseln."

Begleitet von einem Arbeitsrichter und einem Diplompsychologen bleiben auf der 36 Meter langen "Poseidon" keine Wünsche offen. Fünf Übernachtungen in gediegenen Einzelkabinen und "Vollpension à la Segeln & Schlemmen" sorgten in der ersten Augustwoche für zufriedene Teilnehmer des Kurses "Die sichere Rede - Rhetorik für Betriebs- und Personalräte".

Die Bordküche gilt als besonderes Highlight. Das Spektrum des Kochs reicht von Krokant-Parfait über Spaghetti mit Lachs, Shrimps und Kaviar bis hin zum Zanderfilet mit Estragon-Limetten-Sauce.

Manche Betriebsräte lassen sich offenbar gern verwöhnen - und den Unternehmen ist deren Wohlergehen einiges wert. Doch seit die Lustreisen bei Volkswagen aufflogen und die großzügigen Bonusregelungen bei der Commerzbank bekannt wurden, sind die Privilegien der Arbeitnehmervertreter ins Gerede gekommen.

"Das derzeitige System lädt geradezu ein zur Vorteilsgewährung", polterte vergangene Woche CDU-Finanzexperte Friedrich Merz. Er möchte die Kosten der Betriebsräte am liebsten durch die Arbeitnehmer statt durch die Arbeitgeber finanzieren.

Jedes Jahr reisen in Deutschland zum Beispiel Zehntausende Betriebsräte zu Fortbildungsseminaren, deren Kosten der Arbeitgeber laut Betriebsverfassungsgesetz übernehmen muss. Für die Veranstalter ist das ein lukratives, aber auch ein hart umkämpftes Geschäft. Und so setzen einige Anbieter nicht nur auf die Professionalität ihrer Referenten, sondern vor allem auf den Spaß- und Urlaubsfaktor.

Viele Betriebsräte, die während ihrer Amtszeit bis zu vier Wochen Schulungsanspruch haben, wissen das zu schätzen. Ohne Skrupel buchen sie sogenannte Oktoberfest-Seminare, Schulungen auf norwegischen Luxusfähren, Weiterbildungen in mondänen Skiorten oder mehrtägige Fortbildungen auf Istanbuler Basaren. Bonusmeilen und Einkaufsgutscheine für besonders treue Teilnehmer gibt es zuweilen noch obendrauf - zum privaten Verbrauch, versteht sich.

Die Arbeitgeber zahlen und schweigen. "Wegen eines Luxusseminars riskiert kaum ein Vorstand einen Streit", sagt der Funktionär eines Unternehmerverbandes, schließlich könne ein renitenter Betriebsrat im Extremfall der Firma schwer zu schaffen machen.

Zwar besucht die Mehrheit der Betriebsräte Kurse der Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände mit begrenztem Unterhaltungswert. Aus der Reihe fällt da allenfalls das Bildungszentrum des Deutschen Gewerkschaftsbundes in einer edlen Jugendstilvilla am Starnberger See.

Aber rund 30 Prozent des Marktes bedienen private Anbieter. Das Seminargeschäft ist "ein reiner Verdrängungsmarkt", sagt Hans Schneider, Chef des unabhängigen Instituts zur Fortbildung von Betriebsräten (IFB) mit jährlich rund 20.000 Teilnehmern. Vor allem kleinere Firmen würden die Kunden "oft mit luxuriösen Rahmen- und Freizeitprogrammen anlocken".

Das ist durchaus im Sinne der Kunden. Einige der Teilnehmer betreiben "reinen Seminartourismus", gibt Schneider offen zu, "die Kurse werden nicht nach Thema, sondern nach schönen Veranstaltungsorten wie etwa Garmisch-Partenkirchen oder Timmendorfer Strand ausgesucht".

Anbieter wie Jürgen Natus, der kürzlich Betriebsräte aus mittelständischen Unternehmen wie auch der Automobilindustrie durchs Wattenmeer schipperte, können die Kritik nicht verstehen. "Die Kosten für die Unternehmen sind nicht höher als bei normalen Schulungen", sagt Natus, der auf seinem Segler sechs Stunden Unterricht pro Tag verspricht.

Konkurrent Br-Spezial aus dem hessischen Oberorke wirbt ebenfalls unverblümt mit den angenehmen Seiten seines Arbeitsrechtseminars "auf der MS 'Flamenco' von Passau über Wien, Budapest, Bratislava und die Wachau und zurück nach Passau". Neben dem Whirlpool locken "jede Menge kulinarischer Köstlichkeiten, Sauna, einmaliger Blick und vor allem viel frische Luft".

In den Augen von Geschäftsführer Peter Stahlheber ist das aber kein Spaß. Es werde "hart gearbeitet", nur am Abend gebe es Landgang, zum Beispiel in Form einer Stadtbesichtigung in Budapest. "Auf vielfachen Wunsch von Betriebsräten" sei die Reise im kommenden Jahr wieder geplant.

Wie viele und vor allem welche Firmen verwöhnen ihre Betriebsräte mit einer Auslandsreise? Br-Geschäftsführer Stahlheber schweigt.

Die bayerische Branchengröße W.A.F. Institut für Betriebsräte-Fortbildung zeigt sich offener. Der mehrtägige Seminarausflug nach Istanbul unter dem Titel "Integration ausländischer Mitarbeiter" führte in den Jahren 2000 und 2001 jeweils elf Betriebsräte aus zehn Firmen auf den großen Basar "zum ersten Kennenlernen der türkischen Mentalität". Mit Urlaub habe das "nichts zu tun", meint W.A.F.-Geschäftsführer Christian Lütgenau.

Die üppigen Rechnungen für die Bosporus-Expeditionen beglichen Firmen wie zum Beispiel der Flughafen München und die Lufthansa-Tochter LSG Sky Chefs. "Selbst unser Betriebsrat kritisierte das wenig sinnvolle Seminar als bessere Städtereise", bestätigt etwa ein Flughafensprecher.

Bei der LSG, die damals zwei Betriebsräte der Niederlassung Berlin-Tegel nach Istanbul schickte, gibt es dagegen keine Kritik. Das sei eine "übliche Weiterbildungsmaßnahme" gewesen, sagt eine Sprecherin.

Als krassester Sündenfall gilt in der Branche jedoch das Lufthansa-Miles & More-Programm des W.A.F. Seit Jahren kriegen Tausende von Betriebsräten aus Firmen wie etwa dem Sicherheitskonzern Securitas für einen Teil der Kurse bis zu 5000 Bonusmeilen pro Veranstaltung gutgeschrieben, "als besonderes Dankeschön von uns an Sie".

Der Prämienregen ging selbst den zurückhaltenden Arbeitgebern zu weit. Bereits im Frühling vergangenen Jahres intervenierte die Landesvereinigung der Arbeitsgeberverbände Nordrhein-Westfalen beim W.A.F. Zur Sicherung der persönlichen Unabhängigkeit der Betriebsratsmitglieder verbiete das Betriebsverfassungsgesetz "jedermann jegliche Begünstigung wegen der Amtstätigkeit", schrieb der Verbandsgeschäftsführer nach Bayern und forderte unter Androhung juristischer Schritte "künftig derartige Begünstigungen zu unterlassen".

W.A.F.-Mann Lütgenau kann die Aufregung nicht verstehen. Die Prämien seien unbedenklich, "schließlich erhalten Betriebsräte auch in Hotels oder bei Autovermietern Bonusmeilen". Der Arbeitgeber könne bestimmen, was der Arbeitnehmer mit seinen dienstlich erworbenen Meilen machen darf. Zudem laufe das Programm kommenden Februar aus.

Konkurrent Schneider vom IFB will sich dagegen schon vor vier Jahren "als seriöser Seminaranbieter" bewusst gegen ein Meilenprogramm entschieden haben. Frei von Sünde ist allerdings auch er nicht. Denn Stammkunden beschenkt er fürstlich.

Zuletzt durfte die Betriebsrätin einer Lufthansa-Tochter einen Einkaufsgutschein von Karstadt im Wert von 300 Euro mit nach Hause nehmen: Mit dem Kurs "Das Frauen-Netzwerk" unter Leitung von Ex-Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin hatte die Schulungshungrige in zehn Jahren die Rekordmarke von 30 IFB-Seminaren geschafft.  

24.08.05 10:44

13393 Postings, 6147 Tage danjelshaketja so ist das nunmal

da sieht man mal wieder wie schlecht es uns deutschen geht.

mfg ds  

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