Innovationen: Am Puls der Ameise

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Innovationen
 
Am Puls der Ameise

Erfindermesse in Genf: Hunderte von Neuerern wetteifern auf der Suche nach Dingen, die es noch nicht gibt. Nun ist die Welt um Eicheneis, eine Klappsohle und ein rotierendes Krematorium reicher.

Die Erfindermesse war noch keine Stunde alt, da peitschte ein gewaltiger Knall durch die Halle. An 585 Ständen drehten sich die Köpfe in die gleiche Richtung, und einer sprach aus, was alle so ähnlich dachten: "Das war bestimmt die Mondrakete mit Salatölantrieb."

Es war aber nur ein verlassener Koffer vor dem Eingang. Die Polizei hatte das verdächtige Objekt, da sein Besitzer nicht zu ermitteln war, in die Luft gesprengt. Und sogleich ging ein Gestöber von Papierfetzen über der Stätte nieder - keine Spur von einer Höllenmaschine.

Erfindung Wellenkraftwerk (Modell): Abtauchen im Sturmfall
Hätten die Polizisten mal lieber Herrn Jussif gleich nebenan konsultiert! Jusri Jussif, Erfinder aus Jordanien, hat ein Gerät geschaffen, das angeblich alles entdeckt, was sich im Verborgenen regt: den Käfer unter der Borke, den Blutstrom in der Vene, den tickenden Zeitzünder im Handgepäck. Schon die geringste Bewegung, sagt der Ingenieur, teile sich seinem Sensor mit, und er demonstriert es sogleich mit Hilfe eines Kristallpendels. "Der Apparat erspürt sogar den Herzschlag einer Ameise", verspricht Jussif.

Ist aber die medizinische Versorgung von Insekten ein Feld mit Zukunft? Vorerst wohl nicht. Das weiß auch der Erfinder; er strebt auf den Weltmarkt für Bewegungsmelder aller Art.

Den Weltmarkt haben auch die anderen Neuerer tapfer im Blick, die sich vergangene Woche auf einer großen Erfindermesse in Genf trafen. Zwar gab es diesmal keine Mondrakete, aber sonst fast alles: Rund tausend Novitäten, vom schwimmenden Kraftwerk bis zur Haarverpflanzungspistole für Kahlköpfe, rangen um die Aufmerksamkeit des Publikums.

Der Erfinder Jussif hat noch Glück; er kann seine ganze Großfamilie in Amman für die Markteroberung einspannen; vor allem steuert Bruder Taher einstweilen sein Einkommen bei. Andere müssen sehen, wo sie bleiben: der Turnschuh aus Taiwan mit Fersenteil zum Wegklappen (bequemer Einstieg!), das hundertste Auto, das bei Bedarf Tragflächen ausfährt und davonfliegt (nie wieder Stau!), oder die Eiscreme mit dem komplexen Aroma geraspelter Eiche (sehr delikat!).

Erfinden ist ein mühseliges Geschäft. Auf dem traditionellen "Salon International des Inventions" zu Genf treten seit 31 Jahren eher die kleinen Firmen und Institute an; gut ein Drittel der Aussteller sind private Einzelkämpfer. Für sie wird die Suche nach dem, was es noch nicht gibt, immer härter.

Alle stehen im Wettbewerb mit den großen Konzernen, wo ganze Abteilungen an neuen Eissorten oder an der Optimierung von Blechbiegeverfahren tüfteln. Allein die Siemens AG hat im vergangenen Jahr 3828 Patente in Deutschland angemeldet. Wo die Großen alles wegerfinden, was bleibt da für den kleinen Innovator?

Wer klug ist, sucht gerade da, wo es ganz aussichtslos scheint. Zum Beispiel gibt es längst Schneidemaschinen für alles, was zur Scheibe bestimmt ist. Aber wer hätte gedacht, dass im Bereich der Brötchenhalbierung eine Lücke klafft? Schon ist sie geschlossen: Der Gastwirt Volkmar Hegner aus Mielesdorf, Thüringen, wagt sein Glück mit der Brötchenaufschneidemaschine Bam, einem Apparat in Gestalt einer gekippten Kreissäge.

Kein Vergleich mit dem Schneiden von Hand, sagt der Erfinder. Man bedenke die lausige Qualität der Schnittflächen. Wie viel Aufstrich versackt hier jedes Mal in Klüften und Senken! Nicht so auf den brettebenen Flächen, die Bam hinterlässt. Gastwirt Hegner hat hierzu Zahlen: Versuche im privaten Umkreis haben ergeben, dass die verstrichene Masse im Schnitt von neun auf fünf Gramm zurückgeht. "Und nun rechnen Sie mal hoch."

Überhaupt holen die Erfinder unentwegt Prozente heraus. Ein selten großer Sprung gelang dem Ungarn Gabor Földes mit seinem rotierenden Krematorium für drei bis zwölf Leichen. Diese werden nacheinander in die Brennkammer geschoben wie Patronen in eine Revolvertrommel. Das spart bis zu 70 Prozent Energie, hat Földes errechnet.

Auch der deutsche Tüftler Radoslaw Sturm hat seinen Beitrag in Sachen Effizienz abgeliefert: einen neuen Würfel mit sieben statt sechs Flächen, was die Menge der Möglichkeiten pro Wurf auf einen Schlag um fast 17 Prozent erhöht. Sturm ist auf absonderliche Würfel spezialisiert. Das Lebenswerk des Kleinerfinders passt in einen alten Koffer, der stets mit einem Schloss gegen Ideendiebstahl gesichert ist.

Gleich um die Ecke dagegen residiert die größte Erfindung der Messe: eine schwimmende Insel von 90 Meter Durchmesser, hier nur im Modell zu sehen. Das ist das Wellenkraftwerk des Spaniers Ricardo Prats Canós. Seine Plattform ist umgeben von beweglich eingehängten Schwimmkörpern, die sich im Wellengang heben und senken.

Man müsste diese Insel nur irgendwo vor die Küste hinausschleppen, und schon könnte sie bis zu 400 Megawatt Leistung bereitstellen, verspricht der Ingenieur Canós. Auch an den Sturmfall hat er gedacht: Sobald die Wellen allzu gewaltig anbranden, taucht die ganze Insel auf den Meeresgrund ab, bis wieder Ruhe einkehrt.

Anja Heidiek/ FU Bielefeld
Erfindung Einrad: Steuern mit Körpergewicht
Erste Versuche an der Polytechnischen Universität von Barcelona endeten verheißungsvoll, sagt Canós. Nun hat er eine Firma gegründet, die das Werk voranbringen soll.

Das Laufpublikum allerdings scharte sich eher um die drolligen Erfindungen wie etwa das computergesteuerte Einrad des Bielefelder Professors Klaus Hofer. Der Pilot steuert dieses Gefährt, indem er sich vor- oder zurücklehnt; Gleichgewichtssensoren halten es stets aufrecht. Viel weniger Beachtung hingegen fanden wartungsfreie Abwasserventile und ein neues Gerät zum Lichtbogenschweißen - lauter Novitäten von hohem Ernst. Und das schaffen wahrlich nicht viele, ihr Nutzen ist kaum zu bestreiten.

Wie es um das Erfindungswesen steht, hat schon vor 20 Jahren der Patentexperte Genrich Altschuller erforscht. Mit einer Schar von Helfern kämpfte er sich durch Hunderttausende Patentschriften. Das Ergebnis: Vier von fünf Erfindungen boten bestenfalls geringfügige Verbesserungen. Umso gründlicher studierte Altschuller den Rest. Er wollte herausfinden, welche Wege zu wahren Neuerungen führen. Am Ende hatte er 40 typische Strategien ermittelt - und damit das methodische Erfinden erfunden, bekannt unter dem Namen "Triz".

Beispiel: Wie füllt man zähen Sirup in Schokofläschchen? Erhitzen ist keine Lösung; da wird zwar der Sirup dünnflüssiger, aber die Schokolade schmilzt. Den Ausweg wies Triz-Regel Nummer 13. Sinngemäß: Probiere das Gegenteil. In diesem Fall friert man einfach den Sirup in Form einer Flasche ein und taucht den Festkörper dann kurz in ein Bad heißer Schokolade.

Altschullers Methodik ist gerade stark im Kommen. Es gibt sogar schon Computerprogramme, die sein Regelwerk eingebaut haben. Erschöpfte Erneuerer können sich mit ihrer Hilfe aus Sackgassen herauskämpfen.

Noch aber machen sich viele Erfinder ihre eigenen Regeln, zum Beispiel diese: Nimm alles, was die Leute sich anschaffen, damit sie endlich ein bisschen Bewegung haben, und baue Motoren hinein. Eine ganze Gattung neuer Gefährte ist die Folge: Inline-Skates mit Elektroantrieb; ein Snowboard mit Kettenwalzen, das bergauf knattern kann; ein rollender Golfroboter, der seinem Herrchen in gemessenem Abstand die Schläger hinterherfährt.

Andere erfinden vollends ungehemmt vor sich hin und präsentieren sodann eine Art Trockenhaube mit zwei eingebauten Lautsprechern als neuartiges "Surround-Sound-System" - wie geschaffen für die Kataloge zwangsorigineller Spezialversandhäuser.

Diese Erfindungswut ist nicht nur kurios. Sie steckt mehr oder minder in jedem, der sich den Strapazen des Tüftelns aussetzt. Der wahre Erfinder kann kein Ding als gegeben hinnehmen. Ist es nicht unerträglich, dass aus einer Cola-Dose, wenn man sie aufmacht, nicht gleich automatisch ein Trinkhalm herausfährt?

So löst der Erfinder alle Probleme - um den Preis, dass man sie überhaupt erst bemerkt. Das macht ihn zum geborenen Feind des Menschen, der sich eingerichtet hat im Leben, wie es ist. Nicht umsonst kennt die Populärkultur den Erfinder fast nur als düsentriebhafte Witzfigur.

Vor einem Problem allerdings sollte Einigkeit bestehen. Die Rede ist vom Kleiderbügel. Er passt noch immer nicht von oben durch den zugeknöpften Kragen. Seit langem stürmen die Erfinder gegen diesen Übelstand an, dieses Jahr wieder mal mit neuartigen Bügeln zum Einklappen. Aber bestimmt wird auch diese Lösung sich nicht durchsetzen. Der Grund ist von jeher rätselhaft.

Einen Ausweg gibt es schließlich, der jedem Erfinder offen steht; er führt hinab in die Hölle der Scherzartikel. Dort ist alles egal, wenn man es nur verschenken kann. Selbst Klodeckel mit Blinklichtern und Radio haben ihre Chance. Drei Werbeleute aus Deutschland haben sich viele solcher Klodeckel ausgedacht, mehr aus Spaß, aber durchaus mit Geschäftsabsichten.

Das Spitzenmodell hat einen Detektor eingebaut, der sofort Alarm schlägt, wenn ein schlecht erzogener Mann die Brille hochklappt. Es ertönt, mit der Stimme des Altbundeskanzlers Kohl, die dringende Aufforderung: "Hinsetzen".

MANFRED DWORSCHAK

 

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