Gewerkschaften und die New Economy

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eröffnet am: 06.05.01 20:03 von: tom68 Anzahl Beiträge: 1
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06.05.01 20:03

4579 Postings, 6934 Tage tom68Gewerkschaften und die New Economy

Beschäftigte aus New Economy wenden sich Gewerkschaften zu

 
Noch vor Monaten galten Gewerkschaften den Beschäftigten der High-Tech-Branchen in Deutschland als obsolet. Ein Standpunkt, der inzwischen selbst als überholt gilt. DAG und IG Medien bieten "Medienschaffenden" in privatem Rundfunk und Film-, Fernseh- und AV-Produktion mit connexx.av seit einiger Zeit gemeinsame Betreuung und Interessenvertretung an. Feste und freie Mitarbeiter können in den vier Medienmetropolen Berlin- Brandenburg, Hamburg/ Norddeutschland, Köln und München die Dienstleistungen von connexx.av in Anspruch nehmen. Das gilt für alle Berufsgruppen, für Journalisten genauso wie zum Beispiel für Kameraleute und Techniker. Wir sprachen mit Wille Bartz, von connexx.av in Hamburg/ Norddeutschland.

de.internet.com: Auch in der Internet-Branche hat die raue Wirklichkeit der Konkurrenz und Krisenhaftigkeit Einzug gehalten. Hat sich damit die Haltung der dort Beschäftigten zur Gewerkschaft geändert? Früher sah man sich als Comanager, heute sprich man über Betriebsratsgründungen, wie bei Amazon und Pixelpark in Deutschland.

Wille Bartz, connexx.av: Wir verzeichnen in den letzten vier Monaten einen erheblichen Zuwachs an Anfragen von Beschäftigten aus der Internet-Branche. Vergleich dem Verlauf einer Exponentialfunktion ist dies besonders zu verzeichnen, seit die Mitarbeiter von Pixelpark sich entschlossen haben, einen Betriebsrat zu wählen und dies in den Medien entsprechend begleitet wird. Scheinbar schlagartig sind die Berührungsängste zumindest connexx.av gegenüber zurückgetreten. Statt dessen erreichen uns täglich zunehmend mehr Anfragen sowohl zu individuellen arbeitsrechtlichen Problemstellungen als auch zu Betriebsratsgründungen. Es hat sich wohl herumgesprochen, dass wir von connexx.av so gar nicht dem bisherigen Bild von verkrusteten und ewig gestrigen Gewerkschaften und Gewerkschaftern entsprechen. Trotzdem muss man gleichermaßen realistisch feststellen, dass wir zwar jetzt die Gelegenheit haben, unsere Fähigkeit zum Lernen, zum flexiblen Reagieren, unsere Kompetenz unter Beweis zu stellen, es aber noch ein hartes Stück Arbeit sein wird das Gros der Leute auch zum mitmachen zu bewegen. Wie schnell sich die Berührungsängste gegenüber den Gewerkschaften abgeschwächt haben, hat aber auch uns verwundert.

de.internet.com: Stress, Wochenendarbeit, Burnout-Syndrom: Mit welchen Fragen kommen die Start-up Worker zu IhnenEuch?

Wille Bartz, connexx.av: In der Anfangsphase, also im letzten Jahr standen vor allem Fragen zur Transparenz, zu Kommunikation, zu Beteiligungen bei Unternehmensentscheidungen im Vordergrund der Problemstellungen. Nur vereinzelt gab es individuelle arbeitsrechtliche Anfragen zu beantworten. Mittlerweile sind neben den genannten Themen vor allem Mitbestimmungsaspekte zur Arbeitszeit, zu Gehalt, zu Kündigungen, aber auch zur Willkür im Verhalten gegenüber den Beschäftigten in den Vordergrund getreten. Das natürlich die vielen vorgenommenen Kündigungen ebenfalls für Zulauf gesorgt haben, liegt auf der Hand. Hierbei überrascht immer wieder, wie unprofessionell aber auch brutal diejenigen bei Entlassungen vorgehen, die vor noch nicht allzu langer Zeit mit den schönsten Visionen auch gerade in Bezug auf Co-Management und "wir sind alle eine große Familie" in der Presse hausieren gegangen sind. Die Vorgehensweisen bei Kabel New Media und Popnet seien hier nur als Beispiele genannt.

de.internet.com: Ist Mopping in der Branche jetzt ein Thema?

Wille Bartz, connexx.av: Nach unseren Beobachtungen war Mobbing schon längere Zeit in einigen Firmen gang und gäbe. Verstärkt lässt es sich aber seitens des Managements bzw. der direkt darunter angesiedelten hierarchischen Ebene gegenüber Beschäftigten beobachten, die sich offen für mehr Mitbestimmung im Betrieb einsetzen. Da werden plötzlich Abmahnung für Fehler im Projektablauf just jenen gegenüber ausgesprochen. Auch diejenigen, die sich erfolgreich gegen Aufhebungsverträge und Kündigungen zur Wehr setzen, sehen sich jetzt häufig Mobbing ausgesetzt. Da bedienen sich die Visionäre der New Economy 150prozentig der miesen Mittel, die wir ja schon aus der Old Economy bestens kennen. Ich fürchte, das wird auch in der Next Economy nicht anders sein.

de.internet.com: Reden die Bosse mit der Gewerkschaft?

Wille Bartz, connexx.av: Schöner Begriff, den Sie da wählen, "die Bosse"! Nee, aber im ernst. Sofern die Manager nicht aus der Old Economy kommen und es über ganz andere z.B. (Tarif-) Vertragsverhandlungen o.ä. ohnehin Kontakte gibt, bestehen bisher kaum Gesprächsebenen. Paulus Neef beispielsweise hätte gern direkt mit uns ins Gespräch kommen können, wir hätten uns über eine Zusammenarbeit bzw. mindestens intensiven Gedankenaustausch sehr gefreut. Diese Möglichkeit hat aber meines Wissens weder er, noch ein Peter Kabel, noch jemand anderes aus diesen Etagen ins Auge gefasst. das Gegenteil ist eher auszumachen. Man versucht nicht selten mit allen Mitteln die Kollegen, die mit uns Mitbestimmungstrukturen in ihren Betrieben aufbauen wollen, hinzuhalten, sie zu diffamieren, häufig genug auch unter fadenscheiniger Begründung zu entlassen. Solche Reaktionen kann man nur als hysterisch bezeichnen. Für die Zukunft gehe ich aber davon aus, dass sich diese Aufgeregtheit legt und man zu einem vernünftigen mitein ander kommen kann. Wahrscheinlich sind "Die Bosse" die letzten Beteiligten dieses Spiels, die sich aus den selbst gestrickten Vorurteilsfallen gegenüber den Gewerkschaften befreien können. Wie heißt es doch so schön - - - wer zu spät kommt, den......

de.internet.com: Was bietet eine moderne Gewerkschaft der Online- @rbeiterklasse?

Wille Bartz, connexx.av: Schon wieder ein herrlicher Begriff - online-@rbeiterklasse. Ich denke, allein die Hilfen, die wir in der sich normalisierenden Arbeitswelt der New Media Branche, der Internet-Beschäftigten, der Onliner jetzt schon geben, weisen mittelfristig den Weg unserer Unterstützungsmöglichkeiten. Sie beginnen bei der ganz klassischen Beratungskompetenz in Bezug auf arbeitsrechtlich relevante Fragestellungen. Bekanntermaßen bewegt sich ja auch die bundesrepublikanische Onlinewelt im Rahmen aller möglichen sinnvollen und unsinnigen Gesetze. Hier sind wir ein als connexx.av mit der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di im Rücken betreffs Kompetenz einfach unschlagbar. Aber auch mit der bewussten Auswahl von Projektmanagern, die eben nicht aus dem Gewerkschaftsapparat sondern aus der Branche bzw. benachbarten Arbeitsbereichen rekrutiert wurden, hat ver.di gezeigt, dass es mit mehr Fachkompetenz in der Sache zukünftig Flagge zeigen will.

de.internet.com: Was heißt das konkret?

Wille Bartz, connexx.av: In dem wir mit einer bisher nicht üblichen Man/Woman-Power (das meine ich qualitativ wie quantitativ) den Menschen in diesem Bereich zur Verfügung steht, kann man individuell und kollektiv viel intensiver beraten, unterstützen, wenn nötig an Strategien zur Umsetzung bestimmter Ziele arbeiten. Wie gut im übrigen auch unsere Meetings wie z.B. der MultiMediaBranchenBrunch oder der Onliner-Stammtisch in Hamburg angenommen wurde zeigt, dass wir auch hier mit den richtigen Angeboten begonnen haben. Besonders wichtig scheint mir aber, dass wir mit unserem Projekt, mit den darin arbeitenden Leuten die Möglichkeit haben, neue Formen, Flexibilität im Umgang z.B. mit der Anwendung des Betriebsverfassungsgesetzes usw. usf. auszuprobieren. Dass z.B. das Betriebsverfassungsgesetz in seiner Anwendung nicht etwas starr vorgegebenes sein muss, sondern in jedem Unternehmen unterschiedliche Schwerpunkte zum tragen kommen können, das wollen wir ausprobieren und deutlich machen. Ohnehin allgemein Bekanntes wie Unterstützung im Falle von Arbeitslosigkeit, in der beruflichen Ausbildung, der Fort- und Weiterbildungsangebote sind glaube ich hinlänglich präsent.

Aber hier wird sicherlich noch einiges an Weiterentwicklung in unserer Organisation vorangetrieben werden müssen. Das wir auch speziell für die lediglich auf Projektdauer-Beschäftigten (zumal die Kreativen) besondere Hilfestellungen und Informationen z.B. zur Künstlersozialkasse, zur VG-Wort, GEMA, GVL aber auch zur Anwendung des Urheberrechts geben können, möchte ich an dieser Stelle noch erwähnen.

Ein Wort zum Schluß: Nach den Entwicklungen der letzten Monate werden wir vermutlich viel rascher durch die Online-@rbeiterklasse in die Pflicht genommen werden, als wir uns das haben träumen lassen. das wird sehr anstrengend, aber bestimmt auch sehr spannend. So, und nun ist aber auch für mich nach 14 Std. Feierabend...

de.internet.com: Danke für das Gespräch, das ich im Rahmen echter Samstagsarbeit online stelle.

 

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