Kann mir das ein Kirchenfreund erklären?

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neuester Beitrag: 30.03.05 13:10
eröffnet am: 30.03.05 13:06 von: ottifant Anzahl Beiträge: 2
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21368 Postings, 6986 Tage ottifantKann mir das ein Kirchenfreund erklären?

Erklärtafel zur "Judensau"  


Die so genannte Judensau am Regensburger Dom, eine antisemitische mittelalterliche Spottfigur, bekommt heute eine Hinweistafel. Das Schild zeigt auf, dass die Skulptur im historischen Zusammenhang gesehen werden müsse und aus heutiger Sicht befremdlich sei. Der Münchner Künstler Wolfram Kastner, der auf die "Judensau" 2004 aufmerksam gemacht hatte, kritisierte den Text als "Schönrednerei". Die Plastik an der Kathedralen-Fassade zeigt ein Schwein, an dessen Zitzen Juden saugen. Ähnliche Skulpturen gibt es in etwa 20 anderen deutschen Kirchen.  

30.03.05 13:10
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4020 Postings, 6355 Tage MD11nun

1. Das Bild der sogenannten ?Judensau?

Das Wort ?Judensau? bzw. ?Saujude? ist vor allem als eine antisemitische Hetzparole aus der Zeit des Nationalsozialismus bekannt. Das ?Judensau?-Motiv taucht aber schon im Mittelalter als Spottdarstellung auf Steinreliefs und Karikaturen auf . Die Darstellungen sind vor allem an Kirchen, aber auch an öffentlichen Gebäuden, Stadttoren oder Stadtmauern angebracht. Das Motiv erscheint auch als Zeichnung in Karikaturen (z.T. mit Spruchbändern) und antisemitischen Flugblättern. Zu sehen sind auf einem solchen obszönen ?Judensau?- Bild Juden, die wie Ferkel an den Zitzen eines Mutterschweines gierig Milch saugen oder sich am After des Schweines zu schaffen machen, aus dem ein Schwall von Urin spritzt. Auf manchen der sogenannten ?Judensau?-Bildern sind Juden dargestellt, die verkehrt auf dem Tier sitzen, mit Blick zum Hinterteil der Sau. Dass es sich bei ihnen um Juden handelt, ist leicht an ihren Kennzeichen zu sehen: dem ?Judenring? auf der Kleidung oder dem trichterförmigen ?Judenhut?.


2. Martin Luther und die ?Judensau? von Wittenberg

Eine der bekanntesten Darstellungen ist das Sandsteinrelief am Südostpfeiler der Stadtkirche von Wittenberg. Die später hinzugekommene Inschrift ?Rabini, Schem Ha Mphoras? über der ?Judensau? verweist auf die jüdische Mystik, in der Aussagen über das Wesen Gottes aus Zahlen- und Wortkombinationen abgeleitet wurden. Die Buchstabenfolge von ?Schem Ha Mphoras? (= der unverstellte Name) besaß nach dem Glauben der jüdischen Kabbalisten wunderwirkende Kräfte. Sie wurde deshalb als besonders heilig angesehen und vor Unberufenen verborgen. Gemeint ist damit wahrscheinlich der unaussprechliche heilige Name Gottes. Die Überschrift über dem Judensau-Bild heißt also: ?So sieht der unaussprechliche heilige Name des Gottes des Rabbiners aus.?
Martin Luther nimmt auf diese Darstellung auf polemische Weise Bezug: ?Es ist hier zu Wittenberg an unserer Pfarrkirche eine Sau in Stein gehauen. Da liegen junge Ferkel und Juden darunter, die saugen. Hinter der Sau steht ein Rabbiner, der hebt der Sau das rechte Bein empor und mit seiner linken Hand zieht er den Bürzel (d.i. Schwanz) über sich, bückt (sich) und guckt mit großem Fleiß der Sau unter den Bürzel in den Talmud hinein, als wolle er etwas Scharfes und Sonderliches lesen und ersehen. Daselbst haben sie gewißlich ihr Schem Hamphoras... Denn also redet man bei den Deutschen von einem, der große Klugheit ohne Grund vorgibt: Wo hat er?s gelesen? Der Sau im [grob heraus] Hintern...? .

Die gehässige Verbindung des für Juden unaussprechbar heiligen Gottesnamens bzw. des Talmud (= der jüdischen Auslegungstradition) mit der ?Judensau? ist nur aus der christlichen Judenfeindschaft des Mittelalters verstehbar, zu der leider auch Luther beigetragen hat.

Bekannte Darstellungen der ?Judensau? gibt es in Erfurt (Dom), Lemgo (St. Marien), Xanten (Dom), Magdeburg (Dom), Köln (Chorgestühl im Dom und St. Severin), Uppsala (Dom), Wimpfen (Stiftskirche St. Peter), Basel (Münster), Brandenburg (älteste Darstellung; Dom), Eberswalde, Remagen (Torbogen), Metz (Kathedrale), Colmar (Münster St. Martin), Gnesen (Kathedrale), Aerschot (Notre Dame), Zerbst (Nikolaikirche), Wien.
In Bayern gibt es sie in Heilsbronn (Münster), Cadolzburg, Regensburg (Dom), Bamberg (Dom) und an anderen Orten.


3. Entstehung und Geschichte des Motivs

Dieses Bild stammt aus dem Jahr 1576 und diffamiert Juden in Zusammenhang mit dem angeblichen Ritualmord an einem Jungen aus Trient. Dargestellt ist, wie die Juden vom Teufel dazu verführt werden, sich von der Milch und den Exkrementen der sogenannten "Judensau" zu ernähren.

Im Mittelalter verbinden sich theologische, ökonomische und auch psychologische Motive zu einem Judenhass, der das Bild des Juden immer stärker dämonisiert. ?Judensau?-Darstellungen gibt es in Deutschland vom frühen 13. bis zum 18. Jahrhundert.

In Skulpturen wird die antitypische Gegenüberstellung der verworfenen Synagoga und der siegreichen Ekklesia entwickelt. Daneben halten auch derb karikaturistische Judenbilder in das Kirchengebäude Einzug. Das IV. Laterankonzil leitet 1215 die gesellschaftliche Isolierung der Juden ein. Es verlangte, Juden und "Sarazenen" (Araber und Muslime) sollten ein Erkennungszeichen tragen. Daraufhin wurden Juden dazu verpflichtet, einen gelben oder roten Judenhut und einen gelben Ring am Mantel, Jüdinnen ein Band an der Haube und einen gelben Ring am Mantel zu tragen. Dazu kommt die Angst der Umwelt, die den Juden die Schuld an der Pest, an Hostienschändungen und Ritualmorden aufbürdet. Teilweise wurde das Motiv der ?Judensau? auch mit Ritualmordlegenden (angebliche Ermordung christlicher Kinder durch Juden) verbunden. Im Mittelalter wurden die Juden von ihrer christlichen Umwelt nur widerwillig geduldet, häufig verfolgt und vertrieben. Ihnen wurde das Menschsein abgesprochen, und sie wurden im Bund mit dem Teufel gesehen. Ein genaues Entstehungsdatum für das ?Judensau?-Motiv kann man nicht angeben.

Zwei Dinge könnten den Boden für das abscheuliche Spottbild bereitet haben:
1. Im Mittelalter kursierte eine Legende, wonach einige Juden die Allwissenheit Jesu erproben wollen. Dazu verstecken sie eine Jüdin und ihre Kinder hinter einer Mauer und fragen Jesus, was dort verborgen sei. Er antwortet wahrheitsgemäß: ?Eine Frau mit Kindern!? Seine jüdischen Gegner verspotten ihn mit einer Lüge: ?Nein, es sind eine Sau und ihre Ferkel.? Jesus reagiert mit der Bemerkung: ?Auch gut, dann sollen es eben Sau und Ferkel sein.? Gleich darauf verwandeln sich die Frau und die Kinder in eine Sau und Ferkel.
2. Der zweite Anlass könnte die demütigende Zeremonie des sogenannten ?Judeneids? gewesen sein. Wenn Juden in einem Rechtsstreit mit einem Christen einen Eid leisten sollten, mussten sie während der Eidesleistung barfuß auf der blutigen Haut einer Muttersau stehen, die vierzehn Tage zuvor geferkelt hatte.

4. Worin besteht die Beleidigung bei dem Motiv der ?Judensau??

Die Beleidigung von Juden und ihrer Religion durch das "Judensau"-Motiv geschieht auf mehrfache Weise:
a. Das Schwein ist für Juden ein unreines (unkoscheres) Tier (3. Mose 11,7). Jeglicher Kontakt mit ihm wird vermieden. Der Genuss von Schweinefleisch und -fett oder gar von Schweinemilch ist Juden ein Abscheu. Die religiösen Gefühle von Juden werden dadurch in besonderer Weise verletzt. Schon in der Antike hat man bei Judenverfolgungen Juden zwingen wollen, Schweinefleisch zu essen (2. Makkabäer 7,1+2).
b. Eine intime Beziehung zu einem Tier (Sodomie) ist für Juden wie Christen in gleicher Weise eine Verhöhnung.
c. Das beinahe familiäre Miteinander von Schwein und Juden lässt den Betrachter an eine verwandtschaftliche Beziehung der Juden mit dem Schwein denken, die Juden seien von ganz anderer Art als die Christen. Es ist sicher nicht zu weit gedacht, wenn man im Judensau-Motiv schon einen Vorläufer des Rassenantisemitismus sieht.
d. Juden wird in solchen Bildern ein Bezug zu Ausschweifung und Sünde vorgeworfen. Es wird suggeriert, die Beschäftigung mit ihrer Religion sei ?Schweinerei?. Die Christen, die solche Darstellungen erfanden, waren kaum bereit, sich auf eine echte Begegnung mit Juden einzulassen und sich dafür zu interessieren wie sie lebten und was sie glaubten.
e. Bei manchen Darstellungen hat das Schwein die Hauer eines Ebers und gleichzeitig die Euter einer Sau. Dies ist wohl eine Anspielung auf die angebliche Absurdität der jüdischen Religion. Christliche Theologen des Mittelalters verunglimpfen die jüdische Religion häufig als unvernünftig und dumm.
f. Die Darstellung der umgekehrt auf dem Schwein sitzenden Juden, soll die angebliche ?Verkehrtheit? des Judentums darstellen .

 

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