Jesus Schröder

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eröffnet am: 09.09.05 18:14 von: ottifant Anzahl Beiträge: 1
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09.09.05 18:14

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Analyse: Der Kanzler wittert Morgenluft
Bundestag Parteien

Berlin (dpa) - Aufkommende Euphorie musste bereits etwas gedämpft werden. Stille Genugtuung konnten sich die Mitarbeiter in der SPD-Wahlkampfzentrale nicht verkneifen, als am Freitag die jüngsten Zahlen bekannt wurden. Zum dritten Mal in dieser Woche konnten die bislang auf aussichtslosem Posten kämpfenden Sozialdemokraten deutlich zulegen und damit neue Hoffnung schöpfen.



Gerhard Schröder hat in der Beliebtheitsskala den Abstand zur CDU-Herausforderin Angela Merkel deutlich vergrößern können.



dpa
Vor allem aus einem veränderten Stimmungs-Trend zogen die «Kampa»- Strategen neue Zuversicht. Einen Sprung von vier auf jetzt 38 Prozent verzeichnete das ZDF-Politbarometer in diesem Punkt für die Sozialdemokraten - nur noch knapp hinter der monatelang unangefochten dominierenden Union. Die von Schröder ausgebene 38er-Sollmarke für den 18. September sei damit schon vorzeitig geschafft, hieß es in optimistischen SPD-Analysen. Denn Stimmungen, so zeige die Erfahrung, hätten schließlich immer etwas mit zusätzlichen Stimmen zu tun.

Nervös reagierte die Union auf die Botschaft, dass Schwarz-Gelb in den Umfragen plötzlich ohne Mehrheit ist und auch der immer noch komfortable Vorsprung bei der «Sonntagsfrage» dahin schmilzt. Kurzfristig rief CDU-Generalsekretär Volker Kauder zur Pressekonferenz, um «die SPD-Lügenkampagne» anzuprangern. «Solange der Wechseltrend erkennbar bleibt, bin ich nicht beunruhigt», kommentierte Kauder die neuesten Zahlen. Und sein CSU-Kollege Markus Söder kündigte an, man werde sich ab sofort den «schmutzigen Wahlkampf» von Rot-Grün nicht mehr bieten lassen.

Auch Wahlforscher, die Gerhard Schröder und die SPD schon längst abgeschrieben hatten, sind verunsichert. Angesichts der Unberechenbarkeit der Befragten halte er «inzwischen alles für möglich», meinte ein Prominenter aus der Zunft. Schröder, der in der ZDF-Umfrage in der Beliebtheitsskala den Abstand zur CDU- Herausforderin Angela Merkel deutlich vergrößerte, wittert jedenfalls Morgenluft. Kaum jemand von den am Boden liegenden Genossen hatte ihm seine ständigen Beteuerungen abgenommen, auch diese Wahl werde erst ganz am Schluss entschieden. Neben SPD-Chef Franz Müntefering stürzte sich eigentlich nur Schröder richtig begeistert in den Wahlkampf - bis an die Grenze der physischen Zumutbarkeit. «Bei mir geht das deswegen, weil ich die Gene meiner 92-Jährigen Mutter geerbt habe. Das ist hilfreich in solchen Situationen», verriet er am Freitag.

In dieser Woche überrumpelte Schröder die SPD-Wahlkampfplaner mit der Anweisung, die Kampagne noch bis zum letzten Tag zu verlängern: «Wir müssen noch etwas machen. Warum gehen wir am Samstag nicht ins Ruhrgebiet?». Kurzfristig musste ein Zusatz-Auftritt in Recklinghausen organisiert werden. Zu Schröders intensiver Zielgruppen-Werbung in der Schlusswoche gehört etwa auch ein Treffen mit Redakteuren der türkischen Zeitung «Hürriyet» oder die Annahme der Ehrenmitgliedschaft des Deutschen Skatverbandes.

Einige Gründe für den sich abzeichnenden Stimmungswandel haben Experten ausgemacht. Mit der Berufung von Merkels Steuerexperten Paul Kirchhof habe Rot-Grün plötzlich ein «polarisierendes Thema» gefunden, um auf den Marktplätzen gegen einen «Kurs des kalten Herzens» wettern zu können, lautet eine Erklärung. «Nicht undankbar» sei er wegen der Berufung Kirchhofs, ließ der Kanzler wissen.

Womöglich kann Schröder aber auch erneut von Flutereignissen profitieren - wenn auch diesmal nicht zu Hause wie 2002, sondern von weit entfernten. Die jüngsten Fernseh-Schreckensbilder aus New Orleans und und die hilflosen Reaktionen der US-Behörden hätten vielen Zuschauern die direkten Folgen eines «schwachen Staats» vor Augen geführt, haben Wahlforscher festgestellt. «So etwas wollen wir nicht in Deutschland», habe man bei Befragungen öfter als Antwort gehört. Diese durchaus verbreitete Ansicht in der Bevölkerung könne Rot-Grün in der Schlussphase durchaus weiter nützen.

Aber auch wenn es bei der Aufholjagd nicht ganz reichen sollte, kann sich der Kanzler nach jetzigem Umfragestand mit einem guten Gefühl in den politischen Ruhestand verabschieden. Ein «ordentliches Ergebnis» für die SPD, nach dem es lange nicht aussah, dürfte vor allem auf sein Konto gehen. Sollte Schröder die Wahl tatsächlich aber noch einmal völlig zu seinen Gunst drehen, werde er in der SPD einen «ähnlichen Status wie Jesus» erhalten, sagt ein Mitglied aus der engsten SPD-Führung voraus.




Von Joachim Schucht, dpa
/09.09.2005  

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