Konsum statt Kommunismus

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eröffnet am: 26.08.05 09:15 von: bammie Anzahl Beiträge: 1
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8970 Postings, 6213 Tage bammieKonsum statt Kommunismus

Politik ist out, Karriere, Sex und Schönheit sind in - Die Mehrheit der chinesischen Jugendlichen sucht eher das private Glück

von Kirstin Wenk


Peking - Liu Meili ist zufrieden. Die Haare dunkelblond gefärbt, in abgewetzter Jeans-Jacke und Minirock sitzt sie beim Café Latte in einer der Pekinger Starbucks-Filialen. "Mir geht es gut", stellt sie fest. "Und in Zukunft wird es mir noch besser gehen. Den meisten Menschen in China geht es immer besser." Die 23jährige Studentin der Bibliothekswissenschaften bereitet sich auf ihren Magister-Abschluß an Chinas renommiertester Hochschule, der Peking Universität, vor. Später wird sie einmal genug Geld verdienen, um sich eine Eigentumswohnung und ein Auto leisten zu können, davon ist sie jedenfalls überzeugt.

Auch Su Yang sieht keinen Grund zur Klage. "Ich bin glücklich, in China leben zu dürfen", sagt er und nickt dazu bedeutungsvoll. "Hier gibt es bessere Berufschancen als überall auf der Welt." Der 25Jährige arbeitet seit einem Jahr in der Personalabteilung des chinesischen Computerherstellers Lenovo in Peking und macht nebenbei seinen Abschluß zum "Master of Business Administration". Der MBA bedeutet viel Streß und wenig Freizeit. Aber Su Yang ist sich sicher, daß der Aufwand lohnt. "Dann werde ich später Manager und angle mir eine schöne Frau." Die stellen heute hohe Ansprüche, sagt Su, sowohl an die Männer als auch an deren Portemonnaies.

Politik ist weder für Meili noch für Yang ein Thema. "Niemand außer der Kommunistischen Partei kann China regieren", sagt das Mädchen, "und so lange die mich in Ruhe lassen, ist mir das egal". Vor sechzehn Jahren hätte man so einen Satz von einer Pekinger Studentin kaum gehört. Als 1989 Chinas Jugend aus den Hörsälen auf die Straßen stürmte, schien eine neue Epoche anzubrechen. Die jungen Leute forderten Demokratie, eine Ende der Korruption und eine freie Presse. Wer nur eine klitzekleine Chance hatte, nach Amerika, Europa oder Australien auszuwandern, ergriff sie. Im Westen, so hieß es, sei man frei und könne viel Geld verdienen. Heute wollen immer weniger Studenten im Ausland studieren. Für die Jugend liegt die Zukunft in China selbst. Zwar herrscht immer noch die Kommunistische Partei, Bestechung ist ein Bestandteil des Systems, die Zeitungen dürfen bis heute nicht alles drucken. Doch niemand geht deshalb mehr demonstrieren. Die wenigsten Jugendlichen wissen überhaupt, was am 4. Juni 1989 genau passierte, es interessiert auch niemanden. Die Themen heute sind: Karriere und Konsum, Sex und Schönheit.

Die Teens und Twens, zumindest die in den Städten, kennen nicht mehr die Entbehrungen von früher: Lebensmittelrationen, keine Autos, kein Fernsehen. Im China der Wirtschaftsreformen werden alle immer reicher, alles wird größer, bunter, besser. Für viele Jugendliche sind Chinas Siege bei den Olympischen Spielen eine logische Folge der Zuwendungen, die ihre Generation genießt. Die neuen Idole sind Siegertypen, wie Liu Xiang, der bei den Olympischen Spielen in Athen einen neuen Weltrekord über 110-Meter-Hürdenlauf aufstellte.

"Wer hat noch mal gesagt, daß gelbe Haut schwarze Haut nicht besiegen kann", sagte Liu Xiang nach seinem sensationellen Sieg in Anspielung darauf, daß üblicherweise Schwarze und nicht Asiaten beim Sprint dominieren. Prompt landete er mit seinem trotzig triumphierenden Spruch auf den Titelseiten chinesischer Boulevard-Blätter. Wenn es um die nationale Ehre geht, ist Politik wieder interessant. Im Frühjahr trieben Proteste gegen japanische Schulbücher, in denen die Greuel während der Besatzung Chinas (1931 bis 1945) verharmlost werden, Zehntausende Studenten auf die Straßen. Junge Leute schmissen Scheiben japanischer Läden ein und verbrannten Flaggen mit der aufgehenden Sonne. In virtuellen Chatrooms bekundeten junge Chinesen, die den Krieg selbst nie erlebten, ihren "Haß" auf die "japanischen Teufel", sammelten Unterschriften gegen Tokios Streben nach einem Ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat. In China ist das Internet zum Forum nationalistischer Affekte avanciert. Als Instrument politischen Dissens', zur Suche und Verbreitung subversiver Informationen, nutzen die 100 Millionen - meist jungen - User das Web viel weniger: einerseits weil die Diktatur Demokratieaktivisten einsperrt, andererseits weil Pop- und Filmstars mehr interessieren.

Die Parteimitgliedschaft ist sogar attraktiver denn je. Während 1990 nicht einmal ein Prozent der Studenten in der KP waren, sind es heute an den großen Universitäten mehr als zwölf Prozent. In einer Studie stellte die Kommunistische Jugendliga fest, daß sich die meisten davon Karrieresprünge und Kontakte versprechen, aber niemand will sich für politische oder gesellschaftliche Arbeit engagieren. Am häufigsten nannten die Studenten folgende Berufswünsche: erstens Milliardär, zweitens Boss einer multinationalen Firma, drittens Provinz- oder Bezirkschef. Für das persönliche Fortkommen ist alles recht. Mehr als sechzig Prozent finden nichts dabei, bei Prüfungen zu mogeln oder gekaufte Abschlußarbeiten abzugeben, fand das Magazin "Xinwen Zhoukan" (Nachrichtenwoche) in einer Umfrage unter Studenten und Schülern heraus. Nur eine Minderheit hat Bedenken, heimlich auf Kosten des Arbeitgebers Ferngespräche zu führen. "Wir sind schlecht, also sind wir genau richtig!", singt die Boy-Group "Huar" (Blumen) in einem ihrer Hits. Besorgt um die korrekte Lebenseinstellung der nachwachsenden Generation, erläßt die Partei- und Regierungszentrale immer mal wieder "Richtlinien zur Verbesserung der moralischen Gedankenarbeit der unter 18Jährigen".

Doch nicht nur die Partei, auch die 30- bis Mitte 40Jährigen betrachten den Materialismus der Jugend mit Grummeln. "Wir haben 1989 nach dem Sinn des Lebens gesucht", sagt Zhao Ying, die für Goldman Sachs arbeitet. "Heute interessieren sich die Jungen nur noch für sich selbst." Die 35Jährige klagt, daß die Parteiführung der Jugend das "Gehirn gewaschen" habe und sie "besteche". Cui Jian, Chinas bekanntester Rockstar, schimpft: "Alle wollen nur noch jung, reich und sexy sein." In den achtziger Jahren sangen Studenten seine Ballade "Ich habe gar nichts", eine Ode an die Genügsamkeit, heute hören sie seichte Popmusik aus Hongkong und Taiwan. Auch der Maler Pu Jie aus Schanghai hält nicht viel von der Jugend. Er malt wild tanzende, halbnackte Körper in grellen Ölfarben. "Durch die Verwestlichung wissen die Jungen nichts mehr über ihr Land und seine Geschichte", sagt der 44Jährige.

Tatsächlich gehen in den Städten mehr Jugendliche zu Kentucky Fried Chicken und McDonalds als in chinesische Nudelshops. Internet-Surfen und Inline-Skating sind in; für Kalligraphie und Pekingoper interessieren sich meist nur die Alten. Das Freizeitleben lockt mit immer mehr Verführungen: schicke Discos und schmuddelige Bars, Schwarzkopien von Filmen auf DVD, Jugendmagazine geben Schminktips. Im Hörsaal lesen Studentinnen heimlich Bücher über die Liebesaffären "böser Mädchen". Die Pekinger Volksuniversität stellte fest, daß ein Drittel der unter 35Jährigen Fremdgehen "natürlich" findet. Immer mehr Studenten mieten sich eine Wohnung, um sich ungestört mit Freund oder Freundin treffen zu können. Das ist zwar verboten. Aber unter Chinas Ein-Kind-Politik ohne Geschwister aufgewachsen sind die "kleinen Kaiser" und "Kaiserinnen" - wie die Einzelkinder in China genannt werden - eigene Zimmer gewöhnt. Sie wollen nicht mehr zu sechst in engen Räumen auf dem Campus wohnen. Abends um zehn Uhr wird dort der Strom abgeschaltet. Verboten ist Besuch vom anderen Geschlecht.

Während sich die Universitäten als letzte Bastionen sozialistischen Anstands gerieren, nimmt das Streben nach Erfolg im kapitalistischen Alltag groteske Formen an. Die Schönheitschirurgie wächst mit zweistelligen Zahlen, 80 Prozent der Kunden sind Schüler und Studenten. Viele erhoffen sich durch eine Nasenbegradigung, Augenlidoperation oder Beinverlängerung bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Denn trotz des Wirtschaftswachstums ist die Konkurrenz groß, jedes Jahr kämpfen drei Millionen Universitätsabgänger um die besten Jobs. Eltern erklären in Bestsellern wie "Harvard Girl", wie sie ihre Kinder von Geburt an darauf vorbereiteten, später den Sprung auf eine amerikanischen Eliteuniversität zu schaffen.

Dem Vater einer Tochter jedoch wurde der Rummel um Ruhm und Reichtum zu viel. Er schrieb eine Replik auf den Wahn, seine Kinder zu Berühmtheiten zu heranzuzüchten. Nur wenige lasen sein Buch. Der Titel "Ich bin mittelmäßig, ich bin glücklich" verkaufte sich nicht gut.

Artikel erschienen am Fr, 26. August 2005  

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