Karl Köhler - 1926 - Per aspera ad Astra

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246 Postings, 5906 Tage GodlikeKarl Köhler - 1926 - Per aspera ad Astra

Leserbrief nach Diktat vom Enkel Köhlers getippt. Karl Köhler (Jg 1926, Deutschland) starb 2001 in Zürich.

Godlike
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Als sehr alter (Jg.1926) und stolzer Schweizer bin trotzdem nur ein "Papierlischweizer".

Ich habe bis jetzt immer geschwiegen, ja ich habe mich meiner Herkunft eigentlich geschämt und auch das was ich damals getan habe und auch tun musste behielt ich für mich. Hier meine Geschichte:

Als 17jähriger Freiwilliger, Verblendeter und betrogener Deutscher in Belgien als Grenadier ausgebildet und anschliessend dem 25. SS-Panzergrenadierregiment in Vimoutier FR zugewiesen. Ich gehörte also zu einem Totenkopfregiment! Dort habe ich den letzten Schliff bekommen um am 6.06.1944 an der Normandiefront gegen die Canadier zu kämpfen.

Die Frontunerfahrenen Canadier wurden in den ersten 4 Wochen durch uns total fanatisierten und zu allem entschlossenen Hitlerjugendverbänden buchstäblich ausradiert und erlitten schwerste Verluste. Erst massivster Einsatz der Bomberverbände (Herr Rottenführer, für jeden Grenadier ein Bomber, welche Ehre!) und dem folgenden Stahlgewitter hatten wie nichts mehr entgegenzusetzen.

Unsere Verluste waren total von den 2400 Grenadieren überlebte bis zum 26.08.44 nur gerade 120. Einer davon bin ich. Verletzt, abgekämpft und am Ende aller Kräfte sank ich im Falaise-Kessel in einen Graben und schlief und schlief bis die Räumkommandos der Alliierten kamen und die 30'000 Leichen wegräumten. Die hielten mich ganz einfach für tot und liessen mich vorerst liegen.

Eine Schweizer Rotkreuzdelegation hat mich dort aufgelesen. Als Jugendlicher war ich dem Kriegsgericht noch nicht unterstellt und wurde als verletzt und psychisch angeschlagen in einem Lazarett transportfähig gepflegt.

Anschliessend hat mich diese Delegation mit andern Jungs in die Schweiz exportiert weil keine meiner Angehörigen mehr am Leben oder auffindbar waren und ich gar nicht wusste wohin ich den sollte: Zu meiner Einheit durfte ich nicht mehr, Kriegsgefangener war ich nicht. Also eigentlich gab es meinen Status gar nicht. Die GI's nannten uns Boyscouts und waren froh, uns los zu werden. Bis jetzt war's die Hölle.

Und kurz vor Weihnachten 1944 war ich im Paradies: Es gab zu futtern, es war warm, die Menschen menschlich und ich weinte den ganzen Tag, warum weiss ich heute noch nicht genau. Später hat mich eine Familie in Schlieren ZH aufgenommen und mir eine Familie gegeben, Ausbildung ermöglicht und Menschlichkeit gezeigt. Und das ist der Punkt!

Ich wurde als Flüchtling aufgenommen, obwohl ich ein Mitglied der Waffen-SS war, obwohl ich gegen alle Gesetze der Menschlichkeit verstossen hatte, gemordet, gebrandschatzt und Angst und Schrecken verbreitet: Man hat mir verziehen!

Ich bin meiner neuen Heimat der Schweiz ein Leben treu geblieben und ergeben und würde nie und nimmer dieses Land hergeben, verraten oder so schamlos ausnützen wie das heute die Asylsuchenden zum grossen Teil praktizieren. Ich wurde adpotiert, ich habe hier die RS absolviert keiner hat gemerkt, wo ich mein Kriegshandwerk erlernt habe, meine neuen Eltern haben eisern gechwiegen und mein Dialekt war inzwischen perfekt. Ich war einfach ein guter Grandier in Losone und wurde allgemein gechätzt, ich habe meine WK's gemacht und ich war und bin ein nützliches Mitglied dieses Landes und bis an meine letzten Tage dankbar dafür. Ich spreche Dialekt "Zürischnurre" halt aber immerhin.

Ich danke diesem Land, den Leuten und dem Schicksal,dass mir diese Chance gegeben hat. Ich bin ein Patriot! Per aspera ad astra (vom Nebel zu den Sternen)

Karl Köhler
 
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