Grüne Forschungsfeinde?

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Grüne Forschungsfeinde?

Brigitte Zarzer 31.03.2005

Gentech-Wissenschaftler und Opposition werfen Verbrauchministerin Renate Künast systematische Verhinderung von Forschung und Innovation vor

Die grüne Gentechnik sorgt neuerlich für Konfliktstoff. Nachdem das Bundesverbraucherministerium unter anderem dem Gentech-Forscher Joachim Schiemann Fördermittel für ein Projekt zur biologischen Sicherheit transgener Pflanzen verweigerte, sprechen Opposition und Wissenschaftler von Blockadepolitik. Dagegen pocht das Ministerium darauf, keine Produktentwicklung im eigenen Haus mit öffentlichen Geldern fördern zu wollen. Angesichts begrenzter F&E-Mittel stellt sich eben auch die Frage nach Sinn und Unsinn von Forschungsförderung in der grünen Gentechnologie.

Alles begann mit einem Artikel auf Laborjournal online. Unter dem provokanten Titel Künasts Forschungsverbot (1) wurden Fälle aufgezeigt, in denen das Bundesforschungsministerium (BMBF (2)) Ressortforschern des Bundesverbraucherministeriums (BMVEL (3)) Projektgelder zur Risikoforschung mit transgenen Pflanzen genehmigt hatte, das BMVEL weitere Drittmittel aber verweigert hätte.

Etliche auflagenstarke Medien griffen die Geschichte auf und zitierten eine Reihe von Wissenschaftlern aus dem Biotech-Bereich, die ihr Unbehagen an der Politik Künasts kund taten. Die Affäre gipfelte in einer aktuellen Stunde im Bundestag, in der die Opposition kein gutes Haar an der Ministerin ließ. Unions-Forschungsexpertin Katherina Reiche sagte (4):

Wissenschaftler erhalten Forschungsverbot. Sie werden mundtot gemacht. Die Grüne Gentechnik wird ausgetrocknet und soll am langen, ausgestreckten Arm von Frau Künast verhungern.

Sie zog sogar Parallelen zur Verfolgung von Wissenschaftlern während des Stalinismus. Die Grünen erklärte dagegen, man hätte Interessenkollisionen vermeiden wollen: Das Projekt an der Biologischen Bundesanstalt (BBA) hätte der Entwicklung von Produkten gedient, die dieselbe Bundesbehörde anschließend bewerten und genehmigen müsste. Gerade bei der sensiblen Gentechnik müsse es "Gewaltenteilung" geben. Im übrigen gebe es im Ministerium über 300 Forschungsprojekte zur Biotechnologie.

In der Öffentlichkeit blieb wohl eher das Bild von den technik- und innovationsfeindlichen Grünen hängen. Das Schiemann-Projekt selbst wurde kaum genauer unter die Lupe genommen. Laut Laborjournal hatte Schiemann in Kooperation mit anderen Forschern insgesamt vier Anträge gestellt. Drei Anträge hatten die BMBF-Gutachterrunde nicht überstanden, einer aber sollte gefördert werden. Darin ging es um die Herstellung von markerfreien transgenen Pflanzen mit Hilfe des Cre-Lox-Rekombinationssystems (5), so das Journal. Daran forscht der stellvertretende Leiter des Instituts für Pflanzenvirologie, Mikrobiologie und Biologische Sicherheit Braunschweig und Berlin an der BBA bereits seit einigen Jahren.

Grundsätzlich ist der Einsatz von Antibiotika-Resistenz-Marker wegen möglicher Ausbreitung von Resistenzen umstritten. Die Richtlinie 2001/18 der Europäischen Union zur Freisetzung von GVOs schreibt bereits seit 2001 die schrittweise Einstellung des Einsatzes von Antibiotika-Resistenz-Markern vor. Das heißt die Biotech-Industrie muss in der EU gezwungenermaßen Methoden zur Nachbearbeitung von GVOs entwickeln und hier liegt wohl auch das Problem bei dem Schiemann-Projekt. Für den kritischen österreichischen Risikoforscher Werner Müller (6) betreibt Schiemann eindeutig Produktentwicklung:

In diesem Fall handelt es sich um klare Produktentwicklungsforschung, die die Industrie elegant auf befreundete Bundesanstalten verlagert. Alle Projekte zu Alternativen zur Eliminierung von Markergenen sind eine Notwendigkeit, die sich aus der EU-Richtlinie 2001/18 ergeben. Es ist wie der Einbau eines Filters, um ungewünschte als schädlich erkannte Wirkungen zu vermeiden.

Ähnlich sieht es der deutsche Naturschutzbund (NABU (7)). "Es ist allein Aufgabe der Industrie, für Mensch und Umwelt sicheres Saatgut auf den Markt zu bringen", sagte NABU-Präsident Olaf Tschimpke. Es könne nicht sein, dass der Steuerzahler für eine derartige Forschung aufkomme. "Wenn ein Auto im Straßenverkehr zugelassen wird, erwartet der Gesetzgeber, dass die Bremsen funktionieren", unterstrich (8) Tschimpke. Wie der Automobilhersteller zu seinen sicheren Bremsen komme, sei auch nicht Sache des Gesetzgebers oder werde von der Bundesregierung mit Steuergeldern gefördert.

Das Argument des Verbraucherministeriums möglicher Interessenskonflikte scheint nicht unbegründet, zumal Schiemann neben seiner Tätigkeit als Spitzenbeamter noch zahlreiche andere Funktionen ausübt. In einem Dossier der Zukunftsstiftung Landwirtschaft (9) wird Schiemann als "internationaler Multi-Funktionär in Sachen Agro-Gentechnik und Koexistenz" bezeichnet. Das Dossier listet gleich sieben Vereinigungen auf, in denen Schiemann auftritt. Davon haben einige ein evidentes Naheverhältnis zur Biotech-Industrie. Erst jüngst, nachdem - wie berichtet - zwei andere Spitzenbeamte wegen ihrer Nähe zur Biotech-Industrie, ins Schussfeld der Kritik geraten waren (vgl. Total verbandelt? (10)), recherchierte das Magazin "report Mainz" auch bei Schiemann nach und wunderte sich über dessen Mitgliedschaft im "Verein zur Förderung innovativer und Nachhaltiger Agrobiotechnologie in Mecklenburg-Vorpommern" (FINAB http://www.finab.de), in dem sich Wissenschaftler und Unternehmen zur Förderung gentechnischer Verfahren zusammentaten.

Wie auch immer, mögliche Verflechtungen wird Schiemann wohl intern vor Ministerin Künast begründen müssen. Es stellt sich aber generell die Frage, was denn in der Sicherheits- bzw. Risikoforschung in Europa mit öffentlichen Geldern gefördert werden sollte. Werner Müller dazu:

Risikoforschung würde eher fragen, welche Nebenwirkungen neue Konstrukte auf Mensch, Tier etc. haben. Also: Abschätzung der Folgen des Konstruktes und nicht die Schaffung des Konstruktes ist Risikoforschung. - Bevor man an der Eliminierung v. Antibiotika-Resistenz-Markergenen forscht, sollte man abklären ob GVOs generell sicher sind - wenn nicht dann erübrigt sich auch die Forschung zu den Alternativen der Antibiotika-Resistenz-Markergene. Zudem wäre es viel wichtiger abzuklären, wie denn die RNA des synthetischen Gens mit der RNA des Menschen kommuniziert. Gerade der RNA Bereich boomt und mehr als ein Drittel der Gene werden über microRNA gesteuert. - RNA wird zur Zeit aber aus der Risikoaschätzung ausgeblendet.

Die Forscher im Bereich der grünen Gentechnologie werden dies wahrscheinlich anders sehen. Das Argument der Gefährdung der Forschungsfreiheit zieht allerdings nur so lange, als ausreichend Forschungsmittel für alle Richtungen in der Landwirtschaft (also biologische, konventionelle und GVOs) zur Verfügung gestellt werden würden. Von Fördersummen aus der öffentlichen Hand, wie sie bisher in die grüne Biotechnologie bereits geflossen sind, können aber etwa Wissenschaftler, die gerne im Bereich des Biolandbaus forschen würden, nur träumen. Nach Ansicht des Naturschutzbundes wurden vom BMBF bei der bisherigen Förderung von Forschungsprojekten weder die Auswirkungen auf die ökologische Landwirtschaft noch auf die angrenzende Natur und Umwelt berücksichtigt.

"Das BMBF fördert nicht ein einziges Projekt, das die Folgen dieser Technologie für die Umwelt und die Erhaltung der biologischen Artenvielfalt untersucht", kritisiert Tschimpke. Momentan würde es sowohl an der finanziellen Ausstattung für eine ökologische Sicherheitsforschung mit einheitlichen Standards mangeln sowie an Transparenz in der Kommunikation und langfristigen Konzepten mit Einbeziehung aller relevanten gesellschaftlichen Kräfte.

Letztendlich scheint sich also die vermeintliche Forschungsfeindlichkeit der Grünen auf einen simplen Streit um Pfründe zu reduzieren, wobei bestimmte - bisher gut ausgestattete - Forscher ihre Felle offensichtlich davon schwimmen sehen.

PS. Das strittige Schiemann-Projekt wird übrigens laut FAZ (11) doch noch realisiert, zwar nicht an der BBA sondern an der Universität Rostock

Links

(1) http://www.biotech-europe.de/editorials/103.html
(2) http://www.bmbf.de/index.php
(3) http://www.verbraucherministerium.de
(4) http://www.cducsu.de/section__1/subsection__6/id__3253/Meldungen.aspx
(5) http://www.biosicherheit.de/projekte/58.proj.html
(6) http://www.eco-risk.at/de/studien/index.php?parentid=studien
(7) http://www.nabu.de
(8) http://www.nabu.de/modules/presseservice/index.php?show=423&db=
(9) http://www.saveourseeds.org
(10) http://www.telepolis.de/r4/artikel/19/19518/1.html
(11) http://www.faz.net/s/...FEB72BA2CA5FEEFFD3~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Telepolis Artikel-URL: http://www.telepolis.de/r4/artikel/19/19780/1.html

 

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