"Gorbatschow hat die DDR vernichtet"

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eröffnet am: 01.02.08 17:10 von: kiiwii Anzahl Beiträge: 1
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129861 Postings, 6192 Tage kiiwii"Gorbatschow hat die DDR vernichtet"

"Gorbatschow hat die DDR vernichtet"


Von Reinhard Mohr


Hans Modrow, vorletzter Ministerpräsident der DDR, feiert seinen 80. Geburtstag - und die Genossen aus ZK, SED, NVA und FDJ feiern mit. Sein wichtigstes Verdienst wird von den Laudatoren erwartungsgemäß nicht erwähnt: dass Modrow sich nicht gegen den Lauf der Geschichte stemmte.

Berlin - Es ist immer schön, wenn Menschen sich herzlich begrüßen, ja stürmisch umarmen, die sich ein halbes Leben oder länger kennen. In Sekundenbruchteilen läuft der Film des Lebens ab, und die Gefühlsausbrüche sind echt. So auch gestern Abend im traditionsreichen Gebäude der einstigen SED-Staats- und Parteizeitung "Neues Deutschland" unweit des Berliner Ostbahnhofs, wo die Rosa-Luxemburg-Stiftung der Ex-SED/PDS/Die Linke zum "Ehrenkolloquium" für ihren Ehrenvorsitzenden Hans Modrow geladen hatte.

Blumen für Modrow: "Juut siehste aus!"

Der vorletzte Ministerpräsident der DDR aus den Reihen der früheren Einheitspartei war am vergangenen Sonntag 80 Jahre alt geworden. Gut hundert Gäste sind gekommen, darunter auch der kubanische und der russische Botschafter. Schon an der Garderobe wurde der "Hans" von seinen alten Genossen mit wärmenden Worten begrüßt. "Juut siehste aus, aber erzähl? jetzt nix von täglichem Einreiben mit Zitronenwasser!" Wahrscheinlich ist es einfach die unverbrüchliche Treue zur Arbeiterklasse, die den Menschen jung hält. Heuschrecken sterben früher.

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Der Altersschnitt dürfte bei Mitte sechzig liegen, auf dem Podium bei siebzig Jahren. Tausende von DDR-, FDJ-, NVA-, ZK-, SED- und Kombinats-Jahren sind hier versammelt, ein leibhaftiger Gesellschafts- und Familienroman aus der Epoche des real existierenden Sozialismus. Das halbe Kabinett Modrow aus den Monaten zwischen Dezember 1989 und März 1990 ist da, und immer wieder meint der nicht ganz Nomenklatura-feste Westbeobachter, einen alten Stasi- oder Grenztruppengeneral zu erkennen. Sei?s drum.

Getrübte Erinnerung, starke Gefühle

Auch der Chef der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Heinz Vietze, 60, kommt einem irgendwie bekannt vor, (...................)
stand er unerschütterlich zur großen Sache: "Wenn der Gegner sich zum direkten Kampf in seinem Schützengraben gegen uns erhebt und scharf zielt und alles einsetzt, worüber er verfügt, dann muss in der Deutschen Demokratischen Republik in diesem Schützengraben die Diskussion über das letzte Flugblatt oder die Schützengrabenzeitung aufhören, sondern wir müssen darüber reden, wer zielt auf diesen Gegner, und zwar mit Kampfkraft, mit klassenmäßiger Position!"

Lange her ist das alles, aber die Gefühle bleiben stark, auch wenn die Erinnerung getrübt scheint.

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Die Erschöpfung des revolutionären Geistes

Doch schon die erste Ansprache des Abends zeigte auch die Ermattung der Gemüter und die Erschöpfung des revolutionären Geistes, der sich am Gang der Geschichte derart wund gerieben hat, dass er am Ende ganz fadenscheinig wurde. Längst ist der Glaube nur noch wenig stärker als das Fleisch.

"Der Sozialismus bleibt sein Ziel" zitierte Stiftungs-Vorstand Vietze Geburtstagsartikel befreundeter Zeitungen, und klar, Modrow war, ist und bleibt "ein aufrechter Demokrat und leidenschaftlicher Marxist".

Nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989 avancierte er gar zum letzten
"Hoffnungsträger",

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Und gewiss ist es Hans Modrow, dem protestantisch-pflichtbewussten Ostdeutschen (loool), positiv anzurechnen, dass er sich nicht sinnlos gegen den Lauf der Geschichte gestemmt hat, sondern mithalf, den turbulenten Übergang zum vereinten Deutschland möglichst gewaltlos zu gestalten. "Besonnenes Handeln" attestierte ihm auch Brandenburgs SPD-Ministerpräsident Mathias Platzeck in seiner Grußbotschaft. Auch die geflissentliche Demütigung durch Helmut Kohl nahm er hin, der ihn selbstverständlich als prinzipiell unverbesserlichen Kommunisten sah. Dafür hat der "Kanzler der Einheit" später selbst Kränkungen größeren Kalibers aushalten müssen.

Nostalgie mittels Homevideo

Plötzlich geht das Licht aus im Saal und auf der Leinwand erscheinen die nüchternen Worte "Sony ? Daten werden eingelesen": Ein kleines Homevideo "Best of Modrow" wird vorgeführt. Die schönsten Augenblicke, originalgetreu eingefangen von der "Aktuellen Kamera" der DDR. Noch einmal erscheint Angelika Unterlauf, die Dagmar Berghoff des Ostens. Und noch einmal erinnert man sich an die dramatischen Ereignisse von 1989/1990, jene "Geschichte, die uns nicht loslässt", wie Lothar Bisky in seiner Laudatio formulierte.

Und nur einmal bringt er Schärfe in die feierliche Unschärferelation des sozialistischen Familienabends. "Hassprediger des Kalten Krieges" hätten mit ihrem "erigierten Zeigefinger" auf den standhaften Modrow gezeigt, weil er sich nicht freiwillig dem Westen unterwerfen wollte.

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"Gorbatschow hat die DDR vernichtet"

Nur das Kolloquium kommt nicht richtig in Gang. Eigentlich soll es um "Ergebnisse, Chancen und Grenzen linker Politik in Europa" gehen. Doch schon Walentin Michailowitsch Falin, jahrzehntelang Spitzenberater der sowjetischen Außenpolitik und einstiger Botschafter seines Landes in Deutschland, machte die Grenzen des Abends deutlich: Er schien irgendwo zwischen 1942 und 1947 stecken geblieben zu sein. Stalin wollte freie Wahlen für ganz Deutschland, sagte er, doch Amerika war dagegen. So wurde die tapfere Sowjetunion zum Garanten des westdeutschen Wirtschaftswunders. Warum? Weil die Kapitalisten wussten: Wenn der deutsche Arbeiter seine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall nicht kriegt, geht er nach Moskau. Klare Sache. Genauso klar, dass seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion brutaler Sozialabbau betrieben wird.

Während Falin redete und redete und nicht immer ganz einfach zu verstehen war, begaben sich die ersten Gäste schon nach draußen, wo das Büffet stand und Rotwein ausgeschenkt wurde. Der eine oder andere mag dabei Falins historisches Verdikt verpasst haben: "Gorbatschow hat nicht nur die DDR vernichtet, sondern auch die Sowjetunion."

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URL:

   * http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,532535,00.html
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MfG
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