Greenspan im Test

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eröffnet am: 06.05.01 14:56 von: tom68 Anzahl Beiträge: 1
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4579 Postings, 6930 Tage tom68Greenspan im Test

Greenspan im Test

von Marc Hujer (SZ)

So schnell sind die Zinsen in der Ära Alan Greenspan noch nie gesunken. In nur vier Monaten reduzierte die amerikanische Notenbank die Leitzinsen um 200 Basispunkte auf nunmehr 4,5 Prozent - und weitere Zinssenkungen sind zu erwarten. Während des fast zehnjährigen Booms in Amerika hat die Welt an die Unfehlbarkeit des Notenbankchefs zu glauben begonnen, doch nun muss er seinen Ruf verteidigen. Auch wenn die meisten Amerikaner Alan Greenspan immer noch zutrauen, die Wirtschaft vor einer Krise retten zu können, so wird die Kritik an seiner Zinspolitik doch lauter. Mit jedem neuen Zinsschritt nach unten und jedem Tag, der ohne klare Erholung vergeht, steht der Ruf der Notenbank mehr auf dem Spiel. Sollte Greenspan scheitern, hätte dies unabsehbare Folgen für die ganze Welt.


Mutige Verbraucher

Gerade in den vergangenen Tagen sah es so aus, als hätten Greenspans Zinssenkungen der US-Wirtschaft eine Rezession erspart. Das Wachstum des Bruttoinlandprodukts ist mit zwei Prozent im ersten Quartal doppelt so hoch ausgefallen wie erwartet. Aber die Bedeutung der Zahl wurde hochgespielt, weil sie den Amerikanern im Streit mit den Europäern um die richtige Zinspolitik nutzte. In Wahrheit ist die Zahl mit Vorsicht zu bewerten, möglicherweise hat das kalte Wetter im Dezember die Konsumenten von Käufen abgehalten, die sie im Januar nachgeholt haben, so dass die Zahlen für das erste Quartal den wahren Trend überzeichnen. Zahlreiche andere Indikatoren liefern zumindest ein durchwachsenes Bild.

Das heißt noch nicht, dass die amerikanische Wirtschaft am Abgrund steht - und eine Rezession erwartet bisher auch nur einer Minderheit der Experten. Die Gefahr eines dramatischen Sogs nach unten scheint vorerst gebannt. Experten hatten vor kurzem noch gefürchtet, der Crash auf Raten an den Aktienmärkten könnte die gesamte Volkswirtschaft in die Tiefe reißen - als Gegenbewegung zum rasanten Aufstieg in der Zeit der New Economy. Die sinkenden Aktienkurse, so argumentierten Pessimisten, drücke die Stimmung und dämpfe den Konsum, was zu noch tieferen Aktienkursen, noch schlechterer Stimmung und noch weniger Konsum führe. Dieser negative Wohlstandseffekt ist bisher ausgeblieben, trotz des Einbruchs der Computerbörse Nasdaq um über 60 Prozent ist der Konsum bis heute stabil geblieben. Unbekümmert geben die Amerikaner weiter Geld aus, nach den jüngsten Zahlen vom März sogar wieder mit steigender Tendenz. Vorsorge für schlechte Zeiten scheinen sie vorerst nicht zu treffen. Im Februar erreichte die Sparquote der privaten Haushalte das Rekordtief von minus einem Prozent des verfügbaren Einkommens; die Haushalte sammelten also Schulden an statt zu sparen.

Die größte Sorge bereitet derzeit der Arbeitsmarkt. Die Zahl der neu registrierten Arbeitslosen kletterte in der vergangenen Woche auf ein Fünf-Jahres-Hoch, und die Arbeitslosenquote stieg im April um zwei Zehntel Prozentpunkte auf 4,5 Prozent. Den Konsum könnte das in den kommenden Wochen weit mehr beeinträchtigen, als dies die fallenden Aktienkurse getan haben. Jede Entlassung schränkt die Betroffenen unmittelbar in ihren Konsumentscheidungen ein. Die Erträge aus den Aktiendepots dagegen sind häufig gar nicht direkt für den Konsum bestimmt, sondern als langfristiges Sparguthaben zum Beispiel für die Versorgung im Alter gedacht. Solange also die Arbeitslosigkeit niedrig war und die Löhne gezahlt wurden, gab es keinen Grund, den gegenwärtigen Konsum einzuschränken. Das dürfte sich ändern, sollte die Arbeitslosigkeit in diesem Tempo weiter steigen. Der Konsumentenindex des Conference Board, der das Vertrauen der Konsumenten in die Zukunft misst, fiel im April auf den tiefsten Stand seit Oktober 1996 - und das vor allem wegen der neuen Furcht vor Arbeitslosigkeit.

Für die amerikanische Notenbank sind steigende Arbeitslosenzahlen ambivalent. Natürlich fürchtet auch Greenspan die nachteilige Wirkung auf den Konsum, aber ihm bleibt zumindest Spielraum für weitere Zinssenkungen, um die Entwicklung zu stoppen. Früher im Jahr hatte Greenspan noch die Sorge geäußert, dass Zinssenkungen bei anhaltend hoher Beschäftigung schnell zu einer Überhitzung der Nachfrage führen und Inflationserwartungen schüren könnten. Erst im April, als die Arbeitslosenquote sichtlich zu steigen begann, verwarf Greenspan seine Bedenken und senkte die Zinsen für alle überraschend das vierte Mal.


Schneller Erfolg nötig

Die meisten Experten rechnen nur mit einer kurzen Dauer der Flaute. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) steht mit ihrer jüngsten Prognose nicht allein, dass sich die US-Wirtschaft noch in diesem Jahr wieder erholen wird. Und solange dieses Vertrauen besteht, ist die Stabilität Amerikas nicht in Gefahr. Sollte sich das allerdings ändern, ist nicht nur der starke Dollar bedroht. Eine Flucht aus der amerikanischen Währung würde die Preise in den Vereinigten Staaten steigen lassen und damit der Notenbank auf mittlere Sicht die Hände für weitere Zinssenkungen binden. Greenspan braucht deshalb Erfolg, und er braucht ihn bald.  

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