Gott ist wieder da!

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eröffnet am: 24.08.05 20:12 von: joker67 Anzahl Beiträge: 1
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24.08.05 20:12

45453 Postings, 6293 Tage joker67Gott ist wieder da!

 

 

 

 

 

 

 

von Peter Huntington


Plötzlich gewinnt die Religion in allen Erdteilen wieder Bedeutung und politischen Einfluss - woher kommt das und wohin führt es?

Beinahe drei Jahrhunderte lang befand sich die Religion auf dem Rückzug. Im 17. Jahrhundert, nach mehr als hundert Jahren blutiger Religionskriege, versuchten die europäischen Herrscher mit dem Westfälischen Frieden den Einfluss der Religion auf die Politik zu begrenzen und zu verringern. Im darauf folgenden Jahrhundert priesen Denker der Aufklärung die Vernunft gegenüber dem Glauben als Quelle der menschlichen Erkenntnis. Im 19. Jahrhundert wuchs die Erwartung, dass die Wissenschaft die Religion entthronen werde. Die Menschheit, so glaubte man weithin, trete in eine neue Ära von Rationalismus, Pragmatismus und säkularer Weltsicht ein. Religiöse Glaubensinhalte, so Freud (in ?Die Zukunft einer Illusion?), sind ?unbeweisbar? so sehr im Widerspruch zu allem, was wir mühselig über die Realität der Welt erfahren haben?. Sie sind, kurzum, ?Illusionen?.

Modernisierung und Moderne höhlten die Religion offenbar aus, sie erschien als dunkles Relikt der Vergangenheit. Außerhalb der Vereinigten Staaten praktizierten in der westlichen Welt immer weniger Menschen eine Religion, die Kirchen leerten sich, religiöse Glaubens-inhalte und Institutionen spielten eine geringe, untergeordnete Rolle in westlichen Gesellschaften. In der politischen Arena trat die Ideologie an die Stelle der Religion. Menschen, Regierungen, soziale Bewegungen definierten sich durch die Identifikation mit einer der großen Ideologien: Liberalismus, Sozialismus, Kommunismus, Faschismus, Autoritarismus, Korporativismus, Demokratie. Diese Ideologien beherrschten die politische Debatte, prägten innerstaatliche und internationale Allianzen und Konflikte und lieferten Modelle für die Organisation der Staaten.

Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts kehrte sich die Entwicklung in Richtung Säkularisierung jedoch um. Beinahe weltweit setzte eine Renaissance der Religion ein, zu beobachten in fast allen Teilen der Welt ? mit Ausnahme von Westeuropa. Anderswo gewannen religiöse politische Bewegungen Anhänger. Und die besonders religiösen Menschen in diesen Ländern waren nicht die Älteren, sondern die Jungen, und nicht die armen Bauern, sondern die aufstrebenden, gut ausgebildeten Angestellten und Freiberufler. Paradigmatisch für sie stehen die Studentinnen der medizinischen Ausbildungseinrichtungen in der Türkei, die ihrer säkularen Regierung die Stirn boten und mit Kopftüchern zu ihren Seminaren erschienen. Die beiden großen missionarischen Religionen, Islam und Christentum, konkurrieren weltweit um Konvertiten und finden sie, vor allem die fundamentalistischen muslimischen Bewegungen und die evangelikalen Protestanten. Das hatte enorme Auswirkungen in Lateinamerika und verändert heute Afrika, Asien und die ehemals sowjetische Welt. Ein umfassender quantitativer Bericht über die Lage der Religion weltweit im ausgehenden 20. Jahrhundert stellte klipp und klar fest: ?Die meisten Länder der Welt, in denen zusammen die Mehrheit der Weltbevölkerung lebt, sind mitten in einer religiösen Erneuerungsbewegung. Sie betrifft am stärksten die ehemals kommunistischen Länder in Osteuropa, Mittelasien und im Kaukasus, aber auch Lateinamerika, den Nahen Osten, Afrika, China und Südostasien? In der entwickelten Welt [hingegen] ist die Religion allem Anschein nach in den meisten Ländern im Niedergang begriffen, eine höchst bemerkenswerte Ausnahme sind die Vereinigten Staaten.?

Das 21. Jahrhundert beginnt als Zeitalter der Religion. Westliche säkulare politische Modelle geraten unter Druck und werden abgelöst. Im Iran sind die Bemühungen des Schahs, einen modernen, säkularen und westlichen Staat zu schaffen, der Iranischen Revolution zum Opfer gefallen. In Russland ist Lenins säkularer, antireligiöser Sowjetstaat einem russischen Staat gewichen, der den orthodoxen Glauben als zentral ?für die Verankerung und Entwicklung von Russlands Spiritualität und Kultur? ansieht. In der Türkei wird Atatürks Vision eines westlich orientierten, säkularen Nationalstaates von einer immer mächtigeren islamistischen Bewegung angegriffen, und 2002 hat eine religiöse politische Partei die Wahlen gewonnen und die Regierung gebildet.

Nehrus Vorstellung von Indien als einer säkularen, sozialistischen parlamentarischen Demokratie wurde von mehreren politischen und religiösen Bewegungen angegriffen, und die daraus hervorgegangene BJP-Partei hat den Wahlsieg davongetragen und die Regierung übernommen. Ben-Gurions Vision von Israel als einer weltlichen, jüdischen und sozialen Demokratie wurde von orthodoxen jüdischen Gruppen zurückgewiesen. In der arabischen Welt, so hat der Politologe Kiren Chaudhry gezeigt, entsteht ein ?neuer Nationalismus?, der ehemals antagonistische Kräfte zusammenbringt: den alten Nationalismus der Nasser-Ära und die zunehmend mächtigeren Strömungen des politischen Islam. Bei Wahlen in der arabischen Welt haben fast durchgängig islamistische politische Parteien zu Beginn des neuen Jahrhunderts ihren Stimmenanteil steigern können. In der ganzen Welt suchen, wie es der Religionswissenschaftler Mark Juergensmeyer formuliert hat, Politiker ?neue Formen der nationalen Ordnung, die auf religiösen Werten basieren?. Die Vereinigten Staaten haben nicht als Einzige den verwaisten öffentlichen Platz wiederbelebt.

 

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