Mit "Katrina" endet der Traum der Weißen

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eröffnet am: 08.09.05 08:28 von: EinsamerSam. Anzahl Beiträge: 1
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24466 Postings, 5901 Tage EinsamerSamariterMit "Katrina" endet der Traum der Weißen

Mit "Katrina" endet der Traum der Weißen

Adam Nossiter ist Einwohner von New Orleans. Er lebt dort seit 15 Jahren - nicht mit, sondern neben den Schwarzen. Als Weißer "schaute man weg, konnte man die Not der Armen gut ignorieren", gesteht Nossiter. Doch der Hurrikan "Katrin" habe das furchtbare Erwachen aus einem Traum bedeutet. Für die Nachrichtenagentur AP schildert Nossiter seine Eindrücke aus einer geschildert:

Vor dem Hurrikan ließ es sich in New Orleans gut leben, ohne die Realität wahrzunehmen. In der wunderbar grünen Stadt mit der schönen alten Architektur und der entspannten
Atmosphäre konnte man leicht über die verfallenden Häuser und ihre bettelarmen Bewohner hinwegsehen. Ich lebe dort seit fast 15 Jahren, und ich habe es gemacht wie die meisten in meiner Umgebung: Ich habe die Welt der anderen Bewohner nicht an mich herangelassen.
Die Welt derer, die mittellos und meistens schwarz waren.

Man würde fast den Verstand verlieren

Aus dem Auto gesehen, trugen sie eine Art Maske. Bei näherem Hinsehen wirkten sie manchmal zornig. Man schauderte ein wenig, fühlte sich unterschwellig ein bisschen schuldig, und lebte ansonsten weiter seinen Traum. Man schaute weg und richtete den Blick auf das nächste reich verzierte Haus oder die nächste riesige Eiche. Schon vor dem Sturm war einem unterbewusst klar, dass ein Erwachen aus dem Traum bedeuten würde, fast den Verstand zu verlieren.

In der vergangenen Woche änderte sich das schlagartig. Es gab kein Entrinnen mehr vor der Realität. Wir mussten erkennen, dass diese Mitbürger, die wir nie näher kannten oder verstanden, plötzlich zu Flüchtlingen geworden waren. Vor «Katrina» wusste man zwar, dass tausende Einwohner der Stadt am Abgrund lebten. Aber man hoffte, dass sich daran irgendwie, irgendwann etwas ändern würde. Angesichts des Leids, das seit dem Hurrikan offenbar wurde, ist das Abstrakte greifbar geworden. Es gibt keine Hoffnung auf ein
«irgendwann, irgendwie» mehr.

Sogar die Banditen sind höflich

Die Stadt nahm ihre wohlhabenderen Bewohner für sich ein. Sie hatte etwas zu bieten als eine der seltenen Städte auf US-Boden, deren Viertel noch die menschlichen Dimensionen des 19. Jahrhunderts haben. Bananenstauden und Palmen wachsen das ganze Jahr über. Kletterpflanzen, die aus Mauern ranken, oder ein Riss in der Zimmerdecke gelten nicht als Makel, sondern als Zierde. Die Menschen sind für ihre kultivierte Höflichkeit bekannt. Das gilt sogar für die Banditen. Drei Tage nach dem Sturm ging ich die Poydras-Straße hinauf und sah einen Mann, der inmitten der Trümmer gerade ein Auto stahl. Er rief eine Entschuldigung: «Tut mir leid, dass ich mich so benehme, Mann, aber ich muss aus diesem Staat raus.»

Und auch die kulturelle Tradition wirkte anziehend. Sicher, es gab vornehme Häuser in den besseren Vierteln, in denen kein einziges Buch zu finden war. Doch die Kultur spielte in den letzten 200 Jahren eine wichtige Rolle in New Orleans. Und so erschien mir die Stadt als idealer Ort zum Schreiben, mit ihren grünen Vierteln und dem geheimnisvollen, vielversprechenden Nachtleben. Man verspürte die pure Lust am Leben. Schon ein einfacher Gang um den Block konnte die Lebensgeister neu wecken. Von anderen Orten in die schwere, grüne Wärme von New Orleans zurückzukehren wirkte auf mich immer angenehm beruhigend.

Nicht nachdenken über Schüsse

Mein Haus wurde vor 170 Jahren von einem freien Schwarzen gebaut, dessen Söhne auf seiten des Nordens im Bürgerkrieg kämpften. Vom Fenster der Dachgaube konnte ich nachts manchmal Schüsse hören. Aber darüber wollte ich nicht nachdenken. Besser, nicht in die Paranoia und den kaum verhüllten Rassismus anderer weißer Bewohner meines besseren Wohnviertels zu verfallen. Die Fahrt mit der Straßenbahn in die Innenstadt nahm über die Jahre eine wichtige Bedeutung für mich an. So hatte ich wenigstens minimalen Kontakt mit meinen Mitbürgern, obwohl einige andere Weiße dieses Transportmittel verachteten. Ich lebte im Garden District an der Grenze zum French Quarter, blieb aber auf Distanz zu seinen Bewohnern. Ich dachte, ich könnte so die Annehmlichkeiten des Viertels genießen, ohne mir ihre überhebliche Haltung zu Eigen zu machen.

Zurückversetzt in einen Naturzustand

Es war ein merkwürdiges Gefühl, als ich mir nach Tagen in einem Hotel in der Innenstadt zaghaft meinen Weg über umgestürzte Bäume zurück zu meinem Haus bahnte. Ich fand es fast unverändert vor, sogar das Kinderspielzeug lag noch am Platz. Doch New Orleans ist
sozusagen in eine Art Naturzustand zurückversetzt worden. Als ich vor meinem Haus stand, bemerkte ich, dass alle urbanen Geräusche verschwunden waren. Nur Vögel und summende Insekten waren zu hören. Wie für alle anderen ist auch für die Bewohner des Garden Districts ihr bisheriges Leben untergangen. Sie werden sich aber leichter davon erholen. Doch der Lack ist ab, die Realität lässt sich nicht mehr einfach verdrängen. Bäume spenden dem Viertel nicht mehr ihren Schatten, das Viertel liegt vielmehr unter ihnen begraben. Die Straßen sind menschenleer, an Bürogebäuden in der Innenstadt fehlen Teile der Fassade.

Was blieb, war ein Bild des Elends. Arme, die in Bussen abtransportiert wurden. Der Angriff auf ihre Würde, die unbeschreiblichen Zustände im Superdome - Amerika hatte sie verraten.

Nie das typische Amerika

Wie das geschehen konnte? Die Antwort muss wohl lauten, dass New Orleans nie das typische Amerika war. Oder jedenfalls nicht das, wonach alle streben. Der Durchschnittsbürger dort hatte kein dickes Bankkonto mit allem, was dazugehört. Touristen, die mit dem Bild einer exotischen, andersartigen Stadt nach New Orleans kommen und die Stadt mit intakten Träumen wieder verlassen, kommen der Wirklichkeit damit wohl näher als die paar Wohlhabenden, die tatsächlich in New Orleans leben und sich ihrer Illusion von Normalität hingeben. Die Illusion starb, als eine amerikanische Stadt implodierte.

Quelle: n24.de

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