Kurioses aus dem Wahlkampf

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95440 Postings, 7268 Tage Happy EndKurioses aus dem Wahlkampf

Wahlkampf mit Plakaten

Unterschätzte Meisterwerke im öffentlichen Raum

Die bundesweite Ausstellung politischer Plakatkunst aus Anlass des Bundestagswahlkampfs ist nur noch wenige Tage zu sehen: Nach dem 18. September werden viele jetzt noch zu sehende Exponate wohl schnell wieder verschwinden. Zeit für kunstkritische Betrachtungen im öffentlichen Raum -Autoren der Bremer Regionalprogramms "buten un binnen" suchten deshalb die Auseinandersetzung mit den Werken jener Künstler, die im Auftrage gönnerhafter Mäzene aus der politischen Welt zu Fotoapparaten, Farbtöpfen und digitalen Retuschierwerkzeugen gegriffen haben. Herausgekommen sind längst überfällige Kunstkritiken.


Werk 1, Mäzen: Bündnis 90/Die Grünen

[Bildunterschrift: Meisterwerk der Grünen]
Das Bild dominiert eine Fotografie eines Säuglings und einer weiblichen Brust. Der Säugling versucht den durchaus stattlichen Busen mit seiner winzigen Hand zu halten - gleichzeitig hat er ihn in den Mund genommen. Eine typische Haltung, wie sie beim Stillen weltweit üblich ist.

Fraglos also ein Motiv von überaus realistischer und freimütiger Darstellung. Doch die Arglosigkeit dieser intimen Szene wird mit Stilmitteln des Comic und der Popart jählings gebrochen: Das Werk transportiert auf diese Weise eine geradezu plakative Aussage: Ja! Ja zu gesundem Essen, wird dem Säugling in den in diesem Alter an sich noch sprachlosen Mund gelegt. Das ist ein eindeutiges Bekenntnis zur modernen ernährungswissenschaftlichen Forschung und deren erschreckenden Ergebnissen: Das Baby formuliert scharfe Kritik an der uneingeschränkt auftretenden Belastung der Muttermilch mit Giftstoffen wie Di-ethylhexylphthalat oder polybromiertem Diphenylether.

Damit platziert der Säugling eine Aussage von politischer Brisanz im Bundestagswahlkampf, wie sie von älteren Politikern viel zu selten ausgesprochen wird.


Werk 2, Mäzen: Die FDP

Mit dem Porträt eines jungen Mannes bestückt die Künstlergruppe "FDP - die Liberalen" ihre Freiluftbilderausstellung. Es handelt sich dabei um ein beispielhaftes Werk bürgerlicher Porträtkunst, in dem zahlreiche unterschwellige Botschaften versteckt sind. Einige von ihnen verdienen eine genauere Würdigung. Am augenfälligsten ist die Sehschwäche des jungen Mannes: Er ist auf eine Brille angewiesen. Die Künstler leugnen diesen Umstand nicht. Es ist die schonungslose Offenheit, mit der sich dieses Werk vom höfischen Porträt abhebt und einen selbstbewussten Bürger vorstellt.

Auch in den Bilddetails finden sich Aussagen über den jungen Mann. Der dunkle Anzug, das karierte Hemd und die sorgfältig gebundene Krawatte lassen ihn seriös wirken. Dagegen strahlt das locker in die Stirn fallende Haar Jugendlichkeit aus. Es ist, als ob dieser junge Mann gerade erst in den durch die Kleidung symbolisierten Status hineinzuwachsen beginnt.Sein Kinn ist scharfkantig und mit einem markanten Grübchen versehen. Dieses Moment der Herbheit wird durch einen gewinnend lächelnden Mund auf kongeniale Weise neutralisiert.

Schrift findet in diesem Bild sparsame Verwendung. Der akademische Titel Doktor betont erneut die Seriosität des jungen Mannes. Der Vorname Magnus, lateinisch "Groß", verstärkt dies. Keck, ja fast schon frech, wenden die Künstler diesen Eindruck beim Nachnamen ins Gegenteil: Buhlert - ein Wort, aus dem sich unschwer die Bildaussage herausbuchstabieren lässt: Er buhlt!

Aber um wen buhlt er? Wem gilt sein Lächeln? Wirbt er für Deutschland, dessen Nationalfarben den Hintergrund des Bildes bestimmen? Nein, Dr. Magnus Buhlert lächelt "für Bremen". So entspinnt sich zwischen ihm und dem Betrachter ein intimer Flirt, der in diesem Werk meisterlich in Szene gesetzt wurde.


Werk 3, Mäzen: CDU

[Bildunterschrift: Meisterwerk der CDU]
Auf den ersten Blick sieht der Betrachter das Bild eines Herrn. Die als Landschaft ausgemalte hohe Stirn und die mit wenigen Strichen dargestellten grauen Schläfen weisen ihn als jemanden reiferen Alters aus. Er lächelt freundlich. Und sein Blick sucht den des Betrachters. Der zweizeilige Schriftzug stellt ihn als Bernd Neumann vor. Und darüber steht die Aussage, besser für die Menschen zu sein oder sein zu wollen.

Der eilige Zeitgenosse mag über diesen Leitsatz schnell hinweglesen: Besser für die Menschen. Allein es steckt noch ein ganz anderer, ein viel tieferer Sinn in diesen Worten, wenn man sie nur ein wenig anders betont: Besser für die Menschen. Nun künden diese vier Worte von einer Lebensweisheit, die aus schmerzlicher Erfahrung gewonnen worden sein muss.

Der Herr auf dem Bild hat sich auf seinem Lebensweg für die Menschen entschieden und ist nicht mehr gegen sie. So kündet das Porträt von einer Verwandlung vom Menschenfeind zum Menschenfreund. Doch ist diese Verwandlung unumkehrbar? Erscheint das Lächeln wirklich noch so freundlich? All das bleibt in geheimnisvoller Schwebe. Nie zuvor ist der CDU ein derartiges Meisterwerk gelungen.


Werk 4, Mäzen: SPD

[Bildunterschrift: Meisterwerk der SPD]
Zu sehen ist ein Mann offenbar in seinen besten Jahren. Er lacht leicht verschmitzt und zeigt dabei blendend weiße Zähne. Sein Blick lässt das Lächeln zu einem Strahlen werden. Seine Haut wirkt straff, geradezu rosig. In fettgedruckter Schrift gibt SPD ihm dem Namen Uwe Beckmeyer.

Anders als bei den Kunstwettbewerbsbeiträgen von CDU und FDP ist die typografische Kernaussage hier nicht bildbestimmend. Im Gegenteil: Sie tritt bescheiden in den Hintergrund, so dass sie gerade noch wahrnehmbar ist. Der Leitsatz Vertrauen in Deutschland soll im Zusammenspiel mit dem Bild das Herz des Betrachters ansprechen und seine Sympathie wecken.

Wie der Betrachter aus Sekundärquellen erfahren kann, ist der Mann bereits 56 Jahre alt. Das ist ihm nicht anzusehen. Es ist, als hätte er all die Wirrnisse und Verwerfungen der vergangenen drei Jahre schadlos überstanden. Hatte er gar nichts damit zu tun? Die Künstlergruppe lässt diese Frage leider unbeantwortet. Dennoch ist SPD ein gewisser Mut nicht abzusprechen: Mit dem Porträt des faszinierend Junggebliebenen stellt sich die Gruppe auch in wenig aussichtsreicher Position dem Urteil des Betrachters.


Werk 5, Mäzen: Die Linke.PDS

[Bildunterschrift: Meisterwerk der Linkspartei]
Zwei Herren stehen nebeneinander. Ein klassisches Doppelbildnis, gleichwohl sind Haltung und Ausdruck der beiden Individuen verschie-den. Insbesondere der Herr in der linken Bildhälfte zieht den Blick auf sich. Er schaut den Betrachter scheinbar direkt an - offenbar amüsiert oder zumindest zufrieden - aber fixiert er nicht etwas Unbekanntes in der Ferne? Womöglich beobachtet er spielende Kinder auf einer Blumenwiese. Oder die aktuellen Wahlprognosen der Sozialdemokraten?

Der Herr rechts hingegen interessiert sich weder für das eine noch für das andere, er widmet sich einzig dem linken Herrn. Er will dem anderen offenbar gefallen, vielleicht ihm etwas verkaufen. Die distinguierte Handhaltung erinnert durchaus an die eines Oberkellners, der ein edles Menü empfiehlt. Oder bietet hier ein willfähriger Arbeitsuchender einem erhabenen Kapitalisten seine Dienste an?

Wir haben es also hier offenbar mit einer Szene aus der Wirtschaft zu tun. Ein fröhliches, optimistisches Szenario, das dank der naturalistischen Darstellung ein wichtiger Beitrag eines modernen politischen Realismus sein dürfte.

Autoren: Christoph Köster (FDP, CDU, SPD),
Axel Rowohlt (Bündnis90/DieGrünen, Die Linke.PDS)

 

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