"Größte Härte ..." - neue Wehrmachtsausstellung

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36816 Postings, 6287 Tage Talisker"Größte Härte ..." - neue Wehrmachtsausstellung

Die ersten Opfer waren Polen

08. Sep 07:32


Deutsche Infanterie marschiert an brennendem Haus vorbei
Foto: Katalog
Der deutsche Überfall auf Polen kommt in der Debatte um die Verbrechen der Wehrmacht zu kurz. Eine Ausstellung beleuchtet nun ein Thema, das auch durch die Vertriebenendebatte verstellt wird.

Von Thomas Roth

Am Morgen des 1. September 1939 flog die deutsche Luftwaffe einen Angriff auf das westpolnische Wieluń. Vier Staffeln warfen 70 Tonnen Bomben auf die Stadt, die zu großen Teilen, samt ihrer Wohnviertel, der Kirchen und des städtischen Krankenhauses, dem Erdboden gleichgemacht wurde. Nur wenige Stunden später ereignete sich in der von polnischen Truppen geräumten Stadt Torzeniec eine Schießerei, bei der drei deutsche Soldaten ums Leben kamen.

Der Kommandeur der zuständigen Infanterieeinheit ordnete daraufhin ein Standgerichtsverfahren an und ließ 18 willkürlich ausgewählte Zivilisten erschießen. In Konin, wo das deutsche Heer Mitte September eintraf, exekutierten Soldaten der Wehrmacht zwei Bürger auf dem Marktplatz der Stadt vor den Augen der Einwohner. Die als Vergeltungsmaßnahme deklarierte Tat sollte die Bevölkerung offenbar von Widerstandshandlungen abhalten.

Schlecht erforschtes Thema

Etwa eine Woche zuvor hatten Wehrmachtssoldaten in Końskie jüdische Einwohner zusammengetrieben und gezwungen, ein Grab für mehrere verstorbene «Kameraden» auszuheben. Als die Opfer vor den Misshandlungen der Soldaten zu fliehen versuchten, eröffnete ein Offizier der Einheit das Feuer. In dem darauf folgenden Kugelhagel starben 22 Menschen.


Juden von Konskie werden gezwungen, ein Grab für gefallene deutsche Soldaten auszuheben
Foto: Katalog
Dies sind einige der Ereignisse, die man in der vor wenigen Tagen in der Friedrich-Ebert-Stiftung eröffneten Ausstellung «Größte Härte ... Verbrechen der Wehrmacht in Polen September/Oktober 1939» vor Augen geführt bekommt. Die Schau, die gemeinsam vom Deutschen Historischen Institut (DHI) und dem Institut des Nationalen Gedenkens (IPN) in Warschau entwickelt wurde, widmet sich einem bislang nur unzureichend erforschten, vor allem in der Öffentlichkeit wenig beachteten Thema.

Die ersten Opfer

Zwar haben die beiden Wehrmachtsausstellungen des Hamburger Instituts für Sozialforschung den Mythos der «sauberen Wehrmacht» nachhaltig beschädigt (wenn auch offensichtlich nicht bei allen Deutschen zum Einsturz bringen können). In ihrer Beweisführung hatten sie sich aber weitgehend auf den im Juni 1941 begonnenen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion sowie die Kriegsverbrechen in Serbien und Griechenland konzentriert.

Dadurch lag auf den ersten Kriegsjahren ein blinder Fleck – aus der Sicht Polens, des «ersten Opfers der deutschen Aggression» (A. Krzemiński), eine schmerzliche Auslassung. Schließlich konnte so der Eindruck entstehen, die Wehrmacht habe sich beim Überfall auf den östlichen Nachbarn weitgehend an das Völkerrecht und die Normen «gewöhnlicher» Kriegsführung gehalten.

Mit Billigung der Wehrmacht

Die NS-Führung hatte den Feldzug gegen Polen aber nicht als reinen Eroberungskrieg angelegt, sondern von vornherein mit dem «Kampf um Lebensraum» verbunden. Durch die Ermordung der gesellschaftlichen Eliten wollte man die polnische Nation «führerlos» machen, weite Teile der Bevölkerung sollten vertrieben werden, um Platz für die Ansiedlung deutscher Siedler zu schaffen.


Das zerstörte Sulejow, November 1939
Foto: Katalog
Schrittmacher dieser Politik waren die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei, die im Schatten der Wehrmacht auf polnisches Territorium vordrangen und unverzüglich mit Massenerschießungen von Lehrern, Intellektuellen, Geistlichen oder Politikern begannen. Doch stand die Wehrmacht dem keineswegs ohnmächtig gegenüber. Als Inhaber der «vollziehenden Gewalt» auf polnischem Boden billigte sie nicht nur die sicherheitspolizeilichen Verbrechen.

Eroberung und Germanisierung

Sie hatte selbst entscheidenden Anteil an der raschen Eskalation der Kriegsführung – ganz Hitlers Vorstellungen folgend, der die Wehrmachtsführung bei einem Treffen wenige Tage vor dem Überfall zur «restlosen Zertrümmerung» und «völligen Vernichtung» der polnischen Nation aufgefordert hatte. Als Devise gab er aus: «Herz verschließen gegen Mitleid», «brutales Vorgehen«, »größte Härte«.

In der deutschen Generalität traf diese Aufforderung auf bemerkenswert wenig Widerstand. Die vom »Führer« vorgegebene Linie entsprach nicht nur den expansiven Zielen und dem strategischen Denken der Wehrmachtsführung, sondern auch deren antipolnischen Affekten. Die »rücksichtslose« Eroberung und »Germanisierung« des »Ostens« gehörte zu den unhinterfragten Zielen deutscher Militärs.

Auf drakonisches Durchgreifen eingeschworen

Entschiedene Fürsprecher für die Einhaltung des damals geltenden Völkerrechts und den Schutz der Zivilbevölkerung fanden sich dagegen kaum. Und das gegen verbrecherische Befehle rebellierende Ehrgefühl des deutschen Offiziers war weitgehend eine Erfindung der Nachkriegszeit - Stoff einer Memoirenliteratur, die den Militärs einen glatten Übergang vom »Dritten Reich« in die neue Republik verschaffen sollte.

Die Ausstellung »Größte Härte« erläutert allerdings nicht nur die Haltung der deutschen Generalität. Sie verdeutlicht die Eskalation der Kriegsführung an konkreten Fallbeispielen und zeigt auf, welche Verantwortung auch den unteren Führungs- und Mannschaftsdienstgraden zukam. Auf »drakonisches Durchgreifen« eingeschworen und nicht selten von rassistischen Feindbildern und »völkischen« Vorurteilen geprägt, beteiligten sich »einfache Soldaten« bereitwillig an Kriegsverbrechen.

Partisanenpsychose

Wie die Ausstellung herausarbeitet, hatten vor allem die polnischen Juden unter Demütigungen und verbrecherischen Übergriffen »der Truppe« zu leiden. Plünderungen, Schandprozessionen, Vergewaltigungen und Misshandlungen waren die tagtäglichen Handlungsfolgen des unter deutschen Soldaten verbreiteten, von der nationalsozialistischen Propaganda ins Extrem getriebenen Zerrbilds des »Ostjuden«.

Doch wurde auch die übrige Bevölkerung durch einen propagandistischen Filter wahrgenommen. »Der Pole« galt auf Seiten der Angreifer als »brutal«, »hinterlistig« und »grausam«. Dieses Feindbild prägte nicht nur die Weisungen der Wehrmachtsführung, die ihre Soldaten auf einen »fanatischen Partisanenkrieg« der polnischen Seite einschwor. Es äußerte sich auch bei den Einheiten vor Ort in einer, wie J. Böhler, der verantwortliche Redakteur der Ausstellung, sagt, regelrechten »Partisanenpsychose«.

Bombadierung und Massenmord

Selbst zufällig abgegebene Schüsse oder Querfeuer eigener Einheiten wurden als Zeichen drohender Aufstandsgefahr wahrgenommen und bildeten die Grundlage für willkürliche Vergeltungsaktionen, Morde an polnischen Zivilisten oder das Niederbrennen von Ortschaften. So entwickelte sich binnen weniger Wochen ein von der Propaganda angetriebener »präventiver« Terror.


Wehrmachtssoldaten und getötete Einwohner, Tschenstochau, 4.9.1939
Foto: Katalog
Die übersichtliche, aber substanzielle Ausstellung verfolgt zunächst ein wissenschaftliches Ziel. Sie zieht die bisher unterschlagene Bilanz der ersten Monate des »Polenfeldzugs«, in denen unter militärischer Verwaltung etwa 16.000 Zivilisten starben. Und sie veranschaulicht, in welchem Maße die seit 1941 gegen die Sowjetunion geübte Praxis bereits zwei Jahre zuvor entwickelt und eingeübt wurde.

Der »Polenfeldzug« war strategisches Experimentierfeld und Auftakt für den Rassen- und Vernichtungskrieg »im Osten«. Das zeigt sich an der flächendeckenden Bombardierung feindlicher Städte ebenso wie an der Praxis der Geiselerschießungen, der Ermordung von Kriegsgefangenen wie dem Krieg gegen Zivilbevölkerung und dem Mord an den Juden.

Gut gemeinte Appelle

Die Ausstellung setzt allerdings nicht nur eine historische Wegmarke, sondern auch einen geschichtspolitischen Akzent. Dabei geht es der nüchtern argumentierenden Schau weniger darum, nochmals in die Debatte um Legendenbildung und Mythologie der deutschen Wehrmacht einzutreten. Worauf sie vielmehr zielt, ist – dies zeigt auch die Entstehungsgeschichte der von deutschen und polnischen Wissenschaftlern erarbeiteten, dies- und jenseits der Oder gezeigten Ausstellung – das Projekt der deutsch-polnischen Verständigung.

Welche Bedeutung diesem Projekt aktuell beigemessen wird, vermittelt das im Mai 2005 von den jeweiligen Staatsoberhäuptern ausgerufene »deutsch-polnische Jahr«, das mit einer Vielzahl von sozialen, politischen und kulturellen Veranstaltungen den Dialog beider Länder vertiefen soll. Freilich ist dieser Dialog, das darf bei allen gut gemeinten Appellen und der in vielen Veranstaltungen verbreiteten Aufbruchstimmung nicht vergessen werden, nicht frei von Konflikten und auch nicht voraussetzungslos zu haben.

Der neue Blick auf die Geschichte

Am deutlichsten wird dies immer noch an einer Schlüsselfrage: dem öffentlichen Umgang mit dem Nationalsozialismus. In Polen wird vielfach mit großer Sorge beobachtet, was man als einen Wandel des deutschen Geschichtsbewusstseins wahrnimmt. Das betrifft nicht bloß die in offiziellen Gedenkfeierlichkeiten bisweilen zum Ausdruck kommende Schlussstrichsehnsucht, sondern auch die in der deutschen Öffentlichkeit jüngst wahrnehmbare Tendenz, sich verstärkt den eigenen »Opfererfahrungen« zu widmen.

Das demonstrative Gedenken an die »Wilhelm Gustloff«, die von Jörg Friedrich entfachte Bombenkriegsdebatte und nicht zuletzt das geplante »Zentrum gegen Vertreibungen« bilden aus polnischer Sicht Elemente einer Geschichtsbetrachtung, bei der die deutschen Verbrechen zunehmend in den Hintergrund treten. Dies nicht zuzulassen, ist erklärter Anspruch der »neuen Wehrmachtsausstellung«.

Vor Dresden lag Wieluń

Die Spannung von deutscher »Opferdebatte« und polnischer Opfererfahrung prägte so auch die Reden zur Ausstellungseröffnung am 2. September. Leon Kieres, Präsident des IPN, sprach sich ausdrücklich für eine offene Diskussion über an Deutschen begangene Verbrechen aus, warnte aber zugleich vor einer Ausblendung der »polnischen Tragödie«.


Wielun nach dem Luftangriff vom 1.9.1939
Foto: Katalog
Nur auf Basis unbeschränkter historischer Wahrheitssuche könne eine wirkliche »Freundschaft« zwischen Deutschland und Polen entstehen. Der Leiter des DHI Warschau, Klaus Ziemer, gemahnte an den Respekt vor den polnischen Opfern und rief die historische Kausalität ins Gedächtnis: Vor Dresden lagen Wieluń, Sulejów oder Janów Lubelski.

»Größte Härte ...« Verbrechen der Wehrmacht in Polen, September/Oktober 1939. Vom 2. September bis 28. Oktober in der Friedrich-Ebert-Stiftung, Godesberger Allee 149, 53175 Bonn, Öffnungszeiten: Mo-Fr, 9-20 Uhr. Danach in weiteren deutschen Städten.

Der bei fibre erschienene Katalog zur Ausstellung kostet 24,- Euro. Demnächst zum Thema: Jochen Böhler, Auftakt zum Vernichtungskrieg, Fischer Taschenbuch, 2005, ca.12,90 Euro.

http://www.netzeitung.de/voiceofgermany/356732.html  

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