Gute-Nacht-Geschichte

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neuester Beitrag: 24.12.06 15:40
eröffnet am: 19.12.06 22:07 von: Skyline2007 Anzahl Beiträge: 4
neuester Beitrag: 24.12.06 15:40 von: Skyline2007 Leser gesamt: 455
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19.12.06 22:07
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7953 Postings, 5116 Tage Skyline2007Gute-Nacht-Geschichte

Die Wasserfrau


Eines Abends geschah folgendes: Die Kinder standen auf dem Hof und warteten auf den Sandmann. Da fuhr eine geschlossene, von zwei Schimmeln gezogene Kutsche vor. Die Kinder begannen freudig zu singen: "Sandmann, lieber Sandmann."
Der Beifahrer sprang vom Kutschbock und öffnete die Tür, und heraus stieg eine wunderschöne junge Frau. Die Kinder hörten eines nach dem anderen mit ihrem Gesang auf, und das kleinste von ihnen ging hin und schaute nach, ob noch jemand in der Kutsche wäre. Sie war leer. Da fragte es: "Nanu, wer bist denn du?"
Und ein anderes Kind sagte: "Wir dachten nämlich, der Sandmann kommt!"
Und ein drittes erklärte: "Wir warten hier auf ihn!"
Da sagte die schöne junge Frau: "Guten Abend, liebe Kinder! Der Sandmann lässt sich entschuldigen. Er hat Mumps. Seit Mittag liegt er schon im Bett, hat einen dicken Schal um den Hals und leichtes Fieber. Er kann weder sprechen noch singen, und Zugluft ist für ihn ganz gefährlich. Ich bin seine Frau, die Wasserfrau, und ich werde ihn vertreten, solange er krank ist."
Die Kinder waren überrascht. Endlich mal was Neues, und die Wasserfrau gefiel ihnen auf den ersten Blick.
"Ist Mumps schlimm?" fragte eines.
"Und du bist wirklich ganz richtig seine Frau?" fragte ein anderes.
Und der freche Karl sagte freudig: "Da brauchen wir vielleicht überhaupt nicht ins Bett, wenn der Sandmann krank ist!"
Er fand jubelnden Beifall, aber die Wasserfrau holte einen Beutel aus ihrer Handtasche heraus und schwenkte ihn hin und her: "Nicht ins Bett? Das könnte euch so passen. Den Sand meines Sandmanns habe ich natürlich mitgebracht!"
Die Kinder erkannten den Beutel, und ihr Übermut verging.
Sie sangen:

"Sandmannfrau, liebe Wasserfrau,
es ist noch nicht soweit.
Erzähl uns erst den Abendgruß,
eh jedes Kind ins Bettchen muss,
erst dann ist Schlafenszeit."

Die Wasserfrau sagte: "Gehen wir hinein ins Haus. Dann will ich euch als Abendgruß erzählen, wie ich die Frau des Sandmanns geworden bin."
Da gingen alle Kinder friedlich ins Haus. Und in der Wohnstube erzählte sie:
Vor langen, langen Jahren, ihr wart noch längst nicht auf der Welt, als das Fernsehen gerade erfunden worden war und der Sandmann noch keine große Übung darin hatte, vor den scharfen Augen der Kamera den Kindern Sand in die Augen zu streuen, geschah es einmal, dass er einem Knaben, er hieß Reginald, ich weiß es noch wie heute, aus Versehen eine zu große Portion verpasste, eine Doppelportion. Der Sandmann hatte kaum sein Lied zu Ende gesungen und war zur Tür hinausgegangen, da schlief Reginald schon. Das wäre ja noch nicht so schlimm gewesen. Die Mutter trug ihn ins Bettchen und lachte noch darüber, aber am nächsten Morgen, als der Vater ihn wecken wollte: "Regichen! Der Kindergarten! Regichen, das Frühstück ist fertig! Reginald! Was ist denn mit dir?", da war es unmöglich, ihn wach zu bekommen. Die Eltern rüttelten ihn und schüttelten ihn, doch er stöhnte nur: "Ich bin so müde", drehte sich auf die andere Seite und schlief weiter. Nicht ein kleines bisschen machte er die Augen auf.
Dem Sandmann erzählte es die Elster.
"Da hast du ja etwas angerichtet", sagte sie. "Wie kann man nur so unvorsichtig mit dem Schlafsand umgehen."
Der Sandmann war mächtig erschrocken.
"Oje, wie kann ich das wiedergutmachen?" klagte er und kraulte sich den Bart.
"Hol die Wasserfrau", riet die Elster, "wenn die Wasserfrau ihn nicht wach bekommt, dann schafft es niemand!"
Da kam der Sandmann zu mir, wir waren seit langen Zeiten schon Nachbarn, aber er kam an diesem Morgen zum ersten Mal und bat mich, zu dem kleinen Reginald zu gehen, er fuhr mich sogar mit seinem schnellen Hubschrauber hin.
Ich beugte mich über das schlafende Kind und benetzte mit meinem frischesten und klarsten Quellwasser seine Augenlider.
Reginald erwachte, sprang aus dem Bett und rief: "Mutti, Mutti! Wir haben verschlafen!" Er war so wach wie eine Brauseflasche.
Ich habe dann den Sandmann geheiratet, denn zu jemandem, der den Kindern den Schlaf bringt, gehört auch jemand, der sie morgens wieder munter macht.


gute nacht  

20.12.06 18:44

7953 Postings, 5116 Tage Skyline2007Simon sucht die Sonne

Simon ist ein kleiner Junge mit roten Haaren und dreißig Sommersprossen. Die Sommersprossen hat ihm die Sonne auf die Nase und die Stirn getupft. Jeden Tag gibt die Sonne im Vorübergehen von ihren Strahlen eine Sprosse ab. Denn es ist Sommer. Und die Sonne spaziert über den klaren Himmel wie auf einer blankgeputzten Straße, von Ost nach West, jeden Tag auf gleichem Weg.

Am frühen Morgen blickt Simon der Sonne entgegen. Am späten Abend blickt Simon der Sonne nach. Wohin geht die Sonne?
Simon möchte das brennend gern wissen. Aber niemand kann es ihm sagen - der Vater nicht, die Mutter nicht, auch nicht die Oma. "Die Sonne geht unter", ist für Simon keine Antwort. Was untergeht, kann nicht wieder aufstehen. Aber jeden Morgen ist die Sonne da, blinzelt durchs Fenster, gibt Simon von ihren Strahlen eine Sprosse ab, spaziert durchs weite Tal, streicht dem Waldrücken über den Buckel und verschwindet. Danach schickt sie den Mond zur Wachablösung. Was aber macht die Sonne in ihren freien Stunden?

Simon ist ein Entdecker. Im Teich hinter dem Haus hat er schon einmal einen Feuersalamander gesehen. Im Heu der Scheune fand er die verlegten Eier der Henne Dora. Außerdem weiß Simon, dass in der hohlen Weide nicht der Waldgeist, sondern die Schleiereule haust. Simon wird auch hinter das Geheimnis der Sonne kommen.

Und so zieht Simon eines Abends los, den Feldweg entlang, dem Wald entgegen, über dem die Sonne gerade ihren letzten Schnaufer macht, rot vor Anstrengung nach langem Tagesmarsch. Es ist ganz still ringsum. Alle Welt scheint den Atem anzuhalten angesichts der müden, dicken, roten Sonne, die auf dem Bergbuckel hockt, als könnte sie nicht mehr weiter.

Ein Hase im Klee macht runde Augen vor Staunen. Auf der Weide blökt die Kuh Hermine vor Verwunderung. Die letzte Lerche lässt sich schweigend vom Himmel fallen, ins feuchte Gras. Die Sonne zieht die Strahlen ein und putzt sich blank. Sie schimmert jetzt wie eine reife Tomate und ist zum Anfassen nah. Wenn Simon sicht beeilt, wird er heute hinter ihr Geheimnis kommen. Das ist ganz klar.

Simon nimmt die Beine in die Hand. Hopp, ist er im Wald. Er läuft durch die schwarzen Tannen, den Hügel hinauf. Verschlafen gurrt eine Wildtaube. Noch zwanzig Meter, dann hast du es geschafft, sagt sich der kleine Simon. Damit besieht er seine Angst im dunklen Forst. Und schon wird es hell. Ein roter Schimmer zwischen den Bäumen. Das muss die Sonne sein. Aber war sie nicht rund, die dicke Sonne? Was da auf der Wiese hinter dem Wald steht, ist jedoch viereckig, festgefügt, solid mit Dach und Fenstern - und sieht aus wie ein Haus.
Es ist ein Haus. Und in der Tür des Hauses steht ein dicker freundlicher Mann. Er ist rot im Gesicht, wie eben die Sonne.
"Ich suche die Sonne", ruft Simon enttäuscht.
"Du stehst davor", sagt der dicke freundliche Mann. Er zeigt auf ein Schild über der Tür: "Gasthaus zur Sonne".
Simon steht wie festgenagelt. "Die Sonne ist dort drin?" fragt er fassungslos.
Der dicke Mann schüttelt den Kopf. "Nicht mehr. Die Sonne ist nur eingekehrt und weitergezogen. Das macht sie jeden Abend. Dann verschwindet sie hinter dem Horizont."

Der dicke freundliche Mann nimmt Simon an die Hand. Er geht durch den Flur mit ihm, auf eine Balustrade hinaus. Er zeigt über ein weites Tal zum Himmelsrand, wo ein letzter Funke stiebt. Oder ist es schon der erste Abendstern?
"Und was macht die Sonne hinter dem fernen Horizont, eh?" schreit Simon entrüstet.
"Sie arbeitet", sagt der dicke freundliche Mann und wird auf einmal ganz ernst. "Tagaus, tagein scheint die Sonne. Denn auch hinter dem Horizont leben Simons wie du, tausend, Millionen kleine Simons, denen sie von ihren Strahlen ebenfalls eine Sprosse abzugeben hat. Doch nun komm, kleiner Simon, stärke dich wie die Sonne, ehe ich dich nach Hause bringe."
Mitten auf dem Tisch, in der Gaststube, steht ein Glas mit Goldrand. Der Goldrand blitzt und funkelt.
Hat die Sonne vielleicht aus diesem Glas genippt? Simon kommt es ganz so vor, als er den süßen Traubensaft trinkt.
Und mit einem Mal fühlt er sich der Sonne nahe, so fern sie in diesem Moment auch sein mag.

 

20.12.06 21:47

7953 Postings, 5116 Tage Skyline2007Das Entlein

Am Bach gab es ein Entennest. Aus allen Eiern waren plustrige Entenkücken geschlüpft. Nun schwammen sie mit der Entenmutter bachabwärts. Hatten sie denn das letzte Ei vergessen? "Knack!" machte das leise, und heraus kam das winzigste Entenkücken, das man sich denken konnte.  

24.12.06 15:40

7953 Postings, 5116 Tage Skyline2007Der Traumhut

In der Abstellkammer steht ein verschnörkelter alter Schrank. Susi kann hineinkriechen und darin wohnen, wenn sie will. So groß ist er. Der Schrank birgt viele Kostbarkeiten. Ein Säckchen mit Knöpfen, den neuen Gartenschirm, Susis allererste rosa Samtstiefelchen und ein altes Radio, an dem man drehen und schrauben darf, soviel man will. Vor allem aber den Hut. Er ist aus feinem maisgelben Stroh geflochten, und auf seiner Krempe glänzt ein Strauß roter Lackkirschen. Ein langer weißer Bindeschleier gehört dazu, zart zum Durchblasen.
Susi spaziert mit dem Hut auf dem Kopf durch alle Zimmer. Mitten in der Küche stolpert sie über den langen Schleier. Sie wirft den Hut auf den Küchentisch und reibt sich den Ellbogen. "Olles Ding!"
Da hebt der Hut die Krempe. Und als Susi genau hinschaut, hat der Hut ein Gesicht! Susi vergisst, guten Tag zu sagen, und bohrt vor Aufregung in der Nase. Der Hut übersieht es.
"Zwar feiere ich in Kürze meinen hundertsten Geburtstag", sagt er, "aber diese faden Kopfbedecker von heute sind für mich dennoch keine Wettbewerbsgegner. Ich bin nämlich?", der Hut macht eine eindrucksvolle Pause, "? der Traumhut deiner Urgroßmutter." Und hopp, stellt er sich auf die Kante seiner Krempe und beginnt, sich wie ein Kreisel zu drehen. Die roten Kirschen schlagen aneinander und klimpern eine Melodie dazu. Der weiße Schleier ringelt sich wie ein Tanzband.
Susi klatscht begeistert den Takt.
"Schneller! Viel schneller!"
Der Hut wirbelt ausgelassen über den Tisch. Achtung, die Blumenvase! Schon ist sie umgerissen. Auf dem Küchentisch staut sich das Wasser zu einem kleinen See. "Wenn das Mutti sieht!"
"Keine Angst, wir setzen die Segel und fahren über das Meer davon!" Schwupp, geht der Hut kopfüber ins Wasser.
"Ich bin doch viel zu groß für dich!"
"Nicht, wenn du klein sein willst!"
Und ob Susi will! Sie duckt sich und denkt sich kleiner, immer kleiner. Anstrengend ist das! Aber sie schafft es. Sie setzt sich in den Hut, dicht an die Krampe. Die Pfütze auf dem Tisch ist ein Meer ohne Ufer. Der Schleier bläht sich auf zu einem leuchtenden Segel und trägt das Schiff davon.
"Wohin fahren wir?"
"Nun, vielleicht nach Indien, dem Kaiser beim Regieren zuschauen."
"So ein Unsinn! In Indien regiert die Frau Gandhi. Das weiß ich von meinem Vati. Außerdem ist das viel zu weit. Weißt du was, wir segeln lieber nach Leningrad. In den fünfundneunzigsten Kindergarten zu unserer Patengruppe."
"Den Namen einer solchen Stadt habe ich noch nie gehört!"
"Nein? Überhaupt nicht?" Susi fühlt sich plötzlich wieder groß werden. Viel zu groß für das Hutschiff. Sie geht und holt einen Lappen für den Tisch.
"Sei nicht traurig", tröstet der Hut. "Mir ist schon etwas viel Besseres eingefallen. Komm, spring auf!" Und schon hebt er sich wie ein Zauberteppich in die Luft.
Susi macht sich klein. So schnell sie kann. Dann klettert sie auf die Hutkrempe und setzt sich mitten in die Kirschen. Wie weiße Wattewölkchen schwebt der Schleier um den fliegenden Hut. Ganz fern leuchtet die Küchenlampe, wie die runde Scheibe des Vollmondes.
"Wir fliegen zum Mond und bringen dem mann, der dort wohnt, ein Stück Zucker für sein Kälbchen."
"Nein!" schreit Susi. "Nein, hat an! Ich habe doch keinen Raumanzug. Und ohne Schutzhelm kann man auf dem Mond nicht atmen."
Der Hut fängt vor Schreck an zu trudeln. Ziellos fliegt er kreuz und quer. Er stößt an den Wecker, der bimmelt los, und der Hut landet schief auf dem Pfeifkessel, der auf dem Gasherd steht, wo er ja hingehört.
Susi stellt das Läutwerk des Weckers ab.
"Du bist mir einer!" sagt sie zu dem Hut. "Ein Mann und ein Kalb auf dem Mond, wo es nur Steine gibt und sonst nichts!"
Hoffnungslos traurig lässt der Hut Krempe und Bindeschleier hängen. Sogar die roten Kirschen haben von ihrem Lackglanz verloren.
"Verzeih mir!" spricht er. "Ich sehe schon, ich bin zu nichts, zu rein gar nichts mehr nütze."
"Ach, du Dummer!" Susi hebt den Hut vom Pfeifkessel und setzt ihn sich auf. "Sieh nur, wie gut du mich kleidest!" Und leise klimpern die Kirschen, und der Schleier weht hinter Susi, wie sie durch den Korridor davonschreitet.


 

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