Keine Lust auf Überflüssiges

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eröffnet am: 28.02.03 00:10 von: vega2000 Anzahl Beiträge: 2
neuester Beitrag: 28.02.03 00:12 von: DarkKnight Leser gesamt: 208
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28.02.03 00:10

Clubmitglied, 44328 Postings, 7317 Tage vega2000Keine Lust auf Überflüssiges

Konsumverdrossenheit
In Zeiten der Krise vergeht der Spaß an der Prasserei auch jenen, die sie sich noch leisten könnten ? und aus passionierten Shoppern werden Konsumverweigerer

Es ist so weit: Die Konsumverweigerung hat die Neue Mitte erreicht. Menschen, die noch im letzten Jahr ohne Zögern ein halbes Monatsgehalt für einen Designerduschkopf hingeblättert haben, verschmähen neuerdings jeden Luxus. Nicht aus Sparsamkeit oder gar aus Prinzip, sondern weil sie Geldausgeben jetzt irgendwie vulgär finden. Plötzlich prahlen einstige fashion victims damit, dass sie nur noch 1300 Euro im Monat benötigen. Sie arbeiten gerade genug, um diese Summe zusammenzubekommen. Ihr neuer Luxus ist die gewonnene Zeit zum Lesen, Malen, E-Gitarre spielen. Der Werbeslogan »Geiz ist geil« bringt dieses Lebensgefühl nicht auf den Punkt, denn zu Schnäppchenjägern sind die geläuterten Verschwender nun auch wieder nicht mutiert. Nicht Geiz ist geil, sondern Konsum ist öde.

Es macht einfach keinen Spaß mehr, unvernünftig Geld auszugeben. Erstens, weil sich die Vermögensverhältnisse vieler einstigen Besserverdienenden stark verändert haben. Zweitens, weil es sich im allenfalls noch teilzeitarbeitenden Freundeskreis nicht mehr so lustvoll herumprotzen lässt, und drittens, weil in Vorkriegszeiten die Lust auf Überflüssiges generell nachzulassen scheint. Vielleicht hat es auch mit der kollektiven Vertrauenskrise zu tun, in der Versicherungen, Rentenmodelle oder Aktienpakete als Altersversorgung ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt haben. Die einzige zuverlässige Absicherung heißt heute Autarkie. Den Lebensstandard so drastisch herunterschrauben, dass man ihn notfalls auch durch Kellnern aufrechterhalten kann, und seine Kicks außerhalb der Gucci-Filialen zu suchen.

Einen radikaleren Wertewandel hätte kein Sonntagsredner herbeipredigen können. Die egomanen Konsumgören rücken zusammen und versuchen zum ersten Mal in ihrem Leben, als gute Freunde zu gelten.

Die Leidtragenden dieser Entwicklung sind die wenigen verbliebenen Gerne-Shopper wie ich. Uns ist unser Hobby gründlich vergällt. In den ehedem frequentierten In-Boutiquen wird man zum Jagdobjekt unterbeschäftigter Verkäuferinnen, die einen in guten Zeiten keines Blickes gewürdigt haben. Jetzt servieren sie unaufgefordert Cappuccino und gefiltertes Wasser und reden, bis man fluchtartig den Laden verlässt. Die entgangene Ausgabe fällt nicht weiter ins Gewicht, denn das geläuterte private Umfeld ist von saisonalen Mode-Highlights sowieso nicht mehr zu beeindrucken. Ich werde also schweren Herzens meine Verschwendungssucht zügeln und mich den Konsumverweigerern anschließen. Allerdings nicht kritiklos!

Neulich erhielt ich eine ernst gemeinte Einladung zum Spieleabend. Das geht natürlich zu weit. Auch positive Trendwenden haben ihre Grenzen.

Zeit

ariva.de  

28.02.03 00:12

33593 Postings, 7328 Tage DarkKnightWas sag ich seit 1 Jahr? Kauft Dörrfleisch. o. T.

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