Hans Bernecker: Mut und Disziplin waren gefragt

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eröffnet am: 17.07.02 11:07 von: jack303 Anzahl Beiträge: 2
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17.07.02 11:07

6045 Postings, 7120 Tage jack303Hans Bernecker: Mut und Disziplin waren gefragt

Mut und Disziplin waren gefragt  

Hans Bernecker: Mut und Disziplin waren gefragt
Mails/Nachrichten vom 17.07.2002, Bernecker & Cie.

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Guten Morgen, meine Damen und Herren,
der gestrige Tag erforderte wirklich Mut, wie angekündigt. Aber auch ein Maß an Disziplin, was es selten gibt. Das ist natürlich nicht mit wenigen Worten einzuordnen und gilt beiderseits des Atlantiks. Das Wichtigste für uns:

Die Personalentscheidung bei DT. TELEKOM ist eine Ungeheuerlichkeit. Es fehlen einem die Worte, wenn man die Polemik vermeiden möchte. Selbstverständlich hat dies nichts mit dem neuen Interimschef persönlich zu tun. Der Verlauf der AR-Sitzung war chaotisch, wie ich Ihnen berichten darf. Ron Sommer ist aus eigener Konsequenz zurückgetreten, und innerhalb von einer Minute stand der gesamte AR im Regen, hatte keinen Nachfolger präsentiert und mußte anschließend diesen mühseligen Kompromiß erreichen, womit der AR-Vorsitzende gerade noch das Gesicht wahren konnte, was ich ohnehin bezweifle. Weitere Einzelheiten erspare ich Ihnen.

Wie eines der größten Unternehmen Deutschlands politisch und auch anderweitig beeinflußt wird, wurde hier exemplarisch vorgeführt. Dazu drei Kernzahlen, die Sie jederzeit nachrecherchieren können, die aber niemand in den Medien effektiv darstellt und die Dinge zurechtrückt. Es geht um die berühmten 63 oder 65 Mrd E. Schulden, die Sie täglich in allen Varianten vorgetragen erhalten. Davon sind 56 Mrd E. langfristige Schulden, weitgehend über Anleihen oder anderweitige langfristige Verbindlichkeiten gedeckt. Mit festen Zinssätzen und damit klar kalkulierbar. Die Gegenposition dazu sind rd. 16 Mrd E. Cashflow pro Jahr. Nur 9 Mrd E. Bankverbindlichkeiten gibt es, die allesamt strukturiert sind, also mit festen Tilgungen vereinbart wurden. Schließlich gibt es noch 1,5 - 2 Mrd E. kurzfristige Schulden, die stärker schwanken können. Solider kann ein Telekom-Dienstleister eigentlich gar nicht finanziert sein. Denn: In den genannten langfristigen Verbindlichkeiten stecken die Investitionen für das komplette Glasfasernetz in Ostdeutschland, welches von 1990 - 1995 aufgebaut wurde und rd. 30 Mrd E. gekostet hat. Dagegen steht der Buchwert auf der Aktivseite mit einem Nutzwert von etwa 20 - 25 Jahren. Der Zahlenkranz ließe sich erweitern. Ich will damit sagen: Ohne Not wird der größte europäische Telekomkonzern in eine solche Meinungsschieflage gesteuert, wofür es keinen einzigen Grund gibt bis auf den, daß der Kurs von inzwischen bekannten Kräften kräftig nach unten manipuliert wurde und der Kanzler deshalb um seine Wählerstimmen bangt. Das ist nun wirklich Bananenrepublik. Zum heutigen Kurs gebe ich keinen Kommentar. Schaung ma moi (Original bayerisch).

Der VDAX hat mit 46 gestern die erhoffte Spitze erreicht. Ob es noch einen Punkt oder zwei mehr gibt, weiß ich nicht. Blicken Sie in die heutige FAZ und Sie sehen diese Grafik im historischen Vergleich. Deshalb Danke an die FAZ zum besseren Verständnis. Meine Meinung von gestern ändere ich also nicht.

Die Wall Street folgte Greenspan nur bedingt. Was soll er auch in dieser Lage sagen. Die wirklich ausschlaggebende Grafik dazu lesen Sie in der nächsten AB. Ich entnehme sie aus dem heutigen ?Handelsblatt?. Es zeigt die Industrieproduktion der Amerikaner und damit den Trend, auf den es ankommt. Andererseits:

Diese Woche ist noch nicht zu Ende und eine Zwischenbilanz der Gewinne der Unternehmen für das 2. Halbjahr ziehe ich frühestens am nächsten Montag. Heute und morgen kommen die meisten Zahlen heraus. Es geht wild durcheinander. GENERAL MOTORS mit deutlichem Gewinnplus, MERRILL LYNCH ebenfalls. INTEL steckt dagegen ebenso deutlich zurück und MOTOROLA erweitert den Verlust auf 2,3 Mrd $ für das Halbjahr, worin wiederum einige der berühmten Sonderabschreibungen stecken. Vor diesem Hintergrund ist eine solide Aussage noch nicht machbar. Gestriger Stand der Schätzungen nach First Call: Rückgang der Gewinne im letzten Quartal 1,3 % gegenüber Vorjahr. Damit kann ich leben und es entspricht der Grafik in der vorletzten AB. Wie auch immer:

Ich gehe noch nicht in den Markt und warte die genannten Zahlen ab. Es macht einfach keinen Sinn, Blindflug zu betreiben. Erneut weise ich darauf hin:

Die viel gescholtenen Chiptitel zeigen eine interessante Stabilisierung, bis auf INTEL. Hier liegt die Gefahr unverändert bei einem Ausverkauf bis auf 12 $, wobei ich 14 - 16 $ als wahrscheinlicher ansehe. Das wird sich in den nächsten 2 - 3 Tagen entscheiden. Denn wichtig ist das deshalb: INTEL ist der Größte und setzt deshalb den Schlußpunkt. Das erscheint mir wichtig. AMD erreichte gestern 10 $. Ich erinnere an meine Ausführungen in den letzten Briefen. In der Internetszene achten Sie übrigens auf BEA SYSTEMS, die ihre Basis bei rd. 7,50 $ verteidigt haben. Auch dazu in der AB nachlesen. Damit kündigt sich an: In den nächsten Wochen geht es Stück für Stück an die Überprüfung jeder einzelnen Aktie.

Ein weiterer globaler Trend: Fast alle großen Telekomadressen konnten in den letzten Tagen deutlich gewinnen oder sich ebenso deutlich stabilisieren. Das ist ein filigranes Spiel, aber ein zuverlässiges Zeichen dafür, daß sich hier eine bedeutsame Wende ankündigt. Verfolgen Sie die Charts dieser Titel täglich.

Eine andere Befürchtung bewegt mich: Ein Ausverkauf der Märkte in diesem Umfang wird in der Regel von einem ?Offenbarungseid? einer Finanzadresse begleitet oder abgeschlossen. Das lehrt die Geschichte. Ich frage mich, wer das sein kann. Kommt sie, wo auch immer, wäre das heilsam und ein Schlußpunkt. Ich nenne ausdrücklich keine Namen, aber die markante Schwäche einiger internationaler renommierter Adressen beschäftigt mich sehr. Das gilt sowohl in New York als auch für Frankfurt und Zürich, wo ich die Schwerpunkte sehe. Völlig aus dem Feuer sind die Franzosen und Italiener und übrigens auch die Engländer.

These für heute: Wird es noch ein Grad heißer, z. B. im VDAX, verfahren Sie so, wie gestern vorgeschlagen. Auf zwei, drei Tage Wartezeit kommt es nicht an. Morgen geht es weiter.

Herzlichst Ihr

Hans A. Bernecker
 




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17.07.02 11:08

7089 Postings, 6668 Tage Mützenmacher....und jetzt nicht mehr? o.T.

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