Ich bin hier die Kandidatin, du Depp!

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95440 Postings, 7197 Tage Happy EndIch bin hier die Kandidatin, du Depp!

SPIEGEL ONLINE - 26. August 2005, 10:22
URL: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,371519,00.html

Polit-Show im ZDF
 
Die Legende vom Wahlkampf der Ideen

Von Charles Hawley

Wo findet der bessere Wahlkampf statt? Viele Bundesbürger sind fest davon überzeugt, dass es in der deutschen Politik tiefgründiger zuginge als in den USA. Doch die ZDF-Show von gestern Abend beweist das Gegenteil.

DDPBerliner Runde im ZDF: Ideen und Egos zur Prime-Time
Es gehört zu den weit verbreiteten Fehleinschätzungen der US-amerikanischen Linken, dass Europäer im Allgemeinen bessere Menschen und im Besonderen mit überlegenen Sekundärtugenden ausgestattet seien: Besser erzogen und irgendwie intellektueller als die Amerikaner. Und noch immer hält sich bei manchen Weltverbesserern zwischen L.A. und New York hartnäckig das Gerücht, wir Amerikaner würden uns bei Wahlen nur an blitzenden Zähnen und überzeugenden Charakteren orientieren, während die Europäer sich beim Urnengang von hehren Ideen und Überzeugungen leiten lassen.

Die Gründe dieser Sichtweise liegen an den politischen Systemen diesseits und jenseits des Atlantiks. Amerikas Mehrheitswahlrecht lenkt den Blick stärker auf einzelne Politiker als Deutschlands parlamentarisches System, das die Wähler vor allem mit Parteien anstelle von Leuten konfrontiert - jedenfalls theoretisch.

Ideen über Egos, so lautet das Lob der Europa-Fans in Amerika. Das sei ja so erfrischend anders als in den USA. Dort werden die Kampagnen von schmackigen Polit-Häppchen getragen, die nach Möglichkeit nicht länger als 30 Sekunden dauern sollten. Auch die Argumente für oder gegen einen Kandidaten sind schnell ausgetauscht, weil vorab sorgsam abgezählt.

In Deutschland dagegen werden ganze Zeitungen mit detailbesessenen Artikeln und Anzeigen gefüllt, minutiös bis ins Letzte und so politikbesessen langweilig, dass hier aus amerikanischer Sicht nur ein Erbsenzähler wie Al Gore mithalten könnte. Große Politik.

DDPPlattform ZDF: Oberflächlicher Wahlkampf mit oberflächlichen Kandidaten
Das führt uns geradewegs zum Donnerstagabend im Zweiten Deutschen Fernsehen. Dort hatten gestern die Chefs der im Bundestag vertretenen Parteien (ich weiß, jetzt rufen wieder ein paar Erbsenzähler: "Wo war die PDS?") die Gelegenheit, sich auszubreiten. Franz Müntefering wurde von Wolfgang Clement vertreten - der SPD-Vorsitzende erlitt im Wahlkampf am Mittwochabend einen Kollaps. Mancher Deutsche hält die Zusammenkunft vor laufenden Kameras per se schon für amerikanisch: Natürlich gibt es in den USA Fernsehdebatten. Aber Parteifunktionäre zur Prime Time? Pustekuchen.

Angie mit Play-Taste

Aber wenn es so eine Polit-Show zur Prime Time einmal geben sollte in meiner Heimat, dann würde sie wohl so ablaufen wie Donnerstagabend im Zweiten, mit dem man ja angeblich besser sieht. Irgendetwas verdüstert den Weg zum Wahltag 18. September, und es sieht nicht niedlich aus. Nennen wir es ruhig die Amerikanisierung deutscher Politik.

Niemand erwartet natürlich von so einem Polit-Fernsehabend eine wirklich tiefgehende Betrachtung deutscher Wirklichkeit. Und für amerikanische Verhältnisse war die Sendezeit zwischen 20.15 Uhr und 21. 45 Uhr noch mit genug humorfeindlicher Politbesessenheit gefüllt. Jeder Kandidat hatte ausreichend Gelegenheit darzulegen, wie er die Steuern und den Schuldenberg senken und die Beschäftigungsquote steigern würde.

Dennoch, wie so oft bei Ereignissen dieser Art, kamen die Statements so unerträglich routiniert herüber. Man hat das alles schon mal gehört, und zwar in genau derselben Tonlage. Vor allem die virtuelle Bundeskanzlerin Angela Merkel kam mir so vor, als halte sie eine "Play"-Taste unter dem Tisch versteckt, mit der sie ihre Slogans auf Kommando abruft. Stimmung kam nur auf, wenn die Moderatoren ihren Frage-Zettelkasten nicht weiter ernst nahmen und die Kandidaten - oft planlos- übereinander herfielen.

Was haben wir gestern im ZDF nun gelernt? Erstens wissen wir nun definitiv, dass Edmund Stoiber noch immer nicht kapiert hat, dass nicht mehr er, sondern die Dame neben ihm Bundeskanzler werden soll. Konzentriert und aggressiv stieg er von Anfang an in den Ring und verpasste der rot-grünen Regierungsbilanz einen Haken nach dem anderen. Aber plötzlich, nach etwa 45 Minuten, wurde er ruhiger - als hätte Tischnachbarin Merkel im unter dem Tisch gegen das Schienbein getreten und gezischt: "Ich bin hier die Kandidatin, du Depp!"

Zweitens haben wir gelernt, dass sich Guido Westerwelle anstrengen kann wie er will - irgendwie nimmt ihn keiner ernst. Vielleicht liegt das auch daran, dass er meistens so aussah wie ein Schiffbrüchiger im Rettungsring. Dabei steht seine Partei gar nicht schlecht da - merkwürdig.

DDPZDF - Parteipaten im Gespräch: Don Corleone und Don Stoiber
Wir haben gelernt, dass Joschka Fischer draußen im Lande um jeden Preis um Stimmen kämpft - auch um seine eigene, wie er ironisch betonte. Er hat den Umfragen zufolge keine Chance mehr auf die Macht, aber er nutzt sie: Mit seiner heiseren Don-Corleone-Stimme war er neben Stoiber noch immer der beste Kämpfer am Tisch. Verehrung, mein Pate! Übrigens ist Fischer gar nicht offiziell Vorsitzender seiner Partei, dass er trotzdem in die Runde durfte, beweist die Corleone-These.

Arbeitsminister und SPD-Vizechef Wolfgang Clement, der Parteichef Müntefering ersetzen musste, war munterer als erwartet und konnte es mit Merkel und Stoiber locker aufnehmen. Leider lernten wir über ihn auch, dass er offenbar nur mit einer 45-Minuten Runde gerechnet hat. Um 21.00 Uhr ging ihm der Dampf aus.

Keit Zeit für Absprachen

Und schließlich wissen wir jetzt, dass Angela Merkel auch nach hunderten Fernsehauftritten noch immer in die Kameras und Scheinwerfer guckt wie ein scheues Reh. Sie brauchte eine Dreiviertelstunde, um warm zu werden, dann sprudelte sie manchmal vor kurzen Sätzen - eigentlich Münteferings Vorrecht, aber der war ja nicht da. Frau Merkel und Herr Stoiber haben übrigens ganz offensichtlich keine Zeit darauf verschwendet, sich in ihrer Gesprächsstrategie irgendwie abzustimmen. Das lässt auf lustige Zeiten nach dem 18. September hoffen, wenn beide diese Republik regieren sollen.

Eine oberflächliche Analyse? Wahrscheinlich. Aber was soll man machen? Dies ist ein oberflächlicher Wahlkampf mit oberflächlichen Kandidaten, die sich in einer oberflächlichen Sendung oberflächliche Argumente an den Kopf geworfen haben. SPD und CDU suchen krampfhaft nach Themen, und in dieser verzweifelten Pose unterscheiden sie sich nicht besonders von George W. Bush, der zur Zeit damit beschäftigt ist, seinen Irak-Krieg krampfhaft zu rechtfertigen.

Deutschland war in den vergangenen Jahren vor allem damit beschäftigt, sich in eine Weltuntergangsstimmung hinein zu reden. Die politische Debatte ging von Sozialreformen zum Steuersystem, dann zu Sozialreformen und wieder zum Steuersystem, und schließlich: zu Sozialreformen um dann, na ja, Sie ahnen es schon. Nun ruft die CDU "Weltuntergang" und die SPD antwortet: "Fünf Millionen Arbeitslose? Welcher Weltuntergang?"

Das Ergebnis haben wir am Donnerstag auf der Mattscheibe begutachtet. Eine siegesgewisse Union tritt im Doppelpack vor die Kameras - und bleibt die Antwort schuldig, wie sie Deutschland aus der Misere holen will. Gewinnen werden Merkel und Stoiber wohl trotzdem.

Gegenüber sitzen lebhafte Regierungsvertreter, die nichts mehr zu verlieren haben, weil sie wissen, dass die Wahl für Rot-Grün verloren ist. Dazwischen kauert eine bedeutungslose FDP, die vielleicht bald mitregieren darf. Die einzig interessante Frage bleibt, wie viele Menschen zur Wahl gehen werden. Es würde mich nicht überraschen, wenn wir auch hier bald amerikanische Verhältnisse in Deutschland erreichen.

Charles Hawley, 34, arbeitet in der englischsprachigen Redaktion von Spiegel Online. Er wurde in Seattle geboren und lebt seit 1999 als Amerikaner in Berlin

 

28.08.05 15:28

95440 Postings, 7197 Tage Happy EndEx-ZDF-Moderator gibt Merkel Sprechtraining

Niemetz bereitet Merkel auf TV-Duell vor

Ex-ZDF-Moderator gibt Sprechtraining

Hamburg - Der frühere ZDF-Moderator Alexander Niemetz soll CDU-Chefin Angela Merkel für das TV-Duell mit Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) am 4. September fit machen. Niemetz solle Merkel Sprechtraining erteilen und ihr Auftreten vor der Kamera verbessern, berichtete das Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Die CDU bestätigte die Personalie nicht. Ein Sprecher sagte lediglich, selbstverständlich bereite sich Merkel "intensiv" auf das Fernsehduell mit Schröder vor.

Schon Rüttgers und Carstensen geschult

Der 61-jährige Schweizer Niemetz hat den Angaben zufolge in diesem Jahr bereits die damaligen CDU-Oppositionsführer aus Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein, Jürgen Rüttgers und Peter Harry Carstensen, auf Fernsehdiskussionen vor Landtagswahlen vorbereitet. Beide schnitten dem "Spiegel" zufolge bei den Duellen besser ab, als allgemein erwartet worden war.

Niemetz hatte von 1991 bis Ende 2000 das ZDF-"heute journal" moderiert. Gegen den Journalisten war im Jahr 2000 der Vorwurf erhoben worden, unerlaubte Nebentätigkeiten im PR-Bereich aufgenommen und diese mit seiner Funktion als "heute-journal"-Moderator verknüpft zu haben. Das ZDF hatte sich nach Prüfung des Falls vor seinen Mitarbeiter gestellt. Allerdings sollte Niemetz die "heute journal"-Moderation aufgeben. Nachfolgerin des Schweizers, der 20 Jahre für den Sender gearbeitet hatte, wurde Marietta Slomka. (sa/ddp/AFP)  

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