Krieg für Öl oder gegen Terror?

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eröffnet am: 28.02.03 19:58 von: soulsurfer Anzahl Beiträge: 1
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28.02.03 19:58

2728 Postings, 7142 Tage soulsurferKrieg für Öl oder gegen Terror?

Interview der Tageszeitung "Junge Welt" mit Michel Chossudovsky, Wirtschaftsprofessor in Kanada

F: Ein Krieg ums Öl ist ökonomischer Unsinn«, behauptete der Wirtschaftsforscher William Nordhaus kürzlich in der Wochenzeitung »Die Zeit«. Der Ölpreis würde bei Kriegsbeginn steigen, und die US-Wirtschaft dadurch nur geschädigt.

Es geht nicht darum, ob Wirtschaft oder Bevölkerung in den USA kurzfristig von einem Krieg um Öl profitieren. Bei diesem Krieg geht es um unermeßliche Ölvorräte. Dabei dürfen wir nicht nur auf den Irak schauen, sondern auch auf die Nachbarländer. Dort lagern rund 70 Prozent der Weltölreserven.

F: Kritiker der Öl-Kriegsthese weisen darauf hin, daß diese Ölstaaten ihr Öl ohnehin verkaufen müssen.

Es ist ein Unterschied, ob diese Länder ihr Öl auf dem Weltmarkt anbieten und es die großen Ölkonzerne dort kaufen, oder ob diese Konzerne die Ölvorräte direkt beherrschen. Es geht darum, das Öl nicht auf dem Markt zu kaufen, sondern es direkt zu rauben. Ein Krieg hat immer wirtschaftliche Ursachen. Dabei sage ich nicht, daß Öl das einzige Kriegsziel ist. Es geht auch um die Kontrolle von Institutionen, anderen Rohstoffen, Menschen, Finanzsystemen etc.

F: Welche Strategie verfolgen die USA im Nahen Osten?

Die USA wollen die politische Macht erringen, Protektorate errichten, die Zentralbanken dieser Länder kontrollieren und sie an den Weltwährungsfonds anbinden. Überall, wo die USA ihren Einfluß ausdehnen, betreiben sie auch eine Dollarisierung der dortigen Währungen. All dies sind Elemente der Strategie, eine freie Marktwirtschaft herzustellen und ein Empire zu errichten.

Die auf die Clinton-Regierung zurückgehende »Nationale Sicherheitsdoktrin« besagt, daß das erste Kriegsziel der Irak ist und das nächste der Iran. Auch Saudi-Arabien ist im Zielfeld. Eine militärische Besatzung des Landes ist durch die US-Militärbasen de facto bereits vorhanden. Ich vermute aber, daß die USA dort eine wesentlich direktere Herrschaft als bisher anstreben. Und diese Herrschaft wollen sie nicht mit Europa teilen.

F: Worin sehen Sie die Gründe für die deutsch-französische Ablehnung des Krieges?

Deutschland und Frankreich sind aus gemeinsamen geostrategischen Gründen gegen die anglo-amerikanische Militärachse, der übrigens auch Israel angehört. Der mit den angloamerikanischen Ölkonzernen konkurrierende französische Konzern TotalFinaElf hat eine Partnerschaft mit dem italienischen Ölkonzern ENI. Diese Konzerne haben sehr wichtige Interessen an den Ölfeldern im Irak, Iran und am Kaspischen Meer. Es existieren mehrere Förderverträge, die in Kraft treten könnten, wenn die Sanktionen gegen Irak aufgehoben würden.

F: In Ihrem Buch »Global brutal« * nennen Sie den »Krieg gegen den Terror« eine Lüge. Warum?

Es ist offenkundig, daß Al Qaida in den frühen 80er Jahren von der CIA geschaffen wurde. Der damalige US-Präsident Jimmy Carter war der Architekt dieses Netzwerkes militanter Islamisten, das Al Qaida - »die Basis« - bildet. Auch unter Ronald Reagan war eine aktive Zusammenarbeit zwischen Al Qaida und US-Regierung deutlich zu erkennen. Zum Teil lief diese Zusammenarbeit über den pakistanischen Militärgeheimdienst ISI und zum Teil direkt.

So arbeitete die US-Regierung im Fall von Bosnien Mitte der 90er Jahre mit einer Organisation zusammen, die zu Al Qaida gehörte. Wir haben Berge von offiziellen Berichten, Dokumenten und Zeugenaussagen, die diese Beziehungen belegen. Al Qaida ist eine Schöpfung der CIA.

F: Aber Al Qaida könnte doch eine Art Frankenstein-Monster sein, das seinen Schöpfern außer Kontrolle geraten ist?

Diese Begründung hört man oft von den Apologeten der Bush-Regierung. Man gibt zu, daß man die Organisation geschaffen hat, aber jetzt soll sie sich plötzlich gegen die USA gewendet haben. Wenn das wahr wäre, warum gibt es dann deutliche Belege für eine Zusammenarbeit von Al Qaida und der CIA, nur wenige Wochen vor den Anschlägen des 11. September 2001, im Rahmen der albanischen »Nationalen Befreiungsarmee« in Mazedonien? Das sagt auch der mazedonische Premierminister, und es ist in der mazedonischen Presse nachzulesen. Es besteht kein Zweifel daran, daß Al Qaida die albanische UCK unterstützt.

F: Welche Rolle spielte der pakistanische Geheimdienst bei den Kontakten zwischen US-Administration und Al Qaida?

Während des Kalten Krieges, als in den frühen 80er Jahren die Operation in Afghanistan eingeleitet wurde, half die CIA beim Aufbau von Geheimdienststrukturen in Pakistan. Seither bestehen zwischen beiden Diensten enge Beziehungen. Die USA haben 1995 mit Hilfe des pakistanischen Geheimdienstes auch die Herrschaft der Taliban installiert. Das ist der historische Hintergrund. ISI unterstützt viele terroristische Organisationen. So zum Beispiel die Terroristen in Kaschmir, die Ende 2001 einen Überfall auf das indische Parlament verübt haben. Offizielle Quellen belegen, daß auch Al Qaida vom pakistanischen Militärgeheimdienst ISI unterstützt wurde.

Am 28. September 2001 veröffentliche das FBI einen Bericht, der sich mit einem pakistanischen Geldtransfer an den Anführer der Al-Qaida-Operation vom 11.September, Muhamed Atta, befaßte.

Der Bericht bestätigt, daß es der damalige Chef des pakistanischen Geheimdienstes ISI, General Mahmoud Ahmad, war, der Muhamed Atta finanzierte. Dieser General Ahmad befand sich vom 4. bis zum 13. September 2001 auf einem offiziellen Besuch in den USA. Derselbe Mann, der das Geld an die Terroristen überwiesen hatte, unterhielt enge Kontakte zu zahlreichen hohen Vertretern der Bush-Regierung. Der General traf sich mit Außenminister Colin Powell, CIA-Direktor George Tenet und dem stellvertretenden Außenminister Richard Armitage. Diese Tatsachen beweisen zwar noch nicht, wer die Terrorakte vom 11. September ausführte. Aber sie zeigen, daß sich diese Vertreter der Bush-Administration zumindest der Komplizenschaft und Verschleierung schuldig gemacht haben, weil sie enge Kontakte mit einem Mann unterhielten, der bekanntermaßen mit den Taliban und Al Qaida zusammenarbeitet und terroristische Organisationen unterstützt.

F: Welche Aufgaben stellen sich der Antikriegsbewegung?

Nur gefühlsmäßig gegen den Krieg zu sein, genügt nicht. Die Antikriegsbewegung muß ihre Stoßrichtung ändern. Demonstrationen und Kundgebungen sind wichtig. Aber sie entziehen den Herrschenden noch nicht die Legitimation ihrer Herrschaft. Solange die öffentliche Meinung nicht die Legitimation der herrschenden Politiker generell in Frage stellt, ist es diesen Leuten bei ihrer Entscheidung, Kriege zu führen, egal, ob sie 90 Prozent der Bevölkerung gegen sich haben.

Die Antikriegsbewegung muß die Rechtmäßigkeit der Bush-Regierung in Frage stellen. Sie muß zeigen, daß die Rechtfertigungen der Bush-Regierung für den Krieg künstlich erzeugt wurden, daß der Feind künstlich geschaffen wurde und daß diese Regierung Kriegsverbrechen begeht. Wenn wir deutlich sagen, daß die Bush-Regierung hinter Al Qaida steckt und die Terroristen unterstützt hat, dann wird diese Regierung ihre Glaubwürdigkeit verlieren, und ihre Kriegspläne werden zerplatzen. Wir müssen deutlich machen, daß es keinen Grund für einen Krieg gibt und die Regierenden in den USA und Großbritannien abgesetzt werden müssen.

In Porto Alegre hieß es: Eine andere Welt ist möglich. Ich meine, wer schnell eine andere Welt haben möchte, muß schrittweise vorgehen. Als ersten Schritt zu einer anderen Welt gilt es, den Ausbruch des Krieges zu verhindern und die Herrschenden zu dekonstruieren. Dies wird eine Dynamik für weitergehende Veränderungen auslösen.

* Bei Zweitausendundeins ist Chossudovskys Buch »Global brutal« auf Deutsch erschienen, das schnell zu einem Bestseller der globalisierungskritischen Bewegung wurde

Anmerkung: Nick Brauns, Junge Welt, 15.02.03

quelle: http://puk.de/puk/article.php?sid=264  

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