Kassandra und ihre Bevölkerungsprognosen

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eröffnet am: 16.12.06 08:31 von: quantas Anzahl Beiträge: 1
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15332 Postings, 5721 Tage quantasKassandra und ihre Bevölkerungsprognosen

Herwig Birg, der wohl bekannteste deutsche Bevölkerungswissenschafter, hat unlängst in einem Streitgespräch über die Zukunft seines Landes ein rabenschwarzes Szenario an die Wand gemalt. Deutschland werde wegen der angeblich für die nächsten fünfzig Jahre unumkehrbaren Schrumpfung seiner Bevölkerung und des daraus resultierenden Zusammenbruchs der sozialen Sicherungssysteme als Gesellschaft zerfallen. Es werde eine breite «Verelendung» wie in der Dritten Welt neben «obszönem Reichtum» geben. Grund für diesen Niedergang sind laut Birg die seit langem deutlich unter dem statistischen Reproduktionsfaktor (2,1 Kinder pro Frau) liegenden Geburtenraten in Deutschland. Das Land sitze in einer demographischen Falle.

Birg, bis vor zwei Jahren Präsident der Deutschen Gesellschaft für Demographie, lässt sich auch durch kraftvolle Gegenargumente nicht von seiner düsteren Prognose abbringen. Möglichkeiten wie die Heraufsetzung des Pensionsalters für eine länger lebende Bevölkerung zur Entlastung der Rentenkassen und zum Ausgleich des angeblich drohenden Arbeitskräftemangels lässt der Professor nicht gelten. Auch dem Einwand, dass ein weniger dicht besiedeltes Land ja nicht unbedingt eine traumatische Vorstellung sein müsse, schenkt er kaum Gehör.

RUSSLAND UND CHINA

In gewissem Sinne schlägt Birg in die gleiche Kerbe wie der russische Präsident Putin, der in seinem diesjährigen Bericht zur Lage der Nation erklärt hatte, der anhaltende drastische Bevölkerungsrückgang sei das «drängendste Problem» des Landes. Nach seinen Angaben schrumpft die russische Bevölkerung jährlich um mindestens 700 000 Einwohner. Heute leben noch 143 Millionen Einwohner im flächenmässig grössten Land der Erde - weniger als halb so viele wie in den USA. Bis zur Mitte des Jahrhunderts könnte die russische Bevölkerung auf unter 100 Millionen fallen. Der Rückgang ist nur zum Teil die Folge einer niedrigen Geburtenrate, er hat auch mit der frühen Sterblichkeit zu tun. Russische Männer werden im Durchschnitt nur 58 Jahre alt - 13 Jahre weniger als Frauen. Zur Entschärfung dieser demographischen Probleme kündigte Putin die Erhöhung des Kindergeldes, besseren Zugang zu günstigen Baukrediten und erleichterte Einwanderung an.

Die chinesische Führung wiederum ist mit dem deutlich verlangsamten Wachstum der Bevölkerung sehr zufrieden. Dies ist ein Erfolg ihrer seit einem Vierteljahrhundert diktatorisch verordneten Ein-Kind-Politik. Doch seit einiger Zeit sieht sich das Pekinger Regime mit den Problemen einer rasch zunehmenden Alterung der Gesellschaft konfrontiert. Anders als in Europa steht für die ältere Bevölkerung in China noch längst kein flächendeckendes materielles Sicherungssystem zur Verfügung. Etwa 400 Millionen Chinesen auf dem Lande müssen ohne Rentenansprüche überleben. Man hat nicht den Eindruck, dass die Mehrheit der Chinesen die Zukunft deshalb in trübsten Farben malen würde.

In der Demographie-Debatte stiftet häufig die fehlende Abgrenzung zwischen nationaler und globaler Perspektive Verwirrung. In der globalen Perspektive ist unbestritten, dass die Weltbevölkerung trotz allgemein sinkenden Geburtenraten weiterhin deutlich ansteigt. Zurzeit leben 6,6 Milliarden Menschen auf unserem Planeten. Die Uno schätzt, dass bis zum Jahr 2050 diese Zahl nochmals um fast 50 Prozent auf über 9 Milliarden zunehmen wird. Erst dann kann allenfalls mit einer Stabilisierung und später mit einem Rückgang der Erdbevölkerung gerechnet werden.

Pessimisten (sie halten sich natürlich wie Professor Birg für illusionslose Realisten) beurteilen eine mögliche Bevölkerungszahl von 9 Milliarden als pure Katastrophe für die Zukunft unseres Planeten. Die Tatsache, dass sich die Weltbevölkerung seit Beginn des 20. Jahrhunderts vervierfacht hat und die Menschen - dank technischem Fortschritt und höherer Produktivität - im Durchschnitt zumindest materiell dennoch deutlich besser leben, wird als zuversichtliches Argument nicht anerkannt.

Was sich, global betrachtet, markant verändert, ist die demographische Gewichtsverteilung zwischen Europa und seiner regionalen Nachbarschaft im Süden und im Südosten. Heute zählt Europa (ohne Russland) rund 500 Millionen Einwohner und ganz Afrika 900 Millionen. Bis zur Mitte des Jahrhunderts dürfte die Bevölkerung Europas noch bei 400 Millionen, diejenige Afrikas aber bei 1900 Millionen liegen. Es liegt auf der Hand, dass bei einer solchen Entwicklung der jetzt schon starke Migrationsdruck aus dem Süden - und dem arabischen Südosten - auf das immer noch wohlhabende Europa gewaltig ansteigen wird. Solche über den nationalen Horizont hinausreichenden Probleme intelligent und mit dem nötigen Weitblick zu meistern, stellt wohl eine wesentlich grössere Herausforderung dar als die Sicherung unserer Pensionskassen.

PROGNOSEN UND ERFAHRUNGEN

Unterschiedliche demographische Entwicklungen werden längerfristig auch machtpolitische Entscheidungen stärker beeinflussen. Nicht dass eine grosse Bevölkerungszahl automatisch mehr Einfluss und Durchsetzungsvermögen bedeutet. Doch in einer immer dichter zusammenwachsenden und entsprechend kooperierenden Welt gewinnt auch das Gesetz der grossen Zahl mehr Gewicht - zum Beispiel bei der Stimm- und Postenverteilung in internationalen Gremien. Ein anderes Beispiel: Israels Entscheidung zum Rückzug aus dem Gazastreifen und die grundsätzliche Zusage zur Schaffung eines palästinensischen Staates sind wesentlich durch das deutlich schnellere Wachstum der arabischen Bevölkerung auf seinem seit 1967 kontrollierten Territorium beeinflusst worden.

Gegen die vor allem in Europa verbreiteten Befürchtungen sinkender Geburtenzahlen wie auch die Kassandrarufe über eine global immer noch steil anwachsende Weltbevölkerung lassen sich durchaus bedenkenswerte optimistische und pessimistische Argumente ins Feld führen. Niemand kann die Zukunft mit Gewissheit voraussagen, auch wenn das in der Demographie-Debatte manche Spezialisten behaupten. Doch die historische Erfahrung spricht gegen die diversen Untergangsprognosen. Schon der britische Gelehrte Robert Malthus hatte sich mit seinem vor 208 Jahren verkündeten «Bevölkerungsgesetz», das zu einer untragbaren Vermehrung der Menschheit und massenhaftem Hungertod führen werde, gründlich verrechnet.

Eine Grundschwäche bei solchen Prognosen liegt häufig in der mehr oder weniger starren Projektion aktueller Trends in die Zukunft. Malthus konnte sich die Möglichkeiten menschlichen Erfindungsgeistes zur Verhinderung der vorausgesagten Katastrophe offenbar nicht vorstellen. Auch heutige Demographie-Pessimisten, die hochentwickelte Länder wie Deutschland in die Verelendung rutschen sehen, sollten solche Unwägbarkeiten intensiver bedenken. Zu diesen gehören übrigens auch die Chancen eines neuen Aufwärtstrends bei den Geburtenraten - zum Beispiel nach amerikanischem oder französischem Muster.

R. M.

 
 
 

 http://www.nzz.ch/2006/12/16/al/kommentarER4AW.html

 
 

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