Milton Friedman: Marktfreiheit und Elend

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15130 Postings, 6769 Tage Pate100Milton Friedman: Marktfreiheit und Elend



Das Auge des Hurrikans: Milton Friedman und der globale Süden
von Walden Bello
ZNet 27.11.2006

Ökonomen feiern den kürzlich verstorbenen Milton Friedman als "Champion der Freiheit", "dessen Werk die Wirtschaft und die Welt verändert hat" (wie es in einer ganzseitigen Anzeige in der New York Times heißt). Die Menschen des globalen Südens hingegen werden Professor Friedman von der Chicagoer Universität als das Auge eines menschgemachten Hurrikans in Erinnerung behalten - eines Hurrikans, der eine Schneise der Verwüstung durch ihre Ökonomien schlug. Noch lange werden sie den Namen Friedman mit zwei Dingen in Verbindung bringen: mit den chilenischen Reformen des Freien Marktes und den "Strukturanpassungsprogrammen" in der so genannten 'Dritten Welt'.

Kurz nach dem Staatsstreich gegen die Regierung Allende am 11. September 1973 übernahmen chilenische Absolventen der Friedman-Schule (bald bekannt unter dem Namen "Chicago Boys") das Ruder der chilenischen Wirtschaft und führten, mit großem missionarischem Eifer, ein Wirtschaftstransformationsprogramm durch. Angesichts seiner vielzitierten Behauptung, politische Freiheit und Marktfreiheit gingen Hand in Hand, müsste Friedmann, dem Guru, die Ironie eigentlich aufgefallen sein, dass in Chile ausgerechnet die Bajonette einer der blutigsten Diktaturen Lateinamerikas das Paradies des Freien Marktes durchsetzten.

Friedman hat Chile während der Pinochet-Diktatur besucht und die Bemühungen des Regimes für eine radikale, exportorientierte, freie Marktwirtschaft gewürdigt. Friedman pries den chilenischen Diktator Augusto Pinochet - weil er sich "aus Prinzip völliger Marktfreiheit" verpflichtet habe. Friedman hielt Vorträge über 'Die Fragilität der Freiheit' - im Kontext Chiles dürfte dies wie purer Hohn geklungen haben. Friedman warf seinen Kritikern vor, ihn wegen der Menschenrechtsverstöße des chilenischen Regimes am liebsten "teeren und federn" zu wollen. Und dennoch war er stolz darauf, der doktrinäre Geist hinter dem "chilenischen Wunder" (Friedman) zu sein.

Das chilenische Experiment

Nachdem die Friedman-Schüler mit Chile fertig waren, war das Land tatsächlich radikal transformiert - allerdings im negativen Sinne...

Die Politik der freien Marktwirtschaft hatte Chile zwei große Wirtschaftsdepressionen in nur einer Dekade beschert (1974 bis 1975 (das Bruttosozialprodukt fiel um 12%) und 1982 bis 1983 (das Bruttosozialprodukt fiel um 15%)).

Die Ideologie des freien Marktes geht davon aus, dass freie Märkte zu einem robusten Wirtschaftswachstum führen. Doch im Gegenteil, das durchschnittliche Bruttosozialprodukt Chiles, während seiner "Jakobinerjahre" (Friedman-Pinochet-Revolution zwischen 1974 und 1989), lag bei nur 2,6% (gegenüber über 4% in den Jahren zwischen 1951 u. 1971, als der Staat noch eine weit größere Rolle in der chilenischen Wirtschaft spielte). Am Ende der Periode der radikalen 'freien Marktwirtschaft' waren (soziale) Ungleichheit und Armut signifikant gestiegen. Der Prozentsatz der Familien unterhalb des "Existenzminimums" stieg zwischen 1980 und 1990 von 12 auf 15 Prozent. Der Prozentsatz derer, die unterhalb der Armutsgrenze aber noch über dem Existenzminimum lebten, stieg im selben Zeitraum von 24 auf 26 Prozent. Das heißt, in der Endphase des Pinochet-Regimes waren rund 40% der chilenischen Bevölkerung - also 5,2 von 13 Millionen Menschen - arm.

Sieht man sich die nationale Einkommensverteilung an, so sank der prozentuelle Anteil den die ärmsten 50 Prozent der Bevölkerung am nationalen Einkommen hatten, von 20,4% auf 16,8%. Die 10 Prozent Reichsten im Land konnten ihren Anteil am Nationaleinkommen hingegen dramatisch verbessern - von 36,5 auf 46,8%. Für Chiles Wirtschaftsstrukturen bedeutete diese Kombination aus labilem Wachstum und radikalem Handelsliberalismus eine "Deindustrialisierung im Namen von Effizienz und Inflationsvermeidung", wie es ein Ökonom einmal ausgedrückt hat. Der Anteil der Produktion am Bruttosozialprodukt ging zurück. Ende der 60ger Jahre hatte dieser Anteil im Durchschnitt 26% betragen, Ende der 80ger nur noch 20%. Viele metallverarbeitenden Betriebe und verwandte Branchen des produzierenden Gewerbes blieben auf der Strecke. Die Wirtschaft war exportorientiert - Schwerpunkt landwirtschaftliche Produkte und Ressourcenförderung.

Eine abgemilderte Form des Friedmanismus

Anfang der 90ger Jahre endete in Chile die radikale Friedman-Pinochet-Ära der ökonomischen Konterrevolution, und die so genannte 'Concertation' kam an die Macht. Das war eine Mitte-Links-Koalition, die gegen klassische Friedmansche Regeln verstieß und - zum Zwecke einer besseren Einkommensverteilung - die öffentlichen Ausgaben erhöhte. Der Anteil der Chilenen in Armut sank von 40 auf 20 Prozent. Diese Veränderung stärkte die Binnennachfrage und führte in der Post-Pinochet-Phase zu einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von rund 6 Prozent.

Allerdings war die sozialdemokratische Regierung nicht gewillt, sich mit der Oberschicht anzulegen. Die neoliberale Wirtschaftspolitik blieb in ihren Grundzügen unangetastet - auch der ökonomische Schwerpunkt auf Ausfuhr (von Landwirtschaftsprodukten und Naturressourcen) blieb. Die Fokussierung auf den Export von Primärprodukten hat zu enormen Umweltbelastungen geführt. Die Küsten Chiles sind überfischt. Dieses Phänomen geht Hand in Hand mit der Verbreitung von Farmen für Frischwasserlachs und Muscheln weiter im Innern, die das ökologische Gleichgewicht stören. Eine boomende Holzexportindustrie betrieb die Ausbreitung von Baumplantagen - zu Lasten der natürlichen Wälder. Chile steht auf Platz Zwei der am meisten abgeholzten Länder Lateinamerikas - direkt hinter Brasilien auf Rang Eins. Ökologie-Management gilt in Chile allgemein als ineffektiv und wird durch exportorientierte Wachstumszwänge kontinuierlich hintertrieben.

Die "Revolution" wird exportiert

Chile war das Versuchskaninchen. An Chile hat man das Paradigma des Freien Marktes getestet. Anfang der 80ger Jahre wurde dieses Paradigma auf andere Länder der so genannten 'Dritten Welt' übertragen - via IWF und Weltbank. Rund 90 Ökonomien - in so genannten 'Entwicklungsländern' und ehemaligen sozialistischen Ländern - wurden so nach und nach den "Strukturanpassungs-"Programmen des Freien Marktes unterworfen. Von Ghana bis Argentinien wurde der staatliche Einfluss auf die Wirtschaft drastisch gekappt, Staatsunternehmen im Namen der Effizienz in private Hände gegeben, protektionistische Importbeschränkungen für Waren aus dem (globalen) Norden völlig abgeschafft, Restriktionen für ausländische Investitionen aufgehoben und die einheimische Wirtschaft durch eine Export-first-Politik eng an den kapitalistischen Weltmarkt gekoppelt.

In den 90gern sollte eine Politik der strukturellen Anpassungsprogramme (SAPs) die Ökonomien der so genannten Entwicklungsländer beschleunigt auf die Globalisierung vorbereiten. Diese Politik hat in den meisten dieser Länder genau dieselbe Ungleichheit, Armut und Umweltproblematik beschert wie damals Chile (abzüglich des mäßigen Wachstums in Chile nach Ende der Friedman-Pinochet-Ära). Der Weltbank-Chefökonom für Afrika gesteht: "Wir haben nicht gedacht, dass die Humankosten dieser Programme so hoch sein könnten und die ökonomischen Erfolge so lange brauchen würden". Die SAPs gerieten derart in Verruf, dass Weltbank und IWF sie rasch umbenannten. Schon Ende der 90ger war von 'Armutsreduzierungsstrategie-Papieren' die Rede.

Freier Markt und die Politik der Strukturanpassungen sind mittlerweile institutionell so verankert, dass ihre Herrschaft immer weitergeht - obgleich inzwischen allgemein anerkannt ist, dass sie nicht funktionieren. Das Vermächtnis des Milton Friedman wird den so genannten 'Entwicklungsländern' noch lange erhalten bleiben. Es gäbe daher keine passendere Inschrift für Milton Friedmans Grabstein als folgende Zeilen aus Shakespeares 'Julius Caesar': "Das Böse, das die Menschen tun, lebt nach ihrem Tode weiter, das Gute wird meist schon mit ihren Knochen begraben".

Walden Bello ist Professor für Soziologie an der University of the Philippines and leitender Direktor des Instituts 'Focus on the Global South' mit Sitz in Bangkok.  

03.12.06 16:15

29429 Postings, 5290 Tage sacrificeOn His Role in Chile Under Pinochet

On His Role in Chile Under Pinochet

INTERVIEWER: Tell us about some of the abuse you had to suffer and the degree to which you were seen as a figure out on the fringes.

MILTON FRIEDMAN: Well, I wouldn't call it abuse, really. (laughs) I enjoyed it. The only thing I would call abuse was in connection with the Chilean episode, when Allende was thrown out in Chile, and a new government came in that was headed by Pinochet. At that time, for an accidental reason, the only economists in Chile who were not tainted with the connection to Allende were a group that had been trained at the University of Chicago, who got to be known as the Chicago Boys. And at one stage I went down to Chile and spent five days there with another group -- there were three or four of us from Chicago -- giving a series of lectures on the Chilean problem, particularly the problem of inflation and how they should proceed to do something about it. The communists were determined to overthrow Pinochet. It was very important to them, because Allende's regime, they thought, was going to bring a communist state in through regular political channels, not by revolution. And here, Pinochet overthrew that. They were determined to discredit Pinochet. As a result, they were going to discredit anybody who had anything to do with him. And in that connection, I was subject to abuse in the sense that there were large demonstrations against me at the Nobel ceremonies in Stockholm. I remember seeing the same faces in the crowd in a talk in Chicago and a talk in Santiago. And there was no doubt that there was a concerted effort to tar and feather me.

INTERVIEWER: It seems to us that Chile deserves a place in history because it's the first country to put Chicago theory into practice. Do you agree?

MILTON FRIEDMAN: No, no, no. Not at all. After all, Great Britain put Chicago theory in practice in the 19th century. (amused) The United States put the Chicago theory in practice in the 19th and 20th century. I don't believe that's right.

INTERVIEWER: You don't see Chile as a small turning point, then?

MILTON FRIEDMAN: It may have been a turning point, but not because it was the first place to put the Chicago theory in practice. It was important on the political side, not so much on the economic side. Here was the first case in which you had a movement toward communism that was replaced by a movement toward free markets. See, the really extraordinary thing about the Chilean case was that a military government followed the opposite of military policies. The military is distinguished from the ordinary economy by the fact that it's a top-down organization. The general tells the colonel, the colonel tells the captain, and so on down, whereas a market is a bottom-up organization. The customer goes into the store and tells the retailer what he wants; the retailer sends it back up the line to the manufacturer and so on. So the basic organizational principles in the military are almost the opposite of the basic organizational principles of a free market and a free society. And the really remarkable thing about Chile is that the military adopted the free-market arrangements instead of the military arrangements.

INTERVIEWER: When you were down in Chile you spoke to some students in Santiago. In your own words, can you tell me about that speech in Santiago?

MILTON FRIEDMAN: Sure. While I was in Santiago, Chile, I gave a talk at the Catholic University of Chile. Now, I should explain that the University of Chicago had had an arrangement for years with the Catholic University of Chile, whereby they send students to us and we send people down there to help them reorganize their economics department. And I gave a talk at the Catholic University of Chile under the title "The Fragility of Freedom." The essence of the talk was that freedom was a very fragile thing and that what destroyed it more than anything else was central control; that in order to maintain freedom, you had to have free markets, and that free markets would work best if you had political freedom. So it was essentially an anti-totalitarian talk. (amused)

INTERVIEWER: So you envisaged, therefore, that the free markets ultimately would undermine Pinochet?

MILTON FRIEDMAN: Oh, absolutely. The emphasis of that talk was that free markets would undermine political centralization and political control. And incidentally, I should say that I was not in Chile as a guest of the government. I was in Chile as the guest of a private organization.

INTERVIEWER: Do you think the Chile affair damaged your reputation, or more importantly, made it harder for you to get your ideas across?

MILTON FRIEDMAN: That's a very hard thing to say, because I think it had effects in both directions. It got a lot of publicity. It made a lot of people familiar with the views who would not otherwise have been. On the other hand, in terms of the political side of it, as you realize, most of the intellectual community, the intellectual elite, as it were, were on the side of Allende, not on the side of Pinochet. And so in a sense they regarded me as a traitor for having been willing to talk in Chile. I must say, it's such a wonderful example of a double standard, because I had spent time in Yugoslavia, which was a communist country. I later gave a series of lectures in China. When I came back from communist China, I wrote a letter to the Stanford Daily newspaper in which I said, '"It's curious. I gave exactly the same lectures in China that I gave in Chile. I have had many demonstrations against me for what I said in Chile. Nobody has made any objections to what I said in China. How come?"

INTERVIEWER: In the end, the Chilean [economy] did quite well, didn't it?

MILTON FRIEDMAN: Oh, very well. Extremely well. The Chilean economy did very well, but more important, in the end the central government, the military junta, was replaced by a democratic society. So the really important thing about the Chilean business is that free markets did work their way in bringing about a free society.  

03.12.06 16:26

29429 Postings, 5290 Tage sacrificeMehr Freiheit wagen! von Lothar Späth

Mehr Freiheit wagen!

Mit der zunehmenden Überantwortung der Fürsorgepflichten an den Staat verlieren wir die privaten Solidaritätsstrukturen

Der berühmteste lebende Ökonom, Milton Friedman, stellte kürzlich in einem Interview die provokante Frage: "Und wo ist der Unterschied zwischen Besteuerung und Diebstahl?" Da mag er im Moment manchem deutschen Steuerzahler aus der Seele sprechen. Der Hardliner Friedman gesteht dem Staat allerdings auch nur das Recht der Steuererhebung für die Landesverteidigung sowie für die Unterhaltung der drei Gewalten Judikative, Legislative und Exekutive zu. Für soziale Absicherung sei der Staat nicht zuständig.

Ein derartig reduziertes Staatswesen ist wohl nichts für die deutsche Seele. Selbst Friedmans Landsleuten in Amerika, wo das Freiheitsideal einen ausgewiesen hohen Stellenwert besitzt und man dem Staat grundsätzlich eher skeptisch gegenübersteht, geht das zu weit.

Auf den "Hayek-Tagen" in Erfurt am vergangenen Wochenende wies die Gründerin des Institutes für Demoskopie Allensbach, Elisabeth Noelle, darauf hin, dass nach der jüngsten Umfrage 50 Prozent der Deutschen dem Gleichheitsideal und nur 41 Prozent dem Freiheitsgedanken den Vorrang geben. In ihrer ersten Umfrage zu diesem Thema, im Jahr 1972, war diese Frage noch unentschieden beantwortet worden. Und zur Zeit der Wiedervereinigung war das Verhältnis sogar 65 Prozent zu nur 28 Prozent zu Gunsten der Freiheit.

Mehr Freiheit wollte die Kanzlerin wagen. Und gleichzeitig wollen große Teile der Koalition bei jeder der anstehenden Reformen auch mehr Gleichheit durchsetzen. Doch "wer Freiheit und Gleichheit zugleich verspricht, ist entweder ein Phantast oder ein Scharlatan". Dieses Urteil sprach nicht Milton Friedman oder irgendein neoliberaler Hardliner. Diese Worte stammen aus der Feder von Johann Wolfgang von Goethe. Sie enthalten eine Weisheit, die unabhängig von Raum und Zeit gilt.

Solidarität, die auf materielle Gleichmachung angelegt ist, hat daher ihren Preis. Und jede Regierung, die Solidarität staatlich organisieren will, wird sich früher oder später darüber bewusst, wie hoch dieser Preis ist. Der deutsche Bundeshaushalt besteht mittlerweile zu mehr als der Hälfte aus Sozialausgaben.

Nicht aus Erbarmungslosigkeit wirbt Milton Friedman um staatliche Zurückhaltung. Der 93 Jahre alte Ökonom hat die Widersprüchlichkeit von Freiheit und materieller Gleichheit ebenso klar vor Augen wie lange vor ihm Goethe. Und er weiß um die Ineffizienz und den hohen Preis staatlich verordneter Zwangssolidarität.

Auf die Frage, warum er den Armen und Schwachen nicht helfen wolle, gibt der Grandseigneur der Wirtschaftswissenschaften eine verblüffend einfache Antwort, die jeden nachdenklich stimmen sollte, der an Solidarität interessiert ist: Ziel sei es doch, möglichst wenig Arme und Schwache zu haben. Und hier liege die Stärke des Freiheitsideals. "Den verbleibenden Armen", so Friedman, "würde man privat helfen. Die private Fürsorge gab es schon immer."

Selbstverständlich dürfen wir den Grundgedanken der Solidarität nicht aufgeben. Doch wir müssen uns von dem Irrglauben verabschieden, Solidarität habe allein etwas mit Pflichten und Rechtsansprüchen zu tun. Echte Solidarität spielt sich vielmehr im zwischenmenschlichen Bereich ab und basiert auf freiwilligen Entscheidungen, motiviert durch Empathie und persönliches Verantwortungsgefühl. Wir verlieren mit dem Anwachsen der Staatsquote nicht nur die Freiheit für persönliche Entfaltung und wirtschaftliche Erneuerung. Wir verlieren mit der zunehmenden und dauerhaften Überantwortung der Fürsorgepflichten an den Staat auch die privaten Solidaritätsstrukturen, die eine starke Gesellschaft benötigt.

Es kann aus heutiger Sicht wohl von niemandem geleugnet werden, dass etwa das ausgeprägte staatliche Rentensystem erheblich zur Verdrängung der familieninternen Solidarität beigetragen hat. Die Einführung einer gesetzlichen Pflegeversicherung war die Reaktion. Und auch im Gesundheitssystem fand eine systematische Verdrängung von Eigenverantwortung statt.

Anstatt diese Fehlentwicklung im gesamten Sozialwesen mit neuen Steuerphantasien weiter zu beschleunigen, müssen wir sie schrittweise korrigieren. Nur so kann ich Angela Merkels Slogan "Mehr Freiheit wagen!" verstehen. Der Staat muss sich zurücknehmen, der Staat muss sparen, und er muss dem privaten Engagement der Bürger Raum zurückgeben.

Nicht umsonst hatte die Bundesregierung im Koalitionsvertrag beispielsweise angekündigt, "die Errichtung von Stiftungen zu erleichtern und zusätzlich Anreize für Zuwendungen zu schaffen". Dass viele Deutsche prinzipiell bereit sind, Teile ihres Vermögens für gemeinnützige Zwecke zur Verfügung zu stellen und gleichzeitig mit persönlichem Engagement Sorge für deren zielgerechte Verwendung zu tragen, zeigt die große Anzahl von 13 500 Stiftungen, die es mittlerweile unter dem Bundesverband Deutscher Stiftungen gibt. Auch der Trend ist erfreulich: 800 Neugründungen im vergangenen Jahr war ein Rekord. Die relativ geringe Höhe des Stiftungskapitals von insgesamt 60 Milliarden Euro zeigt allerdings, dass noch ein großer Spielraum existiert.

Auffällig ist die relativ geringe Durchschnittsgröße der Stiftungen hier zu Lande. In den Vereinigten Staaten etwa ist allein die Gates-Stiftung 30 Milliarden Dollar schwer und erhält in diesen Tagen weitere 29 Milliarden aus dem Privatvermögen von Warren Buffett.

Die Zerfaserung des deutschen Stiftungskapitals lässt sich darauf zurückführen, dass einmalig nur 307 000 Euro und von laufenden Einkünften maximal nur 10 Prozent als Spenden steuerlich absetzbar sind. Man schätzt, dass in den kommenden zehn Jahren in Deutschland über 2 5000 Milliarden Euro vererbt werden. Ich denke, das ist Anreiz genug, gerade jetzt mehr Freiheit zu wagen.

LOTHAR SPÄTH kommentiert jeden Mittwoch im Handelsblatt die deutsche Wirtschaftspolitik.  

03.12.06 16:59

29429 Postings, 5290 Tage sacrificesehr interessanter Artikel!

leider auf spanisch..

http://www.analitica.com/va/economia/opinion/5043485.asp

 

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